Statistiker-Blog

Warum es eine gute Nachricht ist, wenn mehr Menschen ein Konto haben

Banken sind böse (im Gegensatz zum Nikolaus, der heute den Kindern Geschenke bringt), das ist ebenso gewiss wie die Tatsache, dass alles immer schlechter wird. Ich möchte heute beide Gewissheiten infrage stellen. Dass das Leben der Menschen für die Mehrheit länger und weniger beschwerlich geworden ist weiß jeder, der sich die entsprechenden Daten ansieht. Aber warum sind Banken doch nicht böse – zumindest nicht so pauschal.

Nun, die Antwort auf diese Frage ist weniger statistisch als vielmehr ökonomisch: Banken spekulieren ja nicht nur, sie versorgen die Wirtschaft auch mit Kapital. Und selbst Spekulation kann sinnvoll sein.

Simbabwe Inflation

Bargeld hat viele Nachteile, deshalb ist es gut, wenn mehr Menschen in Bankkonto haben.

Deshalb ist es eine gute Nachricht, wenn immer mehr Menschen ein Bankkonto haben. Sie können dann beispielsweise Geld über weitere Entfernungen überweisen. Der Vater in der Großstadt kann dann der Familie auf dem Land Geld überweisen und muss es nicht mehr Bus- oder Lkw-Fahrern anvertrauen, die zufällig in die Heimat fahren und unter Umständen einen Teil oder alles für sich behalten. Auch Rücküberweisungen aus dem Ausland werden günstiger. Der Handel wird einfacher und es gibt weniger Zwischenstationen, die eventuell Geld unterschlagen können. In vielen armen Ländern erhalten Beamte und Soldaten nur einen kleinen Teil des ihnen zustehenden Gehaltes, weil der Rest auf dem Weg von der Zentralbehörde zur Mittelbehörde, von dort zur Unterbehörde und weiter zum Zahlmeister und von dort zum Empfänger „verloren“ geht.

Anteil der Bevölkerung mit Bankkonto oder Banking-App in den Jahren 2011 (rot) und 2017 (grau). Dargestellt sind jene sechs Länder mit dem höchsten Zuwachs in Prozentpunkten sowie die sechs Länder mit einem Rückgang. Quelle: Weltbank

Deshalb ist es gut, wenn immer mehr Menschen ein Bankkonto oder eine App für Zahlungsdienste besitzen. Und wenn diese Zahl in fast allen Ländern, auch den ärmsten, in den vergangenen zehn Jahren stark angestiegen ist. Das liegt nicht zuletzt an der gestiegenen Verbreitung von Zahlungsdiensten über Mobiltelefone. Besonders bekannt ist M-Pesa aus Kenia. In dem ostafrikanischen Land ist es weitaus gebräuchlicher mit dem Handy zu zahlen als in Deutschland oder anderen wohlhabenden Ländern. Über sogenannte M-Pesa Agents, beispielsweise einen lokalen Kiosk, lässt sich Geld auf das elektronische Konto ein- und auszahlen. Dieses Guthaben kann dann von einem auf ein anderes Handy überwiesen werden – und das bereits seit 2005.

Starker Rückgang in Indien, Tadschikistan und Uruguay

Dieses und andere Systeme dürfte wesentlich mit dazu beigetragen haben, dass der Anteil von Menschen ohne Zugang zu Zahlungsdienstleistungen immer weiter sinkt. In Indien sank er von 2011 bis 2017 um 44,6 Prozentpunkte, in Tadschikistan um 44,5 und in Uruguay um 40,3. Besonders wichtig ist dabei natürlich der Rückgang in Indien, denn das Land ist immerhin Heimat von 1,3 Milliarden Menschen, das sind rund 18 Prozent der Weltbevölkerung. Betrachtet werden dabei alle Menschen ab 15 Jahren.

