Statistiker-Blog

Digitalabos im Test

Werden E-Paper die Zeitung retten? Nur, wenn es Angebote gibt, die nicht nur inhaltlich gut sind, sondern auch bequem nutzbar. Deshalb habe ich eine Reihe von Online-Kiosken getestet. Einige nutze ich selbst, bei anderen beschreibe ich nur ohne sie selbst zu nutzen. Provisionen oder eine andere finanzielle Unterstützung erhalte ich übrigens von keinem der Anbieter. Es handelt sich also um meine rein private Meinung.

Denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass Kostenlos-Angebote und Blogs den Journalismus nicht ganz ersetzen können, auch wenn ich der Profession keineswegs unkritisch gegenüber stehe. Wer sieht, wie beispielsweise eine große Autozeitung aus dem Axel Springer Verlag in der aktuellen Ausgaben gegen Radfahrer hetzt („Sie nehmen uns unsere Straße weg“) kann sich nur wundern, wie überzeugt viele Journalisten von ihrer eigenen Bedeutung sind und selbst in Computerzeitschriften wie Chip gegen das Internet wettern.

Readly

Ich habe seit etwa zwei Monaten rund 2.200 Zeitungen abonniert. Genauer gesagt leiste ich mir seitdem eine Zeitschriften-Flatrate, die auf den Namen Readly hört und rund zehn Euro im Monat kostet, also ähnlich viel wie auch Musik- und Video-Streamingdienste.

Der Dienst kommt, genauso wie der Musik-Streamer Spotify, aus Schweden und verfolgt auch ein ähnliches Konzept: Einmal monatlich zahlen und dann unbegrenzt nutzen.

Rund 600 der 2.200 Titel sind deutschsprachig. Zugegeben, die meisten sind für mich völlig uninteressant. Viele Klatschzeitschriften sind darunter, von den meisten wie „Meine Melodie“ hatte ich noch nie gehört.

Auch Special Interest Titel sind viele darunter. Man findet Zeitschriften für Wanderfreunde, Radfahrer, Handballer und Hobbyfotografen. Ja sogar welche für Anhänger von Baggern und Panzern („Rad und Kette“) oder für Grillfreunde („Der Griller“).

Die zwei kostenlosen Probewochen lohnen sich allein schon um ein bisschen zu stöbern. So erfährt man, dass es mittlerweile auch Elternzeitschriften speziell für Väter („Dad“) und Sex-Zeitschriften speziell für Frauen („Separee“) gibt. Die eine widmet sich der Frage, welches die zwölf nervigsten Sätze von Müttern sind oder wie viele Kinder ideal sind. Die andere beschäftigt sich mit „Toy Boys“ (jüngere Männer) und der Frage ob man seinen Abend lieber mit Video schauen oder Intimitäten verbringen sollte. Übrigens gibt es auch den „Playboy“, aber nur auf Englisch.

Ironie des Schicksals: Gerade hat Readly den 200. deutschen Verlag begrüßt, es ist jener, bei dem ich nach dem Studium zuerst gearbeitet habe (ich habe im Beitrag über Wochenzeitungen und Zeitschriften kurz davon berichtet).

Politik fehlt

Readly Test

Die meisten Readly-Titel sind wenig spannend. Aber bei 600 deutschsprachigen Titeln ist trotzdem für fast jeden was dabei.

Große Titel wie SPIEGEL oder Focus fehlen. Im Bereich Politik findet man die österreichischen Zeitschriften „News“ und „Profil“, aber keine bekannten deutschen Magazine. Der „European“ ist mit Ausgaben aus 2016 vertreten, wurde aber mittlerweile wohl eingestellt. Es gibt aber auch eine ganze Reihe bekannter Namen im Portfolio, beispielsweise die traditionsreiche Fußballzeitung Kicker, Bild der Wissenschaft und Spektrum der Wissenschaft oder die Wirtschaftszeitschriften €uro, €uro am Sonntag und Börse Online sowie zahlreiche Computerzeitschriften wie Chip, PC Magazin oder Computer BILD.

Keine der enthaltenen Zeitschriften hatte ich jemals abonniert. Die meisten interessieren mich gar nicht, bei etwas mehr als einem Dutzend Titel lese ich immerhin ein bis zwei Artikel. Das ist zu wenig für ein Abo, aber bei einer Flatrate egal. Da lohnt es sich auch, mal einen Blick in exotischere Zeitschriften wie „Bier und Brauhaus“ oder eben „Dad“ zu werfen.

Fazit zu Readly

Readly ist in meinen Augen das vielversprechendste Experiment für die Zukunft des Journalismus. Aus Sicht der Leser finde ich ein Abo lohnenswerte. Bei manchen Titeln hat man den Eindruck, die Verlage wollen noch mal etwas Geld damit verdienen, bevor sie die Zeitschrift einstellen. Die traditionsreiche Fernsehzeitung „Hörzu“ beispielsweise. Trotzdem ist bei 600 Titeln für fast jeden was dabei. Allerdings werden die Zeitschriften meist als Vollansicht dargestellt, ähnlich wie ein PDF. Damit sind sie auf kleinen Bildschirmen wie denen von Smartphones kaum lesbar. Sie lassen sich zwar vergrößern, das bedeutet aber nerviges scrollen. Für Tablet-Nutzer aber ist Readly eine gute Wahl.

Bisher enthält der Kiosk allerdings wenig Titel, die zur politischen Bildung beitragen. Am ehesten tun das die Wissenschaftsmagazine oder die Wirtschaftszeitungen, teilweise auch die Computer-Titel. Mit 9,99 Euro ist natürlich eine Tageszeitung nicht zu finanzieren. Auch Wochenzeitungen und politische Magazine kosten im Monatsabo meist schon mehr als diese 9,99 Euro. Aber das Konzept lässt sich ja ausbauen. Vielleicht auch in Kombination mit anderen Diensten wie dem iKiosk.

