Statistiker-Blog

Armut im Vergleich

Wie oft sind Familien mit mindestens drei Kindern in Deutschland armutsgefährdet? Deutlich häufiger als der Bevökerungsschnitt, sagen Mikrozensus und SOEP, unterdurchschnittlich oft sagt EU-SILC. Auch bei anderen Personengruppen gibt es einen Unterschied zwischen EU-SILC auf der einen und Mikrozensus und SOEP auf der anderen Seite? Was stimmt?

So wird armutsgefährung gemessen

Alle drei vergleichen Haushalte auf Basis des sogenannten Nettoäquivalenzeinkommens. Dabei wird vereinfacht gesagt ein  fiktives Pro-Kopf-Einkommen ausgerechnet, dass Kosteneinsparungen größerer Haushalte abbilden soll. So wird jede weitere Person im Haushalt nur mit 0,5 gewichtet, ein Kind sogar nur mit 0,3. Für eine Familie mit zwei Kindern liegt die Armutsgrenze als beim 2,1 fachen (1,0 für die erste erwachsene Person + 0,5 für die zweite sowie 2*0,3 für die Kinder).

Diese Messung ist nicht unumstritten. Bis vor einiger Zeit lagen die Gewichte noch bei 0,7 für jede weitere erwachsene Person und 0,5 für jedes Kind. Nach dieser alten Rechnung läge die Zahl der armen alleinstehenden deutlich niedriger, die der Familien dafür deutlich höher.

Zeitung Auflage Entwicklung

Armut ist ein wichtiges Thema in den Medien. Aber auf welcher Datengrundlage?

Die Äquivalenzskala ist allen drei Quellen aber gleich. Es gibt allerdings andere Unterschiede, die sich teilweise auch auf die Armutsquoten auswirken.

Mikrozensus

Da ist zunächst der Mikrozensus. Er findet jedes Jahr anstelle eines „echten“ Zensus, also einer Volkszählung statt. Dabei wird ein Prozent der Haushalte befragt, so gesehen handelt es sich also eher um einen Zentizensus als um einen Mikrozensus, der analog zu Einheiten wie Mikrometer ein Millionstel der Haushalte umfassen dürfte. Aber Zentizensus hört sich irgendwie komisch an.

Im Rahmen des Mikrozensus wird auch das Einkommen erfasst. Da auch die Haushaltsgröße erhoben wird, lässt sich leicht ein Nettoäquivalenzeinkommen berechnen. Meist werden Haushalt vier Jahre hintereinander befragt, so lassen sich auch Veränderungen innerhalb einzelner Familien analysieren.

Sozioökonomisches Panel (SOEP)

Das SOEP wird nicht von den statistischen Landes- und Bundesämtern durchgeführt, sondern von der Leibnitz-Gemeinschaft, vor allem dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Befragt werden 12.000 Haushalte mit rund 26.000 Personen, also deutlich weniger als die 390.000 Haushalte mit 830.000 Bürgern beim Mikrozensus. Warum die durchschnittliche Haushaltsgröße beim SOEP niedriger ist als beim Mikrozensus ist mir auch nicht bekannt.

Der Schwerpunkt ist etwas anders, beispielsweise werden auch subjektive Empfindungen abgefragt. Für die Armutsforschung sind aber vor allem zwei Unterschiede wichtig, nämlich

  1. die Befragung ist freiwillig und
  2. es wird die Mietersparnis durch selbstgenutztes Wohneigentum erhoben.

Letzteres ist nicht ganz unwichtig.  Stellen wir uns vor, ein Arbeitnehmer besitzt eine Eigentumswohnung in Düsseldorf. Nun muss er dienstlich nach Köln umziehen und vermietet seine Wohnung für 600,- Euro. Gleichzeitig mietet er in Köln eine Wohnung zum gleichen Preis. Mehr Geld in der Tasche hat er nicht, im Mikrozensus und in der EU-SILC Erhebung hätte er aber 600,- Euro Einkommen mehr. Das SOEP dagegen berücksichtigt den Mietvorteil in Düsseldorf, die Änderung wäre weniger gravierend.

Harz 4

Wer sein altes Haus vermietet und sich für das gleiche Geld woanders einmietet, würde dadurch im Mikrozensus und in EU-SILC reicher. Das ist natürlich unsinnig. Dieses Haus in Hasselfelde dürfte aber ohnehin niemand mehr mieten.

Somit ist der Mikrozensus hier weniger aussagekräftiger, er befragt aber deutlich mehr Menschen und ist nicht freiwillig. Welche Erhebung die bessere ist, ist damit schwer zu sagen. Es ist aber auch relativ egal, wie wir gleich sehen werden.

