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2Dec/160

Entwicklung des Steueraufkommens seit 1965

Deutschland ist heute ungleicher als noch 1980. Da sind sich ziemlich alle Statistiken einig, auch wenn die Entwicklung - entgegen der landläufigen Meinung - seit rund zehn Jahren stagniert. Wenn man fragt, woran das liegt, sind schnell zwei Schuldige ausgemacht. Die Globalisierung und der "Neoliberalismus".

Was treibt die Ungleichheit?

Erstere könnte tatsächlich damit etwas zu tun haben, denn sie hat vor allem den Druck auf die unteren Lohngruppen erhöht. So gesehen muss es gar nicht schlecht sein, wenn China und Indien jetzt auch höherwertige Produkte fertigen. Das bedeutet nämlich nicht automatisch, dass jetzt auch noch die gut bezahlen Arbeitsplätze zu Billigjobs werden, sondern kann auch heißen, dass sich die Lücke etwas schließt. Zumal der Aufstieg Asiens viel dazu beigetragen hat, dass die internationale Ungleichheit von ihrem Höchststand 1980 wieder auf das Niveau von 1900 gefallen ist.

Ungleichheit zwischen Staaten

Entwicklung der Ungleichheit zwischen den Staaten, gemessen mit dem Gini-Koeffizienten. Dargestellt sind die Daten für 1820, 1900, 1990 und den aktuellen Rand. Die Entwicklung dazwischen verläuft allerdings auch im Original relativ gradlinig, nur die Steigung verändert sich geringfügig. Quelle: FAZ

 

Wobei häufig vergessen wird, dass auch der technische Fortschritt eine Rolle gespielt hat. Einige Menschen sind dank moderner Technik plötzlich sehr produktiv, weil eine Handvoll Programmierer beispielsweise eine ganze Fabrik steuert. Auch das hat die Ungleichheit erhöht. Zudem liebt das Internet Monopole.

Bleibt der Neoliberalismus. Wobei das Wort meist falsch verstanden wird, denn eigentlich war der Neoliberalismus die Abkehr vom Nachtwächterstaat des klassischen Liberalismus zu einem auch stärker wirtschaftspolitisch aktiven Staat, eine Art dritter Weg zwischen klassischem Liberalismus und der Staatswirtschaft von Faschismus und Kommunismus.

Entwicklung des Steueraufkommens seit 1965 in der OECD

Welchen Anteil haben Steuersenkungen und der Rückzug des Staats an der zugenommenen Ungleichheit? Hier kann ein neuer Bericht der OECD Hinweise geben, die Revenue Statistics der OECD. Das überraschende Ergebnis: In fast allen Ländern der OECD ist nicht nur die Höhe der Steuereinnahmen gestiegen, sondern die Steuereinnahmen sind auch schneller gestiegen als die Wirtschaft gewachsen ist. Ein immer höherer Anteil des Bruttoinlandsprodukts fließt also an den Staat. Steuersenkungen sind also nicht die Ursache für die gestiegene Ungleichheit.

Das gilt für alle Länder der OECD, in keinem der Länder, für die Daten bis 1965 zurück vorliegen, ist die Steuer- und Abgabenbelastung seit 1965 gesunken. In den Niederlanden und in Schweden sank zwar die Steuerlast auf Einkommen und Gewinne, dafür wurden andere Steuern wie die Mehrwertsteuer dort erhöht. In allen anderen Staaten stiegen aber auch die Einkommens- und Gewinnsteuern.

Und was ist mit Thatcher und Reagan? Haben die nicht die Steuern gesenkt? Tatsächlich liegt der Anteil der Steuern am BIP in Großbritannien heute niedriger als 1975 oder 1985, vor allem wegen des deutlichen Rückgangs zwischen 1985 und 1995. Allerdings wurde der niedrigere Wert von 1965 nie wieder erreicht, denn vorausgegangen war eine deutliche Anhebung der Steuern bis 1975. Und seit 1995 ist der Steueranteil auch schon wieder deutlich gestiegen. Für die USA ist trotz Reagan kein derartiger Rückgang zu beobachten. Und im OECD-Schnitt ist der gesamte Steueranteil weiter gestiegen.

Und Deutschland?

