DIW kontra ifo: Wer hat Recht?

In der ZEIT-Ausgabe vom 6. und vom 13. Oktober gab es eine Diskussion, die Statistik-Laien vermutlich mit den Worten „Mit Statistik lässt sich alles beweisen“ oder „Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“ zusammenfassen würden. Denn in der ersten der beiden Ausgaben behaupteten die Ökonomen Clemens Fuest und Rainer Kirchdörfer, die soziale Ungleichheit in Deutschland sei mitnichten so groß wie von Manuel Fratzscher, seines Zeichens Präsident des DIW in Berlin, behauptet. Fratzscher hat für seine Analyse der Ungleichheit nämlich nicht, wie eigentlich üblich, die Nettolöhne herangezogen, sondern die Bruttolöhne, in denen die Umverteilung durch den Sozialstaat nicht enthalten ist. Bei den Nettolöhnen liege Deutschland in EU und OECD im unteren Mittelfeld.

Stimmt nicht, antwortete die Woche drauf Fratzscher. Zwar habe er tatsächlich die Bruttolöhne herangezogen, die die staatliche Umverteilung nicht berücksichtigen, doch die Umverteilung sei ja ineffizient und ändere deshalb nichts am Ergebnis.

Von M Tracy Hunter - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33962866
Deutschland steht beim Nettoeinkommen international in Sachen Ungleichheit recht gut da, sagt die Weltbank. EIne Gini-Koeffizient von 0 steht für total Gleichheit, je näher an 1 beziehungsweise 100 Prozent er liegt, desto ungleicher ist ein Land. Von M Tracy Hunter – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33962866

Greifen beide auf unterschiedliche Datenquellen zurück und kommt deshalb jeder zu einer anderen Aussage? Lässt sich das so pauschal einfach nicht beantworten? Oder lügt eine Seite?

Um diese Frage zu beantworten habe ich beide Seiten gebeten, mir die Daten zu senden, auf denen ihre Aussage beruht. Meine Fragen waren:

  1. Wie hoch ist die Nettoeinkommensungleichheit in Deutschland im Vergleich zu EU und OECD?
  2. Wie hoch ist die Vermögensungleichheit mit und ohne Berücksichtigung von Renteneinkommen?

Um es kurz zu machen, vom DIW kam nichts, man reagierte dort auf meine Frage gar nicht, auch nicht auf eine zweite Nachfrage hin. Allerdings nutzt die von Kirchdörfer und Fuest genutzte Studie eine ziemlich akzeptierte Datenquelle, nämlich die OECD. Fratzscher dürfte kaum besser Daten haben.

Und wie sieht es dort aus? Die Weltbank zählt Deutschland zu den Ländern mit der niedrigsten Einkommensungleichheit weltweit, allerdings ist der Maßstab dabei natürlich ein anderer, weil chronisch ungleiche Länder wie Brasilien, Südafrika oder Peru mit in die Daten eingehen.

Äthiopien
Nein, die Chapel of the Tablet ist nicht von Samsung gesponsert und hat auch nichts mit Tablet PCs zu tun. Die koptische Kapelle wurde vielmehr 1635 von Kaiser Fasilidas auf den Ruinen einer älteren Kirche gebaut. Auch ohne Anbetung von Elektrogeräten ist Äthiopien eines der am stärksten wachsenden Länder der Welt. Foto: A. Davey (Lizenz CC BY 2.0).

Ein kurzer Ausflug in die Welt sei mir dennoch erlaubt. Beim Blick auf die Karte fällt auf, das vor allem Schwellenländer sehr ungleich sind. In Afrika ausgerechnet die vergleichsweise wohlhabenden Staaten Südafrika, Botswana und Namibia. Sehr arme Staaten wie Mali oder Afghanistan sind dagegen deutlich gleicher (in der Grafik also grün). Man könnte die These ausstellen, dass reiche Länder Geld haben um Ungleichheit abzufangen und es in armen Ländern nur wenig Ungleichheit gibt, weil dort einfach alle arm sind (aus diesem Grund war auch die Ungleichheit zwischen den Staaten vor 1900 geringer als heute). Allerdings ist es ganz so einfach dann doch nicht. Beispielsweise ist das arme Papua-Neuguinea relativ ungleich, das Schwellenland Indonesien dagegen deutlich weniger. Und dann sind da natürlich noch die reichen USA, die aber durch eigenen politischen Beschluss ungleich bleiben, wenngleich sie international gesehen sogar noch Mittelfeld sind.