EU-SILC

Die schwächste Datenquelle ist EU-SILC, die European Union Statistics on Income and Living Conditions, auf Deutsch Europäische Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen. Sie befragt 28.000 Menschen in 14.000 Haushalten, also etwas mehr als das SOEP, berücksichtigt aber leider Wohneigentum auch nicht. Außerdem rekrutiert sie sich aus Befragten des Mikrozensus, die freiwillig an einer weiteren Untersuchung teilnehmen. Laut Dr. Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ergibt sich dadurch vermutlich ein Mittelstands-Bias. Die Befragten kommen also oft aus der Mittelschicht, Migranten und Arme sind untergewichtet.

Ihr Nutzen liegt vor allem darin, dass sie europaweit vergleichbare Daten liefert. Für den reinen Blick auf Deutschland ist sie aber am wenigsten geeignet.

Ein Blick in die Daten

Trotz der unterschiedlichen Berücksichtigung von Wohneigentum fallen die Armutsquoten sowohl insgesamt als auch im Bereich der einzelnen Teilgruppen überwiegend gleich aus. 15,4 Prozent der Bevölkerung waren nach Daten des Mikrozensus im Jahr 2014 armutsgefährdet, 15,8 Prozent waren es beim SOEP. Armutsgefährdet bedeutet, dass ihr Nettoäquivalenzeinkommen bei weniger als 60 Prozent des Medians, also des Wertes, zu dem es genauso viele reichere wie ärmere Haushalte gibt. Was hier armutsgefährdert heißt, wird in den Medien meist als arm bezeichnet. Die Statistiker kennen dagegen noch zwei andere Grenzen. Als arm werden üblicherweise nur Menschen mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von weniger als 50 Prozent, weniger als 40 Prozent nennt man strenge Armut. Im täglichen Sprachgebrauch wird aber üblicherweise mit „arm“ die Armutsgefährdung bezeichnet.

Kinder sind häufiger Arm, Senioren unterdurchschnittlich oft

Auch beim Blick in die Armutsgefährdung einzelner Bevölkerungsgruppen sind Mikrozensus und SOEP vergleichbar. Allerdings sind Senioren und 50 bis unter 65-Jährige laut SOEP etwas seltener armutsgefährdet als laut Mikrozensus, obwohl ersteres insgesamt zu einer etwas höheren Armutsgefährdungsquote kommt. Das könnte durchaus am Wohneigentum liegen, dass der Mikrozensus nicht berücksichtigt. Das ist sicher auch mit ein Grund, warum das Medianeinkommen beim SOEP deutlich höher liegt als beim Mikrozensus.

Besonders häufig sind 18 bis unter 25-Jährige arm. Das liegt allerdings daran, dass sie oft noch ein niedriges Einkommen haben,  beispielsweise als Studenten oder Auszubildende.

SOEP EU-SILC Mikrozensus Vergleich

Mikrozensus und SOEP kommen zu ähnlichen Ergebnissen – das spricht für ihre Qualität.

Auf den ersten Blick erscheint es ungewöhnlich, dass sie häufiger arm sind als Kinder, die ja gar kein eigenes Einkommen haben. Die aber sind ja über die Eltern abgesichert. Oft erhalten auch über 18-Jährige noch Unterstützung der Eltern, allerdings ist zum Einen fraglich, ob die vollständig erfasst wird. Außerdem haben sie höhere Kosten, wenn sie alleine leben. Hinzu kommt, dass der Bedarf von Kindern deutlich niedriger angesetzt wird als der von Erwachsenen. Selbst wenn letztere ebenfalls nicht im eigenen Haushalt leben ist er fast doppelt so hoch. Wie erwähnt ist diese Annahme fraglich, möglicherweise wird die Armut von Kindern unterschätzt. Dagegen sind Senioren – entgegen der landläufigen Annahme – weit unterdurchschnittlich oft arm.

Das spiegelt sich auch bei der Armut nach Haushaltsgröße. Niemand ist häufiger armutsgefährdet als Alleinerziehende. Das ist auch kein Wunder, schließlich steht hier eine Arbeitskraft weniger zur Verfügung als bei Familien mit zwei Elternteilen. Überhaupt sind Alleinstehende öfter arm, denn sie haben höhere Kosten pro Person. Außerdem kann bei Paaren ein niedriges oder fehlendes Einkommen eines Partners durch einen anderen aufgefangen werden.

Bin ich arm?

Umgangssprachlich wird meist als arm bezeichnet, wessen Nettoäquivalenzeinkommen bei weniger als 60 Prozent des Medians ist. Offiziell spricht man von Armutsgefährdung, ab weniger als 50 Prozent von Armut. Für den Reichtum gibt es unterschiedliche Grenzen, häufig 200 Prozent des Medians. Die Tabelle zeigt die entsprechenden Grenzen für den jeweiligen Familientyp.

