Statistiker-Blog

Sind die Millenials undemokratisch?

Eine (zugegeben schon drei Jahre alte) Studie des deutsch-US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Yascha Mounk und des Australiers Roberto Stefan Foa im Journal of Democracy legt den Schluss nahe, dass ausgerechnet rund 30 Jahre nach dem Fall der Mauer die Mehrheit der Millennials (damit sind meist die zwischen 1980 und der Jahrtausendwende gebornen Menschen gemeint) die Demokratie nicht besonders wichtig findet – sofern sie sich überhaupt für Politik interessiert.1

Die Jugend von heute…

Über die Jugend von heute wird immer geklagt. Nicht immer zurecht, beispielsweise ist die Jugendkriminalität eher gesunken, bei den Rohheitsdelikten tauchen vor allem alte weiße Frauen häufiger in der Statistik auf (wobei „alt“ hier über 60 meint und die Statistik keine Aussage über die Hautfarbe trifft). „Wer über die Jugend von heute jammert, jammert eigentlich darüber, dass er alt wird“, lautet ein häufig zitierte Aphorismus.

Mounk und Foa haben aber eine ganze Reihe von Daten zusammengetragen. Außerdem werden beide eher dem linken und nicht dem konservativen Milieu zugerechnet, wo die Klagen über den Sittenverfall der Jugend eigentlich zu Hause sind (wobei die Linke in den vergangenen Jahren immer mehr Themen der klassischen Rechten übernommen hat).

Böse Jugend

Anteil der Menschen, die es für „absolut wichtig“ halten in einer Demokratie zu leben nach Geburtsjahrzehnt. Quelle: 6 Welle des World Value Survey nach Mounk, Der Zerfall der Demokratie

 

Der Studie zufolge finden nur 19 Prozent der US-amerikanischen Millennials eine Machtübernahme durch das Militär illegitim, verglichen mit 43 Prozent der älteren US-Amerikaner. In der Europäischen Union ist der Unterschied mit 36 zu 52 Prozent allerdings etwas geringer. Und gerade mal 33 Prozent sehen Bürgerrechte als „absolut essenziell“, verglichen mit 41 Prozent der Älteren (was ebenfalls wenig ist). Auch hier ist der Unterschied in der EU mit 39 zu 45 Prozent geringer.

Mehr als ein Viertel der Millenialls (26 Prozent) findet freie Wahlen außerdem „unwichtig“, bei den Baby-Boomern sind es nur 14 Prozent, bei den zwischen den Weltkriegen geborenen Menschen sogar nur 10 Prozent.

Militärdiktatur

Militärdiktatur gefällig? Erstaunlich viele US-Amerikaner finden diesen Gedanken attraktiv. Foto: Skeeze auf Pixabay

Deutlich ist der Rückgang bei der Frage, ob man die Demokratie für „absolut wichtig“ halte. Bei den in den 1930er Jahren geborenen US-Amerikanern, die sich an den Rückzug der Demokratie in den 1930 und 1940er Jahren zumindest aus Erzählungen der Eltern noch erinnern, sagen das 71 Prozent, bei den in den 1980er Jahren geborenen nur noch 29. Auffällig sind dabei die Differenzen zwischen den in den 30er und den 40er Jahren geborenen sowie den in den 70er und 80er Jahren zur Welt gekommenen.

Demokratie 1973 Karte

Ich habe mir mal erlaubt, die fehlerhafte Grafik von ourworldindata.org zu korrigieren. Argentinien und Botswana sind hier im Jahr 1973 als Demokratien eingestuft, wie es in den Originaldaten von Policy IV auch der Fall ist. Das Bild unterliegt damit natürlich weiterhin der Lizenz CC-BYSA 4.0

Das würde aber zu einer von Mounk geäußerten Vermutung passen, dass man nämlich die Erziehung zu einem kritischen Geist übertrieben hat. Aus der Kritik der Institutionen, so Mounk, ist teilweise ihre Verachtung geworden. Er erzählt dazu das Beispiel einer Studentin, die ihm von einem Dilemma berichtet. Sie finde Demokratie wichtig, doch die basiere auf den Werten der Aufklärung. Die aber, so habe sie auf der Universität gelernt, seien verfolgen und falsch.

Demokratie 2015

Die Welt im Jahr 2015. Leider sind Länder mit dem Wert 6 fälschlicherweise als Anokratien eingefärbt, obwohl sie laut Definition von Policy IV noch Demokratien sind. Das betrifft beispielsweise Namibia und Madagaskar.