Ist Deutschland vielleicht die Ausnahme? Schließlich hat der Staat nie Geld. Nein, auch in Deutschland ist der Anteil von Steuern und Abgaben am BIP im Jahr 2015 höher als zu allen anderen in der Tabelle angegebenen Zeitpunkten - und liegt mit 36,9 Prozent deutlich über den 31,6 Prozent aus dem Jahr 1961 und leicht über den 36,2 Prozent des Jahres 1995 und 2000, als ein wenige Jahre dauernder Rückgang eingeleitet wurde.

Steuerquote

Relation aller Steuern und Abgaben zum Bruttoinlandsprodukt in Österreich (rot), Deutschland (schwarz) und der Schweiz (grau). Quelle: OECD

Mit 36,9 Prozent liegt die Quote auch über jenen 34,3 Prozent, die im OECD-Schnitt fällig werden. Beim Nachbarn Österreich sind mit 43,5 Prozent noch mehr fällig, die Schweiz ist dagegen mit 27,9 Prozent vergleichsweise billig. Allerdings ist bei den Eidgenossen die Steuerquote deutlich angestiegen, nämlich um 11,3 Prozentpunkte, 1965 lag sie noch bei 16,3 Prozent.

Allerdings gab es weltweit auch einen weiteren Prozess, der tatsächlich weniger Umverteilung bedeutet. Nämlich die Verlagerung von Steuern auf Einkommen und Gewinne hin zu indirekten Steuern, vor allem der Mehrwertsteuer. Bei der Mehrwertsteuer gibt es allerdings keine Steuerprogression, eher ist das Gegenteil der Fall. Geringverdiener geben nahezu ihr gesamtes Geld aus und zahlen damit relativ gesehen (als im Verhältnis zu ihrem Einkommen) mehr Steuern. Das wird zwar etwas durch die Tatsache gebremst, dass auf Mieten keine Mehrwertsteuer anfällt und auf Lebensmittel nur 7,0 %, denn beide Ausgaben sind bei Geringverdienern ein besonders großer Kostenblock. Im Vergleich zu Einkommenssteuern ist die Umverteilung aber geringer. Wobei die Umverteilungswirkung natürlich auch davon abhängt, wofür das Geld ausgegeben wird. Kommt es zu einem großen Teil den unteren Einkommensschichten zugute, hat auch die Mehrwertsteuer eine Umverteilungswirkung. Zumal absolut gesehen auch hier Wohlhabende mehr zahlen. Und schließlich ist in Deutschland, anders als in Schweden oder den Niederlanden, auch der Anteil der Einkommenssteuern am BIP gestiegen - nur nicht so schnell wie die indirekten Steuern.

Das Thema ist allerdings ein so weites Feld, dass ich es in drei Beiträge aufgeteilt habe. Nach dieser Einleitung ins Thema werde ich nächste Woche Deutschland genauer ansehen und übernächste Woche mich mit der internationalen Entwicklung im Detail beschäftigen.

14Nov/160

Pig Data – Die wichtigsten Fakten

Big Data ist aktuell eines der großen Themen in der Statistik. Auch ich will auf den Trend aufspringen, allerdings geht es bei mir nicht um BIG Data, sondern um PIG Data. Also um die

Big Data oder Pig Data?

Die Deutsche Statistische Gesellschaft hat gerade ein Sonderheft ihrer Zeitschrift Wirtschafts- und Sozialstatistisches Archiv zum Thema Big Data herausgebracht. Wenngleich man darin auch einschränkt, dass etwa seit 2011 der Begriff "Big Data" immer häufiger in Google gesucht wird, dafür aber das verwandte "Data Mining" immer seltener.

Hinzu kommt, dass der Begriff "Statistik" seit 2004 immer seltener gesucht wird. Und laut des Google Ngram Viewer, der das Wort in den in Google Books gespeicherten Büchern sucht, wird "Statistik" seit seinem Hoch im Jahr 1914 immer seltener in deutschen Büchern gefunden. Nach einem Auf- und Ab- mit mehr Ab als Auf kommt das Wort seit 1964 fast konstant von Jahr zu Jahr seltener vor. Dafür erlebt das Wort "Gefühl" seit Mitte der 70er einen Aufschwung, auch "Kultur" kommt heute viel häufiger vor als vor 50 Jahren. Wobei heute hier 2007 bedeutet, weiter gehen die Google Nangram Daten für Deutschland nicht. Vielleicht ist deshalb "Religion" bei den aktuellen Zahlen (also 2007) genauso häufig wie 1967. Zumal sich hinter der scheinbaren Stabilität ein Rückgang des Begriff bis 1980 und eine Wiederkehr seitdem verbirgt.