In Indien besaßen immerhin 35,2 Prozent schon im Jahr 2011 ein Konto oder eine Banking-App. Ganz anders in Tadschikistan und Turkmenistan. In den beiden Ex-Sowjetrepubliken waren Bankdienstleistungen noch 2011 ein Fremdwort, nur 2,5 beziehungsweise 0,4 Prozent der Bevölkerung konnten Geld überweisen. Auch wenn prozentuale Veränderungen von Prozentzahlen aus gutem Grund nur selten ausgewiesen werden (meist werden Veränderungen in Prozentpunkten genannt),1 will ich diese hier ganz kurz betrachten. In Turkmenistan stieg der Anteil der Menschen mit Zugang zu einem Konto oder einer entsprechenden App von 0,4 Prozent auf 40,6 Prozent und damit um 40,4 Prozentpunkte oder 9.921 Prozent. In Tadschikistan entspricht der Anstieg von 2,5 Prozent auf 47,0 Prozent von 2011 auf 2017 immerhin 44,5 Prozentpunkten oder 1.755 Prozent.

Auch Kenia, wo 2011 immerhin schon 42,3 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einem (klassischen oder mobilen) Bankkonto hatten, konnte den Anteil der abgedeckten Bevölkerung weiter erhöhen, um immerhin 39,2 Prozentpunkte auf jetzt 81,6 Prozent.

Fast alle Länder profitieren…

Tatsächlich stieg der Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Bankkonten in fast allen Ländern in den nur sechs Jahren von 2011 bis 2017 um mindestens zehn Prozentpunkte. Einzige Ausnahme ist der Südsudan, hier lag der Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu einem Bankkonto 2017 bei nur 8,6 Prozent. Wie hoch er 2011 war, ist nicht bekannt, da damals keine Daten erhoben wurden.

Auch für eine Reihe weiterer Länder wie Djibouti, Eritrea, Nordkorea, den Sudan, Jemen oder Burundi liegen für 2017 keine Daten vor. Denkbar, dass hier der Anteil von Personen mit Bankkonto ebenfalls unter 10 Prozent liegt. In Djibouti und im Sudan lag er allerdings bereits 2011 beziehungsweise 2014 schon höher. Im Sudan ist er außerdem von 2011 bis 2014 von 6,9 auf 15,3 Prozent gestiegen, so dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der Anteil mittlerweile sogar über 20 Prozent liegt.

Tatsächlich gibt es im Jahr 2017 nur sechs Länder mit rückläufigen Quoten – und die liegen alle in den reichen Ländern. Von 2011 bis 2014 gab es immerhin einen leichten Rückgang um 0,1 Prozentpunkte auf 7,1 Prozent in Burundi.

…aber in einigen ist der Anteil noch niedrig

Trotz der positiven Entwicklung ist der Anteil von Personen ohne Konto in einigen Ländern noch immer hoch. Der Südsudan wurde bereits erwähnt, aber auch in einer ganzen Reihe weiterer Länder haben weniger als 25 Prozent der über 15-Jährigen Zugang zu einem Konto. Vor allem handelt es sich um afrikanische Länder, aber auch Afghanistan, Pakistan und Kambodscha stehen auf der Liste.

Menschen ohne Konto

Anteil von Personen ab 15 Jahren mit Zugang zu einem Bankkonto oder einer entsprechenden App. Quelle: Weltbank

Interessant ist auch, wer nicht auf der Liste zu finden ist. So ist Somalia bereits seit den 1990er Jahren in einem desolaten Zustand, große Teil des Landes werden von Islamisten beherrscht, der Norden, das ehemals britische Somaliland, hat sich abgespalten. Trotzdem hatten hier bei der jüngsten Erhebung 2014 rund 38,7 Prozent der Menschen Zugang zu einem Konto, das sind mehr als es im selben Jahr in Albanien waren (38,0 Prozent).

In Deutschland haben übrigens 99,1 Prozent der Bevölkerung über 15 Zugang zu einem Bankkonto. Der Anteil ist sogar weiter gestiegen. Hierzulande gibt es für Personen ab 18 sogar das Recht auf ein Guthabenkonto, das sogar Obdachlose und abgelehnte, aber geduldete Asylbewerber einschließt.

