Statistiker-Blog

Thema 1: Gewalt und Belästigung

Nun ist es bereits einen Monat her, dass ich die Reihe zum Thema „Männer und Frauen“ angekündigt habe. Eigentlich möchte ich jede Woche einen Beitrag veröffentlichen, aktuell fehlt mir nur leider die Zeit.

Ausgelöst wurde die aktuelle Debatte um Frauen und Männer vom Thema sexuelle Belästigung. Da bietet es sich natürlich an, auch damit zu beginnen. Leider ist die Datenlage gerade beim Thema sexuelle Belästigung sehr schlecht. Nur ein kleiner Teil der Übergriffe wird tatsächlich angezeigt und damit auch statistisch sichtbar. Das Thema ist auch gar nicht so einfach, weil die Polizeiliche Kriminalstatistik die Delikte sehr genau aufschlüsselt und ich als Nicht-Jurist erst einmal im Gesetz jene Tatbestände suchen muss, die mich interessieren.

Ich habe mich stets auf die vollendeten Straftaten beschränkt, die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst aber auch versuchte sowie eine Gesamtsumme. Ein anders Bild ergibt sich durch die Einbeziehung der Versuche aber nicht.

Sexuelle Belästigung schwer zu quantifizieren

Gestritten wurde zuletzt vor allem über Sexualdelikte. Meist war dabei die Rede von sexueller Belästigung. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gab es im Jahr 2017 genau 10.017 Opfer von sexueller Belästigung (nach § 184i StGB), darunter 9.417 Frauen und 600 Männer. Doch die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Das zeigt sich schon darin, dass von sexuellem Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b, 179, 182, 183, 183a StGB) mit 24.313 Personen (19.154 Frauen und 5.159 Männer) laut Kriminalstatistik weitaus mehr Opfer gezählt wurden, obwohl das Delikt das seltenere seien dürfte. Allerdings ist die Anzeigebereitschaft hier größer. Die Zahlen dürften zwar ebenfalls zu niedrig liegen, nicht aber im gleichen Maße wie jene zur sexuellen Belästigung.

Sexuelle Belästigung Statistik

Opfer sexueller Belästigung nach polizeilicher Kriminalstatistik

Zudem ist die sexuelle Belästigung nach § 184i StGB nur ein Delikt von vielen. Bei vollendeten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (§§ 174, 174a, 174b, 174c, 177, 178, 184i, 184j StGB) wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik insgesamt 23.130 Opfer gezählt, davon waren 92,8 Prozent weiblich.

Auch hier dürften die Zahlen natürlich eher zu tief liegen, wobei das auch für andere Delikte zutrifft.

Gewalt gegen Frauen – und Männer

Aber nicht nur sexuelle Belästigung ist ein großes Thema, sondern auch Gewalt gegen Frauen. Dazu gehören natürlich auch Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, die sowohl zu den Sexualdelikten als auch zur Gewaltkriminalität gehören. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen nach den Paragraphen 177 und 178 StGB gab es insgesamt 12.462 Opfer, davon waren 92,6 Prozent weiblich.

Ausnahme war der sexuelle Missbrauch von Personen ab 14 Jahren durch Ausnutzen einer Amtsstelle. Hier waren 100 Prozent der Opfer männlich – allerdings war das im Jahr 2017 nur ein einziges.

Gewalt muss aber natürlich nicht nur sexualisiert sein. Es gibt auch die ganz „normale“ Gewalt. Die reicht von einer Ohrfeige bis hin zu Fällen, in denen das Opfer halb totgeschlagen wurde. Sind hier auch die Frauen mehrheitlich betroffen? Immerhin gibt es Kampagnen gegen Gewalt an Frauen und Frauenparkplätze, aber nichts entsprechendes für Männer.

