Statistiker-Blog

GroKo – Das wird teuer. Oder?

CDU, CSU und SPD wollen koalieren und haben gleich eine ganze Reihe sehr teurer Projekte auf der Liste. Dass diese Koalition Finanzbedarf des Staates deutlich erhöhen würde, war klar. Schon melden sich einige Stimmen zu Wort die behaupten, dass Große Koalitionen in der Bundesrepublik Deutschland fast immer mit Steuererhöhungen einher gehen. Stimmt das?

Tatsächlich gibt es von der OECD eine bis 1965 zurück reichende Statistik über die Steuern und Abgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (Tax revenue). Und tatsächlich liegt die Steuerbelastung 2016 um 3,7 Prozentpunkte höher als zu Beginn der Amtszeit Merkels. Allerdings war daran auch die Schwarz-Gelbe Koalition beteiligt. Und überhaupt, kann man das so einfach überhaupt sagen?

Entwicklung der Steuerbelastung seit 1965

Bevor wir uns der Frage nach den verschiedenen Regierungen widmen, wollen wir erst einmal die Entwicklung ganz allgemein beschreiben. Einer in vielen Foren und sogar manchen journalistischen Publikationen anzutreffender Argumentation nach sind die Steuern durch den „Neoliberalismus“ seit Anfang der 1980er Jahre ohnehin stetig gesenkt worden.

Neoliberalismus Kritik

Vielleicht Deutschlands bekanntester Neoliberaler: Ludwig Erhard. Zumindest wenn man die klassische, wissenschaftliche Definition von Neoliberalismus verwendet, die sich von der heute vorherrschenden Verwendung als Kampfbegriff unterscheidet. Foto: Deutsche Post im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen (gemeinfrei)

Nun könnte ich mich am Begriff des „Neoliberalismus“ aufhängen. In Deutschland wurde der Begriff nämlich ursprünglich für eine neuen Liberalismus verwendet, der dem Staat eine stärkere Rolle gab als der alte Liberalismus. Beispielsweise der Ordoliberalismus, der zwar die staatliche Lenkung wie im Faschismus und Sozialismus ablehnte, aber vom Staat die Schaffung eines Ordnungsrahmens verlangte. Beispielsweise um das Entstehen von Monopolen zu verhindern. Aber ich spare mir die Mühe und verweise stattdessen auf Wikipedia. Obwohl der Begriff so umstritten ist, hat man es dort geschafft sich zu einigen und eine relativ gute Zusammenfassung zu schreiben (die gibt’s hier – allerdings habe ich nur die Zusammenfassung gelesen, wie gut der Rest des Beitrags ist kann ich nicht beurteilen).

Bleiben wir aber lieber bei der Statistik. Dann stellen wir fest, dass die Steuer- und Abgabenbelastung 2016 mit 37,6 Prozent genau 6,0 Prozentpunkt höher lag als zu Beginn der Aufzeichnungen 1967 und höher als in jedem anderen Jahr. Vor 1967 lagen sie tendenziell sogar noch niedriger, so dass der Wert Wohl auch einen Spitzenwert in der Geschichte der Bundesrepublik markiert.

Grob gesprochen kann man drei Phasen unterteilen.

1. Phase – Steuererhöhungen bis 1978: Die Relation von Steuern und Abgeben zum Bruttoinlandsprodukt steigt von 31,6 auf 36,7 Prozent. Meist geht es in dieser Zeit bergauf. Eine Ausnahme ist das Jahr 1970. Um gleich 2,4 Prozentpunkte sinkt die Steuer- und Abgabenrelation. Das ist der stärkste Rückgang der Zeitreihe. Obwohl es zuvor vor allem nach oben ging, erreicht die Relation 1970 mit 31,5 Prozent einen Tiefpunkt. Der langfristige Trend aber geht nach oben.

2. Phase – leichte Steuersenkung bis 2005: In dieser Zeit geht es im einen Jahr hoch, im anderen runter. Insgesamt sinkt die Steuerbelastung aber. Schon unter Schmidt geht sie bis 1982 auf 35,5 Prozent zurück, genauso hoch liegt sie auch im Jahr 1998, als Kohl wieder abtritt. Dann aber kommt Schröder. Die Relation steigt zunächst bis zum Jahr 2000 und sinkt dann wieder. 2004 und 2005 liegt sie mit 33,9 Prozent so niedrig wie seit 1974 nicht mehr.

