statistiker-blog.de Nicht nur für Statistiker

28Aug/140

Halber Lohn für 3/4-Frauen

Gestern Abend sprang mir bei MSN die Schlagzeile "Halber Lohn für ganze Frauen" ins Auge. Frauen verdienen demnach angeblich nur halb so viel wie Männer. Bekanntlich gibt es Lohnunterschiede zwischen dem Durchschnittsmann und der Durchschnittsfrau - doch so hoch? Welcher Journalist hat da mal wieder schlampig recherchiert? Doch leider trägt die Schuld an der Schlagzeile nur bedingt ein Journalist, sondern vor allem ein Wissenschaftler.

Verdienst sie zu wenig? Foto: CDU/Laurence Chaperon

Verdienst sie zu wenig? Foto: CDU/Laurence Chaperon

Das DIW mal wieder

Die Überschrift stand nämlich so ähnlich auch im DIW Kurzbericht über einem Beitrag von Stefan Bach. Dort heißt es reißerisch: "Frauen erzielen im Durchschnitt nur halb so hohe Einkommen wie Männer". Das ist nicht ganz falsch allerdings wird nach einigem Lesen deutlich, dass sich die Rechnung keineswegs auf die Stundenlöhne bezieht, sondern auf das Jahreseinkommen. Eine nur Teilzeit arbeitende Frau wird dann beispielsweise mit einem Vollzeit arbeitenden Mann verglichen.

Problem Rentner

Aber nicht nur Haus- und Teilzeitfrauen bringen die Statistik durcheinander, sondern auch Rentnerinnen. Und das nicht nur, weil die monatliche Rente von Frauen tatsächlich unter der von Frauen liegt. Die durchschnittliche Rente liegt nämlich meist niedriger als das Erwerbseinkommen. Selbst Beamte, die vergleichsweise gut abgesichert sind, erhalten nämlich "nur" eine Absicherung in Höhe von maximal 71,75 Prozent des letzten Gehalts. Damit lebt es sich meist sogar besser als in jungen Jahren, weil keine Kinder mehr zu ernähren und kein Haus mehr abzubezahlen ist, doch weil die DIW-Statistik das nicht berücksichtigt, senkt ein hoher Anteil von Rentner das Durchschnittsgehalt (in der Armuts- und Einkommensstatistik wird zumindest die Haushaltsgröße durch das Nettoäquivalenzeinkommen berücksichtig, auch wenn das vermutlich die Belastung von Familien unterschätzt). Die paradoxe Situation: Weil es mehr ältere Frauen als Männer gibt, sinkt deren Durchschnittseinkommen, obwohl Frauen durch die höhere Lebenserwartung eigentlich profitieren.

Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der Frauen wie Männer bis zu ihrem 67. Lebensjahr monatlich 3.000 Euro und anschließend 2.000 Euro Ruhestandsgehalt bekommen, Frauen aber 80 und Männer nur 70 Jahr alt werden. Ohne Zweifel würden Frauen dann bis zu ihrem Lebensende deutlich mehr Geld erhalten, nämlich - wenn wir die Zahlung mit 20 beginnen lassen - rund 2,0 Euro statt 1,8 Millionen Euro. Ihr Durchschnittseinkommen läge nach der DIW-Berechnung aber niedriger.

Alles nicht so schlimm?

Nun bekommen Frauen tatsächlich weniger Geld, pro Stunde rund 22 Prozent weniger. Bei gleichem Tätigkeit, gleicher Arbeitszeit und gleich langen beruflichen Pausen sinkt der Abstand sogar auf 4 Prozent, hat das IW Köln berechnet.

Nun darf man natürlich auch in der unterschiedlichen Arbeitszeit Diskriminierung sehen. Frauen und Männer, so die Argumentation, wollen eigentlich beide möglichst viel arbeiten und möglichst viel Geld verdienen, beide haben kein Interesse an Elternzeit, Teilzeit oder an weniger gut bezahlten, aber den eigenen Interessen mehr entsprechenden Jobs. Die Frauen werden aber von der Gesellschaft in diese Tätigkeiten gezwungen. Das kann man so sehen - man kann es aber auch idiotisch finden. Im letzteren Fall stellt sich die Frage, was uns die Daten dann überhaupt sagen.

