Statistiker-Blog

Tote durch Hungersnöte

Wer in Deutschland in den 1980er Jahren aufwuchs, der hörte oft den Spruch „Iss deinen Teller leer, in Afrika hungern die Menschen“. Tatsächlich gab es damals in Äthiopien eine große Hungerkatastrophe, wenngleich in den 1980er Jahre im Rückblick vergleichsweise wenig Menschen verhungerten. In diesem Beitrag soll es deshalb um das Thema Huntertote gehen. Das Thema Hunger habe ich vor 1 1/2 Jahren schon mal behandelt, damals lag der Fokus aber allgemein auf Hunger und Mangelernährung. Dieses Mal geht es um die Leute, die tatsächlich am Hunger gestorben sind.

Vergessener Fortschritt

Da es sich beim Thema Hunger um ein ziemlich wichtiges handelt, möchte ich es jetzt erneut aufgreifen. In Deutschland wird ja eher über Übergewicht diskutiert. Nicht ganz zu unrecht, allerdings geschieht das oft in einer so hysterischen Form, dass gerne vergessen wird, welcher Fortschritt sich dahinter verbirgt. Denn zweifellos ist Hunger die größere Bedrohung als Übergewicht. Und der war bis vor gar nicht allzu langer Zeit in Deutschland durchaus regelmäßig zuhause – und ist es in einigen Ländern der Welt immer noch.

Bier

In Deutschland nehmen viele Menschen eher zu viel Kalorien zu sich, sei es in fester oder in flüssiger Form.

Laut den Daten der Welternährungsorganisation sind rund 800 Millionen Menschen mangelernährt, sie nehmen also zu wenig Kalorien zu sich oder ernähren sich einseitig. Erfreulicherweise geht die Zahl der Hungernden trotz steigender Weltbevölkerung zurück, am Anfang der 1990er Jahre war noch rund eine Milliarde Menschen betroffen. Angesichts einer Weltbevölkerung von rund 5,5 Milliarden Menschen damals hungerte also fast jeder fünfte, bei aktuell rund 7,3 Milliarden Menschen ist es noch etwa jeder neunte.

Hunger geht zurück

Besonders hoch ist der Anteil der Hungernden im subsaharischen Afrika. 18,6 Prozent der Bevölkerung war im Jahr 2015 dort unterernährt. 1991 waren es aber noch 33,37 Prozent gewesen, gerade in Afrika konnten also besonders große Fortschritte erzielt werden. Insgesamt sank der Anteil der Unterernährten weltweit deutlich- und in fast allen Weltregionen. Einzige Ausnahme ist die Region Middle East & North Africa, also Mittlerer Osten und Nordafrika, wobei in der englischsprachigen Welt der Nahe Osten ebenfalls als Middle East bezeichnet wird.

Mangelernährung

Mangelernährte in Prozent der Bevölkerung nach Weltregionen.

Damit liegt der Anteil der Unterernährten dort jetzt höher als in Lateinamerika und der Karibik, nicht zuletzt weil es in diesen Ländern große Fortschritte gegeben hatte. Auch Asien hat sich gut entwickelt, wenngleich Südasien (das ist vor allem der indische Subkontinent) nicht ganz so erfolgreich war wie Ostasien.

Wie viele Menschen sterben in Hungersnöten?

Joe Hassel und Max Roser haben in ihrem Beitrag „Famines“ dagegen die große Hungerkatastrophen und die durch Hunger verursachten Todesfälle untersucht. Weniger Hungernde heißt nicht automatisch weniger Hungertote, denkbare wäre es ja, dass weniger Menschen mangelernährt sind, diese dafür aber umso stärker betroffen sind.

Hunger in Deutschland

Auch in Deutschland war Hunger früher normal. Die Geschichte von den Kindern, die in den Wald geführt wurden, weil es nicht genug zu essen gab, kommt nicht von ungefähr. Und nicht immer haben die Kinder im Wald ein Lebkuchenhaus gefunden.

Erfasst werden dabei vor allem großflächige Hungerkatastrophen. Das Model, das sich schlank hungert, ist damit natürlich nicht gemeint. Auch in reichen Ländern kann es Arme geben die hungern, auch wenn die meisten Länder eine Mindestabsicherung kennen, die das eigentlich verhindern soll. Allerdings werden deren Leistungen aber entweder nicht in Anspruch genommen oder, wenn sie in Form von Geld gezahlt werden wie bei der deutschen Sozialhilfe, für andere Dinge verwendet. Dass jemand dadurch wirklich verhungert ist allerdings sehr selten und wird daher ebenfalls nicht erfasst.

