Demokratie nach Polity IV: Eine Bestandsaufnahme

Im vergangenen Beitrag haben wir uns damit beschäftigt, wie man Demokratie messen kann. Heute soll es um die Ergebnisse dieser Messung gehen. Dabei stehen zwei Fragen im Vordergrund:

1. Wie sieht es mit der Demokratie in den einzelnen Weltregionen aus?
2. Ist die Demokratie, wie gefühlt, auf dem Rückzug?

Weil der Beitrag länger geworden ist als geplant, widme ich mich der zweiten Frage in der kommenden Woche. Damit verlasse ich kurz meinen üblichen 2-Wochen-Rhythmus, da ich ja eigentlich die Informationen schon diese Woche einbauen wollte.

Bevor wir uns diesen beiden Fragen widmen, müssen wir aber eine dritte beantworten, nämlich welche Datengrundlage nehmen wir? Polity IV oder Democracy Barometer Ideal wäre es natürlich beide zu nehmen und zu schauen, ob sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Allerdings beschäftigt sich das Democracy Barometer nur mit Demokratien oder zumindest Staaten, die einmal welche waren. Den schlechtesten Wert hat im Jahr 2014 die Ukraine, allerdings sah das ein Jahr zuvor noch ganz anders aus.

Demokratie 2015
Die Welt im Jahr 2015. Zwar veröffentlicht das Center for Systemic Peace auf seiner Internetseite nur Daten bis 2013 für das Demokratieranking Polity IV. ourworldindata.org hat aber offenbar trotzdem neuere Werte. Leider unterscheidet man dort, anders als bei den Originalkarten, nicht zwischen vollständigen und sonstigen Demokratien. Vor allem aber sind Länder mit dem Wert 6 fälschlicherweise als Anokratien eingefärbt, obwohl sie laut Definition von Polity IV eigentlich Demokratien sind. Das betrifft beispielsweise Namibia und Madagaskar. Quelle: ourworldindata.org – Wie alle anderen Grafiken dieser Quelle gemeinfrei nach Lizenz CC BY-SA 3.o – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/.

Das Democracy Barometer nimmt auch keine Einteilung in Autarkie, Anokratie und Demokratie vor, sondern gibt nur einen Punktwert an – und die Daten reichen nur bis 1990 zurück. Somit ist die Wahl klar, allerdings möchte ich gerne wissen, ob sich beide Barometer in der Bewertung deutlich unterscheiden. Schließlich verfolgen beide einen anderen Ansatz, der des Democracy Barometer ist viel umfangreicher.

Ich habe kurz untersucht, in wie weit die beiden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Weil das die meisten Leser nicht besonders interessieren wird, habe ich diesen Teil ausgelagert. Um es kurz zu machen, bei den meisten Ländern ist die Bewertung beider Rankings ähnlich, obwohl sie in vielen Teilen einen unterschiedlichen Ansatz verfolgen. Das Democracy Barometer berücksichtigt beispielsweise auch die Vielfalt der Medienlandschaft und die Meinungsfreiheit, was bei Polity IV nicht in diesem Maße einfließt.

Die Welt im Überblick

Wer sich die Karte von Polity IV ansieht, dem fällt zunächst die rote Sichel in Asien ins Auge, die Autokratien. Beginnend auf der arabischen Halbinsel, eigentlich schon in Afrika mit Eritrea, zieht sich ein Gürtel von Autokratien im Halbkreis über den Nahen und Mittleren Osten über den Iran und die islamischen Staaten der GUS (ehemalige Sowjetunion, mit Ausnahme des demokratischen Kirgisistan und des anokratischen Tadschikistan) bis nach China und dann im Norden weiter nach Nordkorea und im Süden nach Vietnam und Laos.

Das sind fast die letzten „echten Autokratien“, daneben fallen vor allem Weißrussland, Kuba und Swasiland ins Auge. Zusätzlich gibt es aber eine ganze Reihe von Anokratien, vor allem in Afrika ist das die vorherrschende Form des Regimes. Darunter befinden sich auch viele geschlossene Anokratien, die wir umgangssprachlich auch als Diktaturen bezeichnen würden, beispielsweise in Angola.

