Statistiker-Blog

Wo kommen all die Treibhausgase her?

Vergangene Woche haben wir uns mit dem Thema Treibhausgase befasst und festgestellt, dass Deutschland nicht nur seine Ziele für 2020 verfehlen wird, sondern sich auch sehr anstrengen muss um die stetig anspruchsvoller werden Ziele zu erreichen. Ab 2030 müssen sie jedes Jahr um 4,0 Prozent sinken. In absoluten Zahlen mögen diese 4,0 Prozent dann gar nicht mehr so viele Treibhausgase sein, weil sich der Prozentwert dann auf einen niedrigen Ausstoß beziehen. So stieß Deutschland 1990 rund 1,2 Milliarden Tonnen CO2 aus und musste im Schnitt der Jahre 2008 bis 2012 rund 260 Millionen Tonnen weniger emittieren. Von 2040 bis 2050 muss die Emission „nur“ um rund 125 Millionen Tonnen sinken. Gemessen am Ziel, 2040 nur noch rund 375 Millionen Tonnen zu emittieren beträgt der Rückgang ein Drittel.

Weil es umso schwerer wird eine Tonne Treibhausgas einzusparen, je weniger noch emittiert wird, halte ich die relative Betrachtung für aussagekräftiger. Allerdings hoffe ich, dass der technische Fortschritt uns dabei hilft das Ziel dennoch zu erreichen.

CO2 Reduktion pro Jahr Statistik

Diese Grafik kennen Leser schon von vergangener Woche. So stark müssen die Emissionen von Treibhausgasen im Vergleich zum Vorjahre jeweils sinken um die Pläne einzuhalten.

Bisher bleibt die CO2-Bilanz aber leider düster. Wie im vergangenen Beitrag gesehen ist der CO2-Ausstoß in Deutschland seit 2009 kaum noch gesunken.

Wo kommen die Treibhausgase her?

Damit wir uns ein Bild von der Herausforderung machen können, müssen wir zunächst fragen wo die ganzen Treibhausgase her kommen. Vor allem handelt es sich dabei ja um CO2, allerdings nicht nur, wie im voraus gegangenen Beitrag im Kapitel „Systematik“ beschrieben.

Emissionen

Energiebedingte Emissionen von CO2 Äquivalenten in Prozent. Rot: Energiewirtschaft; Schwarz: Verkehr; Dunkelgrau: Gebäude; Hellgrau: Industrie; Blau: Sonstiges; Quelle: Umweltbundesamt 2018

Betrachten wir aber zunächst die Emissionen durch die Gewinnung von Energie, wo es besonders gute Daten gibt. Es geht hier also vor allem um die Emissionen aus der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle. 42 Prozent entfallen dabei auf die Energiewirtschaft, also vor allem die Produktion von Strom. Auch Fernwärme spielt gehört hier aber dazu. Zweitwichtigster Emittent ist der Verkehr, vor der Industrie und den privagten Haushalten.

Allerdings hat diese Betrachtung den Nachteil, dass hier andere Emissionen, etwa aus Kühlmitteln, außen vor bleiben. Aus verschiedenen Statistiken des Umweltbundesamtes habe ich deshalb eine Übersicht geschneidert, die auch andere Treibhausgase einschließt, beispielsweise solche, die in der Produktion freigesetzt werden.

Emissionen nach Herkunft

Emission von Treibhausgasen gemessen in CO2-Äquivalenten im Jahr 2017 (rot) und 2016 (grau). Zwar sank die Gesamtemission etwas, das ist aber ausschließlich auf weniger Emissionen in den Bereichen Energie- und Abfallwirtschaft zurückzuführen. Sowohl zur Gewinnung von Strom und Fernwärme als auch bei der Abfallentsorgung gingen die Emissionen zurück. Dagegen legten Industrie und Verkehr deutlich zu.