Fazit

In nur sechs Jahren ist der Zugang von Menschen zu einem Bankkonto deutlich gestiegen, vor allem in den armen Ländern. Das dürfte vor allem an neuen Banking-Apps liegen. Auch wenn Banken einen schlechten Ruf haben, ist das eine gute Nachricht. Denn das einfachere Übertragen von Geld senkt die Kosten und erleichtert den Handel.

 

Footnotes

  1. Prozentpunkte sind die Differenz zweier Prozentzahlen. Ein Anstieg von 10 auf 20 Prozent wäre eine Veränderung um 10 Prozentpunkte (20%-10%), aber um 100 Prozent, denn 20 Prozent ist doppelt so viel wie 10 Prozent. Allerdings kann man mit solchen Prozentveränderungen von Prozentzahlen viel Unsinn anstellen, daher werden sie nur selten genannt. Ein Medikament, das die Heilungschance von 0,001 auf 0,002 Prozent erhöht, würde diese nämlich nach dieser Betrachtung um 100 Prozent erhöhen, absolut betrachtet wäre es aber trotzdem nahezu wirkungslos.
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Die Wahl in Thüringen

Die Wahl in Thüringen hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ziemlich unglaublich ist das Zittern der FDP um den Einzug in den Landtag. Es wäre erst der dritte seit Bestehen des Landes, nur 1990 und 2009 gelang das bisher. Aber laut vorläufigem Ergebnis sind die Freidemokraten gerade Mal fünf Stimmen über der Grenze, das kann sich noch ändern, wenn vermutlich am Montag das amtliche Endergebnis verkündet wird.

Zunächst einmal etwas Positives zur Landtagswahl in Thüringen: Die Wahlbeteiligung lag mit 64,9 Prozent so hoch wie seit 1994 nicht mehr. Bei den Wahlen 1990 und 1994 hatte die Quote noch über 70 Prozent gelegen, war aber schon 1999 unter d9e 60-Prozent-Marke gefallen und hatte sich zuletzt in Richtung 50 Prozent bewegt. So kommt es, dass trotz sinkender Bevölkerungszahl die Zahl der Wähler gestiegen war. Vielleicht ist die Demokratie noch nicht ganz am Ende.

Das Wahlergebnis war dagegen weniger schön. Die ehemals seriösen Wochenzeitung DIE ZEIT ließ sich sogar ernsthaft dazu hinreisen, eine neue Ostkolonisation als Mittel gegen die Stärke der AfD ins Gespräch zu bringen.

Mir war aufgefallen, dass die AfD in Thüringen zwar einen Sitz mehr hat als die CDU, die Linkspartei sogar acht, die CDU allerdings mit 21 deutlich mehr Wahlkreise direkt gewinnen konnte als die beiden Konkurrenten, die je elf gewannen. Meine These war, dass die CDU stärker in der Gunst der Wähler schwankt, also in einigen Regionen sehr gut abschneidet, in anderen sehr schlecht.

These nur teilweise bestätigt

Um es kurzzumachen, die These hat sich nur teilweise bestätigt. Um sie zu überprüfen, habe ich für die Landesstimmen (die Zweitstimme) die Standardabweichung über alle Wahlkreise berechnet. Dabei wird für jeden Wahlkreis zunächst berechnet, wie stark das Ergebnis vom Landesdurchschnitt abweicht. Dann wird diese Abweichung quadriert und daraus wird ein Mittelwert (genauer das arithmetische Mittel) berechnet. Schließlich wird die Wurzel gezogen und das ist unsere Standardabweichung.

