Statistiker-Blog

Sag mir, wo die Daten sind…

Heute wollte ich eigentlich den letzten Beitrag zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Gesundheitspolitik (wer’s noch nicht gelesen hat: Teil 1 befasste sich mit der Lebenserwartung, Teil 2 mit deren Berechnung und Teil 3 mit der Lebenserwartung weltweit) schreiben. Mein Ziel war es kurz zu recherchieren, wie viel Geld die Kranken- und die Pflegeversicherung jeweils für Männer und Frauen ausgeben.

Erwarten dürfte man, dass Frauen aufgrund der längeren Lebenserwartung deutlich mehr Geld erhalten. Immerhin erhalten sie sogar mehr Geld aus der gesetzlichen Rentenversicherung, obwohl ihre Durchschnittsrenten niedriger liegen.

Aber obwohl das Thema Geschlechtergleichheit aktuell so hoch aufgehängt ist, gibt es keine Daten zu dieser wirklich spannenden Fragen. Das Bundesministerium für Gesundheit teilte mir mit, diese Daten würden für die Krankenversicherung nicht erhoben. Der für die Pflegeversicherung zuständige Mitarbeiter beschied mir das Gleiche.

Mal sehen, wenn ich mal wirklich viel Zeit habe, werde ich mich vielleicht an eine Schätzung wagen…

Lebenserwartung weltweit

Wir bleiben noch etwas beim Thema Männergesundheit. Ausgangspunkt für die Artikelreihe (hier geht’s zum ersten Beitrag, hier zum zweiten) war ja die Behauptung der Parteizentrale der Grünen, die Übersterblichkeit der Männer beruhe auf Faktoren, die kein politisches Handeln erfordern, da sie entweder biologisch sein wie das zweite X-Chromosom der Frauen oder auf unterschiedlichen Verhaltensweisen. Wobei letztere nach Meinung der Partei offenbar auch biologisch bedingt sind – sonst wäre es ja ein Thema für die Politik. Immerhin verstehen sich die Grünen sonst als Gleichstellungspartei.

Gäbe es keinen kulturellen Einfluss, sondern wären die Unterschiede rein biologisch, wie die Antwort der Parteizentrale der Grünen impliziert, dann dürfte es auch keine großen regionalen Unterschiede bei der Lebenserwartung von Frauen und Männern geben. Also habe ich mir diesmal die Lebenserwartung nach Geschlecht weltweit angesehen. Dabei habe ich auf die Daten des World Factbook der CIA zugegriffen.

Lebenserwartung weltweit Grafik

Lebenserwartung weltweit für beide Geschlechter. Ohne Kleinstaaten unter einer Million Einwohner, mit abhängigen Gebieten. Quelle: CIA

Das World Factbook führt nicht nur alle selbstständigen Staaten auf, sondern auch abhängige Gebiete, beispielsweise das von Großbritannien verwaltete Montserrat oder das chinesische Hong Kong. Allerdings ist Montserrat bei mir gleich wieder rausgeflogen, weil ich Staaten unter einer Million Einwohner nicht berücksichtige. Monaco hat beispielsweise die weltweit höchste Lebenserwartung, das ist aber wenig verwunderlich, weil dort fast nur Reiche wohnen. Auch sonst sind Kleinststaaten oft nicht mit großen Ländern vergleichbar. Unter den Top 10 finden sich deshalb auch auffällig viele Kleinststaaten, beispielsweise Macau (chinesische Sonderverwaltungszone), San Marino und Andorra.

Nimmt man sie raus, bleiben viele asiatische Länder an der Spitze übrig, unter den Top 5 (siehe Grafik) sind es immerhin drei, nämlich Singapur, Japan und Hong Kong.

Singapur Asien Lebenserwartung

In Singapur lebt man besonders lange. Foto: Jason Goh, gemeinfreies Bild von Pixabay

Am anderen Ende der Skala findet man, wenig überraschend, vor allem afrikanische Staaten sowie Afghanistan.

Der Geschlechterunterschied weltweit

Betrachtet man nur die Männer, sieht es nicht viel anders aus. Hong Kong würde etwas schlechter abschneiden und hinter Israel rutschen und wäre gleichauf mit der Schweiz, Singapur würde Japan noch deutlicher hinter sich lassen (Frauen leben in Japan länger, Männer in Singapur).

Am anderen Ende bliebe Afghanistan auf dem letzten Platz, aber Somalia würde auf den vorletzten abrutschen. Grund dürfte der Bürgerkrieg sein. Davon abgesehen ändert sich wenig.