Auch hier ist die Energie- und Abfallwirtschaft der größte Emittent, wobei mehr als 95 Prozent der Emissionen auf die Energiegewinnung entfallen, der Rest auf die Abfallwirtschaft. Natürlich sind die Stromkonzerne aber nicht der eigentliche Verbraucher, sie wandeln nur Kohle, Erdöl oder Erdgas in Strom und Wärme um, die dann an anderer Stelle verbraucht werden. Wenn wir über eine Reduzierung des Energieverbrauchs reden sind die Versorger also nur bedingt die richtige Adresse, wenn es aber um die Umstellung auf weitgehend CO2-neutrale Energiequellen geht die wichtigste.

Tatsächlich ist in diesem Bereich die Emission von Treibhausgasen auch zurück gegangen – und zwar sowohl im Bereich der Ver- als auch der Entsorgung. Sie sank um mehr als 14 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, ein Minus von 4,1 Prozent. Das alleine hätte den Gesamtausstoß der Bundesrepublik um 1,6 Prozent gesenkt. Hätten die anderen Bereich es den Ver- und Entsorgern gleich getan, wäre der Ausstoß an Treibhausgasen sogar um 38 Millionen Tonnen zurück gegangen.

DDR Statistik

In einem Punkt war die DDR in Sachen Umweltschutz erfolgreicher als die BRD: Trotz stinkender Trabis verursachte der Verkehr weniger CO2, da nur rund jeder zweite Haushalt ein Auto hatte – und meist nur eines und nicht zwei oder drei.

Leider sind die Ver- und Entsorger die große Ausnahme. Die Industrie stieß 3,8 Millionen Tonnen mehr aus, ein Plus von 2,5 Prozent. Das ist auch deshalb schwerwiegend, weil sie mit 192,9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente nach den Ver- und Entsorgern der wichtigste Emittent ist. Denn hier fällt nicht nur CO2 bei der Verbrennung, beispielsweise in Hochöfen an, sondern es kommen auch andere Treibhausgase zum Einsatz, beispielsweise für Kühlprozesse. Deshalb überholt die Industrie den Vekehrssektor, wenn man zu den energiebedingten Emissionen (das obige Kreisdiagramm) noch die aus Industrieprozessen und Lösemitteln hinzu zählt.

Der Verkehr folgt immerhin auf Platz 3 und hat ebenfalls zugelegt. 3,8 Tonnen mehr stößt er 2017 aus als im Vorjahr, ein Plus von 2,4 Prozent auf jetzt 170,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Der Verkehrsektor ist vermutlich der einzige Bereich, in dem die DDR in Sachen Umweltschutz erfolgreicher war, wenngleich weniger aus Überzeugung als aus mangelnder Effizienz. Und natürlich konnte das nicht die vielen Emissionen der Industrie und auch der privaten Haushalte ausgleichen. Denn in der DDR heizte man oft mit Braunkohle, die besonders schlecht für die CO2-Bilanz ist.

Landwirtschaft und sonstige Emittenten legen ebenfalls leicht zu, die Haushalte bleiben konstant.

Wohin geht die Reise?

Um 4,1 Prozent reduzierten vor allem die Stromproduzenten ihre CO2-Emissionen. Das ist beachtlich, allerdings steht am Ende wegen höherer Emissionen von Industrie und Verkehr nur ein Minus von 0,5 Prozent. Wie im vergangenen Beitrag gesehen müsste Deutschland aber in den nächsten Jahren seinen Ausstoß jährlich um 2,7 Prozent senken, ab 2030 sogar um jährlich 4,0 Prozent. Angesichts der aktuellen Entwicklung wirkt das wenig realistisch.

Tagged with: , ,

Das CO2-Ziel 2020 wird wohl verfehlt

Auch wenn das Alpenland im Schnee versinkt, bei uns im Norden Bayerns gibt es bisher noch weniger Schnee als in den vergangenen Jahren. Nicht wegen ausbleibenden Niederschlägen, sondern weil es einfach zu warm ist. Der Klimawandel ist in aller Munde, doch beim Versuch ihn zu stoppen ist selbst Deutschland bisher kaum erfoglreich. Die Emissionen von Treibhausgasen sind seit 2009 kaum noch gesunken, wie die Bilanz des Umweltbundesamtes zum Jahr 2017 zeigt (neuere Daten gibt es noch nicht). 2009 lagen die Emissionen bei 908 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten, 2017 waren es 905. Das ist zwar etwas weniger als 2016 (909 Millionen Tonnen), aber mehr als 2014 (903 Millionen Tonnen). Zurückgegangen ist außerdem lediglich der Ausstoß sonstiger Treibhausgase, CO2 im engeren Sinne wird sogar mehr freigesetzt als 2009, nämlich 797 statt 790 Millionen Tonnen.

