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Diesen Mittwoch gibt es keinen Beitrag. Ich wünsche allen jetzt schon mal ein schönes Ostern. Mehr vom Statistiker-Blog gibt es nächsten Mittwoch.

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Es geht weiter mit der Mittelschicht

Wie wir im vergangenen Beitrag gesehen haben gibt es in der Gesellschaft ein weit verbreitetes Gefühl, dass die Mittelschicht verschwinden wird. Ganz anders als in den 1950er Jahren, als Helmut Schelsky das Schlagwort von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ prägte. Nun hatte der Krieg damals zumindest in Deutschland die Ungleichheit ein Stück weit eingeebnet. Und Schelsky war zunächst eher ein Vertreter der „alten Linken“. Er stand zunächst dem DGB und der SPD nahe und wurde zu einem heftigen Kritiker der 68er-Bewegung und der „neuen Linken“.1

Ungleichheit USA Deutschland Vergleich

Noch immer ist die Mittelschicht in unserer Gesellschaft besonders groß. Aber die meisten Menschen haben einen anderen Eindruck wie diese Grafik aus dem Beitrag von letzter Woche zeigt.

Womöglich war auch in den 1950er und 1960er Jahren der Optimismus also nicht so groß wie es heute scheint. Trotzdem lohnt sich die Frage, woher das Gefühl kommt, dass die Mittelschicht eigentlich schon verschwunden ist. Wie im vergangenen Beitrag gesehen trägt die Berichterstattung dazu bei. Aber gibt es auch einen wahren Kern?

Die Reichen werden mehr

Die Mittelschicht wird statistisch unterschiedlich definiert. Wie auch bei der Armut greift man hier auf Nettoäquivalenzeinkommen zurück. Also auf Haushaltseinkommen nach Abzug von Steuern und nicht auf den individuellen Verdienst. Dabei werden große Haushalte umgerechnet, wobei die Statistik für jeder zusätzliche Erwachsene nach der Statistik 50 Prozent mehr Kosten bedeutet, jedes Kind 30 Prozent (was in meinen Augen zur Unterschätzung der Kinderarmut führt).

Oft ist die Armutsgrenze die Abgrenzung nach unten, also 50 Prozent des Medianeinkommens. In der EU üblich ist die Armutsgefährdungsgrenze, die bei 60 Prozent des Medians liegt. Nach oben ist eine mögliche Grenze der Reichtum, der bei 200 Prozent beginnt. Auch wenn Friedrich Merz die Obersicht erst dann beginnen sieht, wenn man nicht mehr arbeiten muss.

Anteil der Reichen Zeitreihe

Entwicklung des Anteils der reichen (grau) und der dauerhaft reichen (blau) Menschen in Deutschland. Als dauerhaft reich gilt, wer im aktuellen Jahr sowie in zwei von drei Vorjahren reich war. Die Daten von 1995 bis 2005 liegen nur in 5er-Schritten vor (also 1995, 2000 und 2005). Transparenter wäre ein Balkendiagramm gewesen, aber das sah doof aus. Quelle: SOEP

Tatsächlich zeigen die Daten des Sozioökonomischen Panels, dass immer mehr Menschen zu den Reichen gehören. Allerdings stagniert die Entwicklung seit 2005, in der Tendenz ist sie sogar leicht gesunken. Damals lag der Wert bei 8,0 Prozent, 2015 (neueste Daten) lag er bei 7,5 Prozent. Von einem dauerhaften Rückgang kann man aber auch nicht sprechen, zumal 2014 der Wert sogar mit 8,2 Prozent übertroffen wurde.

Gestiegen ist dagegen der Anteil er dauerhaft Reichen. Das ist aber eine logische Konsequenz der Definition. Als dauerhaft reich gilt, wer in zwei der drei Vorjahre (und natürlich im aktuellen Jahr) reich ist. Deshalb folgt die Kurve derjenigen der Reichen mit einem Abstand von mindestens zwei Jahren. Insgesamt machen, mit Ausnahme der Jahre 2005 und 2006, die Neureichen immer etwas über 2 Prozentpunkte aus.

