statistiker-blog.de Nicht nur für Statistiker

15Oct/141

Mythos Ökonomisierung?

Es gibt ein paar Schlagworte, mit denen sich politische Ideen oder Bücher fast immer verkaufen lassen. Eine Möglichkeit ist die Verwendung des Zusatzes "Mythos". So was verkauft sich fast immer, darum habe ich auch meinen Beitrag "Mythos Ökonomisierung" nennen wollen, mich dann aber doch nicht getraut und immerhin ein Fragezeichen dazu gesetzt. "Die Ökonomisierungs-Lüge" wäre noch reißerischer, auch so habe ich aber gleich zwei wichtige Begriffe untergebracht, denn ein weiteres dieser Schlagwörter, bei denen alle betroffen nicken (und klicken) ist "Ökonomisierung".

Liebe verging, Hektar bestand

Angeblich wird alles ökonomisiert, die Liebe, der Staat, die Familie. Ich habe schon mal Zweifel daran geäußert und darauf hingewiesen, dass sich bei der Berufswahl ein anderer Trend abzuzeichnen scheint. Während die Wirtschaft nach Ingenieuren und Programmierern ruft, steigt die Zahl der Künstler. Auch in Sachen Liebe gibt es relativ unzweifelhaft eine Deökonomisierung. "Liebe vergeht, Hektar besteht", von diesem Spruch lässt sich kaum noch jemand leiten. Der Staat versucht zwar effizienter zu werden, aber ob das Schlagwort "Ökonomisierung" hier passt, ist fraglich. Er hat schlicht immer mehr Aufgaben und muss seine Kräfte daher effizienter einsetzen. Lediglich in der Familie gibt es eine Ökonomisierung, beispielsweise wenn Hausarbeit von unbezahlten Hausfrauen auf Reinigungskräfte oder die Kinderbetreuung auf Institutionen wie Horte und Kitas verlagert wird. Diese Form der Ökonomisierung aber ist politisch gewollt, selbst in konservativen Kreisen wünscht sich kaum jemand offen die klassische Hausfrauenehe zurück.

"Die Ökonomisierungslüge"

Der deutsch-französische Soziologe Steffen Roth hat nun einen Beitrag mit dem Titel "There is no such thing as economized societies" veröffentlicht (vermutlich in Anspielung auf ein Zitat von Margret Thatcher: "There ist no such thing as society"). Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass über Ökonomie zumindest immer weniger gesprochen wird. Dazu hat er mit Hilfe des Ngram Viewers von Google die in Google Books gespeicherten Bücher nach bestimmten Schlüsselbegriffen wie "Geld", "Macht" und "Liebe" durchsucht.

Mythos Ökonomisierung

Relative Häufigkeit der Begriffe Wirtschaft, Geld und Ökonomie laut Ngram Viewer.

Eine Ökonomisierung im engeren Sinne gab es in den vergangenen 30 Jahren auf keinen Fall, der Begriff "Ökonomie" befindet sich seit Mitte der 1970er Jahre im Abwärtstrend, allerdings nach einem langen Aufschwung. Von "Wirtschaft" ist dagegen schon seit den 1950er Jahren immer seltener die Rede. Nur von Geld wird häufiger gesprochen, allerdings nicht viel häufiger als noch 1920. Anders übrigens als im englischsprachigen Raum, wo der Begriff "money" seit den 1930er Jahren immer seltener auftaucht.

Was sagt das wirklich aus?

Nun kann man gegen die Methode einige Bedenken vorbringen. Beispielsweise die, dass Google Books nicht alle Bücher beinhaltet und nicht berücksichtigt, welche davon auch gelesen werden. Außerdem sucht der Ngram Viewer, wie der Name schon sagt, N-Gramme, also feste Buchstabenkombinationen. Abweichende Schreibweisen bleiben außen vor. Zudem lassen sich Bücher über Wirtschaft schreiben, ohne ständig das Wort "Wirtschaft" zu verwenden.

Kulturisierung

Die Begriffe Politik und Kultur tauchen in den vergangenen Jahren seltener auf, aber immer noch häufiger als 1950. Religion ist als Begriff dagegen wieder im Kommen. Quelle: Ngram Viewer

Und nicht zuletzt befinden sich viele "alte" Schlagwörter seit den 1970er Jahren im Niedergang, schlicht weil seitdem neue Begriffe wie "Computer" oder "Internet" die Bücher füllen, zumal der Ngram Viewer die relative Häufigkeit auswertet. Schließlich deckt sich das, worüber geschrieben wird nicht immer mit dem, was die Menschen tatsächlich bewegt.