Die in den 1940er Jahren geborene (und in den 1960er Jahren jugendlichen) Menschen haben diesen Geist etabliert, die in den 1980er Jahren geborenen sind dann die erste Generation, die nur noch wenige Lehrer oder Hochschuldozenten hatten, die vor 1940 geboren wurden. So könnte man die beiden deutlichen Rückgänge erklären. Das ist allerdings reine Spekulation. Es sind auch viele andere Erklärungen denkbar und nicht zuletzt kann auch immer der Zufall eine Rolle spielen.

Was sagt uns das?

Ohnehin ist es schwer festzustellen, ob es sich um einen Kohorten- oder einen Alterseffekt handelt. Also ob junge Menschen heute generell die Demokratie eher infrage stellen als die Generation ihr Eltern oder Großeltern oder ob es lediglich jugendlicher Übermut ist, der Diktaturen als „eigentlich ganz okay“ erscheinen lassen und die in den 1980er Jahren geborenen Menschen in 50 Jahren auch die Demokratie so schätzen werden wie heute der 1930er-Jahrgang.

Erinnern wir uns an die Thyrannophilie vieler junger Menschen in den 1960er Jahren. Der bis heute von vielen US-Linken verehrte Noam Chomsky beschönigte beispielsweise die Morde des kambodschanischen Kommunisten Pol Pot, während dessen Herrschaft ein Demozid nach Schätzung von Ben Kiernan vom Genocide Studies Program der Universität Yale rund ein Fünftel der Bevölkerung des Landes umkam (andere Studien kommen zu niedrigeren Ergebnissen von „nur“ zehn Prozent, wieder andere gehen von weit höheren Zahlen aus). Che Guevara, ebenfalls alles andere als ein Demokrat, wurde zur Pop-Ikon der Zeit und in Berlin skandierten die Studenten vof 50 Jahren „Ho-, Ho-, Ho-Chi-Minh“.2

Extremistische Jugendliche

Jährliche Steigerung der der Links- und Rechtsextremen (Selbstbewertung mit 1 als weit links oder 10 als weit rechts auf einer Skala mit zehn Optionen) innerhalb von rund 15 Jahren bei 15 bis unter 25-Jährigen. In den meisten großen Ländern ist der Anteil der Extremisten deutlich angestiegen.
Quelle: World Value Survey, zitiert nach Mounk, Der Zerfall der Demokratie

Um einen Verlust des Vertrauens in die Demokratie zu diagnostizieren bräuchten wir also mehr Daten. Immerhin liegen diese zum Interesse an Politik vor. Hier ist tatsächlich ein deutlicher Rückgang festzustellen. 1990 gaben noch 53 Prozent der 16 bis unter 36-Jährigen in den USA und 48 Prozent in der EU an sich für Politik zu interessieren. Bis 2010 sank der Wert auf 41 Prozent in den USA und 38 Prozent in der EU. Bei den 36 Jahre und älteren Menschen gab es in der EU keine Veränderung, in den USA stieg das Interesse sogar.

Außerdem steigt der Anteil der extremistischen Jugendlichen an. Beispielsweise wurden Menschen gebeten, sich auf einer Skale von 1 (weit links) bis 10 (weit rechts) selbst einzuordnen. Hier liegen im World Value Survey Daten für verschiedene Zeiträume vor.3 In fast allen wohlhabenden und freien Ländern stieg der Anteil derer, die sich einem der beiden Extreme zuordneten.

Zustimmung zu starkem Führer

Unterstützung für eine autoritäre Führungsperson in den USA. Anteil der Personen, die ein politisches System, in dem ein starker Führer nicht auf Wahlen und Parlament Rücksicht nehmen muss, für gut oder sehr gut halten. Vergleich von 18 bis unter 25-Jährigen (blau) mit allen Befragten (orange).

Allerdings ist Jugend nicht das alleinige Problem. Insgesamt steigt die Zustimmung zu einem starken Führer und die Ablehnung der Demokratie in praktisch allen wohlhabenden Ländern. Mitunter wird die Abschaffung oder Einschränkung der Mitbestimmungsrechte des Volks von einigen Autoren oder Politikern ganz offen gefordert, als Alternative wird oft eine „Herrschaft der Gebildeten“ genannt, wobei sich die Redner natürlich als solche verstehen.