Die andere Seite: Armutsgefährdung

Nun gibt es da natürlich noch eine zweite Gruppe, die nicht zur Mittelschicht gehört, nämlich die Armen, genauer gesagt die Armutsgefährdeten. Denn in der EU endet die Mittelschicht, wie gesagt, üblicherweise mit einem Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen von 60 Prozent des Medians. 2015 waren rund 16,8 Prozent der Deutschen armutsgefährdet. Und der Schein trügt nicht, zumindest nach den Daten des SOEP hat die „Unterschicht“ zugenommen, nämlich von 11,6 Prozent im Jahr 1995 auf eben jene 16,8 Prozent im Jahr 2015.

Arme Hunde

Anteil der armutsgefährdeten (grau) und dauerhaft armutsgefährdeten (blau) Menschen in Deutschland. Quelle: SOEP

Nachdem von 2005 bis 2011 die Zuwächse eher niedrig waren und es immer wieder auf und ab gegeben hatte, geht es seitdem, wieder deutlich rauf. Auch die Zahl der dauerhaft armutsgefährdeten Personen steigt. Analog zu den dauerhaft Reichen ist dauerhaft armutsgefährdet, wer im aktuellen Jahr sowie in zwei von drei Vorjahren zu dieser Gruppe gehörte.

Wer ist besonders arm dran?

Anders als BILD-Zeitung und SPD behaupten sind Rentner und Pensionäre übrigens nach wie vor seltener armutsgefährdet als der Durchschnitt, nämlich zu 14,6 Prozent gegenüber 16,8 Prozent aller Menschen in Deutschland. Die größte Risikogruppe sind Arbeitslose, sie sind zu 68,7 Prozent armutsgefährdet. Auch Alleinerziehende trifft es oft (wobei die Gruppen Alleinerziehende und Arbeitslose natürlich eine sehr große Schnittmenge haben), rund ein Drittel ist armutsgefährdet (36,5 Prozent).

Bei der Zunahme stehen die Rentner und Pensionäre ebenfalls nicht vorne. Der Anteil der armutsgefährdeten Ruheständler stieg von 1995 bis 2015 von 13,2 Prozent auf die heutigen 14,6 Prozent. Dagegen verdoppelte sich der Anteil der armutsgefährdeten an den Erwerbstätigen und an den Arbeitslosen jeweils ungefähr, nämlich von 4,4 auf 8,6 Prozent bei den Erwerbstätigen und von 34,4 auf 69,7 Prozent bei den Arbeitslosen.

Manch einer mag jetzt fragen, warum sich die Armutsgefährdungsquote nicht auch annähernd verdoppelt hat, wo doch Pensionäre und Rentner eine Verdopplung bei den anderen beiden Gruppen nicht stoppen konnten. Die Antwort liegt im Will-Rogers-Phänomen. Die Verdoppelung der Armutsgefährdung bei den Erwerbstätigen ist nicht die Folge eines Absturzes in die Armut von bisher wohlhabenden Menschen. Vielmehr haben in den vergangene 20 Jahren viele Menschen Arbeit gefunden, die vorher arbeitslos waren. Oft ist die Arbeit aber schlecht bezahlt, die Menschen blieben also armutsgefährdet, wurden jetzt statistisch aber bei den Erwerbstätigen mitgezählt und erhöhten dort den Anteil der armutsgefährdeten.