3. Phase – Steuererhöhung seit 2005: Seit 2005 steigt die Relation von Steuern und Abgaben zum Bruttoinlandsprodukt fast jährlich. Einzige Ausnahme ist das Jahr 2010, also sie um 1,1 Prozentpunkte niedriger lag als im Vorjahr.

Die neuesten Daten stammen aus dem Jahr 2016 und sind bisher nur vorläufig. Demnach beträgt das Verhältnis von Steuern und Abgaben zum Bruttoinlandsprodukt 37,6 Prozent, also 3,7 Prozentpunkte mehr als 2005.

Wer ist schuld?

Aber kommen wir nun zur spannenden Frage, ist eine Große Koalition wirklich besonders teuer? Und ist Merkel wirklich die Steuererhöhungs-Kanzlerin? Dafür spricht einiges, aber es gibt auch gute Einwände.

Einwand 1: Steuern sind nichts schlechtes

Zunächst einmal sind Steuern nicht generell schlecht. Die Frage, wie hoch die Steuern idealerweise sein sollten, ist keine statistische, sondern eine politische. Treue Leser wissen, dass ich immer wieder vor der Überforderung der Statistik, ja der Wissenschaften im Allgemeinen warne. Viele Fragen lassen sich leider nicht objektiv beantworten, hier müssen die Bürger entscheiden, was ihnen wichtig ist.

Allerdings kann die Statistik sagen, dass mehr Steuern nicht automatisch weniger Ungleichheit bedeutet. Ein Großteil des Sozialhaushaltes fließt in die Alterssicherung. Alte sind aber aktuell unterdurchschnittlich oft arm. Höhere Steuern für Arbeitnehmer und höhere Renten können daher die Armut erhöhen statt senken.

Statistik Altersarmut und Kinderarmut

Armutsquoten nach Alter. Quelle: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) der Statistischen Ämter

Die Umverteilungswirkung der gesetzlichen Rente ist ohnehin gering. Wer gut verdient hat, der hat auch viel eingezahlt und kommt viel raus. Betrachtet man Lebenseinkommen, sieht es noch schlechter aus. Wer gesund ist und lange lebt, der bekommt viel Geld aus Renten-, Pflege- und Krankenversicherung. Betrachtet man Lebenseinkommen erhöhen die Rentengeschenke die Ungleichheit also deutlich. Ich möchte aber nicht schon wieder das Rententhema beginnen, bekanntlich bin ich aus dem gerade beschrieben Grund Anhänger einer Grundrente, die nur eine Basisabsicherung bietet.

Festzuhalten bleibt aber, dass die Frage nach der richtigen Steuerhöhe eine subjektive ist. Das heißt jedoch nicht, dass man nicht trotzdem die Entwicklung der Steuern statistische erfassen sollte.

Einwand 2: Die Regierung hat nicht alles in der Hand

Das stimmt zweifelsohne. Regierungen haben viele Entwicklungen nicht in der Hand. Wenn der technologische Fortschritt beispielsweise die Armut (und damit auch deren Kosten) erhöht oder ein Krieg im Nahen Osten Flüchtlinge ins Land bringt, ist das nicht auf eine Entscheidung der Regierung zurückzuführen.

Regierungen können solche Prozesse natürlich gestalten, aber sie haben unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen. Die eine muss sich anstrengen, der anderen fällt fast alles in den Schoß.

Einwand 3: Viele Entscheidungen wirken zeitverzögert

Entscheidungen wie die Erhöhung der Mütterrente werden die Steuerzahler noch viele Jahre viel Geld kosten. Kommende Regierungen werden dafür vermutlich die Steuern erhöhen müssen, ohne die Entscheidung selbst getroffen zu haben. Vielleicht müssen sie sich dann diese Steuererhöhung von SPD und Union vorwerfen lassen, die die Ausgaben doch selbst beschlossen haben.

