Statistiker-Blog

Männer sind – und Frauen auch

Es wird viel über Männer und Frauen diskutiert. Erst war es die Me too Kampagne, in der der Ton teilweise so rau war, dass selbst in der linksliberalen ZEIT sich Autor Jens Jessen über Männerfeindlichkeit und stalinistische Methoden beschwerte.

Zeit für eine Bilanz: Wer ist jetzt eigentlich benachteiligt? Um es kurz zu machen, ich werde auf diese Frage keine Antwort geben. Aber ich kann eine ganze Reihe von Statistiken präsentieren die Auskunft darüber geben, welches Geschlecht in welchem Bereich die Nase vorne hat.

Das ich kein Urteil über die Frage nach der Benachteiligung geben kann hat zwei Gründe.
Erstens sieht es je nach betrachtetem Themengebiet unterschiedlich aus. Beim Einkommen liegen die Männer vorne, bei der Lebenserwartung die Frauen.

Männeranteil in Frauenberufen

Bei Frauen sind immer noch andere Berufe beliebt als bei Männern. Anteil von männlichen Bewerbern in den 15 bei Frauen beliebtesten Ausbildungsberufen Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Zweitens lässt sich von einem Unterschied nicht unbedingt auf eine Benachteiligung schließen. Der Standardeinwand lautet stets, dass die gemessenen Unterschiede nur Differenzen zwischen den beiden Geschlechtern abbilden würden. Tonnen von Büchern befassen sich damit, nicht alles davon ist allerdings wissenschaftlich. Wie beim Thema Bildungsungleichheit gilt auch hier, dass sich angeboren und anerzogen oft gar nicht so einfach trennen lassen.

Arbeitslosengeld

In den oft niedrig bezahlen sozialen Berufen arbeiten viele Frauen. Werden diese Berufe so gering bezahlt, weil dort viele Frauen arbeiten? Oder arbeiten dort so wenige Männer, weil auf ihnen die Last liegt, das Geld für den Haushalt zu verdienen? Diese Frage ist kaum zu beantworten. Bild: Bundesagentur für Arbeit

Natürlich habe ich auch eine eigene Meinung zu dem Thema, die ich im Laufe der Serie auch in einem Kommentar darlegen werden. Bis dahin versuche ich, möglichst beiden Seiten gerecht zu werden. Ganz unparteiisch bin ich als Mann natürlich nicht, ich nehme aber gerne von Frauen Hinweise entgegen, welche Aspekte man noch betrachten sollte. Bisher angedacht sind folgende Themen:

  • Gesundheit und Lebenserwartung,
  • Einkommen und Beruf,
  • Rente (hängt mit den beiden obigen Themen natürlich eng zusammen),
  • Gewalterfahrung,
  • Hausarbeit und Freizeit
  • Bildung und
  • Zufriedenheit.

Es wird also eine ziemlich lange Serie. Langweilig wird sie sicher nicht.

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Streitpunkt Fahrradfahrer

Beim Thema Fahrrad scheiden sich die Geister. Einerseits ist klar, dass die meisten Städte im Verkehr ersticken. Zwar verweisen Autofreunde darauf, dass die Luft in den Städten heute besser ist als vor 40 Jahren. Sogar besser als vor 100 Jahren, als es noch keine Autos, dafür aber Öfen in jedem Haus gab. Andererseits stockt der Verkehr vielerorts, Autos sind außerdem eine Lärmquelle und nehmen viel Raum für sich in Anspruch.

Radfahrer Verkehrsregeln

Nur mäßig gute Umwelteigenschaften haben SUVs. Noch schlechter schneidet dieses Fahrzeug ab. Foto: Branimir Dolički (cc)

Das Fahrrad wird immer wieder als Alternative genannt, zumal das Fahrradfahren auch der Gesundheit dient. Trotz immerhin 537 getöteten Fahrradfahrern im Jahr 2015 (Quelle: Statistisches Bundesamt). Gleichzeitig zieht aber auch keine Gruppe von Verkehrsteilnehmern so viele Aggressionen auf sich wie die Fahrradfahrer. Ex-Minister Wolfgang Gerhard (FDP) ätzt gegen die Radler, die seiner Meinung nach moralisch überheblich sind und sich außerdem an keine Verkehrsregeln halten würden. Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust motzt über den in Hamburg geplanten Ausbau von Fahrradwegen zulasten der Autofläche.Besonders heftig hetzte Auto-BILD jüngst über die Fahrradfahrer. Immerhin gibt der Axel Springer Verlag seit kurzem auch die Bike-BILD heraus.

Rote Ampel Fahrradfahrer Statistik

Vor ihnen sollte man Angst haben, den sie gehen so oft über eine rote Ampel wie sonst kein Verkehrsteilnehmer: Fußgänger Foto: Andreas Cappell

Die BILD-Gruppe beweist  mit ihrer Titelgeschichte („Sie stehlen uns die Straße“) wieder mal ein gutes Gespür für die Volksseele. 81 Prozent fühlen sich nach einer Erhebung von YouGov durch Fahrradfahrer bedroht, bei Autofahrern sind es nur 72 Prozent der Frauen und sogar nur 59 Prozent der Männer, obwohl weitaus mehr Menschen durch Autos als durch Fahrräder getötete werden.