Preis: 9,99 Euro pro Monat

Probezeitraum: 14 Tage

Betriebssysteme: Apps für iOS, Android und Kindle Fire, Webreader

iKiosk

Der Name verheißt nichts Gutes. Denn iKiosk ist mitnichten ein Apple-Produkt wie iPad, iPhone oder iPod. Vielmehr waren die Namensgeber einfach sehr phantasielos. Leider ist das auch schon so etwas wie ein vorweggenommenes Fazit zum Online-Kiosk.

Denn bei iKiosk lassen sich E-Paper so kaufen, wie am normalen Kiosk Print-Zeitungen und Zeitschriften. Oder wie mit den Apps der Verlage. Hauptvorteil gegenüber letzteren die Bündelung. Obwohl der iKiosk aus dem Hause Axel Springer kommt, findet man hier auch fast alle anderen wichtigen Zeitschriften und Zeitungen, von der ZEIT über den Spiegel bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch einige Lokalzeitungen sind hier eingestellt, beispielsweise die Bergedorfer Zeitung oder die Berliner Morgenpost.

E-Kiosk Vergleich

Quelle: Readly Pressestelle

Man kann also gut stöbern und mal den Spiegel und mal den Cicero kaufen. Außerdem bietet der Verlag bei vielen Zeitungen und Zeitschriften auch Abos, die aber automatisch enden. Das ist ein großer Pluspunkt. Auch nervige, immer wieder kehrende Anfragen ob man das Abo nicht verlängern will gibt es nicht. Und die Abos lassen sich oft auch für nur einen oder drei Monate kaufen. Das ist aber auch schon fast das innovativste, was der Kiosk bietet.

Anders als bei Readly wird bei vielen Zeitungen auch eine spezielle Lesefunktion angeboten. Wer beispielsweise die ZEIT durchblättert, kann einzelne Artikel anklicken und erhält deren Inhalt dann, ähnlich wie bei einem E-Book, über die gesamte Seite angezeigt. Eine Funktionalität, die auch viele Zeitungs-Apps anbieten und die bei großen Formaten auch nötig ist. Der Berliner Tagesspiegel verzichtet darauf. Die Seiten sind deshalb nur gut lesbar, wenn man sie deutlich vergrößert, was nerviges Scrollen zur Folge hat.

iKiosk Test

iKiosk bietet sogar eine App für den PC (Windows 10). Leider ist das ganze Konzept wenig innovativ.

Der Preis entspricht oft dem in der App. Dabei fällt auf, wie teuer viele E-Paper sind. Oft sind die kaum billiger als die Print-Exemplare, trotz niedrigerer Kosten. 60 bis 80 Prozent der Einnahmen gehen angeblich an die Verlage, das ist mehr als bei Abo-Zeitungen. Die Preise entsprechen teilweise denen in den Apps.

Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft

Die neuen Möglichkeiten der papierlosen Zeitung schöpft der Kiosk nicht aus. Nett wären mehr Bündel-Angebote. Warum nicht ein Abo von Spiegel und Focus, das genauso viel kostet wie bisher eines des Spiegel? Verrückt? Nein, denn nur wenige Leser dürften bisher beide Magazine abonniert haben. Die Verlage verlieren also kein Geld. Zusatzkosten haben sie auch kaum. Aber vielleicht mehr Leser. Und die können sich dann aus zwei Quellen mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung informieren. Immerhin bietet der Verlag immer wieder Aktionen, bei denen einzelne Zeitschriften wie der Spiegel für 0,99 Euro gekauft werden können.

Immerhin bietet iKiosk neben Apps für Android und iOS auch eine für Windows. Nicht das sterbende Windows Phone wohlgemerkt, sondern Windows 10. Das ist nicht nur praktisch für Besitzer von Windows Tablets, sondern auch am heimischen PC. Allerdings funktioniert das Zusammenspiel nicht immer reibungslos. Wer eine Zeitung über die Website kauft, der bekommt sie teilweise erst deutlich später auch in der App angezeigt.

Leider lässt sich in der Android-App nicht per Kontoeinzug bezahlen, sondern nur über Google Pay. Auch Geschenkgutscheine gibt es nicht. Insgesamt wirkt der Kiosk eher lieblos gemacht. Ich nutze ihn trotzdem, weil ich hier mit einem Konto auf verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zugreifen kann und weil Abos automatisch auslaufen. Aber nur solange, bis es ein besseres Angebot gibt – sofern sich der iKiosk nicht selbst verbessert.

Preis: Je Zeitschrift

Betriebssysteme: Apps für iOS, Android und Windows 10, Webreader

Blendle und Pocketstory

Während der iKiosk eher wenig originell ist, bieten Blendle und Pocketstory eine innovative Idee, die aber genau in die entgegengesetzte Richtung von Readly geht. Die Schweden verlangen eine monatliche Gebühr, dafür sind dann alle Titeln inklusive. Das niederländische StartUp Blendle und der Hamburger Anbieter Pocketstory dagegen verkaufen die einzelnen Artikel. Und wem sie nicht gefallen haben, der bekommt sogar sein Geld zurück.

Ich nutze beide Dienste im Gegensatz zu Readly, iKiosk und bisher nicht, daher kann ich auch kein eigenes Fazit abgeben, sondern nur schreiben, was mir bei einer oberflächlichen Recherche aufgefallen ist.

Blendle Test

Blendle bietet etwas mehr Titel als Pocketstory.

So bietet Pocketstory aktuell nur eine sehr kleine Auswahl an Zeitschriften. Das ist schade, denn damit entfällt ein Hauptvorteil dieses Modells – zu einzelnen Themen Beiträge aus verschiedenen Zeitungen mit unterschiedlicher Ausrichtung lesen.

Außerdem sind die Artikel insgesamt recht teuer. Wer viel liest, hat deutlich höhere Kosten als mit anderen Modellen. Wer dagegen nur einzelne Beiträge liest, spart viel Geld. Einzelne Artikel kosten bei Blendle 0,20 bis 0,60 Cent. Das ist nicht viel, läppert sich aber. Allerdings werden mir beim Blättern meist nur drei Beiträge je Zeitung angezeigt, beispielsweise bei der ZEIT. Es heißt „Die beliebtesten Artikel“, das hört sich so an, als ob es noch mehr gäbe. Die finde ich aber nicht und vermute auch, dass es in vielen Fällen auch gar nicht mehr gibt.