Insgesamt gilt: Wo Frauen lange leben, leben auch Männer lang. In wohlhabenden, friedlichen Staaten ist die Lebenserwartung für beide Geschlechter hoch. Aber eben nicht im gleichen Maße. Beispielsweise beträgt die Lebenserwartung der Männer in Russland nur 84,9 Prozent derjenigen der Frauen, in Montserrat ist sie dagegen sogar leicht höher. Nun hat das britische Überseegebiet (früher hätte man gesagt „die Kronkolonie“) Montserrat nur rund 5.000 Einwohner, ist also ebenso wie das Königreich Bhutan, wo Männer fast genauso lange leben wie Frauen, zu klein für die Übersicht.

Islamische Länder vorne, „Sowjetunion“ hinten

Bereinigt um die Kleinststaaten bleiben Lesotho, Nepal, Mosambik, der Libanon und die Vereinigten Arabischen Emirate als Staaten mit besonders geringen Unterschieden in der Lebenserwartung. Wobei das im Fall von Lesotho nur daran liegt, dass Frauen dort so früh sterben und nicht daran, dass Männer lange leben. Auffällig ist, dass sich unter den Top 20 mit dem niedrigsten Unterschied in der Lebenserwartung viele islamische Länder finden. Nun könnte man behaupten, dort seien die Lebensbedingungen für Frauen eben besonders schlecht. Allerdings hat das Patriarchat für Männer nicht nur Vorteile (ich würde sogar sagen mehr Nach- als Vorteile). Beispielsweise bedeutet die Polygamie in der islamischen Welt für Männer einen besonders harten Wettbewerb um Ehepartnerinnen, wie der Religionswissenschaftler Michael Blume schreibt.1 Das dürfte sich ebenfalls nicht positiv auf die Lebenserwartung von Männern auswirken (und auch nicht auf die Lebensqualität von Frauen).

Allerdings ist in islamischen Ländern der Alkoholkonsum reduziert. Nicht völlig Null, immerhin ist das siebtgrößte Unternehmen im türkischen Aktienindex ISE 100 eine Brauerei (Anadolu Efes).

Neben den islamischen sind es vor allem skandinavische Länder, die einen unterdurchschnittlich großen Unterschied in der Lebenserwartung aufweisen. Deutschland liegt dagegen nur im Mittelfeld.

Insofern hat die Parteileitung der Grünen vermutlich recht, wenn sie den Alkohol- und Tabakkonsum als einen der Gründe für die unterschiedliche Lebenserwartung anführt. Aber sie hat nicht recht, wenn sie impliziert, dass die Gründe dafür „angeboren“ seien.

Fazit

Unabhängig von der Frage, ob es nun wirklich der Alkohol ist, der Männer in vielen Ländern so früh sterben lässt. Dass Männer und Frauen in Nepal fast gleichlang leben, in Russland aber die Männer rund 15 Prozent weniger Lebenszeit haben, spricht dafür, dass es durchaus kulturelle und soziale Ursachen für den Unterschied gibt. Natürlich darf man auch nicht übersehen, dass ein geringer Unterschied in der Lebenserwartung auch Ergebnis einer hohen Kinderzahl oder schlechteren Lebensbedingungen von Frauen sein kann. Dass aber der Unterschied in der Lebenserwartung in den skandinavischen Ländern eher unterdurchschnittlich ist, in relativ patriarchalischen Ländern wie Russland dagegen überdurchschnittlich, spricht dafür, dass es auch andere Gründe gibt. Das Thema „Gender Life Expactancy Gap“ gehört deshalb auf die Tagesordnung der Politik.

Footnotes

  1. Blume, Michael: Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug, Mannheim 2017
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Wie schätzt man die Lebenserwartung?

Im Beitrag vom 27. Juni haben wir uns mit dem Unterschied in der Lebenserwartung von Männern und Frauen beschäftigt. Wie in den meisten Statistiken habe ich dabei die Lebenserwartung bei Geburt verwendet. Die Lebenserwartung bei Geburt für ein 1954 geborenes Kind ist nicht zu verwechseln mit dem erwarteten Sterbealter eines heute 40 Jahre alten Menschen. Denn wer jetzt 65 ist, ist schon mal nicht vor 65 gestorben.

Tatsächlich hat eine heute 65 Jahre alte Frau nach der aktuellen Prognose des Statistischen Bundesamtes im Schnitt noch 21,0 Jahre zu leben. Sie kann als0 damit rechnen 86 Jahre alt zu werden, ein Mann immerhin 82 Jahre und neun Monate. Wer auf Basis der Lebenserwartung bei Geburt im Jahr 1945 (nach einer anderen Quelle 75 Jahre) einer heute 74 Jahre alten Frau prophezeit, dass sie nächstes Jahr sterben wird, hat die Statistik nicht verstanden. Tatsächlich tat die BILD Zeitung einst aber genau dies.