CO2 Bilanz Statistik

Es wird wärmer, das kann niemand bestreiten. Auch über die Gründe ist sich die Fachwelt einig, Kritik kommt eher von Laeien.

Sehr befremdlich ist es da, wenn Henryk Marcin Broder bei seiner Rede vor der AfD-Fraktion im Bundestag die Überzeugung, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, mit einem religiösen Glauben vergleicht. Er zitiert dabei einen angeblich vom Father Brown Erfinder und bekennenden Katholiken Gilbert Keith Chesterton stammenden Spruch „Wenn die Menschen aufhören an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sie glauben an irgend etwas“. Zunächst einmal stammt das Zitat wohl nicht von Chesterton selbst, sondern vom in Deutschland weitgehend unbekannten Émile Cammaerts, der es aus einem Ausspruch des (fiktiven) Father Brown ableitet.

Das ist aber nicht der wichtigste Punkt. Denn die These von der durch CO2 hervorgerufenen Klimaerwärmung ist ja kein Glaube wie der an Astrologie. Es ist keineswegs so, dass die Klimaforscher nur auf Basis der steigenden Durchschnittstemperaturen von einem Einfluss des Menschen ausgehen. Aber dass CO2 einen Treibhauseffekt hervorrufen kann wurde ja wissenschaftlich ausreichend untersucht. Auch ist Herrn Broder Einlassung, das Klima wandele sich ja ständig, wenig zielführend. Tatsächlich gab es schon viele Klimaveränderungen, aber nicht wenige hatten große Hungerkatastrophen, Kriege und den Zusammenbruch ganzer Reiche zur Folge. Das kann keiner wollen.

Kälteste Millionenstadt der Welt

Wo ist es im Dezember noch kalt? Mittelwert aus der kältesten und dem wärmsten in den Wetteraufzeichnungen enthaltenen durchschnittlichen Dezembertemperatur. Quelle: Wikipedia, Wetterkontor.de

Leider ist es nicht sehr hilfreich, wenn auf der anderen Seite des politischen Spektrums die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn auf Twitter völlig unsinnige Kommentare von sich gibt, beispielsweise dass die aktuelle „Kälte-Welle“ eine Folge des schwächer werdenden Golfstroms sei. Tatsächlich gibt es den Effekt, dass der Golfstrom warmes Wasser nach Europa bringt, was mit ein Grund ist warum es in Hamburg meist wärmer ist als in der deutlich südlich liegenden kanadisch Stadt Calgary (wobei Calgary natürlich auch insgesamt weiter vom Meer entfernt liegt, also kontinentaleres und damit extremes Wetter hat). Aber natürlich ist etwas Schnee noch kein Hinweis auf einen ausbleibenden Golfstrom, zumal auch dieser Winter vermutlich eher zu warm sein dürfte. Den Schweizer Metereologen Jörg Kachelmann veranlasste das, ebenfalls auf Twitter, zu heftigen Kommentaren:

Zur Systematik

Aber ich will nicht politisieren, sondern mich lieber den Daten widmen. Wie sieht es da aus? Tatsächlich gehört Deutschland zu den wenigen Ländern, die gegenüber 1990 einen deutlichen Rückgang der Emissionen von Treibhausgasen vorweisen können. Meist setzt man diese Treibhausgase mit CO2 gleich, was nicht ganz stimmt. Allerdings spielt CO2 dabei eine große Rolle.

Die übrigen Treibhausgase wie Methan oder Schwefelhexaflourid werden entsprechend ihres Treibhauspotentials in CO2-Äquivalente umgerechnet. Weil Methan deutlich klimaschädlicher ist entspricht eine Tonne davon laut dem Kyoto-Protokoll 21 Tonnen CO2. Ein Staat der 100 Tonnen CO2 und eine Tonne Methan verursacht hat bekäme als 121 Tonnen CO2-Äquivaltente gutgeschrieben.