Sehr innovativ ist bei Blendle die Möglichkeit, sein Geld zurückzufordern, wenn ein Artikel den Erwartungen nicht entspricht. In innovativer Ansatz. Allerdings nur, wenn man man mehr als drei Beiträge angezeigt bekommt.

Preis (Blendle): Unterschiedlich, bei Wochenzeitungen oft 50 bis 70 Cent

Betriebssysteme (Blendle): Apps für iOS, Android und Windows 10, Webreader

Amazon

Auch Amazon verkauft Zeitschriften. Ich habe diesen Kiosk aber bewusst nicht aufgenommen. Der Konzern kontrolliert schon den Büchermarkt. Nicht auszudenken, welche Macht die Firma bekommt, wenn sie auch das Feld der E-Kioske monopolisiert. Unliebsame Titel könnten dann einfach aus dem Sortiment genommen werden. Zumindest so lange die großen Digitalkonzerne nicht endlich ähnlich streng reguliert werden wie Telefongesellschaften oder Stromanbieter.

Steady

Steady ist streng genommen kein Online-Kiosk, sondern eine Zahlungsdienst für Blogger und Webseitenbetreiber. Die können sich von dem Unternehmen beispielsweise eine Paywall einrichten lassen. Häufiger aber rufen sie zur freiwilligen Unterstützung auf. Ein Modul beispielsweise wendet sich gezielt an Nutzer von Ad-Blockern. Die haben die Einnahmen der Webseiten nämlich deutlich reduziert. Der BILDblog mit täglich mehreren tausend Lesern verdient nach eigenen Angaben mittlerweile nur noch einige Hundert Euro mit Werbung im Monat.

Immerhin ist es den Berlinern gelungen, über Steady freiwillige Unterstützung im Wert von aktuell mehr als 3.600,- Euro zu bekommen, angepeilt sind monatlich 4.200,- Euro. Allerdings reicht das noch nicht einmal, um einen einzelnen Redakteur zu bezahlen. Außerdem ist BILDblog einer der größeren Fische – so gesehen sind es nur 4.200,- Euro. Die Satire-Zeitung Postillion beispielsweise, auch ein Angebot mit großer Reichweite, kommt auf gerade Mal 1.200,- Euro monatlich.

Und schließlich hat der Blog, der einst vor allem die BILD-Zeitung kritisch überwachte und so zu seinem Namen kam – einen klaren politischen Auftrag. Kritisiert werden nicht nur inhaltliche Fehler, sondern auch nach Meinung der Redakteure einseitige und unvollständige Darstellungen, wenn BILDblog die Meinung der Zeitung oder Zeitschrift nicht teilt.

Das ist in meinen Augen die große Gefahr solcher freiwilliger Unterstützung. Gezahlt wird vor allem für Angebote, die sich klar positionieren, Falle des BILDblogs weit links, in anderen weit rechts.

Fazit

Es gibt innovative Modelle, mit denen sich Geld verdienen lässt. Readly ist vielleicht das vielversprechendste Experiment. Bisher gibt es keine großen deutschen Politik-Titel dort, aber das Angebot besteht auch längst nicht mehr nur aus Klatsch- und Hobbyzeitungen, sondern bietet auch Wirtschafts-, Computer- und Wissenschaftstitel.

Theoretisch ließe sich mit den 9,99 Euro, die der Dienst kostet, die aktuelle Presselandschaft sogar fast finanzieren. Nach Angaben des SPIEGEL gibt jeder Haushalt monatlich etwa 39,- Euro für Medienangebote aus, davon allerdings das Meiste für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Für Zeitungen und Zeitschriften werden nur 13,- Euro ausgeben. Nicht viel mehr als die Zeitschriften-Flatrate kostet.

Streaming und Paid Content Vergleich

Hier noch einmal die Grafik zum Erfolg des Musik-Streamings.

Natürlich wird nicht jeder Deutsche ein solches „Zeitschriften-Streaming“ nutzen. Möglicherweise wird eine Erweiterung um Tageszeitungen oder Politiktitel zusätzlich kosten müssen. Allerdings sparen die Verlage auch Geld durch den Verzicht auf eine Auslieferung von Print-Exemplaren. 30 Prozent behalten die E-Kioske meist ein, das könnte sogar weniger werden, wenn sich diese Ansätze weiter verbreiten. Hinzu kommen Kosten für die digitale Aufbereitung, die jedoch niedrig sein dürfen. Dagegen machen Herstellung und Vertrieb aktuell nach Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger 51,6 Prozent der Kosten aus.

Kostenanteile Zeitungen

Kostenanteile bei Printprodukten: Herstellung und Vertrieb (hellgrau), Marketing dunkelgrau), Verwaltung (blau), Redaktion (rot). Quelle. BDVZ

Unverständlich ist deshalb, warum viele E-Paper genauso viel kosten wie gedruckte Zeitungen. Möglich, dass die Werbung dort weniger Geld bringt. Sie macht aber nur 32,8 Prozent der Einnahmen aus und liegt ja auch bei E-Papern nicht bei Null. Zumal direkte Verlinkungen aus der Anzeige heraus auf Internetseiten oder Beilagen neue Möglichkeiten bieten, die es bei Printexemplaren nicht gibt.

Der Blick auf die Musikindustrie zeigt eine mögliche Entwicklung. Dort haben sich die Einnahmen stabilisiert, liegen aber immer noch unter denen von Ende der 1990er Jahre – auch ohne Berücksichtigung der Inflation. Das könnte auch den Medienhäusern so gehen. Allerdings müssen nicht alle Zeitschriften über Gebühren finanziert werden, einige werden auch mit Werbung überleben. Außerdem werden Zeitungen und Zeitschriften effizienter werden müssen. Nicht jede Lokalzeitung braucht auch einen eigenen Politikteil. Die Funke Mediengruppe hat für ihre Lokalzeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, WAZ) eine zentrale Politikredaktion in Berlin geschaffen. Nur die Lokalredakteure sitzen noch in der Fläche. Einzelne Texte könnten zunehmen von Algorithmen verfasst werden.