Äthiopien: Arm, aber gleich – und schnell wachsend

Auffällig ist auch Äthiopien, dass als einziges Land in Afrika einen Gini-Koeffizienten von unter 30 Prozent hat. Das Land ist zwar immer noch recht arm, gleichzeitig aber nach den Daten des Worldfactbook der CIA das am stärksten wachsende der Welt. 2015 legte die Wirtschaft dort um 10,2 Prozent zu. Abgesehen von den Kleinststaaten Palau und Monaco folgt dann übrigens das ungleiche Papua-Neuguinea mit 9,0 Prozent vor der Elfenbeinküste mit 8,6 Prozent. Bleibt aber abzuwarten, ob das Wachstum nachhaltig ist und wie es sich auf die Ungleichheit auswirkt.

Einkommensungleichheit Deutschland Grafik
In Sachen Ungleichheit liegt Deutschland in EU und OECD im Mittelfeld. Nimmt man nicht die Anzahl der Staaten, sondern die Zahl der in ihnen lebenden Menschen als Maßstab, sieht es sogar noch besser aus. Allerdings hat die Ungleichheit fast überall zugenommen. Deutlich gesunken ist sie nur in den Niederlanden. Quelle: Entwicklung der Einkommensungleichheit Daten, Fakten und Wahrnehmungen, Stiftung Familienunternehmen, Seite 35

Aber kehren wir zurück zu OECD und EU. Wie sieht es hier um Deutschlands Ungleichheit aus? Ebenfalls gut, das Land liegt hier im Mittelfeld. Da die meisten großen Staaten einen höheren Gini-Koeffizienten haben kann man sogar sagen, die deutliche Mehrheit in der OECD lebt in Staaten, die ungleicher sind als Deutschland. Wie also kommt Fratzscher zu seiner Aussage? Nun, bekanntlich hat er auf meine Mail nicht geantwortet. Vermutlich würde er schreiben, er habe ja nie bestritten, dass die Nettoungleichheit in Deutschland nicht überdurchschnittlich hoch sei. Er habe auf diesen Hinweis von Fuest und Kirchdörfer nur geantwortet, dass ein großer Teil des umverteilten Geldes wieder bei den Reichen lande. Dass trotzdem die Nettolöhne in Deutschland gleicher seien als im OECD-Schnitt, habe er damit ja nicht ausgeschlossen. Fragt sich nur, warum er das dann so nicht schreibt.

Soziale Ungleichheit Fratzscher
Die Nettolöhne sind in praktisch allen Ländern weniger ungleich verteilt als die Bruttolöhne. Das gilt auch in Deutschland. Quelle: Entwicklung der Einkommensungleichheit Daten, Fakten und Wahrnehmungen, Stiftung Familienunternehmen, Seite 31

Laut der Studie, auf die die Professoren Fuest und Kirchdörfer sich beziehen, funktioniert die Umverteilung in Deutschland sogar vergleichsweise gut. Der Unterschied zwischen der Ungleichheit bei Brutto- und der bei Nettolöhnen ist nämlich vergleichsweise groß, die Staatsquote zwar ebenfalls hoch, allerdings nicht im gleichen Maße.

Was soll man also von Fratzschers Beitrag halten – dazu habe ich mal wieder einen Kommentar geschrieben.

Wikipedia nicht ganz aktuell

Für meine Beiträge zum Thema Armut habe ich mir auch internationale Daten angesehen. Wie ungleich ist Deutschland im internationalen Vergleich. Dabei bin ich auf Wikipedia auf eine Liste der Länder nach Einkommensverteilung gestoßen.

Etwas erstaunt hat mich, dass dort Japan nach Schweden den niedrigsten Wert im Gini-Index hat, also besonders gleich ist. Betrachtet man das Verhältnis der reichsten zu den ärmsten zehn oder 20 Prozent, liegt Japan sogar beide Male vorne. Aber ist das Land nicht für seinen gespaltenen Arbeitsmarkt bekannt, mit älteren Mitarbeitern mit noch immer relativ sicheren Jobs und hohen Gehältern und jungen Arbeitnehmern in schlecht bezahlten, oft befristeten Arbeitsverhältnissen?