Viele Autofahrer kennen die Problematik vielleicht weil sie festgestellt habe, dass das Auffüllen ihrer Klimanlage mit Kühlmittel sehr teuer geworden ist. Das dort oft verwendete 1,1,1,2-Tetrafluorethan entspricht nämlich von der Klimawirkung dem tausendfachen der gleichen Menge CO2. Die unten stehene Tabelle zeigt die Entsprechung einer Tonne des Stoffes in CO2-Äquivalenten. Eine Tonne CO2 ist natürlich genau ein CO2-Äquivalent.

Kohlendioxid 1
Methan 21
Disticksoffoxid 310
1,1,1,2-Tetrafluorethan 1.000
Schwefelhexaflourid 23.900

Die Angaben beziehen sich jeweils auf die Treibhauswirkung innerhalb von 100 Jahren. Der Sachstandbericht der Vereinten Nationen verwendet teilweise etwas andere Umrechnungsskalen und führt außerdem noch mehr Treibhausgase auf.

Ein Rückblick

Im Mittel der Jahre 2008 bis 2012 lag der Ausstoß rund 24 Prozent niedriger als 1990. Während viele Länder wie Österreich, die USA und Japan statt der versprochenen Einsparungen sogar mehr Treibhausgase ausstießen, übertraf Deutschlande also seine Ziele. Nur Großbritannien und Frankreich waren unter den klassischen Industrienationen ähnlich erfolgreich. Frankreich allerdings nur deshalb, weil sie sich keine Einsparung vorgenommen hatten, trotzdem aber 4,8 Prozent weniger Treibhausgase emittierten. Dänemark sparte zwar CO2 & Co, scheiterte aber an seinen hohen Zielen.

Kyoto Protokoll Vergleich zur Realität

Nur wenige Länder haben ihre im Kyoto-Protokoll formulierten Ziele erreicht, darunter Deutschland. Nicht enthalten in der Grafik sind die ehemals sozialistischen Staaten. Die Grafik spricht von CO2, gemeint sind aber Treibhausgase insgesamt.

Eine deutliche Einsparung erreichten nur Deutschland und Großbritannien sowie zahlreiche osteuropäische Staaten (nicht in der obigen Grafik zu sehen). Leider ist der Erfolg dieser Staaten vor allem dem Zusammenbruch ihrer Industrien nach dem Ende des Sozialismus zu verdanken. In den baltischen Staaten oder Rumänien lies er die Emissionen um mehr als 50 Prozent zurück gehen. Auch die deutschen Erfolge sind zum großen Teil durch die Stilllegung oder Modernisierung von Industrieanlagen in der ehemaligen DDR bedingt. Danke, liebe Ostdeutsche.

In Großbritannien dürften die Gründe ähnlich sein, ein Großteil der britischen Industrie verschwand, während immer mehr Menschen in die Dienstleistungsbranche wechselten. Das ist eine Schwäche dieser Statistik, kauft ein Londoner Unternehmensberater einen in Deutschland gebauten Porsche, so wird das für die Herstellung nötige CO2 nicht dem britischen, sondern dem deutschen Konto gutschrieben.

Der Effekt, dass die Produktion teilweise ins Ausland verlagert wird, dürfte auch Deutschland etwas geholfen haben. Allerdings exportiert man hierzulande jetzt auch mehr, welcher Effekt stärker ist kann ich nicht beurteilen.

2020 werden die Ziele wohl verfehlt

Bis 2020 hat man sich in Berlin eine Reduktion der Treibhausgase um 40 Prozent vorgenommen. Gemessen am Kyoto-Ziel ist das eine weitere Einsparung um 19 Prozent des Ausstoßes von 1990, gemessen an den erreichten 24 Prozent immer noch 16 Prozent. Dabei muss man jetzt ohne die Extrahilfe aus Ostdeutschland auskommen. Der Ausstieg aus der Kernkraft erhöht die Treibhausgas-Emission sogar, weil die relativ CO2-freie Energiequelle durch Kohle und Erdgas ersetzt werden muss.