Demokratie aktuell weltweit
Ich beziehe mich auf das Jahr 2013, da ich lieber Originaldaten verwende als die von ourworldindata.org zitieren. Zumal die Qualität der Karten an manchen Stellen mangelhaft ist. Im Jahr 2013 waren beispielsweise Malaysia und die Ukraine noch Demokratien, werden aber fälschlicherweise schon als Anokratien dargestellte. Aber diese Karten sind gemeinfrei, die von Polity IV nicht.

Auffällig ist, dass die vollwertigen Demokratien vor allem in Europa und Nordamerika liegen, hinzu kommen Australien und Neuseeland, einige in Südamerika und einige in Ostasien. In Afrika gibt es (noch) keine einzige, aber dazu in der Länderbetrachtung. Das Konzept der Kontinente ist zwar für politische Fragen eigentlich wenig geeignet, die übliche Einteilung in Großregionen wie subsaharisches Afrika, Westeuropa und Ostasien würde aber den Rahmen sprengen. Kontinente gibt es dagegen weniger, auch wenn ich hier Nord- und Mittelamerika von Südamerika trenne.

Nord- und Mittelamerika

Polity IV sieht die USA als erste Demokratie und außerdem seit dem Ende des Bürgerkriegs außerdem durchgehend als vollwertige Demokratie mit zehn von zehn möglichen Punkten. Kanada betritt diesen Club erst in den 1920er Jahren.

Im Jahr 2013 sind fast alle nord- und mittelamerikanischen Staaten Demokratien, Ausnahmen sind die Autokratie Cuba sowie Haiti, das von sieben Punkten in den 1990ern auf null Punkte gefallen ist und damit gerade noch so als offene Anokratie gewertet wird.

Neben den USA und Kanada erhält aber nur Costa Rica zehn von zehn Punkten – und das durchgehend seit 1890. Damit ist das Land der Musterknabe in Lateinamerika. Das Democracy Barometer sieht das Land übrigens schlechter aufgestellt und hinter Mexiko oder Brasilien, insgesamt aber ebenfalls als Demokratie.

Diese Stabilität zeigt sich auch beim Korruptionsindex von Transparency International. Hier schneidet das Land ebenfalls deutlich besser ab als fast alle Nachbarn.

Südamerika

Auch Südamerika ist weitgehend demokratisch geworden. Ecuador, Surinam und Venezuela sind als offene Anokratien die Ausnahmen. Chile und Uruguay sind aber die einzigen Länder mit voller Punktzahl, Brasilien und Argentinien kommen auf acht Punkte.

Demokratie 1973
Im Jahr 1973 bestanden Afrika und Lateinamerika überwiegend aus Autokratien. Allerdings sind Argentinien und Botswana hier fälschlicherweise als Anokratien eingefärbt, sie waren aber damals schon Demokratien. Die Karte zeigt die Welt in den Grenzen von 2015, weshalb beispielsweise Daten für Eritrea und Südsudan fehlen. Beide waren natürlich Teil einer Diktatur, so wie der gesamte Ostblock, der hier grau und blau ist, weil die Staaten damals noch nicht bestanden. Warum Somaliland als unabhängiger Staat eingezeichnet ist, ist ebenfalls fraglich. Die Region wird nach wie vor von Somalia beansprucht. Quelle: ourworldindata.org

Das aber ist ebenfalls schon eine deutliche Verbesserung zu den 1970er Jahren. 1972 waren praktisch nur Venezuela und Kolumbien Demokratien, Chile und Guyana standen als offene Anokratien schon gut da. Selbst Uruguay, seit 1950 eigentlich südamerikanisches Musterland, war damals für einige Jahre eine geschlossene Anokratie, ebenso wie Ecuador. Der Rest Südamerikas bestand aus echten Autokratien – abgesehen von Suriname, das damals noch eine niederländische Kolonie war und natürlich Französisch-Guayana, das bereits seit 1946 ein französisches Department und damit ebenfalls demokratisch ist. 1973 tauschen Chile und Argentinien übrigens das Regime, Argentinien wurde eine Anokratie und Chile nach dem Militärputsch Pinochets eine Autokratie.