Immerhin stimmt es, dass Fahrradfahrer häufiger als Autofahrer eine rote Ampel überfahren, zumindest wenn man ihren eigenen Angaben traut. Demnach tun das nur 6 Prozent der Autofahrer, aber 22 Prozent der Radler  (YouGov in „Wie wir Deutschen ticken“). Wobei jene Autofahrer, die noch über die  Ampel fahren, wenn die gerade Rot geworden ist, sich vermutlich mitzählen. Allerdings sollten sich nach dieser Erhebung die Deutschen vor allem von Fußgängern bedroht fühlen, denn dort gehen 71 Prozent gelegentlich über eine rote Ampel.

Ohnehin führt die geringere Regeltreue der Fahrradfahrer nicht dazu, dass sie besonders viele Unfälle verursachen. Nach einer Erhebung des ADFC-Berlin wurden fast 50 Prozent der Unfälle von Fahrrad- mit Autofahrern ausschließlich von den Kfz-Führern verursacht. Die übrigen 50 Prozent verteilen sich auf jene Fälle, in denen die Fahrradfahrer schuld waren und jene, in denen beide Schuld hatten. Leider wird das in den Daten, die dem Verkehrssicherheitsbericht der Polizei entnommen sind, nicht weiter untergliedert.

Der Anteil der Autofahrer, die bei diesen Unfällen getötet oder schwer verletzt wurden, dürfte im Vergleich zu den Fahrradfahrern noch weit niedriger liegen. Somit ist der Ärger des Herrn Gerhard nur teilweise verständlich. Die Fahrradfahrer gefährden sich, im Gegensatz zu einem Rotsünder im Auto, vor allem selbst.

 

 

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Flüchtlinge im Hartz IV – Bezug

Im vergangenen Beitrag habe ich über die Grundsicherung für Arbeitssuchende geschrieben und die Frage, wie flexibel oder starr das System ist. Im Vergleich zum SGB III (Arbeitslosengeld und Nichtleistungsempfänger) ist es leider ziemlich starr, aber nicht so sehr wie es teilweise den Anschein hat. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Leistungsempfänger von 2016 auf 2017 sogar gesunken wäre, hätten nicht so viele Flüchtlinge Grundsicherungsleistungen beantragt. Aber warum macht sich die Zuwanderung erst im Jahr 2017 bemerkbar? Hat sich die Arbeitsmarktlage der Geflüchteten also verschlechtert?

Leistungsbezug bei Geflüchteten

Die Bundesagentur für Arbeit schlüsselt detailliert auf, welcher Prozentsatz der Angehörigen einer bestimmten Nationalität sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist und welcher Sozialleistungen aus der Grundsicherung für Arbeitssuchende bezieht.  Nur 14,4 Prozent der Menschen aus den klassischen außereuropäischen Asylbewerberherkunftsländern wie Syrien und Afghanistan hatten im Juni 2017 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Dagegen bezogen 61,4 Prozent Grundsicherungsleistungen. Wobei auch ein Teil der Beschäftigten parallel Leistungen nach dem SGB II bezieht, das das Einkommen so niedrig ist.

 

Flüchtlinge Hartz IV Statistik

Anteil der Empfänger von SGB II – Leistungen an allen Personen dieser Nationalität im Alter bis 65 Jahre. Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit

Rund jeder Zweite (48,2 Prozent) ist allerdings arbeitslos. Die Differenz zwischen den 61,4 Prozent Grundsicherungsempfänger und den 48,2 Prozent Arbeitslosen erklärt sich aber nicht nur aus den arbeitenden „Hartzern“, sondern auch aus Menschen in Ausbildung, Elternzeit oder arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Insgesamt bezogen 18,7 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den unten aufgeführten Ländern zusätzlich „Hartz IV“, gegenüber 1,4 Prozent bei deutschen Staatsangehörigen.  Hauptproblem ist der hohe Anteil an Geringqualifizierten, 63,8 Prozent der Arbeitslosen aus den Asylherkunftsländern haben als Zielberuf eine Helfertätigkeit. Grund dafür kann neben fehlender Ausbildung auch deren mangelnde Anerkennung in Deutschland sein.

Bei den Syrern lag die SGB II – Quote sogar bei 84,9 Prozent, bei den Afghanen dagegen „nur“ bei 35,7 Prozent. Auch Iraner sind mit 36,5 Prozent unterdurchschnittlich oft von der Grundsicherung für Arbeitssuchende abhängig.