Gewaltkriminalität Statistik

Gewaltkriminalität geht glücklicherweise insgesamt zurück. Bild: Statista

Betrachtet man die Gewaltkriminalität nach den Definitionen der Polizeilichen Kriminalstatistik, gibt sich ein überraschend anderes Bild. Mit Ausnahme der Sexualdelikte sind Männer hier fast überall die Hauptopfer. Beispielsweise beim schweren Straßenraub und räuberischer Erpressung auf Straßen, die laut §§ 250, 251 und 255 auch Wegen oder Plätzen stattfinden können. Von den 4.743 Opfern waren 88,0 Prozent Männer. Die beiden Todesopfer darunter waren ebenfalls beide Männer. Auch von den 198 Opfern von schwerer Körperverletzung auf Straßen, Wegen und öffentlichen Plätzen sind 83,3 Prozent Männer. Noch höher ist der Männeranteil beim schweren Raub zur Erlangung von Betäubungsmitteln, hier sind Männer zu 95,3 Prozent die Opfer. Nur bei den 1.368 Opfern von Handtaschenraub sind 88,5 Prozent der Opfer Frauen.

Selbst bei häuslicher Gewalt werden Männer möglicherweise weitaus häufiger Opfer als bisher angenommen. Das gilt nach einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts womöglich sogar für häusliche Gewalt. Körperliche und psychische Gewalt von Frauen gegen Männer gibt es demnach ähnlich oft oder sogar häufiger als umgekehrt (die Gesamtstudie findet man hier, Gewalt ist nur ein Teilaspekt darin). Eine Studie des Bundeskriminalamtes geht dagegen davon aus, dass rund vier von fünf Opfern von häuslicher körperlicher Gewalt Frauen sind (vgl. dazu welt.de). Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geht davon aus, dass die Mehrzahl der Opfer häuslicher Gewalt Frauen sind. Allerdings ist der Anteil von Männern auch hier deutlich höher als in der öffentlichen Wahrnehmung.

Warum werden Männer häufiger Gewaltopfer?

Insgesamt werden Männer allerdings häufiger Gewaltopfer. Warum? Bei den 76 Fällen von Beraubung von Taxifahrern ist die Sache klar. Hier sind 68 Opfer, also 89,5 Prozent Männer, weil die meisten Taxifahrer eben Männer sind. In vielen Berufen mit hohem Risiko Gewaltopfer zu werden arbeiten vor allem Männer, auch wenn es hier ebenfalls Ausnahmen gibt, beispielsweise Prostituierte.

In den meisten Fällen kann ich aber nur spekulieren. Vermutlich kommen mehrere Faktoren zusammen. Umfragen zeigen, dass Frauen vorsichtiger sind. Sie sind ängstlicher wenn es darum geht, Abends nicht alleine durch die Straßen zu laufen. Auch in Kneipenschlägereien werden sie seltener verwickelt. Wobei solche Schlägereien meist nicht in die Kriminalstatistik einfließen, weil sie oft nicht angezeigt werden.

Gewalt gegen Männer Statistik Gewalt gegen Frauen

Häusliche Gewalt je 100.000 Einwohner gegen Frauen (blau) und Männer (grau). Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Allerdings agieren auch die Täter und das Umfeld anders. Wer bei einer hitzigen Diskussion in der Kneipe seiner Duellantin eine ballert, dürfte schnell die anderen Kneipengäste gegen sich haben. Ist der Kontrahent ein Mann, ist die Sache nicht so klar. Und auch Ganoven haben eine Ehre, die Hemmschwelle einen Mann zu attackieren dürfte deutlich niedriger liegen. Erst heute bekam ich von meinem Statistik-Kollegen Murat Karaman ein Video geschickt. Darin kickt ein Mann in der Küche mit einem Ball, die Frau ermahnt ihn und als er nicht hört, erhält er einen festen Tritt. Stellen wir uns nun vor, die Rollen wären vertauscht. Würde das Video dann ebenfalls vor allem heitere und schadenfrohe Reaktionen hervorrufen?

Zwar sind das nur Spekulationen. Schon 2005 gab es aber eine Pilotstudie „Gewalt gegen Männer„. Dort vermutet man ähnliches wie ich.