Trotzdem müssen sich die Anhänger der Ökonomisierungsthese die Frage stellen lassen, warum sich die Menschen in einer angeblich ökonomisierten Gesellschaft deutlich weniger für Wirtschaft interessieren als 1950, häufiger dafür für Kultur, Politik und selbst Religion ähnlich oft in den Büchern auftaucht wie noch 1950.

Grafik Digitalisierung

Neue Begriffe erobern die Bücher. Quelle: Ngram Viewer

24Sep/141

Enttäuschende Reallohnentwicklung

Positive Nachrichten hatten die Statistiker des Statistischen Bundesamtes vermeldet. Um 1,2 Prozent lagen die Reallöhne im zweiten Quartal 2014 über den Werten des Vorjahresquartals. Auch nach Berücksichtigung der Inflation haben Arbeitnehmer also 1,2 Prozent mehr Geld. Und tatsächlich war diesmal nicht nur eine Ausweitung der Arbeitszeit oder Sonderzahlungen verantwortlich, sondern auch eine Erhöhung der Stundenlöhne der wichtigste Auslöser. Allerdings lohn sich ein Blick zurück. Denn bei aller Freude über den Anstieg haben sich die Arbeitseinkommen seit 2007 sehr negativ entwickelt.

Grafik Reallohnentwicklung

Entwicklung der Reallöhne. Zunahme zum Vorjahresquartal (blau) und Gesamtentwicklung seit 2007 (rote Linie, 2007=100). Quelle: Statistisches Bundesamt

Im Jahr 2013 lagen die Reallöhne gerade mal 3,4 Prozent höher als 2007. das hört sich nach viel an, bedeutet aber ein Lohnplus von 0,48 Prozent pro Jahr, trotz ständigen technischen Fortschritts. Hinzu kommt, dass insgesamt vor allem die oberen Gehaltsgruppen profitiert haben. Mit Ausnahme der ungelernten Arbeiter gilt: Je höher die Qualifikation, desto höher auch das Gehaltsplus. Weil höher qualifizierte Mitarbeiter bereits in der Vergangenheit mehr verdient haben kann man auch sagen: Je höher das Einkommen, desto größer der Zuwachs.

Einzige Ausnahme von dieser Regel sind die ungelernten Arbeiter, ihr Gehalt legte seit 2007 um 12,9 Prozent zu und damit stärker als die Einkommen von angelernten Arbeitern und Facharbeitern. Das kann daran liegen, dass viele ungelernte Arbeiter in der Industrie arbeiten, in der es bei Tariferhöhungen oft einen pauschalen Zuschlag gibt. Untere Einkommensgruppen profitieren davon besonders. Bei den Facharbeitern und angelernten Arbeitern wird dieser Effekt aber davon überlagert, dass in anderen Branchen vor allem die höheren Einkommensgruppen profitierten. Im 2. Quartal 2013 gibt es diesen Effekt übrigens nicht, je höher die Qualifikation, desto höher das Einkommen.

Dabei ist die Inflation aber noch nicht berücksichtigt, die Preise stiegen im gleichen Zeitraum um 10,0 Prozent. Ein echtes Realeinkommen für diese Gruppe gibt es leider nicht. Dazu müsste man eine eigene Inflationsrate für ungelernte Arbeiter erheben, denn die Teuerung trifft nicht alle Einkommensgruppen gleich stark, weil die Preissteigerung von Produkt zu Produkt unterschiedlich ist und verschiedene Gruppen unterschiedlich konsumieren. Preisanstiege bei Mieten und Energie treffen beispielsweise untere Einkommensgruppen stärker, solche bei Reisen, Yachten oder Champagner dagegen die oberen.

Nominallöhne

Entwicklung der Nominallöhne (also ohne Berücksichtigung der Inflation) seit 2007 für verschiedene Qualifikationsgruppen. Quelle: Statistisches Bundesamt

Die Entwicklung der Arbeitseinkommen zu messen ist ohnehin schwierig, weil regelmäßig neue Arbeitnehmer den Markt betreten und alte ausscheiden. In der Vergangenheit lag die Entwicklung der Einkommen teilweise auch deshalb niedrig, weil ehemalige Arbeitslose eine (schlechte bezahlte) Stelle fanden. Damit sank das Durchschnittseinkommen und mitunter auch das Einkommen von Arbeitslosen, obwohl das Gesamteinkommen stieg ("Will-Rogers-Phänomen").