Afrika

Afrika ist heute, wie gesagt, ein Kontinent der Anokratien. Auch dieser Kontinent hat aber ein demokratisches Musterland. Das Costa Rica Afrikas ist Botswana, als einziges Land seit der Unabhängigkeit 1965 immer eine Demokratie. Übrigens auch eines der wenigen afrikanischen Länder auf dem Korruptionsindex von Transparency International mit guten Noten. Mit 63 von 100 Punkten schneidet es dort besser ab als Spanien (58) oder Italien (44) und als das gesamte Osteuropa mit Ausnahme Estlands (70).

Botswana war auch eines der wenigen afrikanischen Länder, die in den 1970er Jahren demokratisch blieben. 1972 war Afrika fast komplett von Autokratien beherrscht, Burkina Faso und Madagaskar waren als geschlossene Autokratien schon fast vorbildlich. Rhodesien und Südafrika waren trotz des rassistischen Wahlsystems fast vorbildlich. Denn der Anteil der Bevölkerung, der mitbestimmen durfte, war hier immer noch größer als in den übrigen Staaten. Neben Botswana war fast nur noch Gambia demokratisch – das heute leider nur eine geschlossene Anokratie ist und kurz vor der Autokratie steht.

Korruption
Staaten mit langer demokratischer Tradition wie Costa Rica, Uruguay und Botswana sind weniger korrupt als die meisten ihrer Nachbarn. Macht Demokratie weniger korrupt oder speisen sich Ehrlichkeit von Beamten und Demokratie aus der gleichen Quelle? Bild: ourworldindata.org

Heute gibt es eine ganze Reihe von Demokratien, was den reinen Punktwert angeht, haben Kenia und Südafrika Botswana sogar überholt. Allerdings sind nicht alle Demokratien auch erfolgreich, der bitterarme Niger ist beispielsweise auch eine Demokratie.

Allerdings gibt es bisher kein Land in Afrika, das als „Full Democracy“ eingestuft wird, also zehn von zehn Punkten erhält.

Europa

Zumindest Westeuropa ist mittlerweile weitgehend demokratisch. Das ist keineswegs so selbstverständlich wie es sich anhört, noch 1968 Jahren waren Portugal und Spanien Autokratien, Frankreich eine (offene) Anokratie. 1958 kam es im Nachbarland zu einem Militärputsch, erst mit dem Ende der Amtszeit De Gaulles 1969 wurde Frankreich wieder eine Demokratie. Wegen der mangelnden gegenseitigen Kontrolle erhält das Land aber nur neun von zehn Punkten und gilt damit nicht als „full democracy“.

Osteuropa und das östliche Mitteleuropa waren es natürlich ebenso, hier sind die meisten Länder aber mittlerweile ebenfalls demokratisch. Ausnahmen sind die Autokratie Weißrussland und die offene Anokratie in Russland. Die Daten auf der Internetseite von Polity IV reichen nur bis 2013, die Seite ourworldindata.org hat aber offenbar schon neuere. Demnach sind 2015 auch die Türkei (die ja zumindest teilweise in Europa liegt) und die Ukraine keine Demokratien mehr. Die Türkei hatte unter Erdogan ihre Bewertung zunächst sogar verbessern können, von sieben auf neun Punkte. Erst 2014 kam der Absturz, die neuesten Änderungen sind natürlich noch nicht berücksichtigt.

Asien mit Ozeanien

Asien kennt, wie erwähnt, noch viele Autokratien. Hier findet man aber auch mit Indien die größte und mit Indonesien die drittgrößte Demokratie der Welt. Im Vergleich mit Afrika wirkt Asien extrem – mehr Autokratien und mehr Demokratien, darunter auch einige, die mit den vollen zehn Punkten bewertet werden. Neben Japan auch China. Natürlich ist hier nicht die Volksrepublik China gemeint, sondern die Republik China, die wir üblicherweise als Taiwan bezeichnen, deren offizieller Name aber nach wie vor Republik China, manchmal auch Republik China auf Taiwan ist.