EZB Politik Auswirkung auf Ungleichheit Foto

Arbeitslose sind besonders oft arm. Foto: Bundesagentur für Arbeit

Müsste dann nicht der Anteil der Armutsgefährdeten bei den Arbeitslosen sinken? Nein, wenn die jetzt arbeitenden ehemaligen Arbeitslosen alle genauso oft armutsgefährdet wären wie ihre Kollegen, hätte sich die Quote gar nicht verändert. In der Realität aber dürfte es sich vor allem um besonders viele Arbeitslose gehandelt haben, die noch nicht so lang arbeitslos waren und deshalb auch öfter nicht armutsgefährdet. Bei den Arbeitslosen dürfte am stärksten aber ein realer Effekt hinzugekommen sein, dass nämlich bisherige Arbeitslosenhilfeempfänger weniger Arbeitslosengeld II bekamen als vorher Arbeitslosenhilfe und deshalb armutsgefährdet wurden. Allerdings entfällt ein Großteil des Anstieges schon auf die Jahre 1995 bis 2000, also die Zeit vor dem SGB II, außerdem auf die Jahre 2008 und 2009. Mit der Wirtschaftskrise ab 2009 sank der Anteil der armutsgefährdeten Arbeitslosen an allen Arbeitslosen wieder. Warum? Weil viele Menschen arbeitslos wurden, die zunächst das höhere Arbeitslosengeld bekamen und nicht armutsgefährdet waren. 2012 und 2015 stieg der Anteil dann wieder an.

Keine gefühlte Wahrheit: Die Mittelschicht wird kleiner

Wenn 16,8 Prozent armutsgefährdet und 7,5 Prozent reich sind, bleiben logischerweise 75,7 Prozent, die zur Mittelschicht gehören. Das sind tatsächlich deutlich weniger als die 82,4 Prozent, die sowohl im Jahr 1995 als auch im Jahr 2000 noch zur Mitte gehörten.

Mittelschicht Statistik Zeitreihe

Anteil der Mittelschicht, also jener, die in Haushalten mit einem medianen Nettoäquivalenzeinkommen zwischen 60 und 200 Prozent leben. Quelle: SOEP

Manch einem wird auffallen, dass es in der Grafik keine dauerhafte Mittelschicht gibt. Das liegt daran, dass ich die Daten selbst berechnet habe, indem ich von 100 Prozent die Reichen und die Armutsgefährdeten abgezogen habe. Das könnte man auch mit den dauerhaft Reichen und dauerhaft Armutsgefährdeten machen, bekommt dann aber keineswegs die dauerhafte Mittelschicht. Stattdessen sieht man dann alle, die innerhalb von vier Jahren mindestens ein Jahr zu Mittelschicht gehört habe. Und diese Zahl ist auch spannender als die dauerhafte Mittelschicht.

Demnach gehörten 85,5 Prozent in den Jahren 2012 bis 2015 mindestens ein Jahr zur Mittelschicht. Auch dieser Wert ist allerdings gesunken, 1995 lag er noch bei 91,1 Prozent, im Jahr 2000 bis 90,3 Prozent.

Der Wohlstand steigt nur langsam

Insgesamt ist das mediane Nettoäquivalenzeinkommen in der gleichen Zeit aber ebenfalls gestiegen, zumindest nominal. Für die reale Einkommensentwicklung, also die Entwicklung der Kaufkraft, müssten wir die Inflation gegenrechnen. Das mediane Nettoäquivalenzeinkommen stieg von 1995 bis 2015 von 1.221 auf 1.810 Prozent, also um rund 50 Prozent. Allerdings steigen die Preise bei einer Inflation von 2,0 Prozent im Jahr im gleichen Zeitraum ebenfalls um fast 50 Prozent (48,6 Prozent). Nachdem die Preissteigerung aber meist unter 2,0 Prozent lag, dürfte real ein bisschen was übrig bleiben, allerdings nicht sehr viel. Das dürfte mit zum Gefühl des Niedergangs beigetragen haben, schließlich haben wir uns an ordentliche Wohlstandssteigerungen gewöhnt – und brauchen die auch, weil ständig neue Produkte auf den Markt kommen, die wir kaufen wollen.

Statistik Arm und Reich

Einkommensgrenzen nach Jahren für einen Single-Haushalt, ein kinderloses Paar und ein Paar mit drei Kindern. Im Jahr 2015 war eine Familie mit zwei Erwachsenen und drei Kindern also reich, wenn das Nettoeinkommen über 8.686 Euro im Monat lag. Arm war sie mit weniger als 2.172 Euro und armutsgefährdet bei weniger als 2.606 Euro. Wobei in der Umgangssprache meist Armutsgefährdung und Armut gleichgesetzt werden. Klicken zum Vergrößern. Quelle: Eigenes Werk auf Basis von Daten des SOEP, Weiterverwendung mit Quellenangabe erlaubt.

