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18Jul/160

Beim Thema Sex lügen fast alle

Heute geht's also um Sex. Kein Angst, ich habe nicht vor den einschlägigen Seiten zum Thema Konkurrenz zu machen. Im Mittelpunkt soll eine andere Frage stehen, nämlich: Kann man Statistiken aus diesem Bereich trauen?

Das Thema Sexualität ist noch immer tabu behaftet. Manchmal hat man sogar den Eindruck, als ob eine neue Welle der Prüderie auf uns zukommt. Werbung soll nicht mehr mit Sex arbeiten und das Verbot von Prostitution und sogar Pornographie wird ebenfalls wieder diskutiert. Wobei laut Christoph Drössers Datensammlung "Wie wir Deutschen ticken" rund 80 Prozent Prostitution und 79 Prozent Pornographie in Ordnung finden, solange die Beteiligten das freiwillig tun.

Wie zuverlässig sind Daten aus Daten aus diesem Themenbereich? Das ist schwer zu sagen, aber einige Statistiken legen nahe, dass man Umfrageergebnissen auf diesem Gebiet besonders wenig vertrauen darf. Gelogen wird natürlich bei allen Umfragen, doch rund um den Koitus scheint die Ehrlichkeit besonders auf der Strecke zu bleiben.

Da rede ich noch gar nicht von schlechten Statistiken wie der des Kondomherstellers Durex, die oft als Beleg dafür angeführt wird, dass heutige Jugendliche immer früher Sex haben. Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter beim "ersten Mal für" 18 bis unter 25-Jährige bei nur 16,5 Jahren, selbst die 25 bis unter 35-Jährigen waren mit 17,5 Jahren ein Jahr älter.

Statistik: Mit wie vielen Jahren hatten Sie erstmals Geschlechtsverkehr? | Statista
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Leider ist die Betrachtung relativ unsinnig. Denn die Angaben beziehen sich nur auf die Befragten, die überhaupt schon einmal Sex hatten. Der Altersdurchschnitt bei den 25 bis unter 35-Jährigen wird also von jenen nach oben gezogen, die erst mit 34 das Glück hatten.

Besser hat es das Schweizer Bundesamt für Statistik gemacht. Hier lautete die Frage: "War ihr erstes Mal vor dem 16. Lebensjahr?" Bei der Antwort zeigt sich kein Unterschied zwischen 16 bis 19 und 20 bis 24-Jährigen, wohl aber ein deutlicher zu den Altersgruppen ab 40.

Auffällig ist allerdings, dass in allen Altersgruppen deutlich mehr Männer als Frauen vor dem 16. Lebensjahr Sex hatten. Besonders groß ist der Unterschied bei den über 60 bis 64-Jährigen, wo 10,8 Prozent der Männer, aber nur 2,1 Prozent der Frauen vor 16 schon sexuell aktiv waren.

Nun gehören zum Sex im Regelfall zwei Personen - und meistens ein Mann und eine Frau. Dass der deutliche Unterschied zwischen den Geschlechtern an homosexuellen Erfahrungen der Männer liegt, darf man ausschließen. Natürlich könnten die Männer Sex mit älteren Frauen gehabt haben, aber traditionell ist die Konstellation meist umgekehrt, nämlich dass der Mann etwas älter ist als die Frau. Möglich auch, dass die 2,1 Prozent vor 16 sexuell aktiver Frauen einfach sehr aktiv waren und vielen Männern zum ersten Mal verhalfen.

Wahrscheinlicher ist aber eine andere Interpretation: Beide Geschlechter haben gelogen. Die Frauen, weil es in diesen Generationen für sie noch als sehr unschicklich galt, unverheiratet und gar mit 13, 14 oder 15 Sex zu haben. Die Männer dagegen, weil von ihnen sexuelle Aktivität verlangt wird. Man könnte sagen, ein sexuell aktiver Mann war ein toller Hengst, eine sexuell aktive Frau eine Schlampe - oder umgekehrt: eine enthaltsame Frau ist sittsam, ein enthaltsamer Mann ein Versager.