Schließlich sind auch Paare mit drei oder mehr Kindern häufiger armutsgefährdet. Hier treffen höhere Kosten auf ein geringeres Arbeitsangebot, weil im Haushalt mehr Arbeit anfällt und in weniger Paaren beide Partner voll arbeiten.

EU-SILC fällt aus der Reihe

Nur EU-SILC fällt etwas aus der Reihe. Familien mit Kindern sind demnach unterdurchschnittlich häufig armutsgefährdet. Obwohl selbstgenutztes Wohneigentum nicht berücksichtigt wird, liegt der Einkommensmedian sehr hoch. Beides könnte Folge des Mittelschichts-Bias sein, den Forscherin Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft vermutet. Dagegen sind laut EU-SILC Senioren fast genauso häufig armutsgefährdet wie im Durchschnitt.

SOEP

Die vielleicht beste Quelle für die Armutsmessung ist das SOEP. Zwar ist die Stichprobe kleiner als beim Mikrozensus, dafür wird auch selbst genutztes Wohneigentum berechnet. Wer sich selbst in dieser Tabelle findet und Wohneigentum besitzt, muss eine fiktive Miete zu seinem Einkommen addieren, von der die Kosten für Kreditzinsen, Versicherungen und anderen Ausgaben, die Mieter nicht haben, abgezogen wird.

Was tun?

Die Unterschiede zwischen EU-SILC auf der einen und Mikrozensus und SOEP auf der anderen Seite sind natürlich schwierig. Sie erlauben es einerseits jeder Interessensgruppe, sich die Zahl herauszusuchen, bei der man möglichst schlecht dasteht und so mehr Geld einzufordern. Wobei man auch völlig ohne jede Datenbasis das Bild einer darbenden Bevölkerungsgruppe aufbauen kann, wie die Rentnerlobby beweist.

Umgekehrt bietet dieser Zahlensalat aber auch Kritikern  die Möglichkeit, die Armutsgefährdung in Frage zu ziehen. Etwa mit dem Hinweis, dass ja ohnehin jede Statistik zu einem anderen Ergebnis kommen würde.

Dabei hat EU-SILC eine Reihe von Nachteilen. Sowohl das eher linke DIW als auch das Institut der deutschen Wirtschaft sehen Migranten in der Erhebung unterrepräsentiert. Gerade die sind aber häufig arm. Denn die Teilnahme ist bei EU-SILC ja freiwillig, anders als beim SOEP werden aber keine Dolmetscher bereitgestellt.

Deshalb sollten bei Untersuchungen für Deutschland vor allem die Daten von Mikrozensus und SOEP verwendet werden. Und die kommen zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

Posted in Statistik aktuell, Wirtschaft und Soziales Tagged with: , , ,

Die Schulkrise

Wir haben in Deutschland eine Schulkrise. Nein, es geht hier nicht um Hauptschulen, die in Bayern jetzt  Mittelschulen heißen (traditionell eine alternative Bezeichnung für Realschulen). Es geht um einen gänzlich anderen Schultypus, nämlich die Baumschulen. Wer Kinder oder ein gutes Gedächtnis hat weiß, dass dem Räuber Hotzenplotz im dritten Band der Kinderbuchreihe von Kasperl und Seppel als neuer Beruf „Zeichenlehrer in einer Baumschule“ vorgeschlagen wird. Am Ende wird der brav gewordene Räuber aber doch Wirt.

Eine gute Wahl, denn obwohl auch die Zahl der Gastwirtschaften zurück geht, so ist die der Baumschulen in den vergangenen fünf Jahren geradezu eingebrochen. Mit 1.714 Betrieben gab es 527 weniger als fünf Jahre zuvor, ein Minus von 23,5 Prozent.

Landwirtschaft

Auch in der Landwirtschaft gibt es einen Trend zu größeren Einheiten. Allerdings gibt es auch einen Gegentrend, die Zahl der Menschen die wieder selbst Gemüse anbauen oder sich Hühner im Garten halten wächst.

Nun geht die Zahl der Betriebe praktisch überall in der Land- und Forstwirtschaft zurück. Allerdings steigt im Gegenzug die Größe der Betriebe. Das gilt auch für die Baumschulen, doch kann der Zuwachs in der Betriebsgröße den Rückgang bei der Zahl der Unternehmen nicht ausgleichen. 2017 bewirtschafteten die statistisch erfassten Baumschulen 10,9 statt 9,7 Hektar. Wobei Baumschulen mit weniger als 0,5 Hektar Fläche nicht erfasst werden, die durchschnittliche Baumschule also insgesamt deutlich kleiner sein dürfte – je nachdem wie viele dieser Betriebe es gibt.