Wie werden die Toten in Hungersnöten erfasst?

Die Forscher folgen bei der Berechnung dem Konzept der „Übersterblichkeit“. Es geht also um die Frage, wie viel mehr Menschen in einem Zeitraum gestorben sind, als man ohne Hunger erwarten dürfte. Sterben üblicherweise 50.000 Menschen pro Jahr und in einem Hungerjahr plötzlich 100.000, dann werden 50.000 Hungertote erfasst. Damit werden auch jene berücksichtigt, die beispielsweise indirekt am Hunger gestorben sind. Beispielsweise gehen mit Hungersnöten oft Seuchen einher, weil die Menschen geschwächt sind und Lebensmittel essen, die sie sonst nicht verzehren würden. Diese sind in den Daten also auch berücksichtig.

Hungersnöte seit 1860

Die größte dokumentierte Hungerkatastrophe war der Tod von geschätzt 24 Millionen Menschen in Maos China in den 1960er Jahren. Stalins Politik in der UdSSR lies in den 1930 Jahren dagegen „nur“ rund 5,7 Millionen Menschen verhungern, weniger als in China (elf Millionen) und Indien (7,2 Millionen) in den 1870er Jahren.

Erstaunlicherweise waren die 1980er Jahre, trotzt Äthiopien, eine Zeit mit vergleichsweise wenig Hungertoten. Die Datenexperten rund um Max Roser kommen auf rund 1,35 Millionen Todesopfer. Das sind nicht nur weniger als in den von vielen kleinen Hungerkatastrophen geprägten 1970er Jahren (die größten in Bangladesch und Kambodia), sondern auch deutlich weniger als in den 1990er und den Nuller-Jahren.

Die kaum bekannte Hungerkatastrophe von Nordkorea

In den 1990er Jahren starben 2,9 Millionen Menschen an Unterernährung, also mehr als doppelt so viele wie im Jahrzehnt davor. Rund zwei Drittel davon gehen allerdings auf das Konto einer Hungerkatastrophe in Nordkorea. Beim Lesen der Daten erinnerte ich mich auch wieder an die Nachrichten darüber, allerdings war das Thema weit weniger präsent als Äthiopien weniger Jahre zuvor. Denn Bilder waren wegen der Isolation des Landes kaum zu bekommen und Spenden konnte man auch keine sammeln. Daneben waren vor allem Somalia und der Sudan betroffen.

Erstaunlicher ist, dass über die zahlreichen Hungertoten in der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire) so wenig bekannt wurde.

Es könnte ein gutes Jahrzehnt werden

Im aktuellen Jahrzehnt starben bisher vergleichsweise wenig Menschen an Hunger, nämlich 164.000. Nun ist das Jahrzehnt noch nicht vorbei, allerdings liegt die Zahl auch dann noch niedrig, wenn man die Zahl der Opfer pro Jahr ausrechnet. Allerdings gibt es aktuell vor allem im Südsudan, aber auch in Somalia, Nigeria und teilweise auch Äthiopien wieder Hungerkatastrophen, die die Zahlen deutlich nach oben treiben könnten. Vor allem weil die Bürgerkriege in Somalia und dem Südsudan die Hilfe erschweren.

Insgesamt ist die Zahl der Hungertoten zuletzt  tendenziell zurück gegangen. Die höchsten Opferzahlen seit Beginn der Aufzeichnungen 1860 gab es in den 1870er Jahren, gefolgt von den 1940er, 1960er und 1920er Jahren.

Opfer von Hunger weltweit Statistik

Auffällig ist, dass in den 1920er bis 1960er Jahren vergleichsweise mehr Menschen verhungerten als zuvor. Die Entwicklung ist nicht mehr ganz so extrem, wenn man die Zahl der Todesopfer pro 100.000 betrachtet. Die 1930 und 1950er Jahre fallen dann zwar etwas zurück, die höchsten Opferzahlen gibt es aber weiterhin – abgesehen von den 1870er Jahren mit den großen Hungerkatastrophen in Indien und China – in den 1920er, 1940er und 1960er Jahren.