Bild Nagano
Japan hat sich, wie Deutschland, nach 1945 von einer Demokratie zum demokratischen Musterschüler entwickelt. Foto: Alexandre Gervais

Dritte volle Demokratie ist übrigens nicht Südkorea, sondern die Mongolei. Das Land war bis in die 1990er Jahre eine Autokratie. Südkorea erhält immerhin acht von zehn Punkten. Der Staat ist zwar ein treuer Verbündeter der USA seit dem Ende des Koreakriegs, aber deshalb keineswegs immer demokratisch gewesen. Das Land war nach dem Ende des Kriegs innerhalb von etwas mehr als zehn Jahren erst Demokratie, dann Autokratie, schließlich offene Anokratie und dann wieder Autokratie. Seit 1974 hat es sich langsam in Schritten zur Demokratie entwickelt.

Australien und Neuseeland sind schon lange volle Demokratien. Aber bei den Inselstaaten gibt es nach wie vor Anokratien, beispielsweise die Fidji Inseln.

Fazit

Demokratien gibt es heute auf allen Erdteilen, besonders wenige aber in Afrika. Dafür gibt es dort aber auch weniger Autokratien als beispielsweise in Asien, vielmehr befinden sich die meisten Staaten dort in einem Übergangsbereich, der Anokratie. Wie sich die Demokratie langfristig entwickelt hat, werden wir uns beim nächsten Mal genauer ansehen. So viel sei verraten: Die Welt ist nicht mehr so demokratisch, wie sie schon mal war, aber demokratischer als in den meisten der vergangenen 200 Jahre.

Die größte Katastrophe aller Zeiten

Nein, bei der größten humanitären Katastrophe aller Zeiten geht es nicht um unser Rentensystem. Zwar habe ich vergangene Woche angekündigt, mich damit beschäftigen zu wollen, allerdings kam mir ein Werbeschreiben der Aktion „Deutschland hilft“ dazwischen. In dem Bündnis haben sich vor allem religiöse Hilfsorganisation der abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam (in Order of Appereance) zusammengeschlossen, eine Art abrahamitsche Internationale. Dort las ich, dass sich aktuell die größte jemals dagewesene humanitäre Katastrophe abspiele, mit mehr Flüchtlingen als nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Aussage hat mich ziemlich überrascht. Nicht weil sie von religiösen Hilfsorganisationen aus dem jüdisch-christlich-islamischen Kulturkreis kommt, für die doch eigentlich die Sintflut die größte humanitäre Katastrophe aller Zeiten gewesen sein sollte – oder vielleicht auch die Vertreibung aus dem Paradies. Sondern weil es bei allem Leid sonderbar scheint, dass die aktuellen Kriege und Dürren schlimmer sein sollen als die Weltkriege und vor allem den alltäglichen Hunger der Menschen in den Zeiten vor der Industrialisierung. Das soll das Leid beispielsweise in Äthiopien nicht kleinreden und etwas Geld zu spenden tut fast niemandem weh – es muss ja nicht „Deutschland hilft“ oder eine der beteiligten Hilfsorganisationen sein. Ich persönlich unterstütze seit langem die Deutsche Welthungerhilfe (www.welthungerhilfe.de/spenden.html). Besonders hilfreich sind übrigens regelmäßige Spenden, das erleichtert die Planung.

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Oder hat „Deutschland hilft“ vielleicht recht? Scheint uns nur von Europa aus der Zweite Weltkrieg schlimmer als der Krieg in Syrien? Oder auch der Erste Weltkrieg, bei dem nicht nur viele Soldaten ums Leben kamen, sondern auch zahlreiche Zivilisten, insbesondere im Hungerwinter nach der britischen Seeblockade.

Die Statistik kann dabei etwas helfen, leider allerdings nur begrenzt. Selbstverständlich haben weder Germanen- noch Indianerstämme Buch über ihre Hungertoten geführt. Schätzungen gibt es immerhin zu den Kriegstoten, allerdings kann man über die Qualität streiten.

Größte Massenmorde aller Zeiten
Zahl der Toten durch Gewalt und Gewaltherrschaft (blau) sowie Umrechnung auf die Bevölkerungszahl Mitte des 20. Jahrhunderts. Ausgewählt wurden die drei Ereignisse mit der absolut und die drei mit der relativ höchsten Opferzahl. Die Mongolischen Eroberungen unter Dschingis Khan gehören in beiden Fällen zu den Top 3. Quelle: Matthew White/Steven Pinker

Der Wissenschaftler Matthew White hat in unterschiedlichen Quellen die Zahl der Toten in von Menschen herbeigeführten Tragödien gesammelt. Meist weichen die Zahlen je nach Quelle stark ab, gewählt wurde daher der am häufigsten genannte (Modus) Wert oder der Median, falls es keine eindeutige Präferenz gab.