Unterschiede zwischen sozialen Gruppen und Ländern

Leichter zu bewerten ist die Einstellung zwischen den Ländern. Wie gesehen ist das Interesse an Politik in den USA höher, was aber nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein muss. Denn es könnte auch Folge der dortigen Polarisierung sein.

Nach wie vor ist die freie Meinungsäußerung den US-Amerikanern aber wichtiger. Bei der Frage ob Aussagen zensiert werden dürfen, wenn Minderheiten kritisiert werden, antworteten nur 28 Prozent der US-Amerikaner mit „Ja“, aber 70 Prozent der Deutschen. Wir liegen damit an der Spitze, denn im EU-Schnitt finden das nur 49 Prozent. Hoch ist die Zustimmung auch in Italien oder Polen, allerdings mit 62 und 50 Prozent immer noch deutlich niedriger.

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Die Meinungs- und Pressefreiheit genießt in den USA nach wie vor einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Foto: Pressebild readly.de

Für die USA wurden die Daten weiter aufgeschlüsselt. Die Millennials sind mit 40 Prozent erwartungsgemäß besonders Zensur-freudig, auch hier bleibt aber offen, ob es sich um einen Kohorten- oder einen Alterseffekt handelt.

Auffällig ist, dass – entgegen der Kritik am US-Bildungssystem – die Meinungsfreiheit mit höherem Bildungsabschluss höher geschätzt wird und Frauen eher bereit sind diese einzuschränken als Männer.

Footnotes

  1. Alle Daten in diesem Artikel nach Mounk, Yascha: Der Zerfall der Demokratie – Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht, München 2018, S. 115 – 130
  2. Siehe zu diesem Thema auch Herman, Arthur: Propheten des Niedergangs – Der Endzeitmythos im westlichen Denken, Berlin 1998
  3. Da die zitierten Länder in verschiedenen Wellen erhoben wurden, liegt die erste Erhebung jeweils zwischen 1989 und 1996, die zweite zwischen 2006 und 2012
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Die unterschätzte Bedeutung von Rücküberweisungen

Zunächst einmal einen kurzen Satz in eigener Sache vorweg: Da ich aktuell noch ein paar zusätzliche Lehraufträge in der Erwachsenenbildung angenommen habe, bleibt mir weniger Zeit zum bloggen. Damit regelmäßige Leser nicht vergeblich auf Beiträge warten habe ich zu einem neuen Rhythmus durchgerungen: Auf zunächst unbestimmte Zeit erscheint einer neuer Beitrag immer am ersten Freitag im Monat. Ich gebe also meinen bisher angestrebten (aber schon lange nicht mehr eingehaltenen) wöchentlichen Rhythmus zugunsten eines monatlichen auf.

Anteil von Rücküberweisungen am BIP

Mein Thema für heute soll aber ein ganz anders sein, nämlich die Bedeutung von Rücküberweisungen für die Wirtschaft einzelner Länder. Das sind Gelder, die von im Ausland lebenden Staatsangehörigen (oder ehemaligen Staatsangehörigen) vor allem an weiter im Ursprungsland lebende Verwandte überwiesen werden. Da ist beispielsweise der Einwanderer aus dem Kosovo, der seinen Eltern regelmäßig Geld aus Deutschland überweist, vielleicht auch seinen Geschwistern hin und wieder Geld zukommen lässt.

Warum Kosovo? Weil dort die Rücküberweisungen rund 13,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) entsprechen, das ist europäischer Rekordwert. Tatsächlich finden sich, abgesehen von der Ukraine, vor allem Staaten aus dem ehemaligen Jugoslawien auf der Liste, auf Platz zwei folgt Bosnien und Herzegowina, auf Platz vier (nach der Ukraine) dann Montenegro vor Albanien, Serbien und Kroatien. Wobei die Rücküberweisungen in Kroatien nur rund 3,6 Prozent des BIP ausmachen.

Kroatien Rücküberweisungen

Die Einnahmen aus dem Tourismus entsprechen in Kroatien nahezu denen aus Exporten. Bild von Ivan Ivankovic

Das liegt aber weniger an den niedrigen Rücküberweisungen von Kroaten, sondern vor allem am vergleichsweise hohen BIP, das pro Kopf rund dreimal so hoch liegt wie etwa im Kosovo.

Welche Länder haben hohe Rücküberweisungen?