Langfristiger Trend

Die gewachsene Größe gleich den Rückgang bei der Zahl aber nicht aus. Insgesamt sank die von Baumschulen bewirtschaftete Fläche um 3.140 Hektar oder 14,4 Prozent. Dahinter verbirgt sich ein schon lange anhaltender Trend.

Üblicherweise findet die Baumschulerhebung alle vier Jahre statt, der verlängerte Zeitraum von fünf Jahren zwischen der Erhebung 2012 und der 2017 ist eine Ausnahme. Deshalb haben wir Daten für das Jahr 2017, 2012 und jeweils das vierte Jahr davor, beispielsweise 2008 und 2004.

Von 2004 bis 2008 sank die bewirtschaftete Fläche um 2.923 Hektar oder 11,5 Prozent. In den folgenden vier Jahren war der Rückgang mit 3,7 Prozent erstaunlich gering. Erstaunlich auch deshalb, weil 2012 die Abschneidegrenze geändert wurde. Das hat nichts mit dem Schneiden von Bäumen zu tun, sondern mit der Grenze ab der Betriebe überhaupt erfasst werden. Die Zahl der erfassten Baumschulen sank damals um 26,2 Prozent, allerdings vor allem weil viele kleine Unternehmen jetzt nicht mehr berücksichtigt wurden. Weil kleine Firmen per Definition aber klein sind – in diesem Fall an bewirtschaftetem Land – hat sich die Fläche durch die Änderung kaum verändert. Trotzdem, von dem ohnehin geringen Rückgang von 3,7 Prozent ist ein Teil auf die statistische Änderung zurückzuführen. Das bedeutet, dass die tatsächliche Fläche von 2008 bis 2012 noch weniger stark gesunken ist – anders als in den Jahren davor und danach.

Rückgang bei was?

Nun wäre die Frage sehr spannend, warum die bewirtschaftete Fläche von 2012 bis 2017 so stark gesunken ist. Kaufen die Leute weniger Büsche und Bäume für ihren Garten? Oder sind es die Bauern, die weniger Obsthölzer pflanzen? Oder die gar im  Ausland kaufen?

Natur in der Stadt

Von der grünen Stadt ist viel die Rede. Die Realität sieht aber anders aus, viel Eigenheimbesitz betonieren ihre Gärten oder wandeln sie in pflegeleichte Steinwüsten um. Eine positive Ausnahme ist dieser Bahnhof auf der Nürnberger Ringbahn, bei dem der Bahnsteig mittlerweile zugewachsen ist. Das ist aber kein Verdienst der Stadtplaner, sondern Folge der Stilllegung des Bahnhofs.

Das Statistische Bundesamt selbst äußert sich dazu im Bericht nicht. Leider lässt sich auch nicht wirklich feststellen, welche Pflanzenarten heute seltener gepflanzt werden als vor fünf Jahren. Zwar gibt der Bericht Auskunft darüber, dass die Fläche auf der Obstgehölze gezogen werden um 11,6 Prozent stieg, dagegen Rosenunterlagen auf 38,7 Prozent weniger Fläche angebaut werden. Allerdings werden „Baumschulflächen unter hohen begehbaren Schutzabdeckungen“ seit 2017 nur noch pauschal erfasst. Für diese fast 1.000 Hektar wissen wir nicht mehr, was dort wächst. Entsprechend kann der deutliche Rückgang bei den Rosensträuchern auch darauf zurückzuführen sein, dass viele Pflanzungen jetzt nur noch unter „Bauschschulflächen unter hohen begehbaren Schutzabdeckungen“ erfasst werden und nicht mehr gleichzeitig auch als Rosen.

Obstbäume

An weniger Obstbäumen liegt der Rückgang der Baumschulfläche nicht.

Es ist leider eine Krankheit der amtlichen Statistik, dass man stetig bemüht ist die Erfassung zu verbessern, dabei die Auswertbarkeit aber eher eingeschränkt wird, weil Zeitreihenbrüche entstehen. Schön wäre es, wenn in solchen Übergangsjahren Daten nach den alten und neuen Regularien erhoben würde, um abzuschätzen, welche Effekt die Änderung der Erfassungskriterien hatte.

Immerhin wissen wir aber, dass der Großteil der Baumschulflächen Freiflächen sind, nämlich 16.095 der 18.613 Hektar. 1.500 Hektar entfallen auf sogenannte Containerflächen. Wenn ich das richtig verstanden habe, handelt es sich dabei um eine Art Gewächshäuser. Was natürlich die Frage aufwirft, wo genau der Unterschied zu den 969 Hektar unter Schutzabdeckungen liegt.