Daten sind schwer zu interpretieren

Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Sind Iraner schlauer, fleißiger oder gebildeter als Syrer? Und warum nahm die SGB II – Quote vor allem 2017 so stark zu, obwohl viele Flüchtlinge schon 2015 kamen.

Dazu muss man wissen, dass es keine echte Flüchtlingsstatistik gibt. Analysiert werden hier Staatsbürgerschaften, es handelt sich also nicht ausschließlich um Geflüchtete. Vor allem aber wird die Quote auf alle Staatsbürger berechnet, also auch auf jene, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen ist oder die als Asylbewerber abgelehnt, aber nicht abgeschoben wurden. Die aber dürften nicht arbeiten.

Beschäftigung Flüchtlinge Statistik

Anteil der Empfänger von SGB II – Leistungen (grau) und der sozialversicherungspflichtiger Beschäftigten nach Staatsangehörigkeiten.

Ist das also der Grund für die hohe SGB II – Quote? Leider nein, denn diese Gruppe bekommt auch keine Grundsicherung für Arbeitssuchende, sondern Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Sie wird aber bei der Gesamtzahl der Menschen mitberechnet, geht also in den Nenner der Quote mit ein? Wen von zwölf Syrern zwei keinerlei Leistungen erhalten, zwei noch nicht anerkannt sind und deshalb Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz bekommen und acht SGB – Leistungen, dann liegt die SGB II – Quote nicht bei 80 Prozent, sondern bei 67,7 Prozent.

Deshalb stieg die SGB II Quote 2017 stark an

Mit anderen Worten, die SGB II Quote liegt eher zu niedrig. Würde man, wie es sinnvoll wäre, nur anerkannte Asylbewerber berücksichtigen, läge die Quote noch höher.

Allerdings erklärt das teilweise den Unterschied zwischen den Nationen und den Grund für die Zunahme der Quote. Viele 2015 oder 2016 nach Deutschland gekommene Flüchtlinge durften bisher nicht arbeiten und tauchten daher auch in der SGB II – Statistik nicht auf, weil sie statt „Hartz IV“ Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhielten. Und in Ländern mit hohem Anteil solcher Personen liegt auch die SGB II Quote niedrig.

Allerdings gibt es Länder wie Pakistan und Iran, die sowohl eine unterdurchschnittliche SGB II – Quote (gemessen am Schnitt aller nichteuropäischen Asylherkunftsländer) als auch eine überdurchschnittliche Beschäftigtenquote haben. Diese sind also tatsächlich erfolgreicher am Arbeitsmarkt. Schlussfolgerungen sind aber auch hier schwierig. Möglicherweise sind die bereits länger im Land und hatten schon mehr Zeit, sich am Arbeitsmarkt zurecht zu finden. Wobei sie natürlich wieder aus der Statistik fallen, wenn wie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Denkbar auch, dass aus Ländern wie Pakistan neben Flüchtlingen auch viele „Gastarbeiter“ gekommen sind. Aber natürlich kann es auch sein, dass von dort besonders die Gebildeten flüchten oder der Bildungsgrad dort hoch ist. Tatsächlich liegt die Alphabetisierungsrate laut Weltbank im Iran bei 91 Prozent für Jungen und 83 Prozent für Mädchen, in Afghanistan dagegen nur bei 51 beziehungsweise 24 Prozent. Wobei Syrien ähnliche Werte erreicht wie der Iran – und trotzdem ist die Zahl der Sozialleistungsbezieher hoch. Das spricht dafür, dass andere Gründe den Ausschlag geben. Auch der hohe Anteil von Helfern unter den sozialversicherungspflichtig beschäftigten Iranern lässt vermuten, dass es hier schlicht eine Rolle spielt, dass viele bereits länger im Land sind als die Mehrheit der Syrer. Zumal, wie gesagt, ein hoher Bildungsabschluss im Herkunftsland in Deutschland mitunter nicht anerkannt ist.

Fazit: Mehr Fragen als Antworten

Die Daten sagen eigentlich nur, dass es ein weiter Weg ist, bis die Geflüchteten wirtschaftlich integriert sind. Der starke Zuwachs bei den Flüchtlingen in der Grundsicherung für Arbeitssuchende ist dagegen schlicht Ausdruck der Tatsache, dass viele bisher nicht arbeiten durften, da sie nicht anerkannt waren – und deshalb Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und nicht nach dem SGB II bezogen. Wobei die Statistik nicht nur Flüchtlinge, sondern alle Menschen aus typischen „außereuropäischen Asylbewerberherkunftsländern“ erfasst. Die Ländervergleiche sind nicht nur deshalb wenig aussagekräftig. Ein hoher SGB II Anteil bedeutet nicht, dass Geflüchtete aus diesen Nationen generell weniger erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt sind, es sind auch viele andere Erklärungen denkbar, beispielsweise die Zeit, die jemand bereits in Deutschland lebt. Die Daten eigenen sich eher dazu, Fragen zu stellen als Antworten zu geben. Wobei auch das ein Sinn von Statistik sein kann.

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