Und dem DIW-Forscher muss klar gewesen sein, dass ihre Ergebnisse falsch verstanden werden. Er hat das, beispielsweise durch die Überschrift, sogar bewusst gefördert. Die Argumentation, im Texte sei ja das genaue Vorgehen beschrieben, entschuldigt genauso viel oder wenig wie die Beteuerung einer Regierung, es stehe ja eindeutig im Gesetz, dass eine Reihe von Arbeitslosen nicht als arbeitslos gezählt wird (nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit aktuell rund 900.000). Nein, mit der nächsten Wahl habe das nichts zu tun.

Fazit

Im besten Falle kann man sagen, dass die Analyse des DIW eigentlich nichts sagt. Im schlimmeren muss man vermuten, dass der Forscher hier die Öffentlichkeit bewusst in die Irre führen will. Das DIW schadet damit seinem eigenen Ruf. Auch hier sei an die Arbeitslosenstatistik erinnert. Immer wieder drehte die Politik an der Stellschraube und lies Arbeitslose nicht mehr als arbeitslos zählen. Als die Arbeitslosigkeit dann wirklich fiel, wollte es niemand mehr glauben.

26Aug/140

Rechtsbeugung kaum geahndet

Eine wesentliche Säule des Rechtsstaates ist gegenseitige Kontrolle der Verfassungsorgane. Regierung und Verwaltung müssen dem Parlament gegenüber Rechenschaft ablegen, das Parlament dem Bürger und beide werden von der Justiz überwacht. Wer aber überwacht die Justiz? Die überwacht sich selbst.

Mir hat sich deshalb die Frage gestellt, wie oft Richter in den vergangenen Jahren ihre Kollegen aufgrund grob falscher Urteile wegen Rechtsbeugung (§ 339 StGB) verurteilt wurden.

Das Ergebnis der Recherchen ist relativ schnell berichtet, es gab in den Jahren 2009 bis 2012 keinen einzigen Fall, in dem ein Richter wegen Rechtsbeugung verurteilt wurde, für 2013 liegen noch keine Daten vor. Die deutschen Richter sind entweder alle sehr, sehr integer oder aber die Justiz beschützt sich selbst.

Für letztere Vermutung spricht, dass oberste Gerichte viel dafür getan haben, den Paragraph 339 des Strafgesetzbuches auszuhebeln. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes werden lediglich solche Verstöße geahndet, die besonders elementar gegen die Rechtspflege verstoßen. Wer als Richter also einen Angeklagten ins Gefängnis steckt, obwohl er laut Gesetz aus Mangel an Beweisen hätte freigesprochen werden müssen, hat gute Chancen straffrei zu bleiben. Nur wenn er es zu weit treibt, also ihn ins Gefängnis steckt, weil er einen kritischen Beitrag über die Justiz in einem Blog veröffentlich hat, kann er eventuell verurteilt werden. Aber auch das nicht, wenn das Urteil von mehr als einem Richter getroffen wurde und nicht einstimmig war. Solange die Richter nämlich nicht offen legen, wer für die Verurteilung gestimmt hat (und das müssen sie nicht) und wer dagegen, bleiben alle straffrei.

In der Praxis werden deshalb fast nur Vergehen geahndet, die von DDR-Richtern begangen werden. Allerdings wurden in keinem anderen Bereich die Angeklagten so selten in Untersuchungshaft genommen wie in diesem (0,5 Prozent im Vergleich zu 4,4 Prozent insgesamt). Außerdem wurde in keiner anderen Gruppe so oft die Eröffnung des Hauptverfahrens von den Gerichten abgelehnt. Außerdem betrafen von 48 Fällen, in denen die Staatsanwaltschaft wegen mangelnder Erfolgsaussichten die Anklage zurücknahmen, 44 die Rechtsbeugung. Allerdings kam es hier in immerhin 181 Fällen auch zu einer Verurteilung. Von den 618 Angeschuldigten sind das 24,0 Prozent. Damit liegt die Rechtsbeugung sowohl bei den absoluten Fällen als auch beim Anteil der Verurteilten an den Angeschuldigten beide Male auf Platz 2 bei der Strafverfolgung des DDR-Unrechts. Eine höhere Zahl von Verurteilten und einen höheren Anteil an den Angeschuldigten gibt es nur bei Gewalttaten an der Grenze.