EZB Politik Auswirkung auf Ungleichheit Foto

Gerade Reformen am Arbeitsmarkt wirken oft erst sehr zeitverzögert. Bild: Bundesagentur für Arbeit

Oder denken wir an die Agenda 2010. Was häufig vergessen wird ist, dass sie zunächst die Kosten erhöhte. Beispielsweise Selbständige diese Leistungen beantragen konnten, weil von Einkommen großzügigere Freibeträge blieben, Leistungsempfänger auch ein Auto besitzen durften (anders als in der alten Sozialhilfe) und generell statt einzelner Leistungen eher Pauschalen erhielten. Dadurch beantragten zahlreiche Menschen „Hartz IV“, die vorher weder Arbeitslosen- noch Sozialhilfe beantragt hatte, nach den neuen Regelungen aber „Alg 2“ bekommen konnten.

Später sank die Arbeitslosigkeit deutlich, nach Meinung vieler Fachleute auch wegen Schröders Reformen. Von beidem war Angela Merkel betroffen, ohne die Entscheidungen selbst verantwortet zu haben.

Einwand 4: Schulden müssen auch berücksichtigt werden

Immerhin regiert Merkel jetzt seit 13 Jahren. Ihre Bilanz lässt sich also nicht nur auf Gerhard Schröder schieben. Zumal dessen Reformen ja, wenn man den Fachleuten glauben darf, auf mittlere Sicht Geld eingespart haben.  Trotzdem ist unter ihrer Amtszeit die Steuerbelastung deutlich gestiegen. Kein Kanzler kommt auf einen höheren Zuwachs als Angela Merkel.

Zuwachs der Schulden gegenüber dem Zeitpunkt zehn Jahre zuvor in Prozent des durchschnittlichen BIP. Quelle: Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt

Allerdings haben andere dafür viele Kredite aufgenommen. Statt über Steuern finanzierte man die Ausgaben über Schulden. Auch dieser Einwand ist richtig, Schulden müsste man streng genommen auch berücksichtigen.

Einwand 5: Die Zuordnung ist unklar

Als wären das nicht schon genug Probleme, ist selbst die Berechnung nicht so einfach. Was ist mit dem Jahr 1969, also die erste Große Koalition abtrat und FDP und SPD erstmals eine Regierung bildeten? In diesem Jahr lagen die Steuern bei 33,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 1,7 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Schlägt man es der Großen oder der Sozialliberalen Koalition zu?

Die Frage ist nicht trivial, wenn wird das Anfangsjahr einer Koalition dieser bereits zugerechnet, stieg die Steuerrelation in der Amtszeit einer FDP-SPD-Koalition um 3,7 Prozent. Die Großen Koalitionen kommen dann nur auf 3,3 Prozent.

Alternativ könnte man die Jahre aber auch noch der alten Koalition zuordnen. Bedenkt man, dass viele Entscheidungen ohnehin zeitverzögert wirken, ist das auch sinnvoller. Dann wären Große Koalitionen tatsächlich besonders teuer, in ihrer Regierungszeit stiegt das Verhältnis von Steuern und Abgaben zu BIP dann um 4,7 Prozentpunkte, verglichen mit 1,7 Prozentpunkten bei FDP-SPD.

Auch wenn ich diesen Ansatz für besser erachte, eindeutig ist die Sache nicht. Zumal man die „Wechseljahre“ auch je zur Hälfte beiden Koalitionen zuschreiben könnte. Denn steht die GroKo mit 4,0 Prozent aber immer noch vor Sozialliberal mit 2,7 Prozent.

Ein kurzer Überblick

In der Tabelle habe ich mal für alle drei Rechenarten, für alle Parteien und für alle Koalitionen die Entwicklung der Steuern dargestellt. Die oben formulierten Einwände sollten aber nicht übersehen werden.

