Statistiker-Blog

Demokratie in Bewegung

Eigentlich wollte ich ja mit dem vergangenen Beitrag schon das Thema Demokratiemessung nach Polity IV abschließen und die Frage beantworten, wie sich die Demokratie – immer auf Grundlage der Definition von Polity IV natürlich – entwickelt hat.

Am Ende des vergangenen Beitrags habe ich es ja schon angekündigt: Die Welt war tatsächlich schon mal demokratischer als heute, aber in den meisten Zeiträumen sehr viel undemokratischer.

Das wurde ja bereits in den Kapiteln über Afrika und Südamerika deutlich. In den 1970er Jahren waren dort die meisten Staaten Autokratien. Heute haben sich in Südamerika die Demokratien durchgesetzt, in Afrika sind es zumindest mehr geworden und einige Staaten nur noch Anokratien.

Demokratie 1973 Karte

Ich habe mir mal erlaubt, die fehlerhafte Grafik von ourworldindata.org zu korrigieren. Argentinien und Botswana sind hier im Jahr 1973 als Demokratien eingestuft, wie es in den Originaldaten von Polity IV auch der Fall ist. Das Bild unterliegt damit natürlich weiterhin der Lizenz CC-BYSA 4.0

Die Seite ourworldindata.org bietet ein schönes Gimmick, um die Entwicklung von Demokratie, Autokratie und Anokratie nachzuverfolgen. Man kann durch die Jahre wandern und zusehen, wie sich die Farben auf der Weltkarte verändern.

Leider ist die Karte an manchen Stellen schlecht gemacht. Der Einfachheit halber hat man für alle Zeiten die heutigen Grenzen verändert. Das ist ein großer Nachteil auf Kontinenten mit sehr instabilen Staaten und häufig wechselnden Grenzen, namentlich Europa. Statt alle GUS-Staaten und das Baltikum für die Zeit der Sowjetunion rot zu färben, sind diese als Kolonien gekennzeichnet und Russland als „No Data“. Die Slowakei und Tschechien werden wiederum als Kolonien der Tschechoslowakei geführt.

Das ist nicht besonders logisch. Zumal man für Deutschland auch Daten aus der Zeit vor Gründung der Bundesrepublik ausweist und beispielsweise für das Jahr 1868, als es das Deutsche Reich ja noch nicht gab, einfach Daten für Preußen verwendet.

Deshalb habe ich das Tool als Gimmick bezeichnet, es ist eine nette Spielerei, aber mit Vorsicht zu genießen. Die falsche Darstellung von Ländern mit dem Wert von 6 im Ranking von Polity IV zieht sich durch alle Jahre, deshalb wird die Weimarer Republik auch fälschlicherweise nicht als Demokratie eingefärbt.

Der grobe Überblick

Trotzdem erhält man schon einen Überblick, dass die Welt früher weit weniger demokratisch war. Wer Geschichtskenntnisse besitzt oder die Originaldaten für Europa aufruft stellt fest, dass auch unser Kontinent lange nicht besonders demokratisch war. Der gesamte Ostblock, der hier nur als Kolonie oder mit „No Data“ gekennzeichnet wird, bestand bis 1990 überwiegend aus Autokratien.

Die DDR wurde beispielsweise ab ihrer Gründung als solche gesehen. Sie verschlechterte ihre Bewertung sogar noch, gestartet war sie mit einem Wert von -7 (bei maximal -10), sank 1951 auf -8 und 1961 auf -9. Das ist schlechter als die UdSSR, die sich mit Stalins Tod auf -7 verbesserte.

In den 1940er Jahren war ein Großteil der Staaten in Europa Autokratien. In den USA wurde vor allem der südliche Teil Europas wegen seiner Instabilität ähnlich ängstlich beäugt wie heute Nordafrika. Sehr deutlich wird das im Buch „American Freedom and Catholic Power“ des Autors Paul Blanshard, der vor den Gefahren für die Demokratie durch die oft schlecht ausgebildeten, streng religiösen und in Parallelkulturen leben Katholiken aus instabilen, autokratisch oder erst seit kurzem demokratischen Ländern wie Spanien, Italien und Portugal warnte.