Tatsächlich ist die für die CDU mit 5,1 Prozent größer als für alle anderen im Parlament vertretenen Parteien, zu denen künftig auch die FDP zählt. Auch die Spannweite, also die Differenz zwischen niedrigstem und höchstem Wert, ist für die CDU mit 27,1 Prozent besonders hoch. Nur 13,0 Prozent hat die CDU im Wahlkreis Jena I, 40,1 Prozent dagegen in Eichsfeld I. Linkspartei und AfD kommen nur auf eine Differenz von 21,1 beziehungsweise 18,7 Prozent. Tatsächlich ist das beste Ergebnis der AfD mit 29,9 Prozent in Gera II auch deutlich schlechter als das Spitzenergebnis der CDU, die AfD ist aber konstanter vorne. Sie ist in 31 Bezirken besser und nur in 13 schlechter als die CDU.

Auch die Linkspartei hat deutlich konstantere Ergebnisse als die CDU erzielt. Sie ist in ihrem besten Bezirk, Suhl/Schmalkalden, mit 39,1 Prozent etwas schlechter als die CDU in ihrem besten Bezirk, dafür aber in Eichsfeld I, der CDU-Hochburg, mit 17,9 Prozent auch deutlich besser als die CDU in Jena I.

Noch geringer sind die Schwankungen bei SPD und Grünen, allerdings haben beide im Land mit 10,8 beziehungsweise 6,5 Prozent auch deutlich weniger Zuspruch als die anderen drei Parteien. Erst recht gilt das für die FDP, wo die Schwankung zwischen schlechtestem Ergebnis (Sonneberg I, 2,7 Prozent) und bestem Ergebnis (Jena II, 7,9 Prozent) nur 5,2 Prozent beträgt, das aber immerhin mehr ist, als die Partei durchschnittlich an Stimmen erreicht hat.

Große Unterschiede bei den Grünen

Teilt man die Standardabweichung und die Spannweite jeweils durch das Ergebnis des Landes, ist die CDU nicht mehr so auffällig. Die Differenz von höchstem zu niedrigstem Wert liegt beim 1,2fachen des Landesergebnisses. Das ist zwar mehr als bei AfD und Linkspartei mit 0,8 beziehungsweise 0,7, aber nicht annähernd so viel wie bei den Grünen, die 16,3 Prozent in Jena I bekommen, aber nur 2,4 Prozent im Kyffhäuserkreis. Die Differenz von 13,9 Prozentpunkten entspricht dem 2,7fachen des Landesdurchschnitts von 5,2 Prozent.

Das Ergebnis der Grünen ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Partei gegen den Bundestrend zum zweiten Mal in Folge verloren hat. 2009 hatte sie noch 6,2 Prozent erreicht, 2014 5,7 Prozent und jetzt nur noch 5,2 Prozent. Vor allem aber sind die Unterschiede dort so groß. In Jena I und II, Erfurt II und III sowie Weimar II erreicht die Partei zweistellige Ergebnisse, dafür liegt sie in 14 Wahlkreisen unter 5,0 Prozent, im Altenburger Land I und im Saale-Orla-Kreis I und II liegt sie sogar unter 3,0 Prozent.

Wahl Thüringen Statistik

Das Theater in Weimar.

Auch diese Betrachtung hat natürlich ihre Tücken. So wie bei einem reinen Vergleich der Differenz in Prozentpunkte von bestem zu schlechtestem Ergebnis die großen Parteien wegen ihrer Stimmen auch höhere Schwankungsbreiten haben, so haben bei einem relativen Vergleich (Spannweite in Relation zum Durchschnitt) kleine Parteien höhere Werte. Die Korrelation für diesen zweiten Fall liegt bei -0,3 und damit im mittleren Bereich.

Aber auch, wenn man das berücksichtigt ist die Schwankung der Grünen unglaublich hoch. Selbst unter den Kleinstparteien liegt nur bei einer, nämlich dem Bündnis von ÖDP und Familien-Partei, Differenz zwischen bestem und schlechtestem Ergebnis in Relation zum Durchschnittsergebnis höher.

Auch der Variationskoeffizient, also die Standardabweichung geteilt durch das arithmetische Mittel, liegt bei den Grünen mit 61 Prozent deutlich höher als bei CDU (23 Prozent), Linkspartei (13 Prozent), AfD (18 Prozent) oder auch der annähernd gleich starken FDP (21 Prozent).