Statistik: Anteil der Jugendlichen in der Schweiz, die schon einmal Geschlechtsverkehr hatten, nach Alter und Geschlecht im Jahr 2012 | Statista
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Etwas weniger deutlich findet sich der Unterschied allerdings auch in aktuellen Statistiken. Rund doppelt so viele 16-jährige Männer haben angeblich bereits Sex gehabt wie Frauen. Nur bei den 24-Jährigen geben mehr Frauen als Männer an, bereits Sex gehabt zu haben. Die 24-jährigen Männer hatten sogar öfter noch niemals Sex als die 23-Jährigen Männer. Der Unterschied ist allerdings so gering, dass er vermutlich Zufall ist. Womöglich aber auch ein Zeichen des Erwachsenwerdens: Die Antworten werden ehrlicher.

Auch ein anderer Vergleich zeigt, dass Menschen offenbar nicht gerne über Sex reden - und wenn, dann nicht ehrlich. Diese Erfahrung musste schon die berühmte Anthropologin Margaret Mead machen. Ihr Werk "Coming of Age in Samoa" galt als sensationell, da es den angeblich völlig ungezwungenen Umgang mit der Sexualität bei jungen Menschen in der Südsee zum Thema hatte. Allerdings kam der ihr neuseeländischer Kollege Derek Freeman wenige Jahre später zu einem ganz anderen Ergebnis. Kaum jemand hatte Lust, mit der fremden Frau über das Sexualverhalten seiner Kinder zu diskutieren. Deshalb, so Derek Freeman, bekam Mead eben das erzählt, was sie hören wollte.

Ein Problem, dass es bei allen Befragungen gibt, besonders aber bei solchen zu Tabu-Themen. Noch weniger ehrlich wären die Antworten vermutlich bei der Frage: "Hinterziehen sie Steuern" oder "Schlagen Sie Ihre Frau/Ihren Mann regelmäßig?"

Sex wie oft

Wie oft haben Sie pro Monat Sex? Antworten für Männer (rot) und Frauen (grau) in Prozent. Quelle: Christoph Drösser, "Wie ticken die Deutschen", Seite 143

Beim Thema Sexualität kann man sich dem Problem aber schön nähern, weil es nach wie vor unterschiedliche Erwartungen an Männer und Frauen gibt, auch wenn die Differenz nicht mehr so groß ist wie einst. Auch im bereits zitierten Buch von Christoph Drösser gibt es eine passende Statistik. Dort wurden Deutsche befragt, wie oft sie im Monat Sex haben. 23 Prozent der Frauen, aber nur 18 Prozent der Männer gaben an niemals Sex zu haben. Nun, das ist noch nicht erstaunlich. Vielleicht haben dafür mehr Frauen häufig Sex. Aber am anderen Ende dominieren die Männer. Vier Prozent der Männer wollen angeblich mehr als 20 Mal im Monat Sex haben, also an zwei von drei Tagen.

Das Ergebnis deckt sich mit dem anderer Untersuchungen, Männer haben angeblich deutlich häufiger Sex als Frauen. Allerdings haben 21 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen die Frage gar nicht beantwortet. Womöglich haben vor allem Männer ohne und Frauen mit viel Geschlechtsverkehr nicht geantwortet. Das ändert aber nichts am Befund: die gesellschaftliche Erwartung beeinflusst das Antwortverhalten.

Christoph Drösser hat übrigens auch gefragt, wie oft Menschen gerne Sex hätten. Immerhin 15 Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen wollen das mehr als 20 Mal pro Monat, acht Prozent der Frauen und drei Prozent der Männer gar nicht. Interessant wäre hier der Vergleich zwischen Realität und Wunsch auf individueller Ebene.