Todesfällte durch Hunger Statistik

Wir können also festhalten, die Zahl der Opfer durch Hungersnöte ist zuletzt gesunken, es gibt aber keinen konstanten Trend nach unten seit Beginn der Aufzeichnung 1860. Vielmehr folgt auf eine Phase mit starken Schwankungen ab 1920 eine mit deutlich mehr Hungertoten als zuvor. Seit den 1970er Jahren ist die Zahl der Opfer je 100.000 Menschen durchgehen niedriger als in den 1910er Jahren, zuvor dem Jahrzehnt mit den wenigsten Toten.

Berücksichtigen muss man dabei natürlich, dass alle Zahlen auf Schätzungen beruhen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die meisten Katastrophen in Regionen passieren, wo die Opferzahlen entweder nicht erfasst werden können oder aber eine Erfassung nicht erwünscht ist. Am Trend dürfte das aber wenig ändern.

Im nächsten Beitrag wollen wir nach Gründen für den Hunger fragen und auch ergründen, warum die Zahl der Opfer zwischen 1920 und 1969 trotz technischen Fortschritts durchgehend höher lag als beispielsweise in den 1910er oder 1880er Jahren.

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Impfen Reiche weniger als Arme?

Kein eindeutiges Ergebnis ist auch ein Ergebnis, das wird leider oft vergessen. Und so dringen viele Thesen ins öffentliche Bewusstsein, die von einer Studie bestätigt wurden, obwohl weitaus mehr sie widerlegt haben. Deshalb soll es heute um eine Hypothese gehen, die ich nicht eindeutig bestätigen konnte.

Der Impfkrieg

Zugegeben, die Schlagzeile Impfkrieg ist etwas boulevardesk. Aber zweifellos ist die Schutzimpfung ein erstaunlich emotionales Thema. Warum aus gerechnet sie, kann ich mir auch nicht unbedingt erklären. Vielleicht weil der Nutzen nicht so unmittelbar sichtbar ist wie bei einer Behandlung mit Antibiotika.

Die Faktenlage ist jedenfalls einigermaßen eindeutig. Die überwiegende Zahl von Studien kommt zu dem Ergebnis, dass die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen tatsächlich sinnvoll und nicht gefährlich sind.

Impfen Kritik

Der Kampf gegen die Pocken (hier das Pockenvirus) ist vielleicht einer der größten Erfolge der Impfbewegung. Bild: Pressebild des Robert Koch Instituts

Trotzdem gibt es eine starke Bewegung vehementer Impfgegner. Für sie sind alle Belege für die Wirksamkeit von Impfungen nur von der Pharmaindustrie gefälscht. Dazu muss man sagen, dass eine gewisse Skepsis gegenüber von Unternehmen, Verbänden und Parteien in Auftrag gegebenen Studien sicher richtig ist.

Impfquote Masern

Betrachtet man die Impfquoten für die Masern-Erstimpfung nach Kreisen fällt auf, dass die Verteilung linksschief ist. Das ist aber bei einer durchschnittlichen (Erst-) Impfquote von 85,6 Prozent auch nicht verwunderlich. So liegen einige Kreise rund 25 Prozentpunkte unter dem Schnitt. 25 Prozentpunkte über dem Schnitt kann natürlich kein Kreis liegen.

Allerdings gibt es auch zahlreiche öffentlich finanzierte Untersuchungen. Der Vorwurf, Impfen verursache den plötzlichen Kindstod, wurde unter anderem vom Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, untersucht. Ein Zusammenhang konnte nicht gefunden werden. Auch andere angebliche Impfschäden wie Autismus sind nicht belegt.

Das Beispiel Masernimpfung

Trotzdem gibt es eine nicht unbeachtliche Zahl von Impfgegnern. Sie sind zwar eine Minderheit, allerdings eine durchaus lautstarke. Nach Daten des Versorgungsatlas, einer Publikation des Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland, wurden von den 2008 geborenen Kindern, die an der U4 teilnehmen, 85,8 Prozent bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahrs geimpft. An der zweiten Impfung nahmen allerdings nur noch 62,0 Prozent der Kinder teil. Erst dann ist der Impfschutz eigentlich ausreichend.