Fazit

Tatsächlich ist es also weniger die CDU, als vor allem die Partei Bündnis90/Die Grünen, deren Ergebnisse stark schwanken. Allerdings gibt es bei der CDU tatsächlich größere Unterschiede im Ergebnis als bei Linkspartei und AfD. Das aber die CDU bei den Erststimmen (Wahlkreisstimmen) so viel erfolgreicher ist als bei den Zeitstimmen (Landesstimmen), dürfte auch mit der regionalen Verankerung zu tun haben. Immerhin war Thüringen lange Zeit eine CDU-Hochburg, noch bis 2009 hatte die CDU die absolute Mehrheit inne. 1990 und 1994 hatte sie die absolute Mehrheit nur knapp verfehlt, 1999 und 2004 aber erreicht. Offenbar gibt es noch viele starke Ortsverbände, bei den Wahlkreisstimmen wäre die CDU nach wie vor stärkste Kraft. Dagegen sind es vor allem die Grünen, deren Ergebnisse sehr stark schwanken.

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Sind die Millenials undemokratisch?

Eine (zugegeben schon drei Jahre alte) Studie des deutsch-US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Yascha Mounk und des Australiers Roberto Stefan Foa im Journal of Democracy legt den Schluss nahe, dass ausgerechnet rund 30 Jahre nach dem Fall der Mauer die Mehrheit der Millennials (damit sind meist die zwischen 1980 und der Jahrtausendwende gebornen Menschen gemeint) die Demokratie nicht besonders wichtig findet – sofern sie sich überhaupt für Politik interessiert.1

Die Jugend von heute…

Über die Jugend von heute wird immer geklagt. Nicht immer zurecht, beispielsweise ist die Jugendkriminalität eher gesunken, bei den Rohheitsdelikten tauchen vor allem alte weiße Frauen häufiger in der Statistik auf (wobei „alt“ hier über 60 meint und die Statistik keine Aussage über die Hautfarbe trifft). „Wer über die Jugend von heute jammert, jammert eigentlich darüber, dass er alt wird“, lautet ein häufig zitierte Aphorismus.

Mounk und Foa haben aber eine ganze Reihe von Daten zusammengetragen. Außerdem werden beide eher dem linken und nicht dem konservativen Milieu zugerechnet, wo die Klagen über den Sittenverfall der Jugend eigentlich zu Hause sind (wobei die Linke in den vergangenen Jahren immer mehr Themen der klassischen Rechten übernommen hat).

Böse Jugend

Anteil der Menschen, die es für „absolut wichtig“ halten in einer Demokratie zu leben nach Geburtsjahrzehnt. Quelle: 6 Welle des World Value Survey nach Mounk, Der Zerfall der Demokratie

 

Der Studie zufolge finden nur 19 Prozent der US-amerikanischen Millennials eine Machtübernahme durch das Militär illegitim, verglichen mit 43 Prozent der älteren US-Amerikaner. In der Europäischen Union ist der Unterschied mit 36 zu 52 Prozent allerdings etwas geringer. Und gerade mal 33 Prozent sehen Bürgerrechte als „absolut essenziell“, verglichen mit 41 Prozent der Älteren (was ebenfalls wenig ist). Auch hier ist der Unterschied in der EU mit 39 zu 45 Prozent geringer.

Mehr als ein Viertel der Millenialls (26 Prozent) findet freie Wahlen außerdem „unwichtig“, bei den Baby-Boomern sind es nur 14 Prozent, bei den zwischen den Weltkriegen geborenen Menschen sogar nur 10 Prozent.