11Jul/160

Große Scheine

Das Wochenende habe ich in den Bergen verbracht. Und wie das bei älteren Menschen so üblich ist (ich bin ja ein Kind der 1970er Jahre) erinnert man sich am Abend auf der Hütte irgendwann an vergangene Touren. Beispielsweise daran, wie man in Südtirol vor anno 2002 mit mehreren Tausendern seinen Kaffee bezahlt hat. 1.000,- Lire waren schließlich nur etwa 1,- DM also rund 0,50 €-Cent.

Da kam natürlich die Frage auf, in welchen Ländern man heute noch mit großen Scheinen bezahlen kann. Ein Aspirant war bis vor kurzem Simbabwe, das dank einer enormen Inflation Scheine mit dem Aufdruck 100 Trillion Dollar ausgab. Weil man allerdings das US-System verwendete (short scale), das keine Milliarden, Billiarden und so weiter kennt, sind die 100 Trillionen "nur" 100 Billionen nach unserer Zählung.

Allerdings hat die Hyperinflation (die im historischen Vergleich noch nicht einmal eine der Schlimmsten war) das Vertrauen in die Währung dermaßen beschädigt, dass der US-Dollar dort heute Hauptwährung ist. Auch in Ecuador ist der Sucre, von dem man im Jahr 25.000 Einheiten zur Wechselstube bringen musste um 1,- US-Dollar zu erhalten, abgeschafft und der US-Dollar offizielle Landeswährung.

Simbabwe Inflation

Geldscheine aus Simbabwe. Foto: Statistiker-Blog, Verwendung mit Quellennennung erlaubt

Grundsätzlich müssen auch nicht alle Währungen mit vielen Nullen schwach sein. Stand Juli 2016 ist ein Euro rund 111 japanische Yen wert. Die Unterteilung in 100 Sen und 1.000 Rin ist heute nur noch Theorie, so kleine Münzen gibt es praktisch nicht mehr. Sie sind sogar schon seit mehr als 60 Jahren offiziell für ungültig erklärt. Eine Weichwährung ist der Yen aber nicht, vielmehr ist sein Wert seit 1949 deutlich gestiegen. Damals wurde ein Wechselkurs von 360 Yen je US-Dollar festgelegt. Die Festlegung galt bis 1970, heute muss man für einen Dollar nur noch 100 Yen zahlen. Im Gegensatz zu Deutschland gab es allerdings in Japan seit Einführung des Yen 1870 meines Wissens keine Währungsreform.

Im Vergleich mit den USA oder Großbritannien ist der vergleichsweise geringe Wert eines Yen tatsächlich das Ergebnis einer zeitweisen Schwäche der Währung, allerdings liegt die lange zurück. Leider habe ich auch keine Informationen dazu gefunden, wie viel US-Dollar ein Yen bei der Einführung 1870 wert war beziehungsweise welchen Wert in Gold ein Yen bei der Einführung des Goldstandards 1897 hatte.

Wer gerne mit großen Scheinen bezahlt, sollte sich trotzdem in einem Land mit eher schwacher Wirtschaft und instabilem politischen System auf die Suche machen. Da ist natürlich die Demokratische Republik Kongo ein geeigneter Kandidat. Das Land gehört immerhin zu den ärmsten und am schlechtesten regierten der Welt. Tatsächlich muss man für einen Euro immerhin 1.059 Kongo Franc auf den Tisch legen.

Asmara Eritrea

Eritrea gilt als abwechslungsreiches und schönes Land und besitzt eine Hauptstadt mit interessanter Architekturgeschichte. Leider hat die Regierung einen weniger guten Ruf. Nun, welche hat das schon, aber diese hat einen besonders schlechten. Foto: David Stanley

Auch Eritrea landet in Rankings zur Regierungsführung meist weit hinten, allerdings ist der Eritreische Nakfa nicht frei handelbar. Offiziell ist er an den US-Dollar gekoppelt, für einen Dollar bekommt man 15 Nakfa. Auf den Schwarzmarkt dagegen soll man das doppelte erhalten.