Es geht nicht nur bergauf

Falsch wäre aber der Eindruck, die Entwicklung wäre einseitig in Richtung von mehr Demokratie gegangen. Das weiß jeder, der sich ein bisschen mit europäischer Geschichte auskennt. Die Karte unten stammt aus dem Jahr 1921. Italien ist bereits eine geschlossene Anokratie, das Land wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Demokratie. 1921 war man mit einem Wert von -1 aber noch nah an der offenen Anokratie (ab 0), doch stattdessen kam ein Jahr später Mussolini an die Macht und ab da verschlechterte sich der Wert von Jahr zu Jahr. Ab 1925 war das Land auch formell eine Autokratie und 1928 erreicht es den Tiefpunkt mit -8.

Spanien immerhin war 1921 noch eine Demokratie, doch zwei Jahre später wird es eine Autokratie unter Miguel Primo de Rivera. Deutschland wird bekanntlich 1933 von einer Demokratie zu einer Autokratie mit dem Wert von -9.

Europa Demokratie Rückgang

In den 1920er Jahren war Europa schon mal relativ grün – also demokratisch. Das änderte sich aber bald. Quelle: ourworldindata.org, Karte in den Grenzen von 2015, Spanien und Deutschland mit korrigierter Farbgebung.

Auch in Afrika gab es in den 1960er Jahren mehrere Demokratien, darunter der Sudan, Somalia, Nigeria oder Uganda. Nigeria wurde ein Jahr später eine Diktatur, gilt seit 2015 aber wieder als Demokratie. Insgesamt gibt es viel Wechsel, ähnlich wie in Südamerika, wo Staaten wie Chile, Brasilien oder Argentinien immer wieder den Status wechselten.

Demokratie in Afrika Grafik

1965 war Afrika demokratischer als zehn Jahre später. Kaum zu glauben, der Sudan und Somalia, zwei notorische Krisenherde, waren damals demokratisch. Quelle: ourworldindata.org

Menschen in Demokratien

Allerdings ist die Zahl der Länder, die demokratisch sind, gar nicht das spannendste und auch nicht die Größe der grünen Flecken. Der afrikanische Musterstaat Botswana beispielsweise ist größer das Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen und bringt so viel grüne Farbe nach Afrika. Allerdings leben dort nur knapp über zwei Millionen Menschen, also etwa so viele wie in Hamburg und dem engeren Umland.

Ein weiteres Problem haben wir bei der Betrachtung im Zeitverlauf. Denn die Zahl der Menschen in Demokratien ist ein schlechter Indikator, schließlich steigt die Zahl der Menschen. Aber auch ihr Anteil an allen ist nur mäßig geeignet, um gute Aussagen zu treffen. Denn für die Vergangenheit liegen für viele Länder keine Daten vor oder sie waren Kolonien. Wird ein Land von der Kolonie zur Demokratie, dann ist das natürlich auch ein Fortschritt. Aber es ist ein Prozess, der von dem der Demokratisierung zu trennen ist. Außerdem hat die Entkolonialisierung auch den Anteil der Menschen in Autokratien erhöht, wobei viele Kolonialregime natürlich auch eine Diktatur waren.

Diktatur und Demokratie Statistik

Der Anteil von Menschen in Demokratien und Autokratien stieg in den 1940er Jahren an. Das lag vor allem an weniger Menschen in Kolonien und Anokratien. Die großen Sprünge werden durch Indien und China verursacht. Eigene Grafik auf Basis von Daten aus ourworldindata.org

Außerdem haben Indien und China einen großen Einfluss auf die Daten. 1911 wurde China vom Kaiserreich zur Republik und damit von einer Autokratie zur Anokratie. 1912 war das Land sogar für ein Jahr eine offene Anokratie und damit so nah an der Demokratie wie nie mehr. Der Anteil von Menschen in Autokratien brach damit von über 30 Prozent auf unter zehn Prozent ein. China wurde zwar 1913 wieder zur geschlossenen Anokratie, aber noch nicht wieder zur Autokratie. Anfang der 1920er Jahre lag der Anteil von Menschen in autokratischen Regimen so niedrig wie nie mehr, allerdings sind dabei nicht die autokratischen Kolonialregime berücksichtigt. Als der Anteil der Autokratien 1922 und 1923 seinen Tiefpunkt hatte, lebte rund ein Drittel der Menschen in Kolonien.