Militärdiktatur

Militärdiktatur gefällig? Erstaunlich viele US-Amerikaner finden diesen Gedanken attraktiv. Foto: Skeeze auf Pixabay

Deutlich ist der Rückgang bei der Frage, ob man die Demokratie für „absolut wichtig“ halte. Bei den in den 1930er Jahren geborenen US-Amerikanern, die sich an den Rückzug der Demokratie in den 1930 und 1940er Jahren zumindest aus Erzählungen der Eltern noch erinnern, sagen das 71 Prozent, bei den in den 1980er Jahren geborenen nur noch 29. Auffällig sind dabei die Differenzen zwischen den in den 30er und den 40er Jahren geborenen sowie den in den 70er und 80er Jahren zur Welt gekommenen.

Demokratie 1973 Karte

Ich habe mir mal erlaubt, die fehlerhafte Grafik von ourworldindata.org zu korrigieren. Argentinien und Botswana sind hier im Jahr 1973 als Demokratien eingestuft, wie es in den Originaldaten von Policy IV auch der Fall ist. Das Bild unterliegt damit natürlich weiterhin der Lizenz CC-BYSA 4.0

Das würde aber zu einer von Mounk geäußerten Vermutung passen, dass man nämlich die Erziehung zu einem kritischen Geist übertrieben hat. Aus der Kritik der Institutionen, so Mounk, ist teilweise ihre Verachtung geworden. Er erzählt dazu das Beispiel einer Studentin, die ihm von einem Dilemma berichtet. Sie finde Demokratie wichtig, doch die basiere auf den Werten der Aufklärung. Die aber, so habe sie auf der Universität gelernt, seien verfolgen und falsch.

Demokratie 2015

Die Welt im Jahr 2015. Leider sind Länder mit dem Wert 6 fälschlicherweise als Anokratien eingefärbt, obwohl sie laut Definition von Policy IV noch Demokratien sind. Das betrifft beispielsweise Namibia und Madagaskar.

Die in den 1940er Jahren geborene (und in den 1960er Jahren jugendlichen) Menschen haben diesen Geist etabliert, die in den 1980er Jahren geborenen sind dann die erste Generation, die nur noch wenige Lehrer oder Hochschuldozenten hatten, die vor 1940 geboren wurden. So könnte man die beiden deutlichen Rückgänge erklären. Das ist allerdings reine Spekulation. Es sind auch viele andere Erklärungen denkbar und nicht zuletzt kann auch immer der Zufall eine Rolle spielen.

Was sagt uns das?

Ohnehin ist es schwer festzustellen, ob es sich um einen Kohorten- oder einen Alterseffekt handelt. Also ob junge Menschen heute generell die Demokratie eher infrage stellen als die Generation ihr Eltern oder Großeltern oder ob es lediglich jugendlicher Übermut ist, der Diktaturen als „eigentlich ganz okay“ erscheinen lassen und die in den 1980er Jahren geborenen Menschen in 50 Jahren auch die Demokratie so schätzen werden wie heute der 1930er-Jahrgang.

Erinnern wir uns an die Thyrannophilie vieler junger Menschen in den 1960er Jahren. Der bis heute von vielen US-Linken verehrte Noam Chomsky beschönigte beispielsweise die Morde des kambodschanischen Kommunisten Pol Pot, während dessen Herrschaft ein Demozid nach Schätzung von Ben Kiernan vom Genocide Studies Program der Universität Yale rund ein Fünftel der Bevölkerung des Landes umkam (andere Studien kommen zu niedrigeren Ergebnissen von „nur“ zehn Prozent, wieder andere gehen von weit höheren Zahlen aus). Che Guevara, ebenfalls alles andere als ein Demokrat, wurde zur Pop-Ikon der Zeit und in Berlin skandierten die Studenten vof 50 Jahren „Ho-, Ho-, Ho-Chi-Minh“.2

Extremistische Jugendliche

Jährliche Steigerung der der Links- und Rechtsextremen (Selbstbewertung mit 1 als weit links oder 10 als weit rechts auf einer Skala mit zehn Optionen) innerhalb von rund 15 Jahren bei 15 bis unter 25-Jährigen. In den meisten großen Ländern ist der Anteil der Extremisten deutlich angestiegen.
Quelle: World Value Survey, zitiert nach Mounk, Der Zerfall der Demokratie