Politik

Die Funke Mediengruppe hat ihren Lokalzeitungen eine zentrale Politikredaktion in Berlin verordnet.

Und auch wenn Journalisten das nicht hören wollen, womöglich werden auch die im Tarifvertrag vorgesehenen Gehälter sinken müssen. Aktuell erhält ein Journalist ohne besondere Funktion nach 25 Berufsjahren rund 5.300 Euro Gehalt pro Monat. Zugegeben, ein Einsteiger bekommt mit rund 3.300 Euro deutlich weniger. Wenn ich den Tarifvertrag richtig interpretiere, wird er auch nie so viel bekommen wie sein Kollege, weil die Gehaltssteigerungen ab dem elften Jahr als „Übergangsregelung“ gekennzeichnet sind. Aber das ist ein Problem des Tarifvertrags, nicht einer insgesamt zu niedrigen Bezahlung.

Es ist also nicht unrealistisch, dass es auch in 20 Jahren noch Menschen gibt, die für journalistische Angebote bezahlen. Aber ein einfacher Weg wird es vermutlich weder für die Journalisten noch für die Verlage.

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Paid Content: Kein Erfolgsmodell

Laut Anita Stocker, Chefredakteurin der Zeitschrift test, gibt es aktuell nur ein einziges Angebot, das mit Paid Content tatsächlich erfolgreich ist, nämlich test.de. Auf der Sommerakademie Verbraucherjournalismus 2016 in Mainz berichtete sie davon, dass test.de in Vorträgen immer wieder als Beispiel für Paid Content aufgeführt würde. Frage man dann nach dem Grund warum ausgerechnet test.de ausgewählt wurde sei die Antwort „Weil es das einzige ist, das funktioniert.

Fast 15 Prozent der Einnahmen durch Paid Content

Tatsächlich hat die Zeitschrift nach eigenen Angaben im Jahr 2016 rund 3,9 Millionen Euro durch Gebühren für den Online-Zugang eingenommen. Das ist zwar wenig im Vergleich zu den 24,0 Millionen Euro, die mit den beiden Print-Titeln test und finanztest verdient wurden, aber doch kein unbedeutender Beitrag zu den Einnahmen. Zumal auch die Kosten für Druck und Versand wegfallen, die keinen kleinen Teil der Einnahmen auffressen.

Rund 96.000 Abos registriert test.de, zusätzlich gibt es noch Zugriffsrechte für einzelne Beiträge, die aber nicht ausgewiesen werden. Allerdings sind fast 43.000 Zugriffe preisreduziert, da die Kunden gleichzeitig noch ein Print-Abo besitzen. Fast 11.000 Abos sind sogar ganz kostenfrei, meist weil die Leser sowohl ein Test- als auch ein Finanztest-Abo besitzen und damit den Zugang umsonst bekommen.

Test.de Paid Content

Nicht alle Inhalte sind bei test.de kostenlos.

Paid Content, das sind Texte im Internet, die nur gegen Bezahlung lesbar sind. Die Grenzen zum E-Paper einer Tageszeitung sind dabei natürlich fließend. Vermutlich sind sie zum Teil auch historisch zu verstehen. Ein E-Paper ist meist eine elektronisch Version der Print-Ausgabe. Manchmal werden sie sogar als PDF angeboten, wie wir in der kommenden Woche sehen werden.

Dagegen sind Paid Content Angebote meist auch über den Browser direkt (also ohne die Hilfe anderer Programme wie iKiosk) aufrufbar und oft eine Ergänzung zu kostenlosen Inhalten. Außerdem gibt es bei Paid Content auch oft die Möglichkeit, nur einen einzelnen Beitrag zu kaufen. Allerdings gibt es im Zeitalter der Apps natürlich fließende Übergänge. Beispielsweise wird die App der Kieler Nachrichten bei der ivw als Paid Content erfasst, praktisch alle anderen Apps von Lokalzeitungen aber als E-Paper.

Stiftung Warentest nicht in ivw Daten enthalten

Deshalb gibt es kaum Paid Content Angebote in den Daten der ivw. Denn wie bei meinem Beitrag zu den Tageszeitungen und den zu den Wochenzeitungen und Zeitschriften stützte ich mich auch heute vor allem auf die Daten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, kurz ivw. 

Wie der Name schon sagt geht es dort um Reklame. Entsprechend gibt es auch zwei wichtige Kriterien dafür, dass ein Titel in die Erhebung aufgenommen werden kann.

  1. Er muss kostenpflichtig sein, es heißt ja Paid Content und nicht Free Content.
  2. Die Seite muss Werbeträger sein.

Die rund 85.000 kostenpflichtigen Abos von test.de gehen deshalb nicht mit in die Statistik ein, den die Stiftung Warentest darf als vom Bund gegründete und bezuschusste Einrichtung weder in ihren Zeitschriften noch auf ihren Online-Seiten Werbeflächen verkaufen, um die Unabhängigkeit nicht zu gefährden.

Rund 456.000 verkaufte Zugriffsrechte

Rund 456.000 im Tagesdurchschnitt verkaufte Zugriffsrechte weißt die ivw für den August 2017 aus. Rund 426.000 davon lassen sich nach Titeln aufschlüsseln. Sie entfallen auf gerade mal fünf Angebote. Einzelverkäufe gibt es genau Null, kein einziges der fünf Angebote hat Daten in dieser Kategorie ausgewiesen. Deshalb lassen sich die 426.000 aufschlüsselbaren Zugriffsrechte mit Abos gleichsetzen.

BILDmobil

BILD versucht viel, um sein Angebot BILDplus auszubauen. Beispielsweise bietet der Axel Springer Verlag in Zusammenarbeit mit Vodafone einen eigenen Telefontarif, dessen Kunden auch BILDplus nutzen dürfen.