Dass aktuell deutlich mehr Menschen, nämlich rund 25 Prozent, in Autokratien leben, hängt auch damit zusammen, dass China 1948 wieder zur Autokratie wurde, man sieht das in der Grafik deutlich.

Auch bei den Menschen in Demokratien gibt es so einen Sprung, allerdings nur einmal. 1947 wurde Indien unabhängig und zur Demokratie. Damit verdoppelte sich die Zahl der Menschen in demokratischen Staaten.

Die aktuelle Entwicklung

Ist also der Zuwachs der Menschen in Demokratien eine Folge der Entkolonialisierung? Ja, zum Teil. Aber nicht nur. Ein großer Teil der Demokratisierung der Welt fand ab Mitte der 1980er Jahr statt. Sichtbarer wird die Entwicklung, wenn man die Kolonien außen vor lässt und nur die Menschen in den Staaten betrachtet, die als Autokratie, Demokratie oder Anokratie bewertet werden.

 

Menschen in Demokratien in Relation zu Menschen in Autokratien oder Anokratien. Im Jahr 2015 leben 1,4 Mal so viele Menschen in Demokratien wie in Autokratien und Anokratien zusammen. Eigene Grafik nach Daten von ourworldindata.org

Dann sehen wir von 1900 bis 1945 zunächst wenig Veränderung. Anfang der 1920er steigt der Anteil, dann sinkt er noch unter den Wert von 1900. 1940 leben fünfmal so viele Menschen in Anokratien oder Autokratien wie in Demokratien. Auf jeden Bewohner eine Ano- oder Autokratie kommen nur 0,2 Demokratiebewohner.

Die meisten leben damals in geschlossenen Autokratien, was allerdings vor allem an China liegt. Aber auch in Autokratien gab es deutlich mehr Menschen als in Demokratien, wobei letztere damals vor allem in den USA wohnten. Von den damals rund 2,3 Milliarden Menschen auf der Erde lebten rund 215 Millionen in Demokratien, davon mehr als die Hälfte in den Vereinigten Staaten von Amerika (132 Millionen – seitdem ist die Bevölkerung der USA auf über 300 Millionen gestiegen).

Wie erwähnt gibt es einen weiteren Anstieg ab Mitte der 1980er. Seit 2000 stagniert der Anteil und ist zeitweise sogar gesunken. Das liegt nicht nur an Ländern wie der Türkei oder der Ukraine, die von Polity IV nicht mehr als Demokratien eingestuft werden, sondern auch am höheren Bevölkerungszuwachs in nicht demokratischen Ländern.

Wie aussagekräftig sind die Daten

Zeigen diese Daten eine reale Entwicklung? Ich meine ja. Natürlich kann man streiten, ob die USA wirklich die Einstufung als „full democracy“ verdienen, wenn dort mehrfach Präsidenten gewählt wurden, die nicht die Mehrheit der Stimmen hatten. Das allerdings geht in die Untersuchung nicht ein. Aber insgesamt zeichnen sie ein sehr gutes Bild.

Man kann ebenfalls beklagen, dass auch in vollen Demokratien manche gleicher sind als andere. Nicht nur Reiche haben mehr Einflussmöglichkeiten, auch bestimmte Berufsgruppen wie Journalisten, Professoren oder Künstler haben größeren Einfluss als, sagen wir Sozialversicherungsfachangestellte und Schneidewerkzeugmechanikermeisterinnen. Aber das ist nichts im Vergleich zu jenen Einschränkungen, denen die demokratischen Rechte in Autokratien und auch Anokratien unterliegen.

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Demokratie nach Polity IV: Eine Bestandsaufnahme

Im vergangenen Beitrag haben wir uns damit beschäftigt, wie man Demokratie messen kann. Heute soll es um die Ergebnisse dieser Messung gehen. Dabei stehen zwei Fragen im Vordergrund:

1. Wie sieht es mit der Demokratie in den einzelnen Weltregionen aus?
2. Ist die Demokratie, wie gefühlt, auf dem Rückzug?