Außen vor bleiben aber alle Kinder, die nicht an der U4 teilnehmen, also der vierten Vorsorgeuntersuchung. Damit dürfte die tatsächliche Impfquote noch niedriger sein. Allerdings geben die Zahlen uns ein Gefühl, wie viele Eltern sich bewusst gegen die Impfung entscheiden, also zur U4 gehen und sich dann gegen eine Impfung entscheiden.

Niedrige Impfquote wo

Die fünf Kreise mit der niedrigsten und die fünf Kreise mit der höchsten Impfquote in Deutschland. Datenquelle: Versorgungsatlas.de

Die 85,8 Prozent sind allerdings nur ein Mittelwert. Die Quote reicht von nur 61,3 Prozent im Landkreis Rosenheim bis hin zu 94,8 Prozent in der Stadt Zweibrücken. Überhaupt sind die Impfquoten in Südbayern und Baden-Württemberg sehr niedrig. Auch die für ostdeutsche Verhältnisse wohlhabenden Sachsen impfen wenig, mit 80,2 Prozent haben sie vor Bayern, Baden-Württembergern und Berlinern sogar die niedrigste Impfquote überhaupt.

Das wirft die Frage auf, ob Wohlstand impfmüde macht. Außerdem sind vor allem Landkreise am unteren Ende der Skala, am oberen finden sich dagegen drei kreisfreie Städte. Sind Landbewohner also weniger impffreudig? Ich werde mich beiden Fragen widmen.

Das Stadt-Land-Umland-Gefälle?

Der Impfatlas unterscheidet vier verschiedene regionale Kategorien. Da sind natürlich die Kernstädte, die meist Großstädte sind. Kleine kreisfreie Städte wie Zweibrücken (34.260 Einwohner) oder Suhl (36,778 Einwohner) werden nicht als Kernstädte gezählt, sondern je nach Region eingeordnet. Die direkt an Nürnberg grenzende Stadt Schwabach (40.428 Einwohner) gilt als verdichtetes Umland, das deutlich größere Rosenheim (61.884 Einwohner – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, impfmüden Landkreis) aber wegen seiner Lage als ländlicher Raum. Neben Kernstädten, ländlichem Raum und verdichtetem Umland gibt es noch das ländliche Umland, also Kreise in der Nähe von Großstädten mit niedriger Besiedlungsdichte, beispielsweise der Kreis Regensburg.

Obstbäume

Nicht jeder Landkreis ist ländlich, der Landkreis München ist beispielsweise dichter besiedelt als die Stadt Ansbach. Die hier abgebildete Region darf man dagegen ländlich nennen.

Einen eindeutigen Zusammenhang findet man aber in den Daten nicht. Meine These, dass sich Impfgegner vor allem im Umland von Großstädten finden – und hier vor allem im ländlichen Umland – hat sich nicht bestätigt. Am niedrigsten sind die Quoten im ländlichen Raum, am höchsten in den Kernstädten und im verdichteten Umland. Allerdings sind die Unterschied gering, so dass man schließen muss: Es gibt kein eindeutiges Ergebnis.

Impfmüde Reiche?

Die zweite These wäre, dass vor allem wohlhabende Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Sie haben aufgrund ihres Einkommens und oft auch ihrer Bildung mehr Selbstbewusstsein und hinterfragen stärker Ratschläge und Hinweise. Jeder Arzt, Lehrer oder Bankberater weiß, dass Akademiker oft anstrengend sein können. Gott mag alles wissen, aber Akademiker wissen alles besser, sagt ein Sprichwort.

Nun ist Wohlstand nicht mit akademischer Bildung gleichzusetzen, auch Industriearbeiter können gut verdienen, oft sogar mehr als mancher Studierte. Allerdings, so die These, haben auch sie aufgrund ihres finanziellen Erfolgs ein gewisses Selbstbewusstsein und impfen daher seltener.

Impfquote hoch warum

Zusammenhang zwischen Einkommen und Impfquote: Es gibt einen leichten Trend, aber keinen deutlichen Zusammenhang.

Eine grafische Darstellung zeigt tatsächlich eine leicht fallende Kurve, wenn man das verfügbare Einkommen pro Kopf der Landkreise der Impfquote gegenüberstellt. Bessere wären natürlich Einzeldaten, aber die sind aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zu bekommen.