Fazit

Die Entwicklung der Jahre von 1995 bis 2015 war für die Mittelschicht tatsächlich keine Erfolgsgeschichte. Das mediane Nettoäquivalenzeinkommen ist nur wenig stärker gestiegen als die Inflation. Außerdem sank der Anteil der Bürger, die zur Mittelschicht gehören von 1995 bis 2015 von 82,4 auf 75,7 Prozent. Verglichen mit den Horrorgeschichten nicht nur der Boulevardzeitungen ist die Mittelschicht aber immer noch sehr groß. Rund drei von vier Einwohnern Deutschlands gehörten ihr 2015 an, weitere 9,8 Prozent gehörten zwar im Jahr 2015 nicht mehr dazu, haben ihr in den Jahren 2012 bis 2014 mindestens ein Jahr angehört, so dass 85,5 Prozent zwischen 2012 und 2015 mindestens ein Jahr Mittelschicht waren.

Die Wahrheit liegt also zwischen „Die Mittelschicht ist verschwunden“ und „Alles falsch“. Die Mittelschicht wird kleiner, aber nur langsam. Würde sie auch in Zukunft alle 20 Jahre 6,7 Prozentpunkte kleiner, so wie 1995 bis 2015, dann würden in 100 Jahren immer noch fast 50 Prozent zur Mittelschicht gehören. Allerdings sind solche Verlängerungen als Trends reine Gedankenspiele, als seriöse Prognose sind sie ungeeignet.

Beim Abgleich von Realität und Meinung bliebt natürlich das Problem, dass die statistische Definition von Mittelschicht nicht mit der jedes Befragten übereinstimmen muss. Allerdings ist der Rahmen nicht sonderlich groß gewählt. Auch Facharbeiter, Lehrer oder Journalisten können reich sein, wenn sie alleinstehend und kinderlos sind. Bleibt also das Fazit vom Fazit: Die Mittelschicht wird wirklich kleiner, aber die Situation ist nicht so dramatisch wie die meisten Deutschen glauben.

Footnotes

  1. Beispielsweise mit dem Buch „Die Arbeit tun die anderen: Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“, Opladen 1975

Verschwindet die Mittelschicht?

Am Kiosk lässt sich leicht sehen, was die Menschen bewegt. BILD macht gefühlt seit längerem jede zweite Zeitung mit einem Rententhema auf. Spiegel und Focus berichten gerne über Terroristen und über die Mittelschicht. Das Verhältnis der Journalisten zu dieser Gruppe ist gespalten. Einerseits halten es viele Blattmacher mit Nietzsche, dem eine „Genialen-Repubik“ vorschwebte, in der „ein Riese […] dem anderen durch die öde Zwischenräume der Zeiten“ zuruft, und „ungestört durch muthwilliges Gezwerge, welches unter ihnen hinwegkriecht […] das hohe Geistergespräch fortführt“.1 Da dürften sich viele Blattmacher in München, Hamburger oder Berlin angesprochen fühlen (natürlich nicht als „Gezwerge“, sondern als Riesen), auch wenn sie Nietzsches Lob der Unterwerfung des Schwächeren sicher nicht teilen. Aber aus der Verachtung der Massen macht man bei vielen Blättern keinen Hehl. Fast schon legendär ist in diesem Zusammenhang der Kommentar eines Autors in der konservativ-libertären US-amerikanischen National Review zur sinkenden Lebenserwartung weißer, männlicher Arbeiter. Die sah man in der Redaktion nicht als Problem, denn „sie verdienen es zu sterben.“2

Die National Review fällt insofern aus dem Rahmen, als sie konservativ-libertär und nicht links-alternativ ist wie Süddeutsche Zeitung, Spiegel oder ZEIT. Die herablassende Haltung gegenüber der Masse, zu der nicht nur die Unterschicht und die untere Mittelschicht gehört, sondern fast alle außerhalb des eigenen Milieus, ist aber auch bei vielen linken Zeitungen und Zeitschriften spürbar. Aber wer soziale Gleichheit möchte, für den muss natürlich eine große Mittelschicht ein Ziel sein und keine Teilung der Gesellschaft in Herren- und Sklavenmenschen, wie Nietzsche sie propagiert. Außerdem stellt die Mittelschicht einen Großteil der Leser.