Um die Recherche abzukürzen habe ich bei der Deutschen Bundesbank gesucht und eine Liste der Euro-Referenzkurse gefunden. Sieger ist hier ganz klar die indonesische Rupiah, für einen Euro erhält man Anfang Juli 2016 rund 14.600 Rupiah. Nun muss man fairerweise dazu sagen, dass Indonesien trotz zahlreicher Probleme keineswegs ein besonders armes Land ist. Auch hier spielt eine Rolle, dass man bereits seit 1965 keine Währungsreform mehr durchgeführt hat.

Allerdings führt die Bundesbank keineswegs alle frei handelbaren Währungen auf. Ich habe mich deshalb noch mal beim Währungsrechner des Bankenverbandes auf die Suche gemacht. Leider gibt es dort keine übersichtliche Liste, ich hoffe deshalb, dass ich niemanden übersehen habe.

Südamerikanische Staaten tauchen erstaunlicherweise kaum ganz vorne auf. Vom Guaraní aus Paraguay erhält man immerhin rund 5.629 für einen Euro, aber das kommt nicht einmal an die indonesische Rupiah heran. Stattdessen liegt beim Bankenverband eine europäische Währung unter den Top 4 - und das, obwohl sie erst 1992 eingeführt wurde, nämlich der Weißrussische Rubel. Der wurde tatsächlich bis vor rund zwei Wochen (also bis zum 30. Juni 2016) mit 22.263 Rubel je Euro gehandelt. Allerdings ist man beim Bankenverband (beziehungsweise dessen Datenlieferant) nicht ganz auf dem neuesten Stand. Zum 1. Juli wurden nämlich vier Nullen gestrichen.

Sao Tome

Die Insel Sao Tomé. Foto: Maria Cartas (Informationen zur Lizenz durch Klick auf das Bild abrufbar).

Zu einem Platz auf dem Siegertreppchen hätte es ohnehin nicht gereicht, denn vom São-Tomé/Príncipe-Dobra erhält man immerhin 24.506 Einheiten für einen Euro. Das Land zählt nur rund 188.000 Einwohner und besteht aus mehreren Inseln vor der Westküste Afrikas in Äquatornähe. Möglicherweise also tatsächlich ein Reiseziel, wenn man seinen Kaffee gerne mit großen Scheinen bezahlt.

Währungen

Anzahl der Einheiten die man von der jeweiligen Währung für einen Euro erhält (Stand 11. Juli 2016)

Beliebt bei Touristen ist auch die Nummer Heimat von Nummer zwei, nämlich des Vietnamesischen Đồng. Von dem erhält man immerhin 24.734 Einheiten für einen Euro. Das ist beachtlich wenn man bedenkt, dass es erst 1985 eine Währungsreform gab.

Geschlagen wird der Đồng aber noch vom iranischen Rial. Ein Euro ist aktuell immerhin rund 33.316 Rial wert. Allerdings gibt es auch hier Pläne für eine Währungsreform. Zunächst wurde darüber nachgedacht eine neue Währung mit dem Namen Toman einzuführen. So hieß das Geld in Persien schon einmal, ehe man den Rial einführte, der seinen Namen von der spanischen Währung Real hat. 2011 dann wurde das Streichen von vier Nullen und die Umbenennung in Parsi beschlossen, umgesetzt wurde das aber bisher nicht.

Wer also gerne mit großen Scheinen bezahlen will, hat mehrere Ziele zur Auswahl. Ob das allerdings das wichtigste Kriterium sein sollte? Meiden sollte man zumindest Großbritannien mit seinen Kolonien und zahlreiche arabische Staaten wie Kuweit. Denn dort liegt der Wert einer Einheit über dem eines Euro. Für einen kuwaitischen Dinar müssen beispielsweise drei Euro hingelegt werden. Und wer nostalgisch an die Mark zurückgenkt, dem sei Bosnien empfohlen. Die dortige Währung heißt: Mark. Ihr Wert: 1,00 DM, also 0,511 Euro.