Diese kurze Überlegung zeigt auch schon, welche Länder einen hohen Anteil von Rücküberweisungen am BIP haben: Jene mit vielen Auswanderern und geringem Bruttoinlandsprodukt. Wobei beides natürlich zusammen hängt, aus einem reichen Land wandern weniger Menschen aus. Allerdings verlassen auch aus den ärmsten Ländern wenige ihre Heimat, da sie sich eine Auswanderung nicht leisten können. Und die Nähe zu einem wohlhabenden Land vergrößert natürlich die Neigung auszuwandern.

Solche Bedingungen finden sich beispielsweise auf Haiti. Das Land ist arm – es ist das einzige Land auf dem amerikanischen Doppelkontinent, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt.1

Haiti Rücküberweisungen

Haiti ist vor allem aus den Nachrichten durch Katastrophen bekannt, hat aber auch schöne Ecken. Foto: Pixabay

Es liegt zusammen mit der Dominikanischen Republik auf der Insel Hispaniola. Die Grenze zwischen beiden Ländern ist eine der mit dem höchsten Wohlstandsgefälle, das Bruttonationaleinkommen pro Kopf liegt in der Dominikanischen Republik mehr als achtmal so hoch wie in Haiti. Zwischen Mexiko und den USA ist die Differenz weit kleiner, das der Vereinigten Staaten ist etwas mehr als dreimal so hoch. Die Grenze zwischen den Staaten kann teilweise sogar aus der Luft erkennen, während auf der einen Seite Bäume stehen, wurde die Wälder in Haiti vielerorts abgeholzt. 2

Und dann sind da natürlich noch die USA in Reichweite, die wiederum fast viermal so reich sind wie die Dominikanische Republik. Kein Wunder also, dass Haiti einen hohen Anteil von Rücküberweisungen hat.

Tonga an der Spitze

Tatsächlich liegt Haiti beim Anteil der Rücküberweisungen am Bruttoinlandsprodukt ganz vorne. 2018 entsprach das von Haitianern im Ausland überwiesene Geld rund 30 Prozent des BIP. Weltweit sind diese Finanzströme für die armen Länder weit bedeutsamer als Entwicklungshilfe. Zumal die Zahlungen direkt an die Menschen gehen (abzüglich allerdings der oft hohen Kosten für den Transfer), während vor allem die an Staaten gezahlte Entwicklungshilfe zu einem relevanten Anteil „versickert“. Einige Autoren wie der Philosoph William MacAskill raten deshalb sogar dazu, statt für Entwicklungshilfe zu spenden, das Geld lieber an Organisationen wie Give Directly zu geben, die es armen Menschen als eine Art bedingungsloses Grundeinkommen auszahlen. 3

WesternUnion Gebühren

Früher war WesternUnion ein Telegrafenbetreiber in den USA, heute ist das Unternehmen vor allem für das Versenden von Geldern in Schwellen- und Entwicklungsländer bekannt.

Ob Direktzahlungen wirklich effizienter sind ist, wie fast alles im Bereich Entwicklungshilfe, natürlich umstritten. Klar ist aber, dass sie vom Umfang sehr bedeutend sind, auch wenn sie nur in wenigen Staaten so wichtig sind wie in Haiti.

Es gibt allerdings auch Länder, für die Rücküberweisungen noch bedeutender sind. An der Spitze der Tabelle steht der Inselstaat Tonga. Bekannt ist das Land vor allem wegen seiner Top-Level-Domain .to, die oft für illegale Aktivitäten genutzt wird und den Verkauf tongaischer Pässe. Es liegt in der Nähe von Neuseeland und Australien und ist deutlich ärmer als die beiden Länder. Die benachbarten Fidschi-Inseln sind allerdings nur wenig reicher, trotzdem liegt der Anteil von Rücküberweisungen hier nur bei rund 5,5 statt 35,2 Prozent. Tonga hat allerdings nur rund 100.000 Einwohner. Denkbar, dass einfach der Zufall die Position an der Spitze der Liste erklärt. Wie schon mehrfach erwähnt sind kleine Gebietseinheiten besonders anfällig für solche zufälligen Ausschläge. Möglicherweise ist eine Gruppe von Tonganer ausgewandert und hat Verwandte und Freunde nachgeholt, sodass sich schnell eine große Auslandskolonie gebildet hat.