Der Harvard-Professor Stevan Pinker wiederum hat die Zahlen auf die Weltbevölkerung Mitte des 20. Jahrhunderts umgerechnet, um sie mit dem Zweiten Weltkrieg und der Gewaltherrschaft Maos vergleichbar zu machen, den beiden Ereignisse mit der höchsten Zahl von Toten. Dahinter steht die Überlegung, dass eine höhere Weltbevölkerung natürlich auch mehr potentielle Todesopfer bedeutet – und dass für den Einzelnen ja wichtig ist, wie hoch seine Wahrscheinlichkeit ist zu sterben. Wer in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern und zwei Morden pro Jahr lebt, der darf sich sicherer fühlen als jemand in einem Weiler mit zehn Einwohnern, von denen jährlich einer ermordet wird.

Nun kann man die Daten aus gutem Grund kritisch hinterfragen, das räumen sogar die Autoren ein. Die Zahlen zum An-Lushan-Aufstand basieren beispielsweise auf der Differenz zwischen zwei Volkszählungen im alten China, wo der Aufstand vor rund 1.250 Jahren stattgefunden hatte. Die zweite kam zu einer um zwei Drittel niedrigeren Bevölkerungszahl. Weil damals schätzungsweise jeder vierte Mensch in China lebte (heute ist es noch rund jeder fünfte), würde das den Tod eines Sechstels der Weltbevölkerung bedeuten. Auf die Bevölkerungszahl Mitte des 20. Jahrhunderts umgerechnet also von mehr als 400 Millionen Menschen, auf heutige Zahlen sogar von mehr als einer Milliarde.

Allerdings ist es gut möglich, dass die Zahlen zu hoch sind. Zwar verfügt China seit unglaublich langer Zeit über eine gut funktionierende Bürokratie, allerdings war die durch den Bürgerkrieg vermutlich ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Das könnte bedeuten, dass bei der zweiten Zählung viele Einwohner einfach nicht erfasst wurden und die Zahlen auch deshalb so niedrig ausgefallen sind. Ähnliches lässt sich auch für die anderen Konflikte sagen. Die Opferzahlen der Kriegszüge von Dschingis Khan sind womöglich von den zeitgenössischen Geschichtsschreibern überhöht. Alleine 800.000 Menschen soll er bei der Eroberung Bagdads getötet haben, 1,3 Millionen in der orientalischen Stadt Merv. Ob das stimmt ist unklar, relativ sicher erscheint jedoch, dass die mongolischen Krieger bei der Eroberung einer Stadt eine bestimmte Zahl von Einwohnern töten mussten.

Besonders überzogen erscheint mir die Hochrechnung zum Sklavenhandel im Nahen Osten. Die rund 19 Millionen Opfer repräsentieren sicher nur einen Teil des Leides, den die Sklaverei mit sich brachte. Denn auch wer überlebte, führte in der Sklaverei meist kein schönes Leben. Inseln wie Formentera oder Ibiza waren zeitweise ganz oder teilweise unbewohnt. In den Reiseführern heißt es oft beschönigend, Piratenüberfälle hätten den Menschen das Leben schwer gemacht, tatsächlich waren es aber Sklavenjäger, die die Inseln heimsuchten. Offenbar passt es nicht zum Selbstbild vieler Europäer, dass die Verwandten ihrer Vorfahren nicht anders auf Sklavenmärkten verkauft wurden, als später afrikanische Sklaven an andere Verwandte ihrer Vorfahren.