Fazit

Letztendlich wissen wir nicht genau, warum die Baumschulflächen so zurück gegangen sind. Es handelt sich allerdings um eine reale Entwicklung und nicht um ein statistisches Artefakt. Allerdings könnte der Grund dafür weniger Verkäufe von Bäumen und Sträuchern sein, ebenso aber eine höhere Effizient. Beispielsweise weil die Gewächse weniger lang in der Baumschule bleiben oder weniger Platz beanspruchen.

Posted in Wirtschaft und Soziales Tagged with: , , ,

Ungläubige weltweit

Religion ist wieder ein Thema. Wobei das auch nicht ganz stimmt, meist geht es im Zusammenhang mit Religion ausschließlich um den Islam. Wer bei ZEIT online das Thema Religion aufruft, erhält fast ausschließlich Beiträge zu diesem Thema. Der Statistiker-Blog hat sich ja vorgenommen über Themen abseits dessen zu berichten, was täglich in der Zeitung steht. Nein, auch das Christentum soll heute nicht das Thema sein, sondern die Atheisten.

Atheisten und Agnostiker

Die Überschrift „Ungläubige weltweit“ ist allerdings nicht ganz richtig. Ich habe sie vor allem gewählt, weil sie so provokativ ist. Denn Atheisten glauben, dass es keinen Gott gibt. Dieser Satz schon macht deutlich, dass auch Atheisten eigentlich glauben. Sie glauben eben, dass es keinen Gott gibt. Und viele vertreten diese These auch mit der gleichen Inbrunst wie Theisten ihre Relgion.

Ziemlich großes Steinkreuz in Mallorca.

Wirklich „ungläubig“ sind eigentlich nur Agnostiker. Die sind der Meinung, dass sich grundsätzlich keine Aussagen über die Existenz oder Nichtexistenz eines oder mehrere Götter treffen lassen.

Nun sind alle vernünftigen Menschen sicher in einem gewissen Maße Agnostiker. Denn jedem sollte klar sein, dass es bisher weder empirische noch logische Argumente für die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes oder gar die ein oder andere Religion gibt. Es ist eben Glaubenssache. So sind auch viele Christen, Muslime, Buddhisten oder Atheisten ein Stück weit Agnostiker.

Oft wird Agnostizismus trotzdem mit Atheismus gleichgesetzt. Ich werde mich aber, soweit die Daten es erlauben, nur auf Atheisten beziehen, nicht auf Agnostiker.

Das Datenproblem

Schwieriger ist es, Daten zu dem Thema zu finden.Letztendlich stütze ich ich vor allem auf eine Studie von WIN-Gallup International, die allerdings schon aus dem Jahr 2012 stammt (Religiosity and Atheism). Sie unterscheidet nach folgenden Kategorien

  1. Religiöse Person,
  2. nicht-religiöse Person (aber kein überzeugter Atheist),
  3. überzeugte Atheisten.

Agnostiker werden hier nicht erfasst, auch grenzt die Bezeichnung „überzeugte Atheisten“ den Kreis ziemlich ein. Bei der Einteilung in religiös/nicht religiös gibt es außerdem ein paar Unklarheiten. Wann ein Mensch sich als religiös bezeichnet, hängt auch von der Referenz ab. Das zeigt das Beispiel der Türken.

Unreligiöse Türken?

Laut der WIN-Gallup-Studie bezeichneten sich im Jahr 2012 gerade einmal 23 Prozent der Türken als religiös. In Deutschland sind es dagegen 51 Prozent, in Italien 73 Prozent und im der Türkei benachbarten Armenien sogar 92 Prozent.

Nun könnte natürlich unsere Wahrnehmung falsch sein. Die Türkei fällt aber auf, weil es dort auch nur wenige Atheisten (2 Prozent – Deutschland 15 Prozent) gibt, stattdessen gibt es in keinem Land so viele nicht religiöse und trotzdem nicht atheistische Menschen (73 Prozent, Deutschland 33 Prozent). Und immerhin hat man dort einen streng religiösen Präsidenten gewählt.

Da liegt der Verdacht nahe, dass angesichts der religiösen Regierung und vieler streng religiöser Nachbarländer (Armenien 92 %, Irak 88 %) viele Türken etwas anders unter „religiös“ verstehen als die meisten Deutschen. Wir haben also eine Einschränkung bei der Vergleichbarkeit. Die Türkei ist außerdem ein Sonderfall, meist beherbergen Länder mit wenigen Atheisten auch einen hohen Anteil an Menschen an Menschen, die sich als religiös bezeichnen. Außerdem wenden wir uns ja vor allem den Atheisten zu, nicht den religiösen Menschen.