5Jul/161

EFTA – Die andere europäische Union

Da Großbritannien nun die Europäische Union verlassen will, habe ich diesmal eine Statistik über die andere europäische Union aufgenommen, nämlich die European Free Trade Association, kurz EFTA. Die EFTA ist im Prinzip das, was sich Brexit-Befürworter wünschen, ein Wirtschaftszusammenschluss ohne politische Ziele. Die EWG war dagegen bereits ab der Gründung 1951 auch ein politisches Projekt.

Von 1960 bis 1972 war das Vereinigte Königreich bereits einmal Mitglied der EFTA, es gehört sogar zu den Gründungsstaaten. 1960 waren sieben Länder Teil der EFTA, eines mehr als in der EWG, auch wenn letztere bereits damals mehr Einwohner hatte. Neben Großbritannien sind Dänemark, Portugal, Schweden, Norwegen, die Schweiz und Österreich Gründungsmitglieder der EFTA. 1961 kam Finnland als assoziierter Partner dazu, 1970 Island.

Doch 1973 wurden die Briten, für viele überraschend, Mitglied der EWG, auch Dänemark wechselte das Bündnis. 1986 ging auch Portugal, dafür wurde Finnland Vollmitglied. 1995 verließen die Finnen den Club bereits wieder in Richtung EG, ebenso die Gründungsmitglieder Österreich und Schweden. Zwar war 1991 Liechtenstein beigetreten, weil der Kleinststaat eine Zollunion mit der Schweiz hat wurde der Wirtschaftsraum dadurch aber nicht erweitert.

EFTA Mitgliedsländer

Zahl der EFTA-Staaten. Finnland wurde 1961 zuerst assoziiertes Mitglied, 1986 Vollmitglied. Hier wird es seit 1961 mitgezählt.

Der EFTA gehören aktuell noch vier Staaten an, man könnte auch sagen drei Zollgebiete: Norwegen, Island und Schweiz-Liechtenstein. Die EFTA bildet zusammen mit der EU den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), wobei die Schweiz ihre Kooperation mit der EU nicht über die EFTA, sondern über bilaterale Verträge abwickelt.

EFTA Einwohner

Zahl der Einwohner der EFTA-Staaten, wenn die Bevölkerungszahl der einzelnen Mitglieder konstant des des Jahres 2014 entsprechen würde. Ab 2017 ist Großbritannien wieder mitgezählt, was natürlich reine Spekulation ist.

Wie sehr die EFTA an Bedeutung verloren hat sieht man aber weniger an der Zahl der Staaten, die jetzt bei vier statt anfänglich sieben liegt, sondern eher an der Zahl der vertretenen Bürger. Ich habe die aktuellen Einwohnerzahlen mal in die Vergangenheit und in die Zukunft fortgeschrieben. Die Grafik 2 zeigt also an, wie viel Einwohner die EFTA heute hätte, wären noch alle Länder die zu der jeweiligen Zeit Mitglied waren heute mit dabei. Der Wert für ein Jahr gibt also nicht an, wie viele Menschen damals in den EFTA-Staaten leben, sondern wie viele heute in den Ländern wohnen, die damals Mitglied der EFTA waren. So lässt sich besser verfolgen, welche Folgen die Ein- und Austritte haben, ohne dass sie vom Bevölkerungswachstum der einzelnen Länder überlagert werden.

Aktuell haben die Staaten der EFTA noch rund 13 Millionen Mitglieder. Wären noch alle Staaten mit dabei, die 1972 Mitglied oder assoziierter Partner waren, hätte die EFTA heute fast 120 Millionen Bewohner.

Würde das Vereinigte Königreich wieder Mitglied der EFTA werden, würde sich die Zahl der in EFTA-Staaten lebenden Menschen vervielfachen, denn mit rund 63 Millionen leben in Großbritannien und Nordirland mehr Menschen als in allen aktuellen EFTA-Staaten.