Dass viele Kirchen auf den Balearen aussehen wie Festungen, hat einen Grund. In ihnen verschanzte sich die Bevölkerung bei Piratenangriffen. Wobei die Bezeichnung Sklavenjäger besser wäre, denn große Schätze hatte die Landbevölkerung nicht. Gesucht wurden stattdessen Sklaven. Bild: Nacho Pintos
Dass viele Kirchen auf den Balearen aussehen wie Festungen, hat einen Grund. In ihnen verschanzte sich die Bevölkerung bei Piratenangriffen. Wobei die Bezeichnung Sklavenjäger besser wäre, denn große Schätze hatte die Landbevölkerung nicht. Gesucht wurden stattdessen Sklaven. Bild: Nacho Pintos

Nun sind diese Opfer vermutlich gar nicht in den 19 Millionen enthalten, den sie wurden nicht in den Nahen Osten, sondern nach Nordafrika verkauft, darunter auch der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra, der Autor des Don Quichote. Warum mir die hochgerechnete Opferzahl von 132 Millionen trotzdem übertrieben erscheint? Weil sich die Sklaverei über einen Zeitraum von mehr als 1200 Jahren erstreckt. Rechnet man die Einwohnerzahl hoch, müsste man das auch für den Zeitraum tun. Das soll die Tragödie nicht kleinreden, der Anteil der Erdenbürger die in einem bestimmten Jahr Opfer der Sklavenjäger wurden war aber sicher kleiner als der derjenigen, die im Jahr 1917 Opfer des Ersten Weltkriegs wurden.

Das zeigt auch, dass die Betrachtung einzelner Ereignisse uns nicht weiterbringt. „Deutschland hilft“ bezieht seine Aussage ja nicht auf ein einzelnes Ereignis, sondern auf die Kombination verschiedener Katastrophen wie des Bürgerkriegs in Syrien oder der Dürre in großen Teilen Afrikas. Hundert gleichzeitig stattfindende kleine Kriege können genauso viele Menschen töten wie ein großer.

Deutschland hilft Kritik
Die Lebensmittelproduktion reicht, um alle Menschen zu versorgen.

Außerdem erfasst die Statistik von Matthew White nur menschengemachte Katastrophen. Ich erinnere mich als Jugendlicher eine Moorleiche in einem Museum gesehen zu haben. Das Mädchen war elf Jahre und hatte nach Schätzungen von Wissenschaftlern mindestens neunmal längere Zeit gehungert. Hunger gehörte auch in Europa jahrhundertelang zum Leben – oder beendete es.

Egal ob der An-Lushan-Aufstand also zwei Drittel oder „nur“ die Hälfte der Bevölkerung tötete, ob die Jahre damals wirklich die schlimmsten der Weltgeschichte waren oder ob zu anderen Zeiten ein weitaus höherer Anteil von Menschen in vielen kleinen Kriegen umkam oder ob Krankheit und Hunger nicht weitaus mehr Menschen getötet haben als Kriege, die größte humanitäre Katastrophe erleben wir aktuell sicher nicht. Selbst in den ärmsten Ländern der Welt leben die Menschen heute meist länger und sicherer als vor 100 Jahren.

Aber kann man nicht von den Werbetextern des Verbandes wenigstens sagen, dass sie zu einem guten Zweck schwindeln? Nein, leider nicht mal das. Statt von der größten humanitären Katastrophe zu sprechen wäre es sinnvoller darauf hinzuweisen, dass zumindest Hungersnöte heute eigentlich nicht mehr sein müssen. Die Welt hat, anders als früher, die Möglichkeit sie zu verhindern. Bei Kriegen und Diktaturen bin ich mir nicht so sicher, ob die Weltgemeinschaft die von außen lösen kann. In der Vergangenheit ist das oft schief gegangen, zuletzt beim Sturz Saddam Husseins im Irak. War das nur schlecht gemacht oder müssen solche Impulse von innen kommen? Ich weiß es nicht. Aber zumindest Hungersnöte müssen heute nicht mehr sein, wenn das Land ansonsten friedlich ist und ausländische Hilfe duldet. Das hätte man bei „Deutschland hilft“ schreiben können.

Mit ihrem Gerede von der größten humanitären Katastrophe mag die Organisation kurzfristig ihre Spendenbüchsen füllen, aber was kommt dann? Dann müssen die Superlative noch größer werden. Nicht zuletzt spielt man mit derlei Gerede rechtsextremen Kräften in die Hände. Egal ob Islamisten oder Nationalisten, sie alle werben mit dem Versprechen, die schlechte neue Zeit durch die Wiedereinführung der guten alten Zeit zu ersetzen. Sollten diese Kräfte Erfolg haben, könnte „Deutschland hilft“ vielleicht zur Recht von der größten oder zumindest einer großen humanitären Katastrophe reden, denn zur guten alten Zeit gehört für Rechtsextreme weltweit die Ausrottung von Menschen anderen Glaubens, anderer Ethnie, anderer Überzeugungen und anderen Aussehens.