Zudem ist der Anteil von Rücküberweisungen in kleinen Staaten generell höher. Das ist auch leicht nachvollziehbar, jemand der in Indien in die nächste Millionenstadt umzieht, bleibt meist im gleichen Land, selbst wenn er jetzt über 1.000 Kilometer weit entfernt wohnt. Seine Rücküberweisungen werden nicht als Rücküberweisung in ein Land gezählt. In einem Kleinststaat ohne große Städte bedeutet jeder Umzug in eine Metropole immer den Gang ins Ausland, auch wenn die vielleicht deutlich näher an der Heimat wohnt als unser Beispiel-Inder.

Ex-Sowjetrepubliken folgen

Leichter zu erklären ist, warum Kirgisistan und Tadschikistan auf Platz zwei und drei der Liste stehen. Beide Staaten sind ehemalige Sowjetrepubliken. Traditionell arbeiten viele Menschen aus diesen Ländern in anderen ehemaligen SU-Staaten, vor allem in Russland und Kasachstan, die aufgrund ihres Rohstoffreichtums attraktiv sind.

Es folgt das bereits erwähnte Haiti vor Nepal. Die Position Nepal überrascht zunächst, denn das Land ist nicht gerade von reichen Ländern umgeben. Allerdings hat das benachbarte Indien ein fast dreimal so hohes Bruttonationaleinkommen  und die Bevölkerungsmehrheit ist in beiden Ländern hinduistisch. Das Land exportiert so wie gar nichts (Exporte von 0,8 Mrd. US-Dollar bei Importen von 10,5 Mrd. US-Dollar), neben Rücküberweisungen ist vor allem der Tourismus ein wichtiger Devisenbringer.

Anteil Rücküberweisungen am BIP

Anteil der Rücküberweisungen am BIP. Länder mit dem höchsten Anteil Quelle: Weltbank

Die übrigen Staaten unter den Top-10 sind überwiegend klassische Herkunftsländer von US-Einwanderen. Daneben finden sich auf der Liste die Palästinensischen Autonomiegebiete (Westbank und Gaza, Rücküberweisungen aus Israel) und die Komoren. Letztere dürften vor allem auf die arabische Halbinsel ausgewandert sein.

In absoluten Zahlen

Betrachtet man die absoluten Zahlen, profitieren Indien und China am meisten von den Überweisungen. Das ist allerdings kein Wunder, beide Staaten sind mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern die größten der Welt. Wobei die Volksrepublik China mittlerweile auch Heimat vieler Einwanderer ist und daher hohe Summen ins Ausland fließen. Betrachtet man den Überschuss von Rücküberweisungen ins Land und Überweisungen aus dem Land heraus bleiben Indien und China aber auf den vorderen Plätzen. Es folgen die Philippinen, die eine lange Tradition der Auswanderung haben. Mexiko, Nigeria und Pakistan folgen.

Die Philippinen und Ägypten sind insofern interessant, als sie sowohl absolut als auch relativ wichtige Zielländer sind. In beiden Nationen machen Rücküberweisungen trotz ihrer Größe (105 und 98 Millionen Einwohner) mehr als 10,0 Prozent des BIP aus. Für die Türkei, Herkunftsland vieler deutscher „Gastarbeiter“, spielen Rücküberweisungen übrigens kaum eine Rolle. Das hängt einerseits mit dem im internationalen Vergleich relativ hohen Bruttonationaleinkommen von mehr als 10.000,- US-Dollar pro Kopf zusammen. Andererseits sind die Zahlungen aber auch insgesamt gering.

Die Herkunft des Geldes

Wo kommt das Geld her? Vorne auf der Liste stehen natürlich reiche und große Staaten, allen voran die USA. Es folgen die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, die einen Großteil ihrer Wirtschaft auf Gastarbeiter aufbauen. Platz vier und fünf geht an die Schweiz und Deutschland, wobei die deutlich kleinere Schweiz aufgrund ihres Wohlstandes noch vor Deutschland liegt. Russland verzeichnet wegen der vielen Arbeitskräfte aus ehemaligen Sowjetrepubliken ebenfalls hohe Zahlungen von Migranten ins Ausland, China landet aufgrund seiner schieren Größe weit vorne, auch wenn das Land insgesamt mehr durch Rücküberweisungen einnimmt als ins Ausland fließen.

Outlfow Remittance

Herkunft der Rücküberweisungen. Wichtigste Herkunftsländer, Zahlungen in Millionen US-Dollar.