Weil der Beitrag länger geworden ist als geplant, widme ich mich der zweiten Frage in der kommenden Woche. Damit verlasse ich kurz meinen üblichen 2-Wochen-Rhythmus, da ich ja eigentlich die Informationen schon diese Woche einbauen wollte.

Bevor wir uns diesen beiden Fragen widmen, müssen wir aber eine dritte beantworten, nämlich welche Datengrundlage nehmen wir? Polity IV oder Democracy Barometer Ideal wäre es natürlich beide zu nehmen und zu schauen, ob sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Allerdings beschäftigt sich das Democracy Barometer nur mit Demokratien oder zumindest Staaten, die einmal welche waren. Den schlechtesten Wert hat im Jahr 2014 die Ukraine, allerdings sah das ein Jahr zuvor noch ganz anders aus.

Demokratie 2015

Die Welt im Jahr 2015. Zwar veröffentlicht das Center for Systemic Peace auf seiner Internetseite nur Daten bis 2013 für das Demokratieranking Polity IV. ourworldindata.org hat aber offenbar trotzdem neuere Werte. Leider unterscheidet man dort, anders als bei den Originalkarten, nicht zwischen vollständigen und sonstigen Demokratien. Vor allem aber sind Länder mit dem Wert 6 fälschlicherweise als Anokratien eingefärbt, obwohl sie laut Definition von Polity IV eigentlich Demokratien sind. Das betrifft beispielsweise Namibia und Madagaskar. Quelle: ourworldindata.org – Wie alle anderen Grafiken dieser Quelle gemeinfrei nach Lizenz CC BY-SA 3.o – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/.

Das Democracy Barometer nimmt auch keine Einteilung in Autarkie, Anokratie und Demokratie vor, sondern gibt nur einen Punktwert an – und die Daten reichen nur bis 1990 zurück. Somit ist die Wahl klar, allerdings möchte ich gerne wissen, ob sich beide Barometer in der Bewertung deutlich unterscheiden. Schließlich verfolgen beide einen anderen Ansatz, der des Democracy Barometer ist viel umfangreicher.

Ich habe kurz untersucht, in wie weit die beiden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Weil das die meisten Leser nicht besonders interessieren wird, habe ich diesen Teil ausgelagert. Um es kurz zu machen, bei den meisten Ländern ist die Bewertung beider Rankings ähnlich, obwohl sie in vielen Teilen einen unterschiedlichen Ansatz verfolgen. Das Democracy Barometer berücksichtigt beispielsweise auch die Vielfalt der Medienlandschaft und die Meinungsfreiheit, was bei Polity IV nicht in diesem Maße einfließt.

Die Welt im Überblick

Wer sich die Karte von Polity IV ansieht, dem fällt zunächst die rote Sichel in Asien ins Auge, die Autokratien. Beginnend auf der arabischen Halbinsel, eigentlich schon in Afrika mit Eritrea, zieht sich ein Gürtel von Autokratien im Halbkreis über den Nahen und Mittleren Osten über den Iran und die islamischen Staaten der GUS (ehemalige Sowjetunion, mit Ausnahme des demokratischen Kirgisistan und des anokratischen Tadschikistan) bis nach China und dann im Norden weiter nach Nordkorea und im Süden nach Vietnam und Laos.

Das sind fast die letzten „echten Autokratien“, daneben fallen vor allem Weißrussland, Kuba und Swasiland ins Auge. Zusätzlich gibt es aber eine ganze Reihe von Anokratien, vor allem in Afrika ist das die vorherrschende Form des Regimes. Darunter befinden sich auch viele geschlossene Anokratien, die wir umgangssprachlich auch als Diktaturen bezeichnen würden, beispielsweise in Angola.

Demokratie aktuell weltweit

Ich beziehe mich auf das Jahr 2013, da ich lieber Originaldaten verwende als die von ourworldindata.org zitieren. Zumal die Qualität der Karten an manchen Stellen mangelhaft ist. Im Jahr 2013 waren beispielsweise Malaysia und die Ukraine noch Demokratien, werden aber fälschlicherweise schon als Anokratien dargestellte. Aber diese Karten sind gemeinfrei, die von Polity IV nicht.