97,5 Prozent davon stammen aus dem Hause Axel Springer. Weil WELTplus nur rund 78.000 Mal verkauft wurde steht hinter 79,1 Prozent der verkauften Zugriffsrechte nur ein einziges Angebot, nämlich BILDplus.

Zwei Fachportale kommen zusammen auf etwas weniger als 1.500 weitere Zugriffsrechte, die Kieler Nachrichten auf etwas mehr als 9.000.

Wachstum lässt zu wünschen übrig

Ende der 90er Jahre lag die Auflage der BILD bei fast 4,4 Millionen Exemplaren pro Auflage, im Jahr 2016 waren es noch rund 1,7 Millionen. Da machen 337.000 Paid Content Zugriffsrechte fast nichts aus. Wobei das E-Paper der BILD-Zeitung hier natürlich genauso wenig enthalten ist wie die elektronischen Ausgaben von Welt und Welt Kompakt sowie ihren Sonntagsausgaben bei den Daten zu WELTplus.

Nicht nur die absoluten Zahlen der verkauften Zugriffe sind gering gegenüber dem Auflagenverlust der Print-Zeitung, auch die Zuwächse sind bescheiden. Die ersten Daten weißt die ivw für den Mai 2015 aus, damals nur für WELTplus und BILDplus. Rund 253.000 Zugriffsrechte wurden damals verkauft, drei Jahre später waren es 447.000. Darin sind aber andere Titel enthalten, BILDplus und WeltPlus kamen auf 415.000 Zugriffsrechte.

Paid Conent Entwicklung

Entwicklung von Paid Content Zugriffszahlen – gemeldete tagesdurchschnittliche Nutzungsrechte. Zu beachten ist die wechselnde Zahl von erfassten Angeboten. Der größte Teil entfällt allerdings ohnehin auf BILDplus, ein weiterer großer Teil auf WELTplus. Quelle: ivw

Weil fast alle Zugriffsrechte im Prinzip auf WELT und BILD entfallen und beide seit 2014 erfasst werden, sind die Zahlen einigermaßen vergleichbar. Ein Zuwachs von fast 80 Prozent in drei Jahren, das hört sich nach viel an, ist es aber nicht. Zumal der prozentual hohe Zuwachs vor allem auf einen Basiseffekt zurückgeht. 2014 gab es nur wenige Paid Content Zugriffe, da ist fast jeder Zuwachs in Prozent gesehen hoch.

Der Zuwachs hat sich außerdem von Jahr zu Jahr abgeschwächt. Und zwar nicht nur prozentual, was zu erwarten war (auch wegen des Basiseffekts), sondern auch absolut (was für die Verlage gar nicht schön ist). Es ist wenig im Vergleich zu den Rückgängen im Tageszeitungsgeschäft (siehe erster Beitrag der Serie) und wenig im Vergleich zu anderen Erfolgsgeschichten wie dem Zuwachs des Streamings.

Streaming und Paid Content Vergleich

Streaming ist ein Erfolg, Paid Content kann da nicht mithalten.

Fazit und Ausblick

Paid Content ist kein Erfolg. Man könnte die Entwicklung mit einer gewissen Schadenfreude beobachten. Schließlich sehen Journalisten gerne auf Blogger herab und bestätigen sich selbst, wie wichtig sie sind. Aber leider sind Blogs und Soziale Medien bisher tatsächlich kein Ersatz für guten Journalismus. Man kann an Journalisten viel kritisieren, beispielsweise die Konzentration auf Negativnachrichten, auf Spekakuläres oder die geringe Vielfalt im Hinblick auf das Herkunftsmilieu und die politische Ausrichtung.

Doch es bleibt die Tatsache, dass viele auch gute Arbeit leisten und die nicht so einfach von unbezahlten Bloggern und Hobbyautoren ersetzt werden können. Auch die Vergleichsportale, für die ich überwiegend arbeite, machen eine bessere Arbeit als Journalisten zugeben, bieten aber keinen vollwertigen Journalismus. Schließlich wird nur verglichen, wer auch bezahlt.

Zeitung Auflage Entwicklung

Zeitungen auf Papier sind ein Auslaufmodell. Aber was kommt danach?

Deshalb finde ich die Frage nicht ganz unwichtig, wie Journalismus in Zukunft bezahlt werden kann. Staatliche Finanzierung, wie von vielen Journalisten gefordert, ist eine Schnapsidee. Wer das fordert muss sagen, wie er sich eine Kontrolle der Medien vorstellt, wenn Leser das nicht mehr über ihre Käufe tun. Durch die Politik? Gefährlich. Oder völlig Selbstverwaltung ohne Kontrolle? Auch gefährlich, schnell kann hier eine Art Meinungsmacher-Aristokratie entstehen.

In der kommenden Woche stelle ich deshalb ein paar Modelle vor, die mehr oder weniger innovativ sind. Wie bereits angekündigt erhalte ich von keinem Portal Werbeeinnahmen, Provisionen oder andere Vergünstigungen, es handelt sich also um meine ganz subjektive Ansicht.

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Wochenzeitungen leicht im Plus

Die Auflage der Tageszeitungen ist seit der Jahrtausendwende drastisch gefallen, wie wir im vergangenen Beitrag gesehen haben. Im Einzelverkauf betrug der Rückgang in den vergangenen sieben Jahren sogar rund 50 Prozent. Bisher sind die Zugewinne im Bereich der E-Paper nicht annähernd in der Lage das zu kompensieren. Auch Wochenzeitungen und Zeitschriften haben an Print-Auflage verloren, allerdings nicht im gleichen Maße wie die Tageszeitungen. Und bei den Wochenzeitungen kompensieren die E-Paper den Verlust sogar.

Verkaufte Print-Auflage im 2. Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahresquartal. E-Paper sind hier nicht enthalten.