Die Situation in Deutschland

In Deutschland wird Religionszugehörigkeit oft mit der Mitgliedschaft in einer der großen christlichen Kirchen gleichgesetzt. Diese Sichtweise führt uns aber nicht weiter. Auch unter Kirchenmitgliedern kann es Atheisten geben, die nur aus Tradition, Bequemlichkeit oder der sozialen Arbeit der Kirchen wegen dort Mitglied bleiben. Außerdem sind nicht alle konfessionslosen Menschen Atheisten. Neben den Agnostikern gibt es auch all jene, deren Kirche keine Körperschaft öffentlichen Rechts ist. Das gilt für die meisten (aber nicht alle) Moscheegemeinden, für andere Religionen, aber auch für christliche Freikirchen.

Statistik Atheismus

In diesem Weinberg in Unterfranken haben gläubige Winzer eine Mariengrotte eingerichtet.

15 Prozent der Deutschen sind überzeugte Atheisten

Nach Daten des Meinungsforschers WIN-Gallup bezeichnen sich in Deutschland 51 Prozent der Menschen als religiös. Dabei wurde nur die Selbstauskunft berücksichtigt, also nicht die Frage, ob man Mitglied einer Kirche ist. Außerdem sind in diesen Daten auch alle anderen Religionen enthalten, von Freikirchen über den Islam bis hin zu germanischen Kulten. 15 Prozent sind überzeugte Atheisten, der Rest (33 Prozent) ist nicht religiös, aber auch nicht überzeugt atheistisch.

Atheisten in Deutschland Statistik

Die Daten des ALLBUS weichen etwas von denen von WIN-Gallup ab. Aussagen über Gott. Quelle: ALLBUS 2002

Allerdings dürfte die Verengung auf „überzeugte Atheisten“ die Zahl der Atheisten insgesamt unterzeichnen. Laut ALLBUS 26 Prozent aller Deutschen nicht an einen Gott oder ein anderes höheres Wesen. 15 Prozent sagen „Ich weiß nicht, was ich glauben soll“. Die unterschiedliche Fragestellung führt hier zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Halten wir also fest, zwischen 15 und 25 Prozent der Deutschen sind Atheisten, wobei die ALLBUS-Daten ja schon etwas älter sind. Zum Agnostizismus lassen sich keine Aussagen treffen.

Atheisten weltweit

Laut WIN-Gallup sind nur 7 Prozent der Weltbevölkerung überzeugte Atheisten. Andere Umfragen grenzen den Atheismus etwas weniger stark ein, die Encyclopedia Britannica spricht von 11,6 Prozent, fasst aber Religionslose und Atheisten zusammen. Zu den Religionslosen gehören ja auch die Agnostiker. So oder so ist der Atheismus aber eine der größten Glaubensrichtungen.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung sind Christen oder Muslime. Auch Hindus gibt es, nach Daten der Encyclopedia Britannica, häufiger als Atheisten. Das mag zunächst überraschen, da man diese Religionsgemeinschaft ausschließlich mit Indien in Verbindung bringt und viele Inder außerdem Muslime sind. Allerdings hat Indien so viele Einwohner (1,3 Milliarden, rund 17 Prozent der Weltbevölkerung), dass trotzdem rund 13,6 Prozent der Weltbevölkerung Hindus sind.

Atheistische Chinesen

Ähnlich viele Menschen wie in Indien leben in China. Deshalb gibt es nach Daten der Encyclopedia Britannica fast so viele Angehörige chinesischer Volksreligionen wie Buddhisten.

Dass es nicht mehr sind, liegt an der traditionellen Vielfalt der Religionen in China, aber auch an der hohen Zahl an Atheisten. In der Volksrepublik war der Atheismus offizielle Ideologie, so wie auch in der DDR, der UdSSR oder Tschechien. Dass er in China besonders gefruchtet hat könnte damit zusammenhängen, dass das Land schon immer religiös sehr tolerant war. Gleich drei große Lehren gab es mit Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Wobei letzterer ohnehin mehr eine Philosophie als eine Religion wie Buddhismus oder Hinduismus ist.

Für eine Reihe von Ländern weißt WIN-Gallup Werte von 0 Prozent für die Kategorie „überzeugte Atheisten“ aus. Dazu zählen die „üblichen Verdächtigen“ wie Afghanistan, der Irak, Malaysia, Aserbeidschan, Tunesien und Ghana, aber auch Vietnam. Vietnam ist in diesem Zusammenhang aber ein Exot, ähnlich wie die Türkei. Denn mit 30 Prozent bezeichnen sich dort auch wenige Menschen als religiös, während alle anderen genannten Länder hier hohe Werte haben. Es gibt in Vietnam also sehr viele nicht-religiöse Menschen, die trotzdem keine überzeugten Atheisten sind.