Auffällig ist, dass die vollwertigen Demokratien vor allem in Europa und Nordamerika liegen, hinzu kommen Australien und Neuseeland, einige in Südamerika und einige in Ostasien. In Afrika gibt es (noch) keine einzige, aber dazu in der Länderbetrachtung. Das Konzept der Kontinente ist zwar für politische Fragen eigentlich wenig geeignet, die übliche Einteilung in Großregionen wie subsaharisches Afrika, Westeuropa und Ostasien würde aber den Rahmen sprengen. Kontinente gibt es dagegen weniger, auch wenn ich hier Nord- und Mittelamerika von Südamerika trenne.

Nord- und Mittelamerika

Polity IV sieht die USA als erste Demokratie und außerdem seit dem Ende des Bürgerkriegs außerdem durchgehend als vollwertige Demokratie mit zehn von zehn möglichen Punkten. Kanada betritt diesen Club erst in den 1920er Jahren.

Im Jahr 2013 sind fast alle nord- und mittelamerikanischen Staaten Demokratien, Ausnahmen sind die Autokratie Cuba sowie Haiti, das von sieben Punkten in den 1990ern auf null Punkte gefallen ist und damit gerade noch so als offene Anokratie gewertet wird.

Neben den USA und Kanada erhält aber nur Costa Rica zehn von zehn Punkten – und das durchgehend seit 1890. Damit ist das Land der Musterknabe in Lateinamerika. Das Democracy Barometer sieht das Land übrigens schlechter aufgestellt und hinter Mexiko oder Brasilien, insgesamt aber ebenfalls als Demokratie.

Diese Stabilität zeigt sich auch beim Korruptionsindex von Transparency International. Hier schneidet das Land ebenfalls deutlich besser ab als fast alle Nachbarn.

Südamerika

Auch Südamerika ist weitgehend demokratisch geworden. Ecuador, Surinam und Venezuela sind als offene Anokratien die Ausnahmen. Chile und Uruguay sind aber die einzigen Länder mit voller Punktzahl, Brasilien und Argentinien kommen auf acht Punkte.

Demokratie 1973

Im Jahr 1973 bestanden Afrika und Lateinamerika überwiegend aus Autokratien. Allerdings sind Argentinien und Botswana hier fälschlicherweise als Anokratien eingefärbt, sie waren aber damals schon Demokratien. Die Karte zeigt die Welt in den Grenzen von 2015, weshalb beispielsweise Daten für Eritrea und Südsudan fehlen. Beide waren natürlich Teil einer Diktatur, so wie der gesamte Ostblock, der hier grau und blau ist, weil die Staaten damals noch nicht bestanden. Warum Somaliland als unabhängiger Staat eingezeichnet ist, ist ebenfalls fraglich. Die Region wird nach wie vor von Somalia beansprucht. Quelle: ourworldindata.org

Das aber ist ebenfalls schon eine deutliche Verbesserung zu den 1970er Jahren. 1972 waren praktisch nur Venezuela und Kolumbien Demokratien, Chile und Guyana standen als offene Anokratien schon gut da. Selbst Uruguay, seit 1950 eigentlich südamerikanisches Musterland, war damals für einige Jahre eine geschlossene Anokratie, ebenso wie Ecuador. Der Rest Südamerikas bestand aus echten Autokratien – abgesehen von Suriname, das damals noch eine niederländische Kolonie war und natürlich Französisch-Guayana, das bereits seit 1946 ein französisches Department und damit ebenfalls demokratisch ist. 1973 tauschen Chile und Argentinien übrigens das Regime, Argentinien wurde eine Anokratie und Chile nach dem Militärputsch Pinochets eine Autokratie.

Afrika

Afrika ist heute, wie gesagt, ein Kontinent der Anokratien. Auch dieser Kontinent hat aber ein demokratisches Musterland. Das Costa Rica Afrikas ist Botswana, als einziges Land seit der Unabhängigkeit 1965 immer eine Demokratie. Übrigens auch eines der wenigen afrikanischen Länder auf dem Korruptionsindex von Transparency International mit guten Noten. Mit 63 von 100 Punkten schneidet es dort besser ab als Spanien (58) oder Italien (44) und als das gesamte Osteuropa mit Ausnahme Estlands (70).