CO2

Blau ist die CO2-Reduktion laut deutschen Klimaschutzzielen, grau die tatsächliche Veränderung sowie die maximale Veränderung die bis 2020 erzielt werden kann. Alle Veränderungen sind in Relation zum Jahr 1990 zu sehen. Quelle: Thomas Unnerstall: Energiewende verstehen

Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass das Ziel einer Reduktion um 40 Prozent gegenüber 1990 bis zum nächsten Jahr noch erreicht werden kann. Bis 2017 betrug der Rückgang insgesamt nur 27 Prozent gegenüber 1990. Bedenkt man, dass bereits im Mittel der Jahre 2008 bis 2012 ein Minus von 24 Prozent erreicht war ist also kaum noch eine zusätzliche Einsparung erzielt worden. Selbst die optimistischsten Prognosen erwarten maximal einen Rückgang von 35 Prozent gegenüber 1990, was aber in meinen Augen sehr unrelistisch ist.

Warum der Schein trügt

Dass Deutschland seine Ziele für 2020 verfehlen wird, nachdem es bisher der Musterschüler war, liegt also daran, dass bisher ein Sondereffekt geholten hat. Wenngleich man nicht vergessen darf, dass es auch nach 2000 noch Einsparungen gab, also zumindest kleinere Erfolge erzielt wurden.

Einsparung CO2 Ziele Statistik

Geplante CO2-Einsparungen in Deutschland. Schwarz ist der Ausstoß an Treibhausgasen (vor allem CO2) des Jahres 1990. Dunkelgrau ist der jeweils zu dieser Zielmarke zu erreichende Rückgang, hellgrau der bereits in den Vorjahrzehnten erreichte Rückgang. Die Zahlen für 2050 sind beispielsweise so zu lesen, dass der CO2-Ausstoß dann noch 20 Prozent des Wertes von 1990 beträgt. Die Reduktion zwischen 200 und 2040 entspricht zehn Prozent des Ausstoßes von 1990, weitere 70 Prozent sollen vorher schon eingespart worden sein.

Allerdings erzeugt die gängige Betrachtung auf Basis der Veräderung gegenüber 1990 auch ein schiefes Bild. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden die Ziele von Jahr leichter erreichbar. Bis 2010 waren 21 Prozent einzusparen, bis 2020 dann 40 Prozent, also 19 Prozentpunkte mehr. Allerdings bedeutet das nicht, dass von 2010 bis 2020 die Treibausgas-Emissionen um 19 Prozent reduziert werden müssen. Zwar entspricht die Reduktion 19 Prozent des Ausstoßes von 1990, gemessen am bereits 2010 erreichten Wert handelt es sich aber um ein Reduktion von rund 25 Prozent, denn 2010 lag der Wert ja schon ehr als Viertel niedrige als 1990. Außerdem umfasst der erste Zeitraum 20 Jahre, die anderen nur noch zehn. Wer genau hinsieht merkt, dass die Vorgaben von Jahrzehnt zu Jahrzehnt anspruchsvoller werden.

CO2 Reduktion pro Jahr Statistik

Notwendige Einsparung pro Jahr um die CO2-Ziele zu erreichen. Wenn 2040 das Einsparziel genau erreicht wurde müssten bis 2050 die Emissionen jedes Jahr um mindestens 4,0 Prozent gesenkt werden um 2050 erneut die Ziele zu erreichen. Natürlich ist eine höhere Einsparung nötig, wenn die Ziele zuvor verfehlt wurden und eine niedrigere, wenn sie übertroffen wurden. Quelle: Eigene Berechnung

Berechnet man die nötige Einsparung pro Jahr im Vergleich zum Vorjahr, zeigt sich die wahre Herausforderung. Um die Kyoto-Ziele zu erreichen musste der Ausstoß von 1990 bis 2010 (genauer bis zum Mittel der Jahre 2008 bis 2012) jährlich um 1,2 Prozent gesenkt werden. Von 2010 bis 2020 wären nach den Planungen schon eine jährliche Reduktion um 2,7 Prozent nötig. Tatsächlich etwas weniger, weil die Ziele 2010 übertroffen wurden. Von 2020 bis 2030 muss der CO2-Ausstoß von Jahr zu Jahr um 2,8 Prozent sinken, in der Praxis sogar etwas mehr um die fast sichere Zielverfehlung von 2020 auszugleichen. In den Jahren von 2030 bis 2050 ist dann jedes Jahr eine Reduktion um 4,0 Prozent nötig (wer jetzt sagt 10 Mal 4,0 Prozent sind aber doch 40 Prozent und nicht ein Drittel, der möge bedenken, dass es hier einen umgekehrten Zinseszinseffekt gibt und zur Berechnung der Jahreswerte das geometrische und nicht das arithmetisch Mittel verwendet werden muss).