Der Zusammenhang, der sich auch Kreisebene zeigt, ist allerdings sehr schwach. Der Korrelationskoeffizient (Bravais-Pearson) liegt bei -0,21. Das bedeutet, dass die Impfquote sinkt, wenn das Einkommen steigt. Ein Wert von 0,21 zeigt nach der Einteilung von Jacob Cohen (bekannt vor allem für Cohens Kappa und Cohens d) einen kleinen Effekt an.

Fazit

Es gibt also einen leichten Zusammenhang zwischen Einkommen und Impfquote, höhere Einkommen bedeuten auf Kreisebene tendenziell fallende Impfquoten. Allerdings ist der Effekt so schwach, dass man ihn nicht überbewerten sollte. Möglicherweise handelt es sich um einen Scheinzusammenhang, denkbar ist das eine dritte Variable beide beeinflusst. Außerdem sind die Ergebnisse natürlich dadurch eingeschränkt, dass Kinder nicht erfasst werden, die erst gar nicht zur U4 gegangen sind.

 

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Armut im Vergleich

Wie oft sind Familien mit mindestens drei Kindern in Deutschland armutsgefährdet? Deutlich häufiger als der Bevökerungsschnitt, sagen Mikrozensus und SOEP, unterdurchschnittlich oft sagt EU-SILC. Auch bei anderen Personengruppen gibt es einen Unterschied zwischen EU-SILC auf der einen und Mikrozensus und SOEP auf der anderen Seite? Was stimmt?

So wird armutsgefährung gemessen

Alle drei vergleichen Haushalte auf Basis des sogenannten Nettoäquivalenzeinkommens. Dabei wird vereinfacht gesagt ein  fiktives Pro-Kopf-Einkommen ausgerechnet, dass Kosteneinsparungen größerer Haushalte abbilden soll. So wird jede weitere Person im Haushalt nur mit 0,5 gewichtet, ein Kind sogar nur mit 0,3. Für eine Familie mit zwei Kindern liegt die Armutsgrenze als beim 2,1 fachen (1,0 für die erste erwachsene Person + 0,5 für die zweite sowie 2*0,3 für die Kinder).

Diese Messung ist nicht unumstritten. Bis vor einiger Zeit lagen die Gewichte noch bei 0,7 für jede weitere erwachsene Person und 0,5 für jedes Kind. Nach dieser alten Rechnung läge die Zahl der armen alleinstehenden deutlich niedriger, die der Familien dafür deutlich höher.

Zeitung Auflage Entwicklung

Armut ist ein wichtiges Thema in den Medien. Aber auf welcher Datengrundlage?

Die Äquivalenzskala ist allen drei Quellen aber gleich. Es gibt allerdings andere Unterschiede, die sich teilweise auch auf die Armutsquoten auswirken.

Mikrozensus

Da ist zunächst der Mikrozensus. Er findet jedes Jahr anstelle eines „echten“ Zensus, also einer Volkszählung statt. Dabei wird ein Prozent der Haushalte befragt, so gesehen handelt es sich also eher um einen Zentizensus als um einen Mikrozensus, der analog zu Einheiten wie Mikrometer ein Millionstel der Haushalte umfassen dürfte. Aber Zentizensus hört sich irgendwie komisch an.

Im Rahmen des Mikrozensus wird auch das Einkommen erfasst. Da auch die Haushaltsgröße erhoben wird, lässt sich leicht ein Nettoäquivalenzeinkommen berechnen. Meist werden Haushalt vier Jahre hintereinander befragt, so lassen sich auch Veränderungen innerhalb einzelner Familien analysieren.

Sozioökonomisches Panel (SOEP)

Das SOEP wird nicht von den statistischen Landes- und Bundesämtern durchgeführt, sondern von der Leibnitz-Gemeinschaft, vor allem dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Befragt werden 12.000 Haushalte mit rund 26.000 Personen, also deutlich weniger als die 390.000 Haushalte mit 830.000 Bürgern beim Mikrozensus. Warum die durchschnittliche Haushaltsgröße beim SOEP niedriger ist als beim Mikrozensus ist mir auch nicht bekannt.

Der Schwerpunkt ist etwas anders, beispielsweise werden auch subjektive Empfindungen abgefragt. Für die Armutsforschung sind aber vor allem zwei Unterschiede wichtig, nämlich

  1. die Befragung ist freiwillig und
  2. es wird die Mietersparnis durch selbstgenutztes Wohneigentum erhoben.