Google Nangram Viewer Statistik Religion, Politik, Gefühl, Statistik

Vorkommen einzelner Begriffe in bei Google Books gespeicherten Büchern nach dem jeweiligen Erscheinungsjahr. Jeweils Nennungen pro einer Million Worte. Grafik: Eigene Grafik nach Daten aus Google Nangram Viewer

 

Haben die Vertreter der These der "postfaktischen Gesellschaft" doch Recht? Ich bin nach wie vor nicht überzeugt, aber gebe zu, dass mich die Daten nachdenklich stimmen. Das ist auch die Art und Weise, wie man mit ihnen umgehen sollte. Nicht jeder Zahl blind glauben ohne die Entstehung kritisch hinterfragt zu haben, aber sie auch nicht leichtfertig beiseite wischen.

Pig Data: Die Schweinestatistik

Aber nun reicht es mit Big Data und der postfaktischen Gesellschaft, wir wollen jetzt endlich zu Pig Data kommen. Oder wie man, frei nach Goethes Faust, sagen könnte: "Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns endlich Daten sehen".

Das deutsche Schwein und sein Halter befinden sich seit Jahren in der Krise, wie ein Blick in die Reihe 4.1 der Fachserie 3 des Statistischen Bundesamtes zeigt, nämlich in das Heft "Viehbestand" aus der Reihe "Viehbestand und tierische Erzeugnisse" in der Fachserie Land und Forstwirtschaft, Fischerei. Die Zahl der gehaltenen Schweine sank alleine von November 2015 bis Mai 2016 um 1,8 Prozent. Wer jetzt sagt, dass sei nicht dramatisch möge schnell ausrechnen, dass bei gleichbleibendem Rückgang in zehn Jahren die Zahl der Schweine um fast 30 Prozent gesunken sein wird. Die Zahl der Schweine mit mehr als 110 Kilo Lebendgewicht sank sogar um 5,3 Prozent.

Pig Data 1

Auf den ersten Blick hat sich bei der Zahl der Schweinehalter (grau) und der Zahl der Schweine von 2014 bis 2016 fast nichts verändert. Allerdings ist der Zeitraum auch sehr kurz...

Pig Data2

...weshalb es mir erlaubt erscheint, ausnahmsweise mal die X-Achse bei 80 abzuschneiden und einen genaueren Blick auf den Verlauf zu werfen.

Noch schlimmer erwischte es die Schweinehalter. Die Zahl der Betriebe mit Schweinen sank innerhalb eines halben Jahres um 4,7 Prozent, das ist tatsächlich beachtlich. Da Juden und Muslime kein Schweinefleisch essen stellt sich natürlich die Frage: Ist der deutsche Schweinebraten ein Opfer der Einwanderung aus dem Morgenland?

Zum Vergleich: Rinder

Eher nicht, denn im gleichen Zeitraum sank auch die Zahl der Kühe um 0,6 Prozent. Dass es die Rinder nicht so stark trifft liegt vor allem an der Milchviehhaltung. Besonders stark ging die Zahl der überwiegend zum Schlachten bestimmten Tiere (männliche Tiere plus weibliche Tiere die zum Schlachten vorgesehen sind) zurück, nämlich um 1,7 Prozent.

Rindviecherstatistik

Entwicklung des Rinderbestands (rot) und der überwiegend zum Schlachten bestimmten Rinder (orange - männliche + als Schlachtvieh deklarierte weibliche Rinder) sowie Betriebe mit Rinderhaltung (grau). Man beachte, dass die X-Achse erst bei 92 beginnt.