Steuern

Steuern und Abgaben in Relation zum BIP: Veränderung in Prozentpunkten. Variante 1: Jahr der Machtübernahme wird noch der alten Regierung zugeordnet. Variante 2: Jahr der Machtübernahme wird schon der neuen Regierung zugeordnet. Variante 3: Jahr der Machtübernahme wird zur Hälfte der neuen und zur Hälfte der alten Regierung zugeordnet. Quelle: OECD

Die Grünen sind die einzige „Steuersenkungspartei“. Allerdings regierten sie nur sieben Jahre und Deutschland galt als nicht konkurrenzfähig. Denkbar, dass sie heute anders entscheiden würden. Die große Koalition gehört aber generell zu den teuersten. Nur in der Variante 2 stieg in der Amtszeit von SPD und FDP die Steuerbelastung noch stärker. Weil es in so vielen Jahren eine Große Koalition gab, ist das Ergebnis auch einigermaßen aussagekräftig, trotz der Einwände.

Die sozialliberale Koalition war die teuerste, wenn man das Jahr 1969 (+1,7 Prozentpunkte) bereits ihr zuschlägt, das Jahr 1982 (-0,3 Prozentpunkte) dagegen Union und FDP.

Fazit

Auch wenn man manche Beiträge etwas anders behaupten, so einfach kann man die Verantwortung der einzelnen Regierungen für die Höhe der Steuern nicht bestimmen. Immerhin wissen wir aber, dass die Steuern heute höher und nicht niedriger liegen als zuvor, wenn man die Höhe an Relation von Steuern und Abgaben zu BIP festmacht. Wir können auch sagen, dass FDP und Union nicht generell sparsamer sind als die SPD. Die einzige Koalition, die die Steuern senkte, war Rot-Grün. Allerdings regierte die nur rund sieben Jahre. Und natürlich ist unklar, ob eine neue Verbindung der beiden Parteien wieder genauso handeln würde. Für eine Wahlentscheidung sind die Daten daher nur sehr eingeschränkt hilfreich. Und ob man sich viel oder wenig Umverteilung über Steuern wünscht, ist ohnehin eine Frage, die die Statistik nicht beantworten kann.

 

Tagged with:

Alternative Fakten als Unwort des Jahres

Der Begriff „Alternative Fakten“ ist das Unwort des Jahres. So etwas freut den Statistiker-Blog natürlich. Schließlich ist es unser Anspruch, möglichst vorurteilsfrei auf die Daten zu blicken. Dabei halten wir es mit Karl Popper der sagte, Objektivität sei zwar nicht möglich, aber sollte ein Ziel sein.

Allerdings ist die Sache nicht ganz so einfach, wie sie in vielen Zeitungen dargestellt wurde. Klar ist die Sache, wenn „Fakten“ einfach erfunden werden. Wenn beispielsweise eine rechte Website eine Statistik über Ausländerkriminalität veröffentlicht, deren Daten am Computer vom Autor selbst zusammengebastelt wurden. Schwieriger ist es, wenn auf solchen Seiten die offiziellen Daten als zu niedrig in Zweifel gezogen werden. Sind das schon alternative Fakten? Und wenn ja, gilt das auch wenn umgekehrt Linke die offiziellen Daten als zu hoch bezeichnen?

Tabakpflanzen in Schwabach

Das Tabakrauchen gefährlich ist wurde lange in Zweifel gezogen. Hier ist es der Wissenschaft aber gelungen, weitgehend zu einem Konsens zu kommen.

Natürlich muss man Daten kritisch hinterfragen. Tatsächlich wurde im englischen Rotherham ein Missbrauchsskandal jahrelang vertuscht, weil die Täter überwiegend pakistanischstämmig waren. Umgekehrt stimmt es auch, dass Ausländer alleine deshalb öfter in der Kriminalitätsstatistik auftauchen, weil bestimmte Delikte gar nicht von Inländern begangen werden können. Beispielsweise Verstöße gegen das Ausländerrecht.

Man darf also Daten auch nicht unreflektiert hinnehmen. Was ist aber der richtige Umgang mit Fakten? Zunächst einmal sollte man immer hinterfragen, welche Erklärungen es für einen beobachteten Sachverhalt noch geben könnte außer die beschriebene. Idealerweise tut man das auch, wenn die Studie die eigene Meinung bestätigt.