Fazit

Die CO2-Einsparungen zu erreichen wird ein ziemlicher Kraftakt werden. Nur auf den ersten Blick wird es von Jahrzehnt zu Jahrzehnt einfacher, tasächlich wird es immer schwerer. Denn trotz des Zusammenbruchs der Ost-Wirtschaft hat Deutschland von 1990 bis 2010 nicht annäherend die Einsparungen erzielt, die in den nächsten Jahren nötig sind. Ein Zurücklehnen kann sich das Land aber nicht leisten, denn so richtig anspruchsvoll werden die Ziele ab 2030.

Wo kommen die Emissionen aktuell her? Und warum hat das Land seine Ziele bisher verfehlt? Das seht im nächsten Blogbeitrag am Mittwoch, den 13. Februar 2019.

Tagged with: , , ,

World Happiness Report der UN

In der vergangenen Woche haben wir gesehen, dass Menschen auf die Frage „Sind sie glücklich“ scheinbar paradox antworten. Frauen in Pakistan, die relativ wenig Rechte haben, geben nicht nur deutlich häufiger an sehr glücklich zu sein als ihre deutschen Geschlechtsgenossinnen, sondern auch als pakistanische Männer. Sind Menschen also glücklicher, wenn sie nicht mit zu viel Wohlstand und Verantwortung „beschwert“ werden oder ist es schlicht so, dass für pakistanische Frauen Bescheidenheit ein so wichtiger Wert ist, dass sie ihre Zufriedenheit oft mit sehr hoch bewerten.

Andere Quellen, andere Ergebnisse

Zu einem ganz anderen Ergebnis als die im vergangenen Beitrag vorgestellte Statistik kommt eine Übersicht, die ich bei ourworldindata.org gefunden habe. Hier ist die Sache klar, je ärmer ein Staat desto größer die Zahl derer, die mit dem individuellen Lebensstandard unzufrieden sind.

Allerdings hat die Statistik aus unserer Sicht einen großen Nachteil. Denn hier werden Menschen nur nach der Unzufriedenheit mit dem Lebensstandard gefragt. Ganz abgesehen davon, dass ein hohes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf natürlich nicht auch ein hohes Durchschnittseinkommen bedeutet und außerdem die Einkommensverteilung sehr ungleich sein kann. Letzteres Problem haben wir aber immer.

Der World Happiness Report der Vereinten Nationen

Besser geeignet ist der World Happiness Report der Vereinten Nationen. Er fragt nicht nur nach dem Lebensstandard, sondern ganz allgemein nach der Zufriedenheit. Das aber wird weniger direkt abgefragt als bei der im vergangenen Beitrag zitierten Umfrage. Vielmehr haben die Meinungsforscher von Gallup, die die Erhebung im Auftrag der UN durchführen, hier eine Cantril Skala (Cantril Ladder) verwendet. Dabei müssen die Befragten auf einer Skala von 0 bis 10 angeben, als wie gut sie ihr Leben empfinden, wobei 0 das schlechteste und 10 das beste denkbare Leben ist.

Menschen die sich als glücklich beschreiben Statistik

Fragt man Menschen dannach, ob sie glücklich sind, erhält man teilweise andere Antworten als bei der Frage, für wie gut man sein Leben auf einer Skala von Null bis zehn hält.