In den Statistiken der ivw findet man neben Tageszeitungen noch Wochenzeitungen, Publikumszeitschriften, Fachzeitschriften und Kundenzeitschriften. Letztere habe ich weggelassen, denn sie sind verhältnismäßig unspannend. Auch hier gibt es gut gemachte Publikationen, beispielsweise die Bahnzeitschrift DB Mobil. Ich selbst habe nach dem Studium zunächst bei einem solchen Verlag gearbeitet. Viel Spaß hat es mir gemacht, die Kinderbeilage für „Der Vermögensberater“ zu schreiben und unter anderem einen Comic zu texten. Oder für die Kundenzeitschrift der damaligen Hamburger Electricitäts-Werke (HEW, heute Teil von Vattenfall) über einen Vortrag von Mojib Latif zum Klimawandel zu schreiben. Aber das Geschäftsmodell der Kundenzeitschriften ist vom Internet nicht bedroht. Ganz im Gegenteil, ohne gute Inhalte werden viele Vergleichsportale und auch viele Shops nicht gefunden. Deshalb ist ihre Auflagenentwicklung nicht besonders interessant. Sie sagt vor allem etwas darüber, ob die Zeitschriften noch gedruckt werden oder nur noch digital erstellt werden.

Viele Kundenzeitschriften dürften auch gar nicht erst erfasst werden. Denn die Datenerfassung durch die ivw ist kostenpflichtig, sie soll Titel durch die Kontrolle der Auflage attraktiv für Werbekunden machen. Werbung für andere Firmen zu machen ist aber gar nicht das erste Ziel von Kundenzeitschriften. Die Daten sind von daher auch kaum aussagekräftig.

Zu den von der ivw erfassten Zeitschriften gehört DB mobil. Sie wurde im Juni 2017 488.645 Mal verbreitet. Die verkaufte Auflage, die ich bei den anderen Zeitungen und Zeitschriften in den Mittelpunkt stelle, liegt allerdings nur bei 720 Exemplaren. Der Rest sind Freiexpemplare, die in Zügen und in Bahnhöfen ausgelegt werden.

Die Daten zu den einzelnen Zeitungen enthalten übrigens bereits E-Paper-Exemplare, die in den übrigen Statistiken getrennt aufgeführt werden.

Plus bei Wochenzeitungen

Auch einschließlich E-Papier sieht die Bilanz im 2. Quartal 2017 schlecht aus. Allerdings etwas besser als die reinen Print-Zahlen. Die Wochenzeitungen kommen sogar auf ein kleines Plus.

Wochenzeitungen gegen den Trend im Plus

Beginnen wir mit den Wochenzeitungen. Gefühlt gibt es in diesem Segment eigentlich nur noch DIE ZEIT. Christ und Welt ist mittlerweile eine Beilage der ZEIT. Der Rheinische Merkur ist ebenfalls verschwunden und taucht im Untertitel von Christ und Welt noch auf. Die Woche, erst in den 1990er Jahren gestartet, ist schon wieder eingestellt. Auch das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt gibt es nicht mehr.

Ganz so schlimm kann es aber nicht sein, denn immerhin wurden laut ivw Statistik im 2. Quartal 2017 wöchentlich im Schnitt 1,7 Millionen Zeitungen verkauft. Die ZEIT verkauft „nur“ rund 500.000 Exemplare pro Woche, also weniger als zwei Drittel der gesamten Wochenzeitungen. Wo bleibt der Rest?

Chist und Welt Jesus

Christ und Welt ist nur noch eine Beilage der ZEIT. Die Wochenzeitung aus Hamburg dominiert den Markt. Hier ein Screenshot des E-Paper aus dem iKiosk. Wer sich im Titelbild in seiner Ansicht bestätigt sieht, dass die Kirchen längst nur noch ein Anhängsel der Grünen sind, dem sei gesagt, dass es sich um eine Aktion von Christ und Welt handelt. In deren Rahmen durften alle im Bundestag vertretene Fraktionen sowie die FDP ein Plakat entwerfen. Das der Grünen ist aber auch in meinen Augen das gelungenste. Wobei die SPD mit der Anspielung auf ihren Spitzenkandidaten „Auch Jesus hatte einen Bart“ ebenfalls gut dabei war.

Das sind natürlich noch die kleinen, radikalen Wochenzeitungen. Der Freitag auf der linken und die Junge Freiheit auf der rechten Seite beispielsweise. Beide konnten übrigens ihre Auflagen gegen den Trend steigern. Die absoluten Zahlen sind aber niedrig, der Freitag verkaufte je Auflage im 2. Quartal rund 23.000 Exemplare, die Junge Freiheit rund 29.000. Der Freitag konnte allerdings deutlich zulegen, er steigerte die verkaufte Auflage innerhalb eines Jahres um rund 21 Prozent. Zugelegt haben vor allem Abos (+23 Prozent) und der sonstige Verkauf (+32 Prozent), während der Einzelverkauf um 6 Prozent sank. Die Junge Freiheit legte um rund 3 Prozent zu, hier sind die Unterschiede aber weniger groß. Der Einzelverkauf blieb konstant, Abos und sonstiger Verkauf stiegen um rund 4 beziehungsweise 3 Prozent.

Im sonstigen Verkauf werden unter anderem preisreduzierte Exemplare erfasst. Um als Einzelverkauf zu gelten, muss ein Exemplar mindestens 90 Prozent des Normalpreises kosten, ist es stärker reduziert wird es ein sonstiger Verkauf. Kostet es weniger als 10 Prozent des regulären Verkaufspreises fällt es auch hier raus.

Weitere Wochenzeitungen

Und der Rest? Wo bleiben die übrigen rund eine Millionen verkaufen Wochenzeitungen? In der Nähe der Stadt, in der ich meine Kindheit verbrachte und als Lokalreporter zu arbeiten begann, gab es eine lokale Wochenzeitung, die Werntalzeitung. In meinen Augen das perfekte Format. Eine Zeitung nur für Lokalnachrichten, den überregionales habe ich ja schon anderswo gelesen. Und außerdem nur ein oder zweimal in der Woche, denn so viel passiert zum Glück in den meisten Städten nicht. Finde nur ich das Format gut oder warum denkt kein Verlag über so etwas nach? Aber auch die Werntalzeitung erklärt nicht die fehlende Million, zumal sie seit 2015 leider zur Tagesgruppe Main Post gehört. Ein Blick in die Titelliste gibt die Antwort.