Aber natürlich kann man immer ein Haar in der Suppe finden. Deshalb sollte man zweitens seine Meinung zwar nicht alleine deshalb ändern, weil eine Studie etwas anderes behauptet. Wenn aber eine Erhebung nach deren anderen der eigenen Gewissheit widerspricht ist es an der Zeit, auch mal in Betracht zu ziehen, dass die eigene Meinung falsch sein könnte.

Das gilt für alle politischen Strömungen. In den Zeitungsbeiträgen verwiesen Journalisten gerne auf Trump, Neonazis und Islamisten. Das stimmt, alle drei sind nicht für ihre Wahrheitsliebe bekannt. Aber auch die Linke, gerade die radikale Linke, hat ein gespaltenes Verhältnis zur Statistik. Und wenn wir von Fakten reden, dann landen wir oft auch bei der Statistik. Ob die Gewalt wirklich stetig steigt, Ältere häufiger arm sind als Kinder und Deutschland trotz aller Sparbemühungen besonders viel CO2 produziert lässt sich nur mit Hilfe von Statistik herausfinden (nein, nein und ja lauten die Antworten).

Readly Test

Kann man ihnen trauen? Zeitschriftentitel bei der Lese-Flatrate readly. Bild: Pressefoto readly

Neonazis, Islamisten und Donald Trump haben es wie gesagt nicht so mit der Faktenfundierung ihrer Aussagen. Aber auch die radikale Linke tut sich mit der Akzeptanz wissenschaftlicher Ergebnisse schwer, wen sie den eigenen Ansichten widersprechen. Das habe ich nicht nur in meiner Zeit als Arbeitsmarktstatistiker bei der Bundesagentur für Arbeit erlebt. Karl Popper wurden von Seiten der (linken) Frankfurter Schule Positivismus vorgeworfen, als er die Überprüfung von Theorien durch empirische Untersuchungen forderte. Bis heute hat sich die Bezeichnung Positivismusstreit für die Auseinandersetzung gehalten, dabei lehnte Popper den Positivismus ab.

Nun will ich Adorno oder Habermas nicht mit Donald Trump vergleichen. Trotzdem bleibt festzustellen, dass nicht alleine die Rechten ein Problem mit ihren Ansichten widersprechenden Fakten haben (zu den Rechten zähle ich auch die Islamisten). Radikale Konstruktivisten gehen so weit, dass ihrer Meinung nach alle wissenschaftlichen Ergebnisse (außer den eigenen) nur der Spiegel von Machtverhältnissen sind. Nicht nur sozialwissenschaftliche, sondern auch naturwissenschaftliche Ergebnisse. Die finden sich nicht nur, aber oft in der politischen Linken. Einige halten dort den Rückgang der Arbeitslosenzahlen seit 2006 immer noch für eine Lüge der Statistiker.

Um zum Schluss zu kommen. Wer sich über alternative Fakten ärgert, der kommt an der Empirie und der Statistik nicht vorbei. Das bedeutet nicht auf eine kritische Prüfung der Daten zu verzichten, im Gegenteil. Wohl aber den Daten eine Chance zu geben. Und auch seine Meinung in Frage zu stellen, wenn die Daten ständig gegen sie sprechen. Das gilt nicht nur für die politische Rechte, sondern auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Klar muss auch sein: Objektiv ist niemand. Nicht einmal der Statistiker-Blog.

Tagged with:

Tote durch Hungersnöte

Wer in Deutschland in den 1980er Jahren aufwuchs, der hörte oft den Spruch „Iss deinen Teller leer, in Afrika hungern die Menschen“. Tatsächlich gab es damals in Äthiopien eine große Hungerkatastrophe, wenngleich in den 1980er Jahre im Rückblick vergleichsweise wenig Menschen verhungerten. In diesem Beitrag soll es deshalb um das Thema Huntertote gehen. Das Thema Hunger habe ich vor 1 1/2 Jahren schon mal behandelt, damals lag der Fokus aber allgemein auf Hunger und Mangelernährung. Dieses Mal geht es um die Leute, die tatsächlich am Hunger gestorben sind.