Weitere Lebenserwartung in Jahren
Männer Frauen
2014/2016 2015/2017 2014/2016 2015/2017
Bei Geburt 78,3 78,4 83,2 83,2
Im Alter 65 17,8 17,8 21,0 21,0

Je älter jemand ist, desto höher ist also das erwartete Sterbealter (weil er nicht mehr jung sterben kann), desto niedriger aber die noch vor ihm liegende Zahl an Jahren (weil er ja viele Jahre schon hinter sich hat). Es gibt eine einzige Ausnahme in der Sterbetafel, das sind die Neugeborenen. Die durchschnittlich noch zu erwartende Zahl an weiteren Lebensjahren liegt für ein neugeborenes Kind niedriger als für ein einjähriges. Warum? Weil trotz der im Vergleich zu früheren Zeiten unglaublich niedrigen Säuglingssterblichkeit (selbst in fast allen Entwicklungsländern ist sie niedriger als noch vor 50 Jahren in Deutschland) das erste Lebensjahr noch immer besonders gefährlich ist. Anders ausgedrückt: Alle Kinder, die das erste Lebensjahr überleben werden, haben am Tag der Geburt natürlich noch ein Jahr mehr vor sich als an ihrem ersten Geburtstag. Aber die Kinder, die im ersten Jahr sterben werden, drücken den Schnitt.

Krieg

Kriege verkürzen das Leben oft ziemlich drastisch, auch wenn das einige nicht wahrhaben wollen. Beispielsweise die Initiatoren dieses Kruges, die noch in den 1980er Jahren vom Ersten Weltkrieg als einer „großen Zeit“ sprachen. Abgebildet sind die Herrscher der verbündeten Staaten Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und Osmanisches Reich.

In früheren Jahren war dieses Phänomen übrigens noch deutlich ausgeprägter. In alten Kirchenbüchern findet man bei den Beerdigungen vor allem die Namen von Kindern.1 Bis zum Alter von etwa fünf stieg die Zahl der Jahre, die ein Kind noch vor sich hatte, mit jedem Jahr an.

Wie funktioniert die Prognose?

Woher wissen die Wiesbadener Statistiker, dass ein in den Jahren 2015 bis 2017 geborener Junge 78,4 Jahre alt werden wird? Oder dass die Frauen, die in einem dieser drei Jahre 65 wurden zum Zeitpunkt ihres Geburtstages noch 21 Jahre zu leben haben?

Um es kurz zu machen, sie wissen es gar nicht. Sie schätzen das Alter auf Basis aktueller Sterbewahrscheinlichkeiten. Basis der oben genannten Prognose ist die Periodensterbetafel. Sie zeigt an, wie viele Menschen eines bestimmten Alters aktuell sterben. Daraus lässt sich dann eine Schätzung ableiten. Vereinfacht gesagt: Wenn aktuell die Wahrscheinlichkeit vor dem ersten Geburtstag zu sterben für einen Jungen bei 0,356 Prozent und für ein Mädchen bei 0,308 Prozent liegt, wird dieser Wert auch herangezogen um die Wahrscheinlichkeit für ein heute neugeborenes Kind zu berechnen, dass es mit neun Jahren sterben wird. Zwischen ein und zwei Jahren starben im Betrachtungszeitraum 0,028 Prozent der Buben und 0,023 Prozent der Mädchen.

Sterbetafel Perioden

Die Grafik zur Periodensterblichkeit nach Alter ist auf den ersten Blick wenig aussagekräftig. Denn bei den 100-Jährigen beträgt die Sterbewahrscheinlichkeit über 35 Prozent. Je 1.000.000 Menschen dieses Alters sterben also rechnerisch bei beiden Geschlechtern über 350.000.

Daraus ergibt sich natürlich auch eine Überlebenswahrscheinlichkeit. 99,644 Prozent der Jungs überleben also das erste Lebensjahr, von den Überlebenden wiederum 99,971 das zweite. Daraus ergibt sich, dass 99,615 Prozent mindestens zwei Jahre werden (0,99644 * 0,99971 = 0,99615 = 99,615 Prozent). Das Spiel lässt sich so weiter treiben bis 100. Verändert sich die Sterbewahrscheinlichkeit nicht, dann wird ein 2015, 2016 der 2017 geborener Junge mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,406 mindestens 100 Jahre alt, ein Mädchen mit 1,257 Prozent.

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass die Lebenserwartung von Männern zwar „nur“ um 6,7 Prozent niedriger liegt, die Wahrscheinlichkeit für ein Mädchen 100 zu werden aber mehr als dreimal größer ist. Allerdings fallen auch kleine Unterschiede zwischen den Gruppen bei den Extremwerten sehr stark ins Gewicht.