Sie dazu auch den Nachtrag zur Entwicklung des Welthungers seit 1990

Schwarze Statistik

Im Netz habe ich neulich eine besondere Statistik entdeckt. Ein amerikanischer Bibliothekar hat dort die Zahl der Todesopfer verschiedener Kriege und Krisen zusammengetragen.

 Tote der größten Krisen
Anzahl der Toten verschiedener Krisen nach Necrometrics.

Beeindruckende Zahlen, allerdings stellt sich da selbst für mich als Statistik-Fan die Frage: Was sagt uns das jetzt? Zugegeben, in den meisten Fällen erschließt sich der Wert einer Statistik erst im Kontext mit anderen Informationen, in diesem Fall aber gilt das in meinen Augen besonders.

Zum einen sind Daten zu den Toten in Krisen und Diktaturen natürlich immer mit Fragezeichen versehen. Wer kann schon ganz genau sagen, wie viele Menschen während der Taiping Revolution in China im 19. Jahrhundert starben?

Hinzu kommt, dass vor allem der 2. Weltkrieg wie der Name schon sagt in mehreren Regionen der Welt gleichzeitig stattfand. Zu einem Krieg wurde er nur, weil Briten und Amerikaner (und noch einige andere) in Asien wie in Europa kämpften. Es gab andere kriegerische Zeiten, in denen mehrere Kriege gleichzeitig stattfinden, die aber formell als unterschiedliche Kriege gelten.

Zumal in früheren Zeiten auch weniger Menschen lebten. Die Taiping-Revolution war mit 20 Millionen Toten für die Menschen sicher nicht weniger verheerend als Maos Diktatur mit 40 Millionen, denn China hatte damals weit weniger Einwohner. Die Kongogräuel (Kongo-Freistaat) ließen die Bevölkerung der Region sogar in 20 Jahren von 25 auf 15 Millionen zurückgehen, ähnliche Folgen hatte sicher auch der 30-Jährige Krieg in Deutschland.

Immerhin räumt auch der Betreiber der Seite, Mattew White, ein, dass man beispielsweise die spannende Frage nach dem größten Massenmörder der vergangenen 300 Jahre nicht beantworten kann. Zumal die Betrachtung teilweise auch in die falsche Richtung führt. Anders als solche Überlegungen suggerieren, war Hitler, der mit Mao und Stalin auf jeden Fall zu den Top-Kandidaten gehört, ja nicht alleine Schuld am großen Morden in Deutschland. Scheinbar aufklärerische Bücher wie „Er ist wieder da“ erwecken zwar den Eindruck, da habe ein österreichischer Maler die Menschen verführt und damit alles verschuldet, doch in Wahrheit liegt ein großer Teil der Schuld auch bei der deutschen Gesellschaft. Die Geisteshaltung war vorher schon da, gefördert durch das damalige Erziehungswesen.

Der Autor selbst hat noch einen anderen Schuldigen ausgemacht, nämlich das Verbot Schusswaffen zu besitzen. Dem hat er einen eigenen Beitrag gewidmet, schließlich hätten sowohl das deutsche Reich als auch die Sowjetunion und die chinesische Volksrepublik vor dem großen Schlachten jeweils die Freiheit Waffen zu trage eingeschränkt. Sonst, so der Autor, hätten sich die Verfolgten ja wehren können. Die nach seinen Schätzungen fast 100.000 Millionen Toten der Diktaturen von Hitler, Stalin und Mao seien daher auch Opfer der Waffenkontrolle.

Auch sonst ist der Autor ganz Amerikaner. Auf seiner Liste der der großen Massenmörder landet auch Kaiser Wilhelm II. Sicher kein netter Mensch, doch die These von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands im Ersten Weltkrieg ist nicht besonders überzeugend, britische oder us-amerikanische Politiker findet man auf seinen Listen aber nicht.

Bin ich also durch die Statistiken trotzdem klüger geworden? Immerhin hatte ich vorher keine Ahnung von der Taiping-Revolution, immerhin der bis heute blutigste Bürgerkrieg der Welt.