Botswana war auch eines der wenigen afrikanischen Länder, die in den 1970er Jahren demokratisch blieben. 1972 war Afrika fast komplett von Autokratien beherrscht, Burkina Faso und Madagaskar waren als geschlossene Autokratien schon fast vorbildlich. Rhodesien und Südafrika waren trotz des rassistischen Wahlsystems fast vorbildlich. Denn der Anteil der Bevölkerung, der mitbestimmen durfte, war hier immer noch größer als in den übrigen Staaten. Neben Botswana war fast nur noch Gambia demokratisch – das heute leider nur eine geschlossene Anokratie ist und kurz vor der Autokratie steht.

Korruption

Staaten mit langer demokratischer Tradition wie Costa Rica, Uruguay und Botswana sind weniger korrupt als die meisten ihrer Nachbarn. Macht Demokratie weniger korrupt oder speisen sich Ehrlichkeit von Beamten und Demokratie aus der gleichen Quelle? Bild: ourworldindata.org

Heute gibt es eine ganze Reihe von Demokratien, was den reinen Punktwert angeht, haben Kenia und Südafrika Botswana sogar überholt. Allerdings sind nicht alle Demokratien auch erfolgreich, der bitterarme Niger ist beispielsweise auch eine Demokratie.

Allerdings gibt es bisher kein Land in Afrika, das als „Full Democracy“ eingestuft wird, also zehn von zehn Punkten erhält.

Europa

Zumindest Westeuropa ist mittlerweile weitgehend demokratisch. Das ist keineswegs so selbstverständlich wie es sich anhört, noch 1968 Jahren waren Portugal und Spanien Autokratien, Frankreich eine (offene) Anokratie. 1958 kam es im Nachbarland zu einem Militärputsch, erst mit dem Ende der Amtszeit De Gaulles 1969 wurde Frankreich wieder eine Demokratie. Wegen der mangelnden gegenseitigen Kontrolle erhält das Land aber nur neun von zehn Punkten und gilt damit nicht als „full democracy“.

Osteuropa und das östliche Mitteleuropa waren es natürlich ebenso, hier sind die meisten Länder aber mittlerweile ebenfalls demokratisch. Ausnahmen sind die Autokratie Weißrussland und die offene Anokratie in Russland. Die Daten auf der Internetseite von Polity IV reichen nur bis 2013, die Seite ourworldindata.org hat aber offenbar schon neuere. Demnach sind 2015 auch die Türkei (die ja zumindest teilweise in Europa liegt) und die Ukraine keine Demokratien mehr. Die Türkei hatte unter Erdogan ihre Bewertung zunächst sogar verbessern können, von sieben auf neun Punkte. Erst 2014 kam der Absturz, die neuesten Änderungen sind natürlich noch nicht berücksichtigt.

Asien mit Ozeanien

Asien kennt, wie erwähnt, noch viele Autokratien. Hier findet man aber auch mit Indien die größte und mit Indonesien die drittgrößte Demokratie der Welt. Im Vergleich mit Afrika wirkt Asien extrem – mehr Autokratien und mehr Demokratien, darunter auch einige, die mit den vollen zehn Punkten bewertet werden. Neben Japan auch China. Natürlich ist hier nicht die Volksrepublik China gemeint, sondern die Republik China, die wir üblicherweise als Taiwan bezeichnen, deren offizieller Name aber nach wie vor Republik China, manchmal auch Republik China auf Taiwan ist.

Bild Nagano

Japan hat sich, wie Deutschland, nach 1945 von einer Demokratie zum demokratischen Musterschüler entwickelt. Foto: Alexandre Gervais

Dritte volle Demokratie ist übrigens nicht Südkorea, sondern die Mongolei. Das Land war bis in die 1990er Jahre eine Autokratie. Südkorea erhält immerhin acht von zehn Punkten. Der Staat ist zwar ein treuer Verbündeter der USA seit dem Ende des Koreakriegs, aber deshalb keineswegs immer demokratisch gewesen. Das Land war nach dem Ende des Kriegs innerhalb von etwas mehr als zehn Jahren erst Demokratie, dann Autokratie, schließlich offene Anokratie und dann wieder Autokratie. Seit 1974 hat es sich langsam in Schritten zur Demokratie entwickelt.