Die Effektstärke auf Basis von Cohens d liegt übrigens bei 0,36 für den Geschlechterunterschied. Das bedeutet, der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen einzelnen Männern und zwischen einzelnen Frauen gemessen in der Standardabweichung ist deutlich größer als der Unterschied zwischen den Geschlechtern (fast dreimal so groß), allerdings werden Werte über 0,30 üblicherweise nicht mehr als geringer, sondern als mittlerer Effekt angesehen. Damit ist der Geschlechterunterschied bei der Lebenserwartung auch deutlich größer als viele andere Geschlechterunterschiede.2

Entwicklung der Sterbewahrscheinlichkeit

Anhand dieser Daten lässt sich natürlich leicht eine Lebenserwartung berechnen. Wir berechnen einfach, wie viele Menschen des aktuellen Geburtsjahrgangs bei der gegebenen Sterbewahrscheinlichkeit in jedem Jahr sterben würden. Vor dem ersten Geburtstag würden demnach von 100.000 Mädchen 308 sterben. Das Sterbealter wird aufgerundet, man rechnet also mit einem Jahr. 308 Mädchen sind also ein Jahr alt geworden. Die gleiche Rechnung wird jetzt für jedes Altersjahr gemacht. 506 Mädchen würden beispielsweise bei konstanten Sterbewahrscheinlichkeiten mit 60 sterben.

Sterbewahrscheinlichkeit Grafik

Diese Grafik zeigt ebenfalls die Sterbewahrscheinlichkeit in Personen je 1.000.000 Menschen, allerdings wurde die Skala logarithmiert. Der Abstand zwischen 10 und 1 ist genauso groß wie zwischen 10 und 100 oder 100 und 1.000. So wird zwar nicht deutlich, wie viel höher die Sterbewahrscheinlichkeit für eine 100 Jährige im Vergleich zu einer Neugeborenen ist, dafür ist der Verlauf der Sterbewahrscheinlichkeit über die Zeit besser zu erkennen.

Die Sterbewahrscheinlichkeit sinkt dann bis zum Alter von neun Jahren ständig und steigt dann wieder an. Es gibt immer wieder kleinere Veränderungen, die aber auch zufällig bedingt sein können. Auffällig ist, dass es bereits in jungen Jahren einen kleinen Geschlechterunterschied gibt, was dafür spricht, dass es tatsächlich auch biologische Faktoren gibt. Allerdings wird er wirklich groß vor allem von 19 bis 29, die Gefahr mit 22 zu sterben ist für einen jungen Mann um fast 170 Prozent höher. Das spricht für die hohe Bedeutung sozialer Faktoren, auch wenn man das bei den Grünen nicht wahrhaben will.

Das Problem dabei

Allerdings hat das Verfahren Schwächen, weil sich die Sterbewahrscheinlichkeiten ändern können. Im günstigsten Fall sinken sie, im ungünstigen können sie aber auch steigen. Rechnet man nach demselben Verfahren die Lebenserwartung für einen 1945 geborenen Jungen, würde sie relativ niedrig liegen. Denn anhand der Daten des Jahres 1944 würde man unterstellen, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit im Alter zwischen 18 und 25 sterben würde, denn genau das taten damals sehr viele Männer (und deutlich weniger, aber ebenfalls viele Frauen). Bis das 1945 geborene Kind aber 18 war, war der Zweite Weltkrieg längst vorbei. Wir schrieben das Jahr 1962, das Jahr der Kubakrise, die aber glücklicherweise keinen Atomkrieg zur Folge hatte (was die Lebenserwartung deutlich negativ beeinflusst hätte).

Rückgänge bei der Lebenserwartung bei Geburt (zum Beispiel bei einem Krieg oder einer Seuche) bedeuten also nicht, dass die damals geborenen Kinder wirklich weniger lang lebten als ihre großen Geschwister, denn diese waren von der Entwicklung genauso betroffen. Wer wissen will, ob ein 1920 geborenes Kind eher starb, als ein 1910 geborenes muss die Kohortensterblichkeit betrachten, also die Lebenserwartung einer bestimmten Altersgruppe, beispielsweise des Jahrgangs 1920. Die Schwankungen sind da entsprechend geringer als bei der Periodensterblichkeit, weil (korrekterweise) bedacht wird, dass beispielsweise die Spanische Grippe zwischen 1918 und 1920 auch vorherige Geburtsjahrgänge traf und außerdem nicht ewig andauert.

Footnotes

  1. Rosling, Hans: Factfulness, Berlin 2018
  2. Vgl. zur Effektstärke der Geschlechterunterschiede Eliot, Lise: Wie verschieden sind sie, Berlin 2010
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