Getestet: Blinkist

Ich bin vermutlich der letzte Mensch, der noch relativ viel Geld für Informationen ausgibt, sei es ein Zeitungsabo (wenngleich digital), eine Zeitschriften-Flatrate oder Bücher. Jetzt habe ich mir auch noch ein Abo von Blinkist geleistet, einem Berliner Start-up, das den Inhalt von Fachbüchern zusammenfasst. Wie gut ist das, gerade im Hinblick auf Bücher zum Thema Statistik? Um vorneweg die Frage zu beantworten, die sich bei solchen Beiträgen immer stellt: Nein, Geld oder Vermittlungsprovision bekomme ich von dem Unternehmen nicht.

Die Idee

Blinkist will den Inhalt von Sach- und Fachbüchern auf das Wesentliche komprimieren. Länger als eine Viertelstunde soll man im Regelfall nicht für die Zusammenfassung brauchen. Und man kann sie sich anhören, beispielsweise beim Wäsche aufhängen, in der S-Bahn oder im Bett.

Das sorgt natürlich für Panik im deutschen Bildungsbürgertum. Ist das nicht Frevel, wird da nicht „gefährliches Halbwissen“ produziert? Einige Kommentatoren sehen den Dienst deshalb nur als Möglichkeit sich über ein Buch zu informieren und es dann zu kaufen – oder nicht. Hier schon mein erster Kritikpunkt: Tatsächlich kann ich Bücher am Ende der Zusammenfassung mit einem Klick gleich kaufen, aber nur bei Amazon. Hier wäre ein Link zu einem zweiten Anbieter gut, der die Bücher im EPUB Format anbietet, beispielsweise Bücher.de oder geniallokal.de.

Buchcover Vorsicht, Statistik

Leider nicht im Angebot von Blinkist: Vorsicht, Statistik.

 

Davon abgesehen teile ich die Einschätzung der Kritiker aber nicht. Zunächst einmal ist im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft all unser Wissen nur Halbwissen. Und vielen Studien zufolge sind jene von ihrer Meinung am überzeugtesten von ihrer Meinung, die am wenigsten Ahnung haben. Mit anderen Worten: Noch gefährlicher als das Viertelwissen, das Blinkist verbreitet, ist das oft vorhandene Unwissen. Und die Zusammenfassungen sind ausführlicher als jeder Zeitungsartikel zu einem Themengebiet. Es ist eben nicht möglich, zu jedem aktuellen Thema mal 600 Seiten Fachbuch zu lesen.

Die Auswahl

Dass sich die Texte in einer Viertelstunde lesen lassen ermöglicht es mir, Bücher aus unterschiedlichen politischen Richtungen zu lesen. Tatsächlich gelingt es den Machern erstaunlich gut, Werke mit verschiedenen  Stoßrichtungen zu präsentieren. „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin gibt es ebenso wie „Wer ist wir“ von Navid Keramani, Rainer Zitelmanns „Kapitalimus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ steht neben Ulrike Herrmanns „Der Sieg des Kapitals„. 

Das ist erstaunlich in Zeiten, in denen viele Medien vor allem ihre Wahrheiten verkünden und nicht Diskussionen fördern wollen. Eine genauere Analyse würde sicher auch bei Blinkist bestimmte politische Vorlieben aufzeigen. Beispielsweise gibt es in der Rubrik „Religion“ mit „Luther“ nur ein einziges Buch mit explizit christlichem Hintergrund, die anderen sind von Atheisten oder wenden sich an diese oder sie beschäftigten sich mit eher esoterischen Themen. Aber selbst der Statistiker-Blog ist bei seiner Themenwahl nicht immer objektiv (wobei ich auch kein Geld für meine Arbeit bekomme und mir deshalb mehr Freiheiten heraus nehmen darf). Und insgesamt schafft es Blinkist in meinen Augen erstaunlich gut, eine gewisse Breite an Themen und Meinungen abzubilden.

Äthiopien

Kapelle in Äthiopien. Foto: A. Davey (Lizenz CC BY 2.0).

Gut gefällt mir auch die Auswahl an Klassikern. „Der Leviathan“ von Thomas Hobbes steht schon lange in meinem Bücherregal, wurde aber bisher nicht gelesen, ebenso wenig Platons „Der Staat“ oder Niccolò Machiavellis „Der Fürst“. Durch Blinkist habe ich jetzt zumindest mal eine Zusammenfassung gelesen, „Das kommunistische Manifest“ seht als nächstes auf meiner Liste. Liebes Blinkist-Team, es dürfen gerne noch mehr Klassiker werden, ich vermisse beispielsweise Max Webers Werke ebenso wie die von Karl Popper.