Atheisten Daten

Länder mit dem höchsten Anteil an Atheisten.

Unklar ist natürlich, wie stark in Ländern wie dem Irak oder Afghanistan aber auch Malaysia die Angst vor Sanktionen dazu führt, dass man sich nicht als Atheist „outet“. Zumal die Interviews in Afghanistan nicht per Telefon oder online durchgeführt wurden, sondern im direkten Gespräch.

Nordasien mit vielen Atheisten

Betrachtet man statt einzelner Länder Regionen, finden sich die mit Abstand meisten Atheisten in Nordasien. Kein Wunder, China mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern umfasst den Großteil dieser Region und auch Japan und Südkorea liegen hier. Nordkorea wurde nicht in die Umfrage einbezogen, da das Land aber nach wie vor stalinistische regiert wird, ist hier der Atheismus sogar Staatsreligion.

Atheismus Daten

Atheisten nach Weltregionen – sortiert nach Atheisten, bei gleich hohem Anteil nach Anteil der nicht religiösen Menschen.

Wenig überraschend ist auch Westeuropa die einzige weitere Region, in der es die Atheisten über die 10-Prozent-Grenze schaffen. Nordamerika liegt, trotz der vielen streng religiösen Menschen in den USA, in Sachen Atheismus mit 6 Prozent sogar noch vor den Osteuropäern (5 Prozent).

Besonders wenige Atheisten gibt es in Ostasien (ohne Nordostasien), allerdings umfasst diese Region nur die Länder Vietnam und Malaysia, die beide 0 Prozent an Atheisten ausweisen. In Indien (hier Südasien genannt, Daten liegen aber nur für den Staat Indien vor, nicht etwa für Bangladesch) und Westasien sind 3 Prozent, in Afrika, Lateinamerika und der arabischen Welt sind es sogar nur 2 Prozent.

Atheismus nach Religionszugehörigkeit

WIN-Gallup untersuchte die Zahl der Atheisten auch nach Religionszugehörigkeit. Das hört sich zunächst paradox an, doch wie wir gesehen haben gibt es auch Mitglieder der christlichen Kirchen, die sich als Atheisten bezeichnen. Nun schränkt WIN-Gallup die Kategorie auf „überzeugte Atheisten“ ein. Die gibt es erwartungsgemäß vor allem bei jenen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zuordnen. 45 Prozent sagen hier „Ich bin überzeugter Atheist“, 47 Prozent bezeichnen sich als nicht religiös, aber nicht überzeugt atheistisch. Immerhin nennen sich auch drei Prozent dieser Gruppe religiös, obwohl sie sich keiner Glaubensgemeinschaft zuordnen.

Bei den Menschen, die sich einer Religionsgemeinschaft zuordnen, gibt es erwartungsgemäß nur wenige Atheisten. Einmal, weil deren Anteil an der Bevölkerung über alle untersuchen Regionen ja nur bei 7 Prozent liegt. In jenen Ländern, für die eine genaue Untersuchung nach der sich die Daten nach Religionszugehörigkeit aufschlüsseln lassen sind es immerhin 12 Prozent – gegenüber 61 Prozent religiösen Menschen.

Vor allem sehen sich Atheisten aber meist nicht mehr als Christen oder Buddhisten, sondern eben als keiner Religionsgemeinschaft zugehörig. Tatsächlich nennt sich nur ein Prozent der Christen (egal ob protestantisch, katholisch, orthodox oder sonstiges) atheistisch, bei den Buddhisten sind es sogar Null Prozent.

Aus dem Rahmen fallen neben den Sonstigen aber die Muslime und Hindus. Hier sind immerhin 3 Prozent überzeugte Atheisten. Bei den Muslimen bezeichnen sich mit 74 Prozent auch besonders wenige Menschen als religiös (Buddhisten 97 Prozent, evangelische Christen 83 Prozent). Wie passt zu unserem Bild von Muslimen als besonders religiös?

Darauf gibt es verschiedene Antworten. Die eine ist natürlich, dass eben auch nicht alle Muslime streng ihre Religion befolgen. Entscheidender ist aber ein anderer Punkt. Tatsächlich gibt es in den traditionell protestantischen Regionen wie den Niederlanden besonders viele Atheisten (14 Prozent, einschließlich des traditionell katholischen Südens). Allerdings bezeichnen sich die auch meist nicht mehr als evangelische Christen, auch wenn ihre Eltern das einst waren. Auch das traditionell buddhistische Japan steht mit 31 Prozent Atheisten ganz vorne auf der Liste der atheistischsten Länder. Allerdings sehen sich diese Menschen meist nicht mehr als Buddhisten.