Erstaunlicherweise weichen die Ergebnisse teilweise deutlich von denen der vergangenen Umfrage ab. Pakistan beispielsweise, im World Value Survey besser platziert als Deutschland, schneit zwar erstaunlich gut ab (besser beispielsweise als Indien), aber deutlich schlechter als Deutschland oder andere EU-Staaten. Im World Happiness Report korrelieren die Ergebnisse stark mit dem materiellen Wohlstand eines Landes. Ganz vorne im Ranking findet man die üblichen Verdächtigen, reiche Staaten die ihren Bewohnern viel Sicherheit bieten. Das sind natürlich vor allem die skandinavischen Staaten, die Plätze eins bis vier belegen (in dieser Reihenfolge) Finnland (7,6 Punkte gerundet), Norwegen (7,6 Punkte), Dänemark (7,6 Punkte) und Island (7,5 Punkte). Nur die Schweden schwächeln, sie landen „nur“ auf Platz neun.

Zufriedenheit Cantril Skala

Hier ist die Zufriedenheit dargestellt, wie sie anhand einer Cantril Skala erhoben wurde.

Die ersten 15 Staaten liegen fast alle in Europa, selbst die als notorisch miesepetrigen verschrienen Deutschen bewerten ihr Leben durchschnittlich mit 7,0 Punkten und landen damit auf Platz 15. Außerhalb Europas haben es vier Länder unter die Top 15 geschafft, nämlich Kanada (Plat sieben mit 7,3 Punkten), Neuseeland (Platz acht mit 7,3 Punkten), Australien (Platz zehn mit 7,3 Punkten),  Israel (Platz elf mit 7,2 Punkten) und Costa Rica (Platz zwölf mit 7,1 Punkten).

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang die gute Platzierung von Israel und Costa Rica. Das erste Land befindet sich im Konflikt mit seinen Nachbarn und nicht wenige Menschen auf dieser Welt würden es gerne von der Landkarte verschwinden sehen. Warum schneidet das Land so gut ab? Ich weiß es nicht, vielleicht weil vielen Juden das Leben dort einfach gut erscheint im Vergleich zur Situation ihrer Glaubensbrüder und -schwestern in Europa? Oder liegt es nur an dem vergleichsweise hohen Wohlstand?

Fahne Israel

Israel liegt mitten in einem Konfliktgebiet. Warum sind die Menschen so zufrieden? Liegt es am Wetter?

Vielleicht ist es auch die Nähe zu deutlich ärmeren Staaten, die die Israelis so zufrieden werden lässt. Das könnte auch der Grund sein, warum Costa Rica so gut abschneidet. Keine Frage, das Land ist vergleichsweise wohlhabend und gilt als eines der stabilsten und sichersten Lateinamerikas. Allerdings ist es vom deutschen Wohlstand noch weit entfernt. Aber vielleicht ist es ja auch das Wetter, dass die Menschen in Israel und Costa Rica so zufrieden sind.

Ganz unten

Galup hat Unterkategorien erhoben wie Recht und Ordnung, Nahrung und Unterkunft, Arbeit, Wirtschaft, Gesundheit und tägliche Erfahrungen. Die wurden bewertet und können einen unterschiedlich großen Anteil der Zufriedenheit erklären. Natürlich gehört auch das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zu den erklärenden Variablen.

Statistik Glück

Am zufriedensten sind die Menschen in den skandinavischen Staaten. Je ärmer ein Land, desto schlechter schneidet es ab: Quelle: World Happiness Report der UN

Kein Wunder, dass viele afrikanische Länder auf der Liste stehen. Mit dabei ist natürlich der von Hunger und Bürgerkrieg geplagte Südsudan. Auch das arabische Jemen wird von Kämpfen erschüttert und seht deshalb ebenfalls ganz hinten.

Zufriedenheit aufgesplittet

Die Meinungsforscher von Galup haben sogar versucht, das Glück eines Landes genau bestimmten Faktoren zuzuordnen, also beispielsweise zu erklären welchen Anteil am Glück die Abwesenheit von Korruption hat. Dabei wird das Land mit dem niedrigsten Beitrag eines Faktors zum Gesamtglück des Landes mit 0,0 bewertet. Beim Thema Großzügigkeit ist das Griechenland, was nicht automatisch bedeutet, dass die Griechen die am wenigsten großzügigen Menschen der Welt sind. Am anderen Ende der Skala steht Myanmar, hier trägt die erlebte Großzügigkeit 0,6 Punkte bei, Deutschland liegt mit 0,3 im Mittelfeld.