Fazit

Aussagen über das Geschlechterverhältnis auf Basis der Polizeilichen Kriminalstatistik sind schwierig, weil gerade häusliche Gewalt oft nicht angezeigt wird. Das Bundeskriminalamt vermutet, dass rund 80 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt Frauen sind. Von einzelnen Studien abgesehen vermuten die meisten Studien ähnliches, zumindest wenn man sich auf körperliche Gewalt beschränkt. Insgesamt sind Männer aber auch nach den Daten des BKA deutlich häufiger von häuslicher Gewalt betroffen als es Infokampagnen zu dem Thema vermuten lassen. Diese legen nämlich meist nahe, dass Männer immer Täter und Frauen immer Opfer sind.

Selbst wenn die häusliche Gewalt in der Polizeilichen Kriminalstatistik vermutlich unterzeichnet ist, so kann man doch davon ausgehen, dass Männer insgesamt häufiger Opfer von Gewaltkriminalität werden. Ob sie daran selbst schuld sind oder ob sich darin ein gesellschaftlicher Missstand offenbart, das ist eine ideologische Frage und soll hier nicht behandelt werden.

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Männer sind – und Frauen auch

Es wird viel über Männer und Frauen diskutiert. Erst war es die Me too Kampagne, in der der Ton teilweise so rau war, dass selbst in der linksliberalen ZEIT sich Autor Jens Jessen über Männerfeindlichkeit und stalinistische Methoden beschwerte.

Zeit für eine Bilanz: Wer ist jetzt eigentlich benachteiligt? Um es kurz zu machen, ich werde auf diese Frage keine Antwort geben. Aber ich kann eine ganze Reihe von Statistiken präsentieren die Auskunft darüber geben, welches Geschlecht in welchem Bereich die Nase vorne hat.

Das ich kein Urteil über die Frage nach der Benachteiligung geben kann hat zwei Gründe.
Erstens sieht es je nach betrachtetem Themengebiet unterschiedlich aus. Beim Einkommen liegen die Männer vorne, bei der Lebenserwartung die Frauen.

Männeranteil in Frauenberufen

Bei Frauen sind immer noch andere Berufe beliebt als bei Männern. Anteil von männlichen Bewerbern in den 15 bei Frauen beliebtesten Ausbildungsberufen Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Zweitens lässt sich von einem Unterschied nicht unbedingt auf eine Benachteiligung schließen. Der Standardeinwand lautet stets, dass die gemessenen Unterschiede nur Differenzen zwischen den beiden Geschlechtern abbilden würden. Tonnen von Büchern befassen sich damit, nicht alles davon ist allerdings wissenschaftlich. Wie beim Thema Bildungsungleichheit gilt auch hier, dass sich angeboren und anerzogen oft gar nicht so einfach trennen lassen.

Arbeitslosengeld

In den oft niedrig bezahlen sozialen Berufen arbeiten viele Frauen. Werden diese Berufe so gering bezahlt, weil dort viele Frauen arbeiten? Oder arbeiten dort so wenige Männer, weil auf ihnen die Last liegt, das Geld für den Haushalt zu verdienen? Diese Frage ist kaum zu beantworten. Bild: Bundesagentur für Arbeit

Natürlich habe ich auch eine eigene Meinung zu dem Thema, die ich im Laufe der Serie auch in einem Kommentar darlegen werden. Bis dahin versuche ich, möglichst beiden Seiten gerecht zu werden. Ganz unparteiisch bin ich als Mann natürlich nicht, ich nehme aber gerne von Frauen Hinweise entgegen, welche Aspekte man noch betrachten sollte. Bisher angedacht sind folgende Themen:

  • Gesundheit und Lebenserwartung,
  • Einkommen und Beruf,
  • Rente (hängt mit den beiden obigen Themen natürlich eng zusammen),
  • Gewalterfahrung,
  • Hausarbeit und Freizeit
  • Bildung und
  • Zufriedenheit.

Es wird also eine ziemlich lange Serie. Langweilig wird sie sicher nicht.