Ein Beitritt scheint aber bisher kein großes Thema zu sein. Wer im Internet danach sucht findet vor allem ausländische Seiten sowie ein paar dubiose Blogs. Auch beim EFTA-Ministertreffen in Bern war der Brexit zwar das vorherrschende Thema, allerdings will man dort erst einmal die Entwicklung abwarten.

Nicht nur wirtschaftlich kooperiert die EFTA mit der EU, beide sind auch Mitglieder des European Statistical System. Deshalb sitzen die EFTA-Statistiker auch in Luxemburg, obwohl das Land nie EFTA-Mitglied war. Bei den EFTA-Statistiken hat man fast den Eindruck, die Mitarbeiter haben Spaß daran, dass sie im direkten Vergleich mit der EU meist besser dastehen. Gerne vergleichen sie die EFTA-Staaten mit dem EU-Schnitt - und fast überall triumphieren die EFTA-Länder.

EFTA Erwerbslosigkeit Vergleich EU

Erwerbslosigkeit in den EFTA - Staaten im Vergleich zur EU. Eigene Grafik nach Daten der EFTA

Das Bevölkerungswachstum liegt in allen vier Ländern über dem EU-Schnitt, auch wenn das zumindest in der Schweiz mittlerweile gar nicht mehr als Vorteil gesehen wird. Die Arbeitslosigkeit liegt immer deutlich unter dem EU-Schnitt und die Erwerbsquoten liegen sowohl für Frauen als auch Männer in allen vier Ländern höher. Einziger Minuspunkt: Der Unterschied bei den Erwerbsquoten zwischen Männern und Frauen ist in Liechtenstein höher als im EU-Schnitt. Das liegt aber vor allem an der hohen Erwerbsbeteiligung der Männer und nicht einer niedrigen der Frauen. 78,2 Prozent der Männer und 63,2 Prozent der Frauen sind erwerbstätig, gegenüber 70,1 und 59,6 Prozent in der EU. Weil der Unterschied zum EU-Schnitt bei den Männern größer ist als bei den Frauen, ist die Geschlechterdifferenz größer. Aber nur in Liechtenstein, in den drei anderen Ländern liegt sie unter dem EU-Schnitt, in Norwegen und Island sind es 3,6 beziehungsweise 4,7 Prozentpunkte gegenüber 10,5 im EU-Schnitt.

EFTA Lebenserwartung

Lebenserwartung von Frauen (grau) und Männern (blau) in den EFTA-Staaten und der EU. Achtung, Achse beginnt erst bei 60. Eigene Grafik nach Daten der EFTA

Auch die Lebenserwartung ist höher und zwar in allen vier Ländern sowohl für Männer als auch für Frauen (Lebenserwartung bei Geburt für 2013). Und hier ist der Geschlechterunterschied in jedem Land geringer, alle vier Länder schlagen also in allen drei Kategorien die EU. Frauen werden in der Schweiz im Schnitt 85,0 Jahre alt gegenüber durchschnittlich 83,3 Jahren in der EU. Männer leben ebenfalls in der Schweiz besonders lang, nämlich 80,7 Jahre gegenüber 77,8 in der EU. Während in der EU Frauen also 5,5 Jahre länger leben als Männer, sind es in der Schweiz nur 4,3, in Norwegen nur 4,0 und in Island und Liechtenstein sogar nur 3,2 Jahre.

Sollte Deutschland also Mitglied der EFTA werden? Nein, eine Kausalität sollte man hier nicht suchen. Zumal sich viele Daten vermutlich bald deutlich verschlechtern könnten, falls das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland EFTA-Mitglied wird. Aufgrund von dessen Größe wird es nämlich den EFTA-Mittelwert prägen. Die 37.000 Liechtensteiner dürften dem wenig entgegenhalten können.

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