Liegt es also an den Vegetariern, dass es weniger Tiere gibt? Teilweise vermutlich. Wobei die Entwicklung seit Mai 2014 nicht ganz so dramatisch ist wie die von November 2015 bis Mai 2016. Zumal es so aussieht, als gäbe es auch eine Art saisonalen Effekt, dass nämlich von November bis Mai mehr geschlachtet wird und ab Mai dann wieder vermehrt Jungtiere nachgezüchtet werden. Aber ich bin kein Bauer und die Zeitreihe ist auch relativ kurz.

Die Bauern mag der Rückgang ärgern, aus ökologischer Sicht ist er nicht einmal schlecht. Auch aus ernährungspolitischer übrigens nicht. So gab es zwischen 2000 und 2006 gegen den langfristigen Trend eine Zunahme der Zahl der weltweit hungernden Menschen, die paradoxerweise gerade durch den Anstieg des Wohlstandes in den Schwellenländern verursacht wurde. Weil mehr Menschen sich Fleisch leisten konnten, stieg die Nachfrage nach Futtermitteln und damit auch das Preisniveau. Um das Thema Pig Data abzurunden bleibt festzustellen, dass Schweinefleisch immerhin effizienter ist als Rindfleisch, man also weniger Futtermittel für die gleiche Menge Fleisch benötigt.

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8Nov/160

Kommentar: Wissenschaftler als Politiker

Ausgerechnet die gleiche Zeitung, die Fratzschers und Fuests Diskussion brachte, hatte jüngst einen großen Artikel über das "postfaktische Zeitalter" gebracht. Nun bin ich ohnehin kein Fan der These des Postfaktischen. Denn dazu hätte es mal ein faktisches Zeitalter geben müssen. Wann soll das gewesen sein?

Das hat eine Reihe von Wissenschaftler nicht davon abgehalten, sich in dem Beitrag selbst auf die Schultern zu klopfen und über die Schlechtigkeit der Welt zu klagen, dass niemand auf sie hört. Immerhin bewies die Redaktion der ZEIT Humor als sie zwei Professoren nebeneinander stellten, die genau das Gegenteil behaupteten.

Selbstkritik war leider bei keinem beziehungsweise keiner der Professoren und Professorinnen zu hören. Hat nicht die Frankfurter Schule selbst Karl Popper dafür angefeindet, dass er Wissenschaftler dazu aufrief sich um Objektivität zu bemühen und ihre Thesen empirisch zu prüfen? Die Forderung nach Objektivität hieß es, verschleiere nur das Erkenntnisinteresse. Nun bin ich als Freund des kritischen Rationalismus natürlich auch nicht besonders unvoreingenommen. Zumal ich der Frankfurter Schule ihre Ablehnung des Empirischen übel nehme. Wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt von so etwas wie Fakten zu sprechen, dann nur auf empirischer Basis. Wer sich über das "Postfaktische" beklagt, darf sich der Empirie nicht verschließen.

Auch wenn die Statistik hin und wieder missbraucht wird, so wie es Fratzscher in seinem Kommentar in der Zeit tut. Man kann das schon in die Kategorie "So lügt man mit Statistik" einordnen. Wer so handelt, braucht sich nicht wundern, wenn Wissenschaftler nicht das Vertrauen genießen, das sie sich wünschen.

Mancher mag sich beschweren, warum ich vor allem Fratzscher angreife. Ist denn die Studie der Familienunternehmer objektiv? Sicher auch nicht, das darf man von so einer Arbeit auch nicht erwarten. Doch sie täuscht nicht in dem Sinne wie Fratzscher, eher so, dass der Fokus so gelegt wird, wie es den Interessen dient. Beispielsweise wenn man darauf hinweist, dass die Ungleichheit der Einkommen unter Berücksichtigung der Arbeitslosen seit 2005 stagniert. Man hätte auch schreiben können, dass sie 2016 höher liegt als 1986. Beides wäre richtig, nur der Fokus ist anders. Doch in dem Sinne wie Fratzscher täuscht man nicht, dass man Behauptungen gezielt aufstellt weil man weiß, dass sie falsch verstanden werden.

Das DIW gilt ohnehin nicht gerade als Ort wissenschaftlicher Brillianz. So aber wird es seinen Ruf endgültig zerstören. Wissenschaftler dürfen politische Vorlieben haben, sie sollten aber nicht versuchen zu täuschen - auch nicht mit rhetorischen und statistischen Tricks.

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