So streng sind die Richter mit ihren BRD-Kollegen offenbar nicht. Zumindest gab es in den vergangenen Jahren, wie bereits oben erwähnt, keine einzige Verurteilung wegen Rechtsbeugung. Wer will, kann das auf Kompetenz und Integrität der Richter schieben. Meine Lebenserfahrung sagt mir aber, dass es in jeder großen Gruppen von Menschen auch eine Menge Deppen gibt - und das deshalb hier wohl eher gilt "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus".



Spannende eBooks

7Aug/141

Kaufkraft im Urlaub

Wir bleiben beim Thema Urlaub. Einst war der Deutschen liebster Zeitvertreib, nach dem Urlaub mit den gemachten Schnäppchen zu prahlen. Günstige Schuhe aus Rom, eine superbillige Handtasche aus Venedig ("echt Gucci") und neue Hosenträger für Opa aus Pisa, auch sehr günstig. Und in Verona gab es diese tolle Designer-Jeans für nur 100.000 Lire (rund 50 Euro), kann man das glauben? Ach ja, und so ein antikes Stadion gab es in Verona auch noch, aber dafür war kein Zeit mehr.

Dann waren die 80er vorbei und Gier war nicht mehr so hoch angesehen. Das heißt, die Schnäppchenmentalität blieb, aber man durfte nicht mehr so damit angeben. Noch etwas später kam der Euro und bald darauf überholten viele inflationsgewohnte Urlaubsländer Deutschland. Heute sind in Italien, aber auch in Spanien und anderen Euroländern, viele Dinge teurer als bei uns. Wohin noch reisen? Hier hilft der Statistiker-Blog.

Wir stützen uns dabei streng auf wissenschaftliche Kriterien, nämlich den Big-Mac-Index des britischen Economist.

Big Mac Index Economist Grafik

Ein Big Mac ist in Norwegen besonders teuer, in der Ukraine dagegen sehr billig. Also nichts wie hin! Quelle: The Economist

Besonders billig ist der Bic Mac in der Ukraine. Das war übrigens schon vor der Krise so. Der Index wird seit 1986 erhoben, ich habe Daten seit 2000 bekommen, allerdings gehen die Zeitreihen nicht für alle Länder so weit zurück. Indien beispielsweise ist erst seit 2011 vertreten, laut Wikipedia wurde der Burger dort vorher aus religiösen Gründen nicht angeboten, Kühe haben im Hinduismus bekanntlich einen besonderen Stellenwert.

Am anderen Ende der Skale finden sich viele skandinavische Staaten. Wenig überraschend ist der Big Mac in reichen Staaten teurer. The Economist hat deshalb den Bic Mac Preis in Bezug zum Bruttoinlandsprodukt gesetzt und versucht so, über- oder unterbewertete Währungen zu erkennen. In Hong Kong ist der Bic Mac beispielsweise deutlich billiger als in Spanien, obwohl das BIP in beiden Ländern ähnlich hoch ist. In Brasilien ist er dagegen teurer als in Finnland, obwohl das Bruttoinlandsprodukt der Skandinavier um ein Vielfaches höher ist.

Natürlich ist nicht nur die Ableitung einer Überbewertung, sondern das Heranziehen eines Burgers für den Kaufkraftvergleich ganz allgemein, mit Vorsicht zu genießen. Zwar enthält ein Big Mac Gemüse, Fleisch, Brot und Arbeitskraft und damit viele wesentlichen Produkte, doch natürlich wird damit nicht automatisch eine Aussage über den Preis anderer Produkte getroffen. Zumal besondere Steuern das Ergebnis verzerren können. Außerdem schwanken die Produkte internationaler Firmen meist weniger stark als die einheimischer Anbieter.

Niemand muss also nur der Schnäppchen wegen in die Ukraine reisen. Auch Italien darf ein Reiseziel sein, obwohl der Big Mac dort trotz niedrigeren BIP teurer ist als in Deutschland.



Reiseversicherung

Tagged as: , 1 Comment