Australien und Neuseeland sind schon lange volle Demokratien. Aber bei den Inselstaaten gibt es nach wie vor Anokratien, beispielsweise die Fidji Inseln.

Fazit

Demokratien gibt es heute auf allen Erdteilen, besonders wenige aber in Afrika. Dafür gibt es dort aber auch weniger Autokratien als beispielsweise in Asien, vielmehr befinden sich die meisten Staaten dort in einem Übergangsbereich, der Anokratie. Wie sich die Demokratie langfristig entwickelt hat, werden wir uns beim nächsten Mal genauer ansehen. So viel sei verraten: Die Welt ist nicht mehr so demokratisch, wie sie schon mal war, aber demokratischer als in den meisten der vergangenen 200 Jahre.

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Vergleich Democracy Barometer – Polity IV

Wie stark unterscheiden sich die Ergebnisse des Democracy Barometer von den bei Polity IV. Beide messen unterschiedlich, beispielsweise berücksichtigt das Democracy Barometer auch die Medienvielfalt und vergibt Punkte für föderale Staaten.

Leider ist ein direkter Vergleich schwierig. Beim Democracy Barometer sind 100 Punkte möglich, die von keinem Land erreicht werden. Bei Polity IV sind es zehn – und eine ganze Reihe von Ländern erreicht diese Punktzahl, darunter die Bundesrepublik Deutschland und sogar die USA.

Natürlich könnte man die Werte umrechnen. Im Democracy Barometer ist Schweden im 2013 das Land mit dem höchsten Wert, im Jahr 2014 ist es dann Dänemark. Allerdings gehen die Daten auf der Internetseite von Polity IV nur bis 2013, daher nehme ich diese Zahlen für beide Länder. Der schlechteste Wert 2013 war 33 für die Türkei, im Jahr 2014 war es dann die Ukraine mit -8.

In Polity IV sind mehr Länder enthalten, die Türkei hat hier 9 Punkte, sie wird vergleichsweise gut bewertet. Besser wäre es deshalb, Venezuela als „Rahmen“ zu nehmen, denn das schneidet in beiden Rankings schlecht ab, mit 34 Punkten im Democracy Barometer und vier Punkten in Polity IV.

Jetzt könnte man die Daten so umrechnen, dass man für Schweden 10 erhält und für Venezuela 4. Überträgt man diese Formel auf die anderen Länder, dann bekommt man für jedes Land ebenfalls einen Wert zwischen 10 und 4. Noch besser wäre ein Wert zwischen 10,49 und 3,5, dann umfasst jede gerundete Notenstufe nämlich auch eine ganze Note, die 10 reicht also von 9,5 bis 10,49, die 9 von 8,5 bis 9,49 und so weiter.

Deutschland bekäme dann nur noch 9 Punkte, allerdings stellt sich die Frage: Wie viel sagt uns das? Beide Systeme sind sehr unterschiedlich und schwer zu vergleichen.

Einfacher ist es auf die Reihenfolge zu achten. Ich habe mir mal die Daten für die drei bestplatzierten Länder im Democracy Barometer (Schweden, Schweiz und Dänemark), die drei am schlechtesten platzierten Staaten (Ukraine, Türkei, Venezuela) sowie die beiden größten Demokratien (USA und Indien, für die drittgrößte Demokratie, Indonesien, liegen im Democracy Barometer leider keine Daten vor) und Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich angesehen.

Große Unterschiede gibt es nur bei der Bewertung der Türkei. Die sechs der elf Staaten, die als vollwertige Demokratien eingestuft werden (Schweden, Schweiz, Dänemark, Deutschland, USA, UK) erhalten auch beim Democracy Barometer die besten Noten. Venezuela und die Ukraine stehen bei beiden schlecht da, nur die Türkei wird unterschiedlich bewertet. Das war keineswegs zu erwarten, denn der Ansatz ist, wie gesagt, sehr unterschiedlich. Aber offenbar ist es doch nicht ganz so strittig, wann ein Land eine Demokratie ist und wann nicht. Das spricht für die Aussagekraft der Ergebnisse.

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