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Streitpunkt Fahrradfahrer

Beim Thema Fahrrad scheiden sich die Geister. Einerseits ist klar, dass die meisten Städte im Verkehr ersticken. Zwar verweisen Autofreunde darauf, dass die Luft in den Städten heute besser ist als vor 40 Jahren. Sogar besser als vor 100 Jahren, als es noch keine Autos, dafür aber Öfen in jedem Haus gab. Andererseits stockt der Verkehr vielerorts, Autos sind außerdem eine Lärmquelle und nehmen viel Raum für sich in Anspruch.

Radfahrer Verkehrsregeln

Nur mäßig gute Umwelteigenschaften haben SUVs. Noch schlechter schneidet dieses Fahrzeug ab. Foto: Branimir Dolički (cc)

Das Fahrrad wird immer wieder als Alternative genannt, zumal das Fahrradfahren auch der Gesundheit dient. Trotz immerhin 537 getöteten Fahrradfahrern im Jahr 2015 (Quelle: Statistisches Bundesamt). Gleichzeitig zieht aber auch keine Gruppe von Verkehrsteilnehmern so viele Aggressionen auf sich wie die Fahrradfahrer. Ex-Minister Wolfgang Gerhard (FDP) ätzt gegen die Radler, die seiner Meinung nach moralisch überheblich sind und sich außerdem an keine Verkehrsregeln halten würden. Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust motzt über den in Hamburg geplanten Ausbau von Fahrradwegen zulasten der Autofläche.Besonders heftig hetzte Auto-BILD jüngst über die Fahrradfahrer. Immerhin gibt der Axel Springer Verlag seit kurzem auch die Bike-BILD heraus.

Rote Ampel Fahrradfahrer Statistik

Vor ihnen sollte man Angst haben, den sie gehen so oft über eine rote Ampel wie sonst kein Verkehrsteilnehmer: Fußgänger Foto: Andreas Cappell

Die BILD-Gruppe beweist  mit ihrer Titelgeschichte („Sie stehlen uns die Straße“) wieder mal ein gutes Gespür für die Volksseele. 81 Prozent fühlen sich nach einer Erhebung von YouGov durch Fahrradfahrer bedroht, bei Autofahrern sind es nur 72 Prozent der Frauen und sogar nur 59 Prozent der Männer, obwohl weitaus mehr Menschen durch Autos als durch Fahrräder getötete werden.

Immerhin stimmt es, dass Fahrradfahrer häufiger als Autofahrer eine rote Ampel überfahren, zumindest wenn man ihren eigenen Angaben traut. Demnach tun das nur 6 Prozent der Autofahrer, aber 22 Prozent der Radler  (YouGov in „Wie wir Deutschen ticken“). Wobei jene Autofahrer, die noch über die  Ampel fahren, wenn die gerade Rot geworden ist, sich vermutlich mitzählen. Allerdings sollten sich nach dieser Erhebung die Deutschen vor allem von Fußgängern bedroht fühlen, denn dort gehen 71 Prozent gelegentlich über eine rote Ampel.

Ohnehin führt die geringere Regeltreue der Fahrradfahrer nicht dazu, dass sie besonders viele Unfälle verursachen. Nach einer Erhebung des ADFC-Berlin wurden fast 50 Prozent der Unfälle von Fahrrad- mit Autofahrern ausschließlich von den Kfz-Führern verursacht. Die übrigen 50 Prozent verteilen sich auf jene Fälle, in denen die Fahrradfahrer schuld waren und jene, in denen beide Schuld hatten. Leider wird das in den Daten, die dem Verkehrssicherheitsbericht der Polizei entnommen sind, nicht weiter untergliedert.

Der Anteil der Autofahrer, die bei diesen Unfällen getötet oder schwer verletzt wurden, dürfte im Vergleich zu den Fahrradfahrern noch weit niedriger liegen. Somit ist der Ärger des Herrn Gerhard nur teilweise verständlich. Die Fahrradfahrer gefährden sich, im Gegensatz zu einem Rotsünder im Auto, vor allem selbst.

 

 

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