Das gilt laut Weltbank paradoxerweise auch für Frankreich, das nach Kuwait und vor Südkorea auf Platz neun der Liste steht. Denn Abflüssen in Höhe von 13,5 Milliarden US-Dollar stehen laut Weltbank Zuflüsse in Höhe 24,9 Milliarden gegenüber. Allerdings sind die Abflüsse auch deutlich weniger gut erfasst als die Zuflüsse. Denkbar auch, dass hier Zahlungen von nach Frankreich ausgewanderten Superreichen mitgezählt wurden. Millionärserbinnen und -erben, deren Eltern ihnen nach Südfrankreich regelmäßig einen Scheck schicken und die natürlich ganz andere Summen bewegen als philippinische Hilfsarbeiter auf saudisch Ölfeldern. Trotzdem halte ich eine Untererfassung der Abflüsse für wahrscheinlich.

Osttimor Rücküberweisungen Statistik

Auch schön, aber auch arm: Timor Leste. Bild: Roger King

Sonderbar ist, dass das bitterarme Ost-Timor im Gegensatz zu Frankreich mehr Ab- als Zuflüsse verzeichnet. Das Land ist nach dem Vatikan vermutlich das katholischste der Welt, rund 97,6 Prozent der Bevölkerung sind katholisch, 2,0 Prozent evangelisch, Atheisten oder Anhänger anderer Religionen gibt es so gut wie gar nicht, obwohl die Region von 1975 bis 2002 von Indonesien besetzt war (oder vielleicht gerade deshalb). Die Geburtenrate ist eine der höchsten der Welt (4,7 Kinder pro Frau) und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist eines der niedrigsten der Welt. Warum überweisen so viele Menschen Geld ins Ausland? Möglich, dass es sich hier um Entwicklungshelfer handelt.

Betrachtet man den Anteil der Abflüsse am BIP liegen natürlich wieder kleine Staaten ganz vorne, allen voran Luxemburg, wo die Überweisungen ins Ausland rund 15,8 Prozent des BIP entsprechen. Das ist auch kein Wunder, denn das Land ist reich und klein und in der EU. Der Reichtum macht es zu einem beliebten Ziel, die EU-Regelungen ermöglichen die Zuwanderung und die geringe Größe sorgt dafür, dass schon von den Zugezogenen, die aus einem Umkreis von 100 Kilometern stammen, die Mehrzahl aus dem Ausland kommt.

Fazit

Hoch ist der Anteil der Rücküberweisungen am BIP vor allem in kleinen Ländern, was aber statistisch zu erwarten ist. Davon abgesehen gibt es aber auch einige größere Nationen, für die Rücküberweisungen bedeutsam sind. Zu nennen sind dabei vor allem die Philippinen und Ägypten, bei denen trotz einer Einwohnerzahl von um die 100 Millionen Menschen die Rücküberweisungen mehr als 10,0 Prozent des BIP entsprechen.

Footnotes

  1. Der Entwicklungsökonom Paul Collier zählt es zur „untersten Milliarde“, also den ärmsten Ländern der Welt, die zusammen eine Milliarde Einwohner haben (wobei natürlich nicht alle Haitianer zu den ärmsten Menschen der Welt zählen). Siehe Collier, Paul: Die unterste Milliarde, Bonn 2008
  2. Collier, Paul: Der hungrige Planet, München 2011, S. 35
  3. MacAskill, William: Gutes besser tun – Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, Berlin 2016
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Sag mir, wo die Daten sind…

Heute wollte ich eigentlich den letzten Beitrag zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Gesundheitspolitik (wer’s noch nicht gelesen hat: Teil 1 befasste sich mit der Lebenserwartung, Teil 2 mit deren Berechnung und Teil 3 mit der Lebenserwartung weltweit) schreiben. Mein Ziel war es kurz zu recherchieren, wie viel Geld die Kranken- und die Pflegeversicherung jeweils für Männer und Frauen ausgeben.

Erwarten dürfte man, dass Frauen aufgrund der längeren Lebenserwartung deutlich mehr Geld erhalten. Immerhin erhalten sie sogar mehr Geld aus der gesetzlichen Rentenversicherung, obwohl ihre Durchschnittsrenten niedriger liegen.

Aber obwohl das Thema Geschlechtergleichheit aktuell so hoch aufgehängt ist, gibt es keine Daten zu dieser wirklich spannenden Fragen. Das Bundesministerium für Gesundheit teilte mir mit, diese Daten würden für die Krankenversicherung nicht erhoben. Der für die Pflegeversicherung zuständige Mitarbeiter beschied mir das Gleiche.

Mal sehen, wenn ich mal wirklich viel Zeit habe, werde ich mich vielleicht an eine Schätzung wagen…

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