Letzteres ist nicht ganz unwichtig.  Stellen wir uns vor, ein Arbeitnehmer besitzt eine Eigentumswohnung in Düsseldorf. Nun muss er dienstlich nach Köln umziehen und vermietet seine Wohnung für 600,- Euro. Gleichzeitig mietet er in Köln eine Wohnung zum gleichen Preis. Mehr Geld in der Tasche hat er nicht, im Mikrozensus und in der EU-SILC Erhebung hätte er aber 600,- Euro Einkommen mehr. Das SOEP dagegen berücksichtigt den Mietvorteil in Düsseldorf, die Änderung wäre weniger gravierend.

Harz 4

Wer sein altes Haus vermietet und sich für das gleiche Geld woanders einmietet, würde dadurch im Mikrozensus und in EU-SILC reicher. Das ist natürlich unsinnig. Dieses Haus in Hasselfelde dürfte aber ohnehin niemand mehr mieten.

Somit ist der Mikrozensus hier weniger aussagekräftiger, er befragt aber deutlich mehr Menschen und ist nicht freiwillig. Welche Erhebung die bessere ist, ist damit schwer zu sagen. Es ist aber auch relativ egal, wie wir gleich sehen werden.

EU-SILC

Die schwächste Datenquelle ist EU-SILC, die European Union Statistics on Income and Living Conditions, auf Deutsch Europäische Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen. Sie befragt 28.000 Menschen in 14.000 Haushalten, also etwas mehr als das SOEP, berücksichtigt aber leider Wohneigentum auch nicht. Außerdem rekrutiert sie sich aus Befragten des Mikrozensus, die freiwillig an einer weiteren Untersuchung teilnehmen. Laut Dr. Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ergibt sich dadurch vermutlich ein Mittelstands-Bias. Die Befragten kommen also oft aus der Mittelschicht, Migranten und Arme sind untergewichtet.

Ihr Nutzen liegt vor allem darin, dass sie europaweit vergleichbare Daten liefert. Für den reinen Blick auf Deutschland ist sie aber am wenigsten geeignet.

Ein Blick in die Daten

Trotz der unterschiedlichen Berücksichtigung von Wohneigentum fallen die Armutsquoten sowohl insgesamt als auch im Bereich der einzelnen Teilgruppen überwiegend gleich aus. 15,4 Prozent der Bevölkerung waren nach Daten des Mikrozensus im Jahr 2014 armutsgefährdet, 15,8 Prozent waren es beim SOEP. Armutsgefährdet bedeutet, dass ihr Nettoäquivalenzeinkommen bei weniger als 60 Prozent des Medians, also des Wertes, zu dem es genauso viele reichere wie ärmere Haushalte gibt. Was hier armutsgefährdert heißt, wird in den Medien meist als arm bezeichnet. Die Statistiker kennen dagegen noch zwei andere Grenzen. Als arm werden üblicherweise nur Menschen mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von weniger als 50 Prozent, weniger als 40 Prozent nennt man strenge Armut. Im täglichen Sprachgebrauch wird aber üblicherweise mit „arm“ die Armutsgefährdung bezeichnet.

Kinder sind häufiger Arm, Senioren unterdurchschnittlich oft

Auch beim Blick in die Armutsgefährdung einzelner Bevölkerungsgruppen sind Mikrozensus und SOEP vergleichbar. Allerdings sind Senioren und 50 bis unter 65-Jährige laut SOEP etwas seltener armutsgefährdet als laut Mikrozensus, obwohl ersteres insgesamt zu einer etwas höheren Armutsgefährdungsquote kommt. Das könnte durchaus am Wohneigentum liegen, dass der Mikrozensus nicht berücksichtigt. Das ist sicher auch mit ein Grund, warum das Medianeinkommen beim SOEP deutlich höher liegt als beim Mikrozensus.

Besonders häufig sind 18 bis unter 25-Jährige arm. Das liegt allerdings daran, dass sie oft noch ein niedriges Einkommen haben,  beispielsweise als Studenten oder Auszubildende.

SOEP EU-SILC Mikrozensus Vergleich

Mikrozensus und SOEP kommen zu ähnlichen Ergebnissen – das spricht für ihre Qualität.