Um einen Verlust des Vertrauens in die Demokratie zu diagnostizieren bräuchten wir also mehr Daten. Immerhin liegen diese zum Interesse an Politik vor. Hier ist tatsächlich ein deutlicher Rückgang festzustellen. 1990 gaben noch 53 Prozent der 16 bis unter 36-Jährigen in den USA und 48 Prozent in der EU an sich für Politik zu interessieren. Bis 2010 sank der Wert auf 41 Prozent in den USA und 38 Prozent in der EU. Bei den 36 Jahre und älteren Menschen gab es in der EU keine Veränderung, in den USA stieg das Interesse sogar.

Außerdem steigt der Anteil der extremistischen Jugendlichen an. Beispielsweise wurden Menschen gebeten, sich auf einer Skale von 1 (weit links) bis 10 (weit rechts) selbst einzuordnen. Hier liegen im World Value Survey Daten für verschiedene Zeiträume vor.3 In fast allen wohlhabenden und freien Ländern stieg der Anteil derer, die sich einem der beiden Extreme zuordneten.

Zustimmung zu starkem Führer

Unterstützung für eine autoritäre Führungsperson in den USA. Anteil der Personen, die ein politisches System, in dem ein starker Führer nicht auf Wahlen und Parlament Rücksicht nehmen muss, für gut oder sehr gut halten. Vergleich von 18 bis unter 25-Jährigen (blau) mit allen Befragten (orange).

Allerdings ist Jugend nicht das alleinige Problem. Insgesamt steigt die Zustimmung zu einem starken Führer und die Ablehnung der Demokratie in praktisch allen wohlhabenden Ländern. Mitunter wird die Abschaffung oder Einschränkung der Mitbestimmungsrechte des Volks von einigen Autoren oder Politikern ganz offen gefordert, als Alternative wird oft eine „Herrschaft der Gebildeten“ genannt, wobei sich die Redner natürlich als solche verstehen.

Unterschiede zwischen sozialen Gruppen und Ländern

Leichter zu bewerten ist die Einstellung zwischen den Ländern. Wie gesehen ist das Interesse an Politik in den USA höher, was aber nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein muss. Denn es könnte auch Folge der dortigen Polarisierung sein.

Nach wie vor ist die freie Meinungsäußerung den US-Amerikanern aber wichtiger. Bei der Frage ob Aussagen zensiert werden dürfen, wenn Minderheiten kritisiert werden, antworteten nur 28 Prozent der US-Amerikaner mit „Ja“, aber 70 Prozent der Deutschen. Wir liegen damit an der Spitze, denn im EU-Schnitt finden das nur 49 Prozent. Hoch ist die Zustimmung auch in Italien oder Polen, allerdings mit 62 und 50 Prozent immer noch deutlich niedriger.

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Die Meinungs- und Pressefreiheit genießt in den USA nach wie vor einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Foto: Pressebild readly.de

Für die USA wurden die Daten weiter aufgeschlüsselt. Die Millennials sind mit 40 Prozent erwartungsgemäß besonders Zensur-freudig, auch hier bleibt aber offen, ob es sich um einen Kohorten- oder einen Alterseffekt handelt.

Auffällig ist, dass – entgegen der Kritik am US-Bildungssystem – die Meinungsfreiheit mit höherem Bildungsabschluss höher geschätzt wird und Frauen eher bereit sind diese einzuschränken als Männer.

Footnotes

  1. Alle Daten in diesem Artikel nach Mounk, Yascha: Der Zerfall der Demokratie – Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht, München 2018, S. 115 – 130
  2. Siehe zu diesem Thema auch Herman, Arthur: Propheten des Niedergangs – Der Endzeitmythos im westlichen Denken, Berlin 1998
  3. Da die zitierten Länder in verschiedenen Wellen erhoben wurden, liegt die erste Erhebung jeweils zwischen 1989 und 1996, die zweite zwischen 2006 und 2012
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