ePaper Auflage

Die BILD-Zeitung verliert rasant an Auflage. Rettung sucht man offenbar in Renten-Themen, da die ältere Leserschaft noch gerne zur Papierzeitung greift. Gleichzeitig lässt sich die Zeitung jetzt mit der Zeitungs- und Zeitschriften-Flatrate readly lesen. Offenbar rechnet man gar nicht mehr damit, junge Leute als Abonennten zu bekommen.

Kein Wunder also, dass der Focus erst kürzlich mit einer Titelgeschichte über die Mittelschicht unter Druck aufmachte. Dem Nachrichtenmagazin aus München zufolge wird die Mitte nicht nur schrumpfen, sondern in ihrer heutigen Form praktisch ganz verschwinden. „Das Ende der Mittelschicht wie wir sie kennen“, lautet der Titel.

Es ist also Zeit für uns nachzufragen, wie sich der Anteil der Mittelschicht bisher entwickelt hat. Eine kurze Internetrecherche führt mich bezeichnenderweise zuerst zu einem Beitrag über „Einkommensungleichheit, wahrgenommene Ungleichheit und de[n] Einfluss der Medien“ in den Wirtschaftspolitischen Blättern. Demnach vermuten „44 Prozent der Österreicher und 54 Prozent der Deutschen“, dass die Mehrheit ihrer Mitbürger in die untere Einkommensgruppe fällt. Sie gehöre aber der Mittelschicht an, so der Einwand des Beitrages.

Simbabwe Inflation

Sind die Besitzer dieser Geldscheine reich? Nein, die hohen Beträge sind Folge hoher Inflation.

Nun ist diese Anmerkung etwas spitzfindig. Denn zur unteren Einkommensschicht zählen jene, die weniger als 70 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben (große Haushalte werden dabei auf Basis von Äquivalenzskalen so umgerechnet, dass man eine Familie mit Kindern mit einem Alleinstehenden vergleichen kann). Das Medianeinkommen aber ist das jenes Haushaltes, der genau in der Mitte der Einkommensverteilung liegt. Anders ausgedrückt: Per Definition haben 50 Prozent der Haushalte in höheres und 50 Prozent ein niedrigers Einkommen. Es ist also schlicht unmöglich, dass mehr als 50 Prozent weniger als das Medianeinkommen verdienen und erst recht dass sie weniger als 70 Prozent dieses Einkommens erzielen.

Median Beispiel

Unterschied zwischen Median und arithmetischem Mittel. Hier ist der Unterschied sehr groß, über die gesamte Bevölkerung ist er deutlich kleiner. Trotzdem liegt der Median bei Einkommen und Vermögen deutlich höher als das arithmetsiche Mittel. Das ist die Folge einzelner Spitzenverdiener wie hier Ludmilla.

Die Befragten meinen also vermutlich etwas anders, beispielsweise dass mehr als die Hälfte der Deutschen weniger als 60 Prozent Durchschnittseinkommens auf Basis des arithmetischen Mittels bekommt. Das ich hier 60 statt 70 Prozent genommen habe liegt daran, dass das arithmetische Mittel höher liegt als der Median. Deswegen wird bei der Armutsgefährdung oft eine 50 Prozent statt einer 60 Prozent-Schwelle herangezogen, wenn statt des (üblichen) Medians das arithmetische Mittel verwendet wird.

Natürlich dürften die wenigsten Befragten eine eindeutige Zahl im Hinterkopf haben, aber sie beziehen ihre Aussage vermutlich eher auf das arithmetische Mittel. Allerdings gehören auch dann nicht 50 Prozent zur Unterschicht. In dem zitierten Beitrag wurden den Befragten auch verschiedene Einkommenspyramiden vorgelegt. Einige waren wie Pyramiden aufgebaut, mit der Mehrzahl der Bevölkerung ganz unten. Die anderen mit einer relativ großen Gleichverteilung.