Vergessener Fortschritt

Da es sich beim Thema Hunger um ein ziemlich wichtiges handelt, möchte ich es jetzt erneut aufgreifen. In Deutschland wird ja eher über Übergewicht diskutiert. Nicht ganz zu unrecht, allerdings geschieht das oft in einer so hysterischen Form, dass gerne vergessen wird, welcher Fortschritt sich dahinter verbirgt. Denn zweifellos ist Hunger die größere Bedrohung als Übergewicht. Und der war bis vor gar nicht allzu langer Zeit in Deutschland durchaus regelmäßig zuhause – und ist es in einigen Ländern der Welt immer noch.

Bier

In Deutschland nehmen viele Menschen eher zu viel Kalorien zu sich, sei es in fester oder in flüssiger Form.

Laut den Daten der Welternährungsorganisation sind rund 800 Millionen Menschen mangelernährt, sie nehmen also zu wenig Kalorien zu sich oder ernähren sich einseitig. Erfreulicherweise geht die Zahl der Hungernden trotz steigender Weltbevölkerung zurück, am Anfang der 1990er Jahre war noch rund eine Milliarde Menschen betroffen. Angesichts einer Weltbevölkerung von rund 5,5 Milliarden Menschen damals hungerte also fast jeder fünfte, bei aktuell rund 7,3 Milliarden Menschen ist es noch etwa jeder neunte.

Hunger geht zurück

Besonders hoch ist der Anteil der Hungernden im subsaharischen Afrika. 18,6 Prozent der Bevölkerung war im Jahr 2015 dort unterernährt. 1991 waren es aber noch 33,37 Prozent gewesen, gerade in Afrika konnten also besonders große Fortschritte erzielt werden. Insgesamt sank der Anteil der Unterernährten weltweit deutlich- und in fast allen Weltregionen. Einzige Ausnahme ist die Region Middle East & North Africa, also Mittlerer Osten und Nordafrika, wobei in der englischsprachigen Welt der Nahe Osten ebenfalls als Middle East bezeichnet wird.

Mangelernährung

Mangelernährte in Prozent der Bevölkerung nach Weltregionen.

Damit liegt der Anteil der Unterernährten dort jetzt höher als in Lateinamerika und der Karibik, nicht zuletzt weil es in diesen Ländern große Fortschritte gegeben hatte. Auch Asien hat sich gut entwickelt, wenngleich Südasien (das ist vor allem der indische Subkontinent) nicht ganz so erfolgreich war wie Ostasien.

Wie viele Menschen sterben in Hungersnöten?

Joe Hassel und Max Roser haben in ihrem Beitrag „Famines“ dagegen die große Hungerkatastrophen und die durch Hunger verursachten Todesfälle untersucht. Weniger Hungernde heißt nicht automatisch weniger Hungertote, denkbare wäre es ja, dass weniger Menschen mangelernährt sind, diese dafür aber umso stärker betroffen sind.

Hunger in Deutschland

Auch in Deutschland war Hunger früher normal. Die Geschichte von den Kindern, die in den Wald geführt wurden, weil es nicht genug zu essen gab, kommt nicht von ungefähr. Und nicht immer haben die Kinder im Wald ein Lebkuchenhaus gefunden.

Erfasst werden dabei vor allem großflächige Hungerkatastrophen. Das Model, das sich schlank hungert, ist damit natürlich nicht gemeint. Auch in reichen Ländern kann es Arme geben die hungern, auch wenn die meisten Länder eine Mindestabsicherung kennen, die das eigentlich verhindern soll. Allerdings werden deren Leistungen aber entweder nicht in Anspruch genommen oder, wenn sie in Form von Geld gezahlt werden wie bei der deutschen Sozialhilfe, für andere Dinge verwendet. Dass jemand dadurch wirklich verhungert ist allerdings sehr selten und wird daher ebenfalls nicht erfasst.

Wie werden die Toten in Hungersnöten erfasst?

Die Forscher folgen bei der Berechnung dem Konzept der „Übersterblichkeit“. Es geht also um die Frage, wie viel mehr Menschen in einem Zeitraum gestorben sind, als man ohne Hunger erwarten dürfte. Sterben üblicherweise 50.000 Menschen pro Jahr und in einem Hungerjahr plötzlich 100.000, dann werden 50.000 Hungertote erfasst. Damit werden auch jene berücksichtigt, die beispielsweise indirekt am Hunger gestorben sind. Beispielsweise gehen mit Hungersnöten oft Seuchen einher, weil die Menschen geschwächt sind und Lebensmittel essen, die sie sonst nicht verzehren würden. Diese sind in den Daten also auch berücksichtig.