Das Erhebungsjahr macht den Unterschied

Einen Hinweis wie dieser scheinbare Widerspruch zu lösen ist gibt schon das Erhebungsjahr. Die Daten stammen nämlich aus dem Jahr 1993. Damals war die Ungleichheit international noch deutlich geringer als heute, vor allem aber stand Japan noch am Anfang seiner Stagnation.

Zwischen den Daten auf Wikipedia und im CIA World Factbook gibt es teilweise große Unterschiede. Das liegt vor allem am Erhebungszeitrum, Wikipedia (blau) verwendet für Japan Werte von 1993, die CIA (grau) von 2008. Für Norwegen verwendet Wikipedia Daten von 2000, die CIA ebenfalls von 2008. Allerdings gibt es auch für die USA einen kleinen Unterschied, obwohl beide Daten aus dem Jahr 2007 stammen. Quellen: Wikipedia, CIA
Zwischen den Daten auf Wikipedia und im CIA World Factbook gibt es teilweise große Unterschiede. Das liegt vor allem am Erhebungszeitrum, Wikipedia verwendet für Japan Werte von 1993, die CIA von 2008. Für Norwegen verwendet Wikipedia Daten von 2000, die CIA ebenfalls von 2008. Allerdings gibt es auch für die USA einen kleinen Unterschied, obwohl beide Daten aus dem Jahr 2007 stammen. Quellen: Wikipedia, CIA

Etwas neuere Daten hat die CIA, genauer gesagt das World Factbook. Gibt Wikipedia einen Wert einen Gini-Wert von 24,9 Prozent für Japan an (ein Wert von Null steht für völlige Gleichheit, je näher der Wert eins beziehungsweise 100 Prozent kommt, desto größer ist die Ungleichheit), sind es im World Factbook 37,6 Prozent.

Damit liegt Japan nur noch immer mittleren Bereich der Staaten. Neben den immer möglichen Unterschieden bei zwei Messungen dürfte das vor allem daran liegen, dass die CIA-Daten von 2008 sind, also 15 Jahre jünger.

Deutschland in Wikipedia aktueller

An anderer Stelle sind die Daten von Wikipedia aktueller als die im World Factbook. Deutschland hat beispielsweise einen 27,0 aus dem Jahr 2006, in Wikipedia sind es 28,3 Prozent für das Jahr 2012. Für das Jahr 2006 kommt die von Wikipedia zitierte Statistikbehörde Eurostat übrigens auf 26,8 Prozent, also einen noch etwas niedrigeren Wert.

Auch für Deutschland unterscheiden sich die Daten von CIA und Wikipedia. Hier ist Wikipedia aktueller. Bei gleichem Erhebungsjahr ist der Unterschied minimal.
Auch für Deutschland unterscheiden sich die Daten von CIA (grau) und der von Wikipedia zitierten Behörde Eurostat(blau). Hier ist Wikipedia aktueller. Bei gleichem Erhebungsjahr ist der Unterschied minimal. Quelle: CIA, Eurostat

Spannend ist in diesem Zusammenhang die Frage, welche Daten Wikipedia für eine verbesserte Liste verwenden sollte. Jeweils die aktuellsten, könnte man meinen. Das aber erschwert den Vergleich zwischen den Ländern. Weil die Ungleichheit lange gestiegen ist, ehe der Gini-Koeffizient seit 2007 zumindest in Deutschland wieder kleiner wurde, lassen sich Daten von 2012 des einen schlecht mit Daten für 1990 eines anderen Lands vergleichen.

Es kommt also darauf an. Soll die Liste vor allem Vergleiche ermöglichen, wären Daten aus möglichst dem gleichen Jahr interessant. Lieber den Wert für 2010 aufnehmen, auch wenn es Daten bereits für 2012 gibt. Wer dagegen für ein bestimmtes Land einen Wert sucht, dem ist natürlich mit dem aktuellsten Wert mehr geholfen. Wobei der Gini-Koeffizient meist erst im Vergleich wirklich Sinn bekommt. Unter einem Wert von 25,7 Prozent kann man sich zunächst ja wenig vorstellen.

Natürlich ist es wenig sinnvoll, Daten von 1950 zu verwenden, weil für das Jahr Werte für alle Länder vorliegen. Zumindest Japan sollten die Wikipedianer aber mal aktualiseren. Das Land steht längst nicht mehr so gut da wie in dem Online-Lexikon.