Auf den ersten Blick erscheint es ungewöhnlich, dass sie häufiger arm sind als Kinder, die ja gar kein eigenes Einkommen haben. Die aber sind ja über die Eltern abgesichert. Oft erhalten auch über 18-Jährige noch Unterstützung der Eltern, allerdings ist zum Einen fraglich, ob die vollständig erfasst wird. Außerdem haben sie höhere Kosten, wenn sie alleine leben. Hinzu kommt, dass der Bedarf von Kindern deutlich niedriger angesetzt wird als der von Erwachsenen. Selbst wenn letztere ebenfalls nicht im eigenen Haushalt leben ist er fast doppelt so hoch. Wie erwähnt ist diese Annahme fraglich, möglicherweise wird die Armut von Kindern unterschätzt. Dagegen sind Senioren – entgegen der landläufigen Annahme – weit unterdurchschnittlich oft arm.

Das spiegelt sich auch bei der Armut nach Haushaltsgröße. Niemand ist häufiger armutsgefährdet als Alleinerziehende. Das ist auch kein Wunder, schließlich steht hier eine Arbeitskraft weniger zur Verfügung als bei Familien mit zwei Elternteilen. Überhaupt sind Alleinstehende öfter arm, denn sie haben höhere Kosten pro Person. Außerdem kann bei Paaren ein niedriges oder fehlendes Einkommen eines Partners durch einen anderen aufgefangen werden.

Bin ich arm?

Umgangssprachlich wird meist als arm bezeichnet, wessen Nettoäquivalenzeinkommen bei weniger als 60 Prozent des Medians ist. Offiziell spricht man von Armutsgefährdung, ab weniger als 50 Prozent von Armut. Für den Reichtum gibt es unterschiedliche Grenzen, häufig 200 Prozent des Medians. Die Tabelle zeigt die entsprechenden Grenzen für den jeweiligen Familientyp.

Schließlich sind auch Paare mit drei oder mehr Kindern häufiger armutsgefährdet. Hier treffen höhere Kosten auf ein geringeres Arbeitsangebot, weil im Haushalt mehr Arbeit anfällt und in weniger Paaren beide Partner voll arbeiten.

EU-SILC fällt aus der Reihe

Nur EU-SILC fällt etwas aus der Reihe. Familien mit Kindern sind demnach unterdurchschnittlich häufig armutsgefährdet. Obwohl selbstgenutztes Wohneigentum nicht berücksichtigt wird, liegt der Einkommensmedian sehr hoch. Beides könnte Folge des Mittelschichts-Bias sein, den Forscherin Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft vermutet. Dagegen sind laut EU-SILC Senioren fast genauso häufig armutsgefährdet wie im Durchschnitt.

SOEP

Die vielleicht beste Quelle für die Armutsmessung ist das SOEP. Zwar ist die Stichprobe kleiner als beim Mikrozensus, dafür wird auch selbst genutztes Wohneigentum berechnet. Wer sich selbst in dieser Tabelle findet und Wohneigentum besitzt, muss eine fiktive Miete zu seinem Einkommen addieren, von der die Kosten für Kreditzinsen, Versicherungen und anderen Ausgaben, die Mieter nicht haben, abgezogen wird.

Was tun?

Die Unterschiede zwischen EU-SILC auf der einen und Mikrozensus und SOEP auf der anderen Seite sind natürlich schwierig. Sie erlauben es einerseits jeder Interessensgruppe, sich die Zahl herauszusuchen, bei der man möglichst schlecht dasteht und so mehr Geld einzufordern. Wobei man auch völlig ohne jede Datenbasis das Bild einer darbenden Bevölkerungsgruppe aufbauen kann, wie die Rentnerlobby beweist.

Umgekehrt bietet dieser Zahlensalat aber auch Kritikern  die Möglichkeit, die Armutsgefährdung in Frage zu ziehen. Etwa mit dem Hinweis, dass ja ohnehin jede Statistik zu einem anderen Ergebnis kommen würde.

Dabei hat EU-SILC eine Reihe von Nachteilen. Sowohl das eher linke DIW als auch das Institut der deutschen Wirtschaft sehen Migranten in der Erhebung unterrepräsentiert. Gerade die sind aber häufig arm. Denn die Teilnahme ist bei EU-SILC ja freiwillig, anders als beim SOEP werden aber keine Dolmetscher bereitgestellt.

Deshalb sollten bei Untersuchungen für Deutschland vor allem die Daten von Mikrozensus und SOEP verwendet werden. Und die kommen zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

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