Ungleichheit USA Deutschland Vergleich

Befragten aus Deutschland, Österreich und den USA wurden diese fünf Einkommenspryramiden vorgelegt. Dann sollten sie die wählen, die am besten auf ihre Gesellschaft zutrifft. Erstaunlicherweise nehmen US-Amerikaner ihre Gesellschaft als weitaus gleicher wahr als Deutsche, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

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Auch hier gibt es natürlich ein ähnliches Phänomen. Die Frage ist, wie ich die einzelnen Stufen der Pyramide definiere. Nehme ich das höchste und das niedrigste Einkommen und unterteile dann meinen Raum dazwischen in fünf (im Original sieben) Stufen, dann bekomme ich tatsächlich einen Verlauf, der wohl dem zweiten Bild ähnelt. Hat der ärmste Haushalt ein Monatseinkommen von Null und der reichste eines von 5,0 Millionen Euro, wäre meine unterste Stufe das Einkommen von 0 bis 1.000.000,- Euro. Da gehöre auch ich dazu.

Diese Einteilung führt uns nicht weiter. Ich könnte auch fünf gleich große Gruppen (sogenannte Quantile, bei fünf Quantilen spricht man von Quintilen) bilden, dann würde jede genau 20 Prozent der Bevölkerung umfassen, ganz egal wie das Einkommen verteilt ist. Auch nicht sinnvoll.

Auch hier bietet es sich an, deine Einteilung ausgehend vom Median oder vom arithmetischen Mittel zu bilden. Es bleibt offen, wie gut die Befragten wussten, was sie hier wirklich bewerten. So oder so ist es erstaunlich, dass mehr Deutsche aus US-Amerikaner ihre Gesellschaft als sehr ungleich wahrnehmen. Das steht im klaren Widerspruch zu den Daten.

Soziale Ungleichheit Fratzscher

Die Nettolöhne sind in praktisch allen Ländern weniger ungleich verteilt als die Bruttolöhne. Das gilt auch in Deutschland. Quelle: Stiftung Famlienunternehmen.

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Für die Autorinnen und Autoren ist das vor allem dem Einfluss der Medien geschuldet. „Eine stärkere Berichterstattung ab einem Zeitraum von drei aufeinanderfolgenden Tagen vor dem jeweiligen Interview wirkt sich signifikant negativ auf die Sorgen der Befragten aus. Liegt der Anteil der Berichterstattung zur Ungleichheit an der gesamten Berichterstattung einer Woche um einen Prozentpunkt höher, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit um rund 4%, dass ein Befragter bzw. eine Befragte angibt, sich Sorgen um die wirtschaftliche Lage zu machen“, so die Studie.

Daran, dass Deutsche ihr Land als ungleicher wahrnehmen als US-Amerikaner dürfte aber noch ein anderer Umstand schuld sein: Gleichheit ist hierzulande wichtiger als in den USA, trotz Nietzsche. Eine bessere Lektüre als der Philosoph aus Röcken in Sachsen-Anhalt ist ohnehin Alexis de Tocqueville. Der beschrieb schon früh die Tatsache, dass der Abbau sozialer Ungleichheit gleichzeitig die Sensibilität gegenüber der verbliebenen Ungleichheit erhöht..5

Aber wie hat sich die Mittelschicht denn nun wirklich entwickelt? Mehr dazu nächste Woche.

Footnotes

  1. Nietsche, Friedrich: Unzeitgemäße Betrachtungen III, S. 376 ff
  2. zitierte nach Collier, Paul: Sozialer Kapitalimus, S. 29
  3. Vereinfachte Darstellung nach Niehus,  Thomas, Diermeier,  Goecke: Einkommensungleichheit, Gleichheit und der Einfluss der Medien in Wirtschaftspolitische Blätter 1/2018
  4. Entwicklung der Einkommensungleichheit Daten, Fakten und Wahrnehmungen, Stiftung Familienunternehmen, Seite 31.
  5. Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands, 2. Auflage 1996
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