Reiseversicherung

Armut im Vergleich (2)

Im vergangenen Beitrag haben wir festgestellt, dass Armutsvergleiche nicht so einfach sind, weil unsere umgangssprachliche Definition nicht immer mit der statistischen übereinstimmt. Wie gesehen, kann die (relative) Armut in einem Land sinken, obwohl die Armen immer ärmer werden, solange die Mittelschicht noch schneller arm wird.

Dazu passt eine Meldung der OECD, dass in Europa die Zahl der armen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich angestiegen, die der Armen über 65 aber gesunken ist. Verantwortlich sind aber keine Rentengeschenke, wie in Deutschland, sondern schlicht die Tatsache, dass die Renten vergleichsweise stabil geblieben sind. Sie sind in vielen Ländern nominal gleich geblieben, berücksichtigt man die Inflation leicht gesunken. Damit stehen die Älteren aber deutlich besser da als ihre Kinder und Enkel, die deutliche Einkommensverluste hinnehmen mussten und vielen schon als verlorene Generation gelten. Dadurch ist die (relative) Armut der Alten gesunken.

Zusammenhang auch bei relativer Armut

Auch wenn Armut relativ gemessen wird bleibt die Frage, ob es in den OECD-Staaten ein Zusammenhang zwischen dem Wohlstand eines Landes und der relativen Armut gibt, es also in reichen Staaten beispielsweise auch bei relativer Messung weniger Arme gibt. Für diese Annahme gibt es durchaus Gründe. Von Gewerkschaften wird argumentiert, dass weniger Armut das Wirtschaftswachstum antreiben würde. Umgekehrt lässt sich auch argumentieren, dass Reichtum die Bereitschaft steigt, höhere Steuern zur Armutsbekämpfung zu zahlen, weil man es sich vereinfacht gesagt eher leisten kann zu teilen und weil neben materielle Bedürfnisse wie ein möglichst hohes Nettoeinkommen andere Wünsche wie der nach Gleichheit oder Sicherheit treten (man denke an die Maslowsche Bedürfnishierarchie). Drittens könnte man argumentieren, dass leistungsstarke Institutionen, also vor allem gut funktionierende Behörden, gleichermaßen für mehr Wohlstand und weniger Armut sorgen.

Relative Armut und absoluter Reichtum in der OECD

Das zu überprüfen ist natürlich nicht ganz so einfach. Wir können uns aber zumindest mal ansehen, ob es einen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Armutsquote in der OECD gibt. Den Wohlstand messen wir hier einfach mal mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Armut gemessen als 50 Prozent des nationalen Nettoäquivalenzeinkommens
Das arme Griechenland hat eine besonders hohe relative Armutsquote, das reiche Dänemark eine niedrige. Gibt es da einen Zusammenhang? Quelle: OECD
Unbenannt12
Bei dieser Darstellung sieht man etwas deutlicher, dass in den europäischen OECD-Staaten reiche Staaten auch bei der relativen Armut tendenziell besser dastehen. Die Trendgerade zeigt nach unten. Luxemburg liegt aufgrund des hohen BIP außerhalb der Grafik. Quelle: OECD

Tatsächlich sieht man in den Grafiken, dass es in der Tendenz einen Zusammenhang zwischen Wohlstand und relativer Armut in den europäischen OECD-Staaten gibt. In den reicheren Ländern gibt es nicht nur weniger absolute, sondern auch weniger relative Armut.

Sonderfall Osteuropa

Bewusst weggelassen habe ich übrigens osteuropäische OECD-Staaten, weil die aufgrund ihrer sozialistischen Geschichte andere Ausgangsbedingungen haben. Weil bis Ende der 198er Jahre die Einkommen dort relativ gleich verteilt waren, haben sich dort bisher weniger große Vermögen bilden können, gleichzeitig sind die Staaten aber noch immer relativ arm. Ausnahme ist übrigens Russland, dass nach rund 20 Jahren Marktwirtschaft so ungleich ist wie die USA nach über 200.

Am Ergebnis würde das aber nicht viel ändern, nimmt man Osteuropa dazu, bleibt der Zusammenhang bestehen.

Was sagt uns das?

Ob eine unserer Theorien zutrifft, ob also Gleichheit Wohlstand schafft oder Wohlstand Gleichheit oder aber ob gut arbeitende Institutionen für beides sorgen – das aufgrund so einer einfachen Betrachtung beurteilen zu wollen wäre ziemlich vermessen. Aber immerhin spricht einiges dafür.