Die ZEIT hat einen starken Konkurrenten, die Deutsche Handwerkszeitung mit rund 484.000 verkauften Exemplaren pro Auflage. Sie erscheint zwar nur zweimal im Monat, zählt aber statistisch zu den Wochenzeitungen und konnte ihre Auflage sogar steigern. Alleine der Einzelverkauf legte um 21 Prozent zu, nämlich von 14 auf 17 Exemplare. Die Mehrheit der Exemplare, genauer gesagt rund 477.000, geht nämlich an Mitglieder. Der Rest fällt überwiegend in die Kategorie sonstiger Verkauf. Insgesamt bliebt die Zahl der verkauften Exemplare zum Vorjahr stabil – mit leichtem Plus.

Viele Vereine geben Wochenzeitungen heraus

Auch weitere Schwergewichte sind Vereins- und Verbandszeitungen, beispielsweise die VDI Nachrichten. Vereinszeitungen gelten nicht als Kundenzeitschriften und auch nicht als Fachzeitungen. Zumal viele auch politische Themen aufgreifen.

Das erklärt zum Teil auch, warum die Wochenzeitungen so vergleichsweise stabil blieben. Ihre verkaufte Auflage sank seit 2010 um 13,3 Prozent, deutlich weniger als die anderen Titel. Seit 2010 sieht die Entwicklung sogar noch besser aus, der Rückgang beträgt nur 2,5 Prozent. Aber das liegt eben oft an den Vereinszeitungen, deren Mitglieder die Publikation automatisch abonnieren.

Allerdings konnte auch die ZEIT ihre verkaufte Auflage einigermaßen stabil halten. Sie sank im Vergleich zum Vorjahr nur um 1,26 Prozent. Schuld an dem Rückgang sind vor allem die Bordexemplare, denn Fluggesellschaften kauften rund 6.000 Exemplare weniger. Der sonstige Verkauf ging ebenfalls um fast 2.000 zurück, während die Zahl der verkauften Abos leicht anstieg und der Einzelverkauf konstant blieb. Gerettet hat die ZEIT dabei das Geschäft mit E-Papern, sie verkaufte fast 9.000 Abos mehr.

Dagegen verlieren die konfessionellen Zeitungen weiter, die Katholische Sonntagszeitung für Deutschland beispielsweise fast 7,2 Prozent innerhalb eines Jahres, die Evangelische Sonntagszeitung für Hessen rund 3,9 Prozent. Es gibt noch unzählige regionale Titel denen es meist nicht besser ergeht, lediglich die Jüdische Allgemeine konnte zulegen. Sie verkaufte innerhalb eines Jahres 2,8 Prozent mehr Zeitungen, liegt damit aber immer noch bei nur 6.600 Zeitungen.

Mit E-Paper im Plus

Nun werden Zeitungen aber nicht mehr nur gedruckt, die E-Paper gehören mit ins Bild. Bei den einzelnen Titeln sind sie, wie erwähnt, bereits immer enthalten. Bei der Gesamtzahl aller Wochenzeitungen werden Print-Exemplare und E-Paper dagegen getrennt ausgewiesen. Zählt man beide zusammen, erhält man sogar ein leichtes Plus im Vergleich zu 2012, dem ersten Jahr für das Daten zu E-Papern vorliegen. Dem Minus von43.500 Printexemplaren steht ein Plus von rund 90.500 bei den E-Papern gegenüber.

Besonders stark zugenommen haben die sonstigen Verkäufe. Darunter fallen auch Kombiabos. Wer ein Printabo besitzt und die Möglichkeit nutzt, gegen einen kleinen Aufpreis die gleiche Zeitung auch digital zu bekommen, wird doppelt als Abonnent gezählt, wenn der Zusatzpreis für das E-Paper mindestens 1o,o Prozent des regulären Abopreises beträgt. So gesehen sind die sonstigen Verkäufe also minderwertig, denn sie bringen dem Verlag weniger Geld und sind vermutlich auch für die Werbeindustrie weniger interessant. Viele Digitalleser nutzen dann die Printausgabe weniger. Auch wenn vermutlich viele Digitalabos möglicherweise  nicht von den eigentlichen Abonnenten genutzt werden, sondern beispielsweise der Vater die Printausgabe abonniert hat und der in einem eigenen Haushalt lebende Sohn die Digitalausgabe.

Allerdings erklären die sonstigen Verkäufe nur 30.700 Exemplare Plus. Trotzdem muss man zunächst vorsichtig sein. Beispielsweise werden erst seit 2016 Einzelverkäufe ausgewiesen. Gab es vorher keine? Vermutlich schon, aber sie wurden offenbar nicht erfasst. Mag sein, dass das kleine Plus in Wahrheit doch ein kleines Minus ist. Ein Erfolg ist aber auch eine stabile Auflage.

Publikumszeitschriften verlieren ebenfalls

All diese Titel fallen unter den Oberbegriff Publikumszeitschriften. Auch Titel wie Chip sprechen nämlich nicht nur Fachleute an, sondern auch den normalen Computernutzer.

Fast ein Fünftel Zeitschriften haben Publikumszeitschriften seit 2010 weniger verkauft, nämlich 19,3 Prozent. Das ist zwar deutlich weniger als die 27,3 Prozent der Tageszeitungen, aber immer noch deutlich.

Zu den Publikumszeitschriften zählen alle Zeitschriften, die keine Fachzeitschriften im engeren Sinn sind. Das Spektrum reicht also von SPIEGEL und FOCUS über P.M. Magazin bis hin zu Die Aktuelle. Auch Themenzeitschriften, die sich an den „interessierten Laien“ richten, sind Publikumszeitschriften, beispielsweise Computerbild oder Börse Online. Denglisch werden sie teilweise auch als Special Interest Zeitschriften bezeichnet.