Insgesamt liegt der Schwerpunkt zwar auf Lebenshilfe, also Büchern über Managementmethoden, Kindererziehung oder das Abnehmen. Aber bei mehr als 2.500 Titeln findet man dazwischen auch genug Interessantes.

Die Auswahl

Number Man Cover

Ist Belletristik und deshalb kein Kandidat für Blinkist, aber ich nutze die Gelegenheit um noch mal Werbung für das Buch zu machen.

Was nicht so gut funktioniert ist die praktische Umsetzung in den Apps. Beispielsweise kann ich bei einer Buchzusammenfassung nicht auf den Namen des Autors klicken und mir seine anderen Werke anzeigen lassen. Als Lesevorschläge erhalte ich vor allem Bücher, die schon auf meiner Merkliste stehen und die übrigen interessieren mich meistens nicht. Die Synchronisation zwischen Tablet und Smartphone klappt überhaupt nicht.

Hier könnte Blinkist noch viel tun. Schön ist der Gedanke von Titellisten zu bestimmten Themen, aber leider sind die meistens auf Englisch. Obendrein sind viele englische Werke gar nicht übersetzt, dabei geht das heute in Zeiten von Deepl recht einfach. Man muss den Text nur übersetzen lassen und dann noch einmal auf Fehler überprüfen.

Hier könnte Blinkist also noch viel tun: Bessere Vorschläge, mehr Titellisten zu bestimmten Themen und bessere Suchmöglichkeiten.

Bücher anhören

Die meisten Zusammenfassungen kann man sich auch anhören. Das ist praktisch, wenn man nebenher noch etwas anderes tut. Zumal die Texte von professionellen Sprechern gelesen werden, was sich gut anhört. Wer möchte, kann sich das Buch sogar mit höherer oder niedriger Geschwindigkeit anhören, wobei mir Standardgeschwindigkeit gut gefällt.

Bücher aus dem Bereich Statistik

Tatsächlich gibt es auch eine Reihe von Büchern zum Thema Mathematik und Statistik. Dazu gehören natürlich die üblichen Besteller von Gerd Gigerenz und Co wie „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet“ oder „Das Einmaleins der Skepsis“. Leider gibt es keine eigene Kategorie zu dem Themengebiet, man findet sie unter „Wissenschaft“, wobei der Begriff hier sehr weit gefasst wird.

Insgesamt ist die Auswahl an Titeln überschaubar, aber ein paar interessante Dinge sind doch dabei. Beispielsweise mehrere Bücher von Nassim Nicholas Taleb, beispielsweise „Narren des Zufalls“ und „Das Risiko und sein Preis“, erstaunlicherweise aber nicht „Der schwarze Schwan“. Sehr unterhaltsam sind auch „Wenn Gott würfelt“ von Leonard Mlodinow sowie „Mathe Magie“ von Arthur Benjamin.

Fazit

Insgesamt ist das Angebot an Statistik dünn, allerdings dürfte das auch mit dem Interesse der meisten Leser korrespondieren. Insgesamt gefällt mir der Dienst aber gut. Er erlaubt es mir, in Titel erst einmal hineinzuschnuppern, die ich dann später gegebenenfalls kaufe. Bei den meisten reicht mir aber die Zusammenfassung, die Themen interessieren mich nicht genug für 500 Seiten Fachbuch oder ich möchte einfach mal nur eine andere Meinung lesen.

Auch wenn die meisten Titel mich nicht ansprechen, bei 2.500 Zusammenfassungen gibt es doch erst einmal genug für mich. Nur die Umsetzung in der App ist schlecht. Denn die Leselisten enthalten meist nur englischsprachige Zusammenfassungen, die Vorschläge sind unbrauchbar und ich kann nicht mit einem Klick nach weiteren Werken eines Autors suchen.

Aktuell (Stand Dezember 2018) bietet Blinkist übrigens drei Abo-Modelle. Das Monatsabo kostet 9,99 Euro, das Drei-Monats-Abo 19,99, also monatlich 6,67 Euro und für das Jahresabo zahlt man aktuell 59,99 Euro, also rund 5,00 Euro pro Monat. Ich habe ein Jahres-Abo, allerdings nur weil es damals noch kein 3-Monats-Abo gab. Heute würde ich mit letzterem starten, denn ob die Titelauswahl wirklich für ein ganzes Jahr reicht bleibt abzuwarten.

 

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