Hungersnöte seit 1860

Die größte dokumentierte Hungerkatastrophe war der Tod von geschätzt 24 Millionen Menschen in Maos China in den 1960er Jahren. Stalins Politik in der UdSSR lies in den 1930 Jahren dagegen „nur“ rund 5,7 Millionen Menschen verhungern, weniger als in China (elf Millionen) und Indien (7,2 Millionen) in den 1870er Jahren.

Erstaunlicherweise waren die 1980er Jahre, trotzt Äthiopien, eine Zeit mit vergleichsweise wenig Hungertoten. Die Datenexperten rund um Max Roser kommen auf rund 1,35 Millionen Todesopfer. Das sind nicht nur weniger als in den von vielen kleinen Hungerkatastrophen geprägten 1970er Jahren (die größten in Bangladesch und Kambodia), sondern auch deutlich weniger als in den 1990er und den Nuller-Jahren.

Die kaum bekannte Hungerkatastrophe von Nordkorea

In den 1990er Jahren starben 2,9 Millionen Menschen an Unterernährung, also mehr als doppelt so viele wie im Jahrzehnt davor. Rund zwei Drittel davon gehen allerdings auf das Konto einer Hungerkatastrophe in Nordkorea. Beim Lesen der Daten erinnerte ich mich auch wieder an die Nachrichten darüber, allerdings war das Thema weit weniger präsent als Äthiopien weniger Jahre zuvor. Denn Bilder waren wegen der Isolation des Landes kaum zu bekommen und Spenden konnte man auch keine sammeln. Daneben waren vor allem Somalia und der Sudan betroffen.

Erstaunlicher ist, dass über die zahlreichen Hungertoten in der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire) so wenig bekannt wurde.

Es könnte ein gutes Jahrzehnt werden

Im aktuellen Jahrzehnt starben bisher vergleichsweise wenig Menschen an Hunger, nämlich 164.000. Nun ist das Jahrzehnt noch nicht vorbei, allerdings liegt die Zahl auch dann noch niedrig, wenn man die Zahl der Opfer pro Jahr ausrechnet. Allerdings gibt es aktuell vor allem im Südsudan, aber auch in Somalia, Nigeria und teilweise auch Äthiopien wieder Hungerkatastrophen, die die Zahlen deutlich nach oben treiben könnten. Vor allem weil die Bürgerkriege in Somalia und dem Südsudan die Hilfe erschweren.

Insgesamt ist die Zahl der Hungertoten zuletzt  tendenziell zurück gegangen. Die höchsten Opferzahlen seit Beginn der Aufzeichnungen 1860 gab es in den 1870er Jahren, gefolgt von den 1940er, 1960er und 1920er Jahren.

Opfer von Hunger weltweit Statistik

Auffällig ist, dass in den 1920er bis 1960er Jahren vergleichsweise mehr Menschen verhungerten als zuvor. Die Entwicklung ist nicht mehr ganz so extrem, wenn man die Zahl der Todesopfer pro 100.000 betrachtet. Die 1930 und 1950er Jahre fallen dann zwar etwas zurück, die höchsten Opferzahlen gibt es aber weiterhin – abgesehen von den 1870er Jahren mit den großen Hungerkatastrophen in Indien und China – in den 1920er, 1940er und 1960er Jahren.

Todesfällte durch Hunger Statistik

Wir können also festhalten, die Zahl der Opfer durch Hungersnöte ist zuletzt gesunken, es gibt aber keinen konstanten Trend nach unten seit Beginn der Aufzeichnung 1860. Vielmehr folgt auf eine Phase mit starken Schwankungen ab 1920 eine mit deutlich mehr Hungertoten als zuvor. Seit den 1970er Jahren ist die Zahl der Opfer je 100.000 Menschen durchgehen niedriger als in den 1910er Jahren, zuvor dem Jahrzehnt mit den wenigsten Toten.

Berücksichtigen muss man