Wie die Gehaltsentwicklung ohne diesen Einfluss wäre, lässt sich kaum berechnen. Sicher sagen kann man aber: Auch nicht besonders gut. Auch Steuereffekte, beispielsweise die Kalte Progression, sind dabei nicht berücksichtigt. Gut möglich, dass am Ende beim Nettolohn sogar ein Minus steht.

Tagged as: 1 Comment
17Sep/140

Ist das Auto out?

Zugegeben, die These das Auto seit out habe ich vor allem wegen des Wortspiels gewählt. Wer den Hype um das Kfz beobachtet, kann nicht ernsthaft der Meinung sein, dass Automobil sei nicht mehr gefragt. Allerdings deuten einige Daten darauf hin, dass für die jüngeren Generationen die Bedeutung sowohl als Statussymbol als auch als Fortbewegungsmittel abgenommen hat.

Da ist zunächst die gefühlte Evidenz, dass es mittlerweile eine Reihe von jungen Paaren und sogar Familien gibt, die "nur" noch ein Auto besitzen und nicht mehr zwei, wie es noch vor nicht allzu langer Zeit Standard war. Aber gefühlte Statistik ist eben keine richtige Statistik, deshalb lohnt sich ein Blick in die Daten.

Weniger Pkw-Verkehr in den USA

Aus Amerika gibt es eine Untersuchung der Federal Highway Administration, nach der die durchschnittliche Zahl der gefahrenen Meilen von 2001 bis 2009 von fast 14.000 auf rund 13.000 zurückgegangen ist. Doch damit nicht genug, das könnte schließlich auch ein statistischer Effekt sein. Schließlich gibt es immer mehr alte Menschen und die fahren weniger Auto, weil sie nicht mehr täglich zur Arbeit pendeln müssen. Am meisten nutzten das Auto 2001 wie auch 2009 die Altersgruppen zwischen 30 und 55, die oft beruflich viel unterwegs sind.

Doch daran scheint es nicht zu liegen, die Zahl der zurückgelegten Meilen sank nämlich in fast allen Altersgruppen - außer den über 65-Jährigen, die legten weitaus mehr Meilen zurück als acht Jahre vorher. Viel weniger reisten dagegen die Altersgruppen von 21 bis 35 mit dem PKW.

Eine andere Quelle nennt für 20- bis unter 30-Jährige Amerikaner einen Rückgang der täglich gefahrenen Kilometer (die andere Grafik war in Meilen) pro Person von 70 auf unter 60 im gleichen Zeitraum. In Deutschland sinkt die Zahl der Autokilometer pro Person in dieser Altersgruppe schon seit Mitte der 1990er Jahre, von damals rund 45 auf 2007 rund 38 Kilometer.

Niederlande: Junge fahren weniger Auto

Für die Niederlande kommt die OECD zu dem Ergebnis, dass die 20- bis 29-Jährigen von 1995 bis 2011 26,5 Prozent weniger Kilometer mit dem Auto zurück legten, während ihre Zahl nur um 12,1 Prozent sank. Anders als in den USA stieg aber die Verkehrsleistung im Nachbarland stärker als die Bevölkerung, weil nur noch die 30- bis 39-Jährigen das Auto weniger nutzten, die übrigen Altersgruppen dagegen häufiger. Die über 60-Jährigen legten sogar insgesamt 84,6 Prozent mehr Kilometer im Auto zurück, obwohl diese Altersgruppe "nur" um 36,4Prozent wuchs.

Vernunft oder Uni?

Virtuelles Auto

Reicht es nicht, ein virtuelles Auto zu besitzen? Bild: Marc Blieux (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/)

Nun gibt es natürlich verschiedene denkbare Gründe, warum vor allem die unter 30-Jährigen weniger Auto fahren. Im Internet ist auf einschlägigen Seiten von den "walking poor" die Rede, die jungen Menschen hätten schlicht kein Geld mehr für ein Auto. Diese These überzeugt allerdings nicht unbedingt, schon lange sind Autos kein Privileg der Reichen mehr.

Schon eher könnten längere Ausbildungszeiten eine Rolle spielen. Studenten können oft leichter auf das Auto verzichten als Arbeitnehmer. Auch die Urbanisierung könnte eine Rolle spielen, in Ballungsräumen ist der Pkw weniger wichtig als auf dem Land. Schließlich ist es aber auch denkbar, dass andere Statussymbole das Auto abgelöst haben, etwa ein teures Smartphone. Dann wäre der Rückgang bei den Autokilometern keine kurzzeitige Veränderung, die wieder verschwindet wenn die jungen Menschen die Uni verlassen oder aus der Stadt in den Vorort ziehen.

Tagged as: No Comments