Atheisten

Religion ist oft im kulturellen Leben einer Stadt präsent, wie hier bei einer Fronleichnamsprozession im Juni 2017.

Das gilt offenbar vor allem für buddhistische und evangelische Regionen. Schon eine Reise durch Deutschland zeigt, dass der Katholizismus in der Alltagskultur deutlich präsenter ist als der Protestantismus. Noch stärker gilt es für den Islam oder das Judentum. Regeln wie das Schweinefleischverbot werden teilweise auch von Menschen befolgt, die gar nicht religiös sind. Oder wie es ein türkischstämmiger, nicht besonders religiöser Nachbar mir mal erklärte: „Das ist für mich so wie für euch Rattenfleisch essen“.

Die geringe Zahl von Atheisten und die hohe Zahl von religiösen Menschen unter Protestanten und Buddhisten liegt also weniger am Erfolg dieser Religionen, sondern daran, dass sich nicht religiöse Personen sich auch diesen Religionen nicht mehr zugehörig fühlen, während deutlich mehr nicht-religiöse oder gar atheistische Juden oder Muslime sich trotzdem noch diesen Religionen zuorden.

Die Entwicklung

Als ich in die Schule kam, gab es bei uns vier Klassen. Eine war eine reine „Gastarbeiterklasse“, in der ausschließlich türkische Kinder unterrichtet wurden. Wenn man heute über das Thema Integration streitet muss man sagen, dass zumindest bei uns (Unterfranken im Freistaat Bayern) vor 30 Jahren Integration auch gar kein Ziel war. Der Unterricht dort fand, so weit ich das weiß, teilweise sogar in türkischer Sprache statt.

Aber ich schweife ab. Von den drei „regulären“ Klassen gab es in zweien ausschließlich katholische Schüler, unsere 1c bestand zur Hälfte aus katholischen Schülern und zur anderen aus evangelischen. Und dann gab es da noch ein einzelnes Mädchen, das gar nicht getauft war. Die Eltern kam natürlich auch nicht aus der Region, sondern aus Nordrhein-Westfalen, wo sowieso alles schlimm war.

CSU schwul

Temporas mutantur…
Die Zeiten ändern sich – Schlagzeile der Nürnberg Ausgabe der BILD-Zeitung aus dem Jahr 2016.

Das hat sich komplett geändert, in Deutschland sind viele Kinder längst nicht mehr getauft. Auch werden selbst in Bayern Schulklassen meist nicht mehr nach religiösen Gesichtspunkten zusammengestellt. Bis in die 1960er Jahre hatte es in Bayern übrigens noch getrennte Schulen für katholische und evangelische Kinder gegeben.

Heißt das, dass auch der Atheismus zunimmt? Ja, zumindest in den meisten Ländern. In Deutschland stieg er von 2005 bis 2012 um 5 Prozentpunkte. Damit liegt das Land im oberen Bereich, aber deutlich hinter Japan (8 Prozentpunkte), Tschechien (10 Prozentpunkte) oder gar Frankreich (15 Prozentpunkte). Insgesamt nahm der Anteil der Atheisten weltweit von 4 auf 7 Prozent um 3 Prozentpunkte zu.

Es gibt allerdings auch ein paar Ausnahmen. In einigen Ländern Spanien sank der Anteil um einen Prozentpunkt, das ist bei 1146 Befragten nur ein Rückgang um elf Personen. Eigentlich sogar nur um sechs, da ab 0,5 Prozent aufgerundet wird. Das kann einfach Zufall sein.

Dagegen sank die Zahl der Atheisten in Bosnien-Herzogovina deutlich von 9 auf 4 Prozent, in Malaysia von 4 auf 0 Prozent. In Malaysia stieg gleichzeitig auch der Anteil der religiösen Menschen von 77 auf 81 Prozent. Dagegen sank er in Bosnien um sieben Prozentpunkte von 74 auf 67 Prozent.

Fazit

Die Zahl der überzeugen Atheisten steigt weltweit, allerdings nur leicht. Nach wie vor sind sie aber nur eine kleine Gruppe. In einigen Ländern sinkt ihr Anteil sogar. Allerdings stellt sich an einigen Stellen auch die Frage nach der Datenqualität. Beispielweise sank in Frankreich die Zahl der religiösen Personen von 58 auf nur 31 Prozent, während der Anteil der Atheisten von 14 auf 29 Prozent hoch schnellte. Bedenkt man, dass solche Veränderungen oft über Generationen hinweg stattfinden, ist das sehr viel für einen Zeitraum von nur sieben Jahren. Womöglich gab es hier eine methodische Änderung.

Posted in Statistik aktuell Tagged with: , ,