Fachzeitschriften sprechen dagegen Fachleute an, beispielsweise die Zeitschriften FLEISCHWIRTSCHAFT oder die ALLGEMEINE BÄCKERZEITUNG. Viele Beiträge stammen auch gar nicht aus der Feder von Journalisten, sondern von Fachleuten der jeweiligen Richtung. In Medizinzeitschriften veröffentlichen beispielsweise oft Ärzte oder Forscher Beiträge. Aber zu den Fachzeitschriften kommen wir noch.

Die Auflage der Publikumszeitschriften sank seit 2010 um 21,8 Prozent. Damit gehören sie nach den Tageszeitungen zu den größten Verlieren. Allerdings sind in diesen Zahlen die E-Paper noch nicht enthalten. Hier konnten die Verlage die Zahl der verkauften Exemplare seit 2012 mehr als verdoppeln, auf mittlerweile fast eine Million. Wenig im Vergleich zu den fast 100 Millionen Printexemplaren. Aber immerhin ein Hoffnungsschimmer.

Weiter als bis 2012 reichen die Daten für E-Paper nicht zurück. Die Zahl der verkaufen Printexemplare sank in diesem Zeitraum um 16,9 Prozent oder 18,5 Millionen Exemplare. Wenig im Vergleich zu dem Plus von rund einer halben Million E-Paper.

Zumal die Zahl der verkaufen E-Paper Abos seit 2012 „nur“ um 35,1 Prozent zulegte. Vor allem die sonstigen Verkäufe nahmen zu. Das hat teilweise auch statistische Effekte, denn seit 2017 zählen Downloads über Lese-Flatrates wie Readly zur sonstigen Auflage. Allerdings gibt es diese Angebote noch gar nicht so lange, tatsächlich dürfte es 2012 auch noch wenige Flaterate-Kunden gegeben haben. Zu dieser neuen Form von Abos kommen wir noch.

Fachzeitschriften

Fachzeitschriften wenden sich oft, aber nicht ausschließlich an Menschen, die sich beruflich mit einer Thematik beschäftigen. Allerdings zählen bei der ivw auch der Eisenbahn Landwirt, Die Brieftaube und Handballtraining zu den Fachzeitschriften. Alle drei wenden sich vor allem an Menschen, die sich mit dem Fachgebiet in ihrer Freizeit beschäftigen, beispielsweise als Pächter eines Schrebergartens auf einem Gelände der Bahn, als Brieftaubenzüchter oder als Handballtrainer. Dagegen dürften Zeitschriften wie Der Gefahrgutbeauftrage oder das VersicherungsJournal vor allem dienstlich gelesen werden.

Fachzeitschriften Auflagenentwicklung

Der Deutsche Fachverlag in Frankfurt hat sich ganz auf Fachzeitschriften spezialisiert.

Auch die wissenschaftlichen Zeitschriften fallen in die Rubrik der Fachzeitschriften. Allerdings sind die meisten Titel nicht durch die ivw erfasst, weil sie keine oder kaum Werbung enthalten. Der Übergang zu Special Interest Titeln ist bei den Fachzeitschriften natürlich fließend. Auch einige Wochenzeitungen  sind stark fachlich ausgerichtet.

Die Fachtitel haben sich im Vergleich zu 2009 mit einem Minus von 15,3 Prozent stabiler entwickelt als Publikumszeitschriften und Tageszeitungen. Nur die Wochenzeitungen verloren noch weniger Auflage.

Auch die Fachzeitschriften wurden digitaler, die E-Paper Auflage liegt mit rund 50.000 Exemplaren aber noch vergleichsweise niedrig, verglichen mit 19,7 Millionen Printexemplaren. Mit einem E-Paper-Anteil von 0,5 Prozent liegen die Fachzeitschriften deutlich hinter den Tageszeitungen (6,3 Prozent), Wochenzeitungen (5,1 Prozent) und Publikumszeitschriften (0,5 Prozent). Entsprechend sieht die Gesamtentwicklung auch nicht viel besser aus als die der Printauflage.

Fazit

Die Wochenzeitungen sind die Gewinner der letzten Jahre. Wenn man von Gewinnern sprechen kann. Sie konnten ihre Auflage einschließlich E-Paper vermutlich etwas steigern. Allerdings nah vor allem die Zahl der sonstigen Verkäufe zu, die weniger lukrativ sind. Feststellen muss man aber auch, dass E-Paper mit weniger Kosten verbunden sind. Auch wenn Firmen wie Google ihr Quasi-Monopol schamlos missbrauchen um bei jedem Verkauf über Google Pay abzukassieren, so liegen die Kosten weit niedriger als bei Printexemplaren.

Die reinen Verkaufszahlen sind deshalb nur eingeschränkt eine Indikator für die wirtschaftliche Lage der Zeitungen. Nicht jeder Verkauf bringt gleich viel Geld und dann sind da noch die Auflagenkunden. Allerdings sind bei E-Papern auch die Kosten deutlich niedriger als beim Printexpemplar.

In der nächsten Woche werden wir noch einen Blick auf Paid Content werfen und uns dann einem für den Blog ungewöhnlichen Thema zuwenden, nämlich E-Paper-Kiosken.

Anzumerken ist, dass die Daten der ivw natürlich mit Vorsicht zu genießen sind, da es ständig Zeitreihenbrüche gibt. Nicht nur durch Erfassungsänderungen, sondern auch die das Abmelden und Aufnehmen neuer Zeitschriften. Wenn ein Titel neu gegründet wurde oder vom Markt verschwand, dann spiegelt ein Zuwachs durch eine Anmeldung natürlich eine echte Veränderung am Zeitschriften- oder Zeitungsmarkt wider. Wenn er aber nur aus Kostengründen auf eine Erfassung verzichtet oder wegen gestiegener Auflage die offizielle Registrierung sucht, dann sieht die Sache anders aus.

Hier ist die Statistik des ivw zu kritisieren. Die Daten könnten besser aufbereitet sein. Beispielsweise stelle ich mir einen Index vor, der die Entwicklung um Zeitreihenbrüche bereinigt widergibt.

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