Diese errechnete Punktzahl bildet nicht nur ab, wie erfolgreich ein Land in der jeweiligen Kategorie ist, sondern auch wie wichtig es den Menschen ist. So erreicht beim Thema Korruption Singapur einen Höchstwert von 0,5 Punkten. Beim Thema BIP und sozialer Unterstützung liegen die höchsten Werte jeweils bei 1,6 (Katar für das BIP, Island für die soziale Unterstützung).

Die Zufriedenheit der Deutschen speist sich (rein rechnerisch) aus verschiedenen Quellen (blau). Wie stark eine bestimmte Quelle das beeinflusst hängt von der Bedeutung des Punktes sowie das Abschneiden des Landes in diesem Bereich ab. Grau ist der Median über alle Länder. Deutschland schneidet in allen Bereichen besser ab was daran liegt, dass die Menschen hierzulande ihr Leben besser bewerten als im globalen Durchschnitt.

Für Deutschland ist das Thema „soziale Unterstützung“ (social support) besonders wichtig, es erklärt fast 1,5 Punkte. Den zweithöchsten Anteil trägt das hohe Bruttoinlandsprodukt zum deutschen Glück bei, rund 1,4 Punkte. Es folgt die Zahl der gesunden Lebensjahre, die man in Deutschland erwarten darf (health life expectancy) mit rund 0,0 Punkten vor der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen (Freedom to make life choices) mit rund 0,6 Punkten. Die im weltweiten Vergleich geringe Maß an wahrgenommener Korruption in Deutschland (perceptions of corruption) trägt ebenso wie die Großzügigkeit (generosity) rund 0,3 Punkte bei. 0,2 Punkte können nicht erklärt werden, 1,9 Punkte sind der Basiswert. Diesen würde auch ein Land erreichen, das in allen Unterkategorien 0,0 Punkte erreicht, wobei kein Land in mehr als einen Rubrik 0,0 Punkte bekommt, Somalia beispielsweise beim BIP und Bosnien-Herzegowina bei der Korruption.

Natürlich kann man diese Werte im Einzelfall hinterfragen, aber sie lassen einen doch eine gewisse Idee davon bekommen, was den Menschen wichtig ist und wo Deutschland gut abschneidet. Wobei Deutschland überall besser abschneidet als der Durchschnitt.

Fazit

Der World Happiness Report kommt teilweise zu anderen Ergebnissen als andere Erhebungen zum Glück. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass hier nicht so direkt die Frage „Sind sie glücklich“ gestellt wurde. Diese Differenz zeigt wie schwer es ist Glück zu messen, denn beide Verfahren haben ihre Vor- und Nachteile. So mag anerzogene Bescheidenheit dazu führen, dass Menschen sich häufiger als glücklich bezeichnen. Ein Effekt, den es sicher auch bei der vom World Happiness Report verwendeten Cantril Skala gibt, aber offenbar weniger stark. Andererseits hat die Frage wie man sein Leben bewertet möglicherweise die Folge, dass die Menschen eben nicht angeben, wie glücklich sie sind, sondern nur wie gut es ihnen im Vergleich zu anderen geht. Ein reicher, aber unglücklicher Mann würde dann eine hohe Punktzahl vergeben, nicht weil er wirklich glücklich ist, sondern weil er denkt, dass er es eigentlich sein müsste. Ohnehin stellen einige Philosophen die Frage, ob es wirklich das Ziel ist immerzu glücklich zu sein.

Zufriedenheit ist also schwer messbar, das gilt umso mehr für die Frage welche Faktoren einen hohen Punktwert hervorgerufen haben. Trotzdem lohnt es sich, sich mit der Frage zu beschäftigen, denn ein glückliches und langes Leben ist für die meisten Menschen vermutlich der höchste Wert. Und immerhin gibt es ja auch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Die europäischen Länder schneiden in beiden Untersuchungen meist besser ab als jene aus anderen Erdeteilen und insbesondere die Skandinavier liegen beide Male recht weit vorne.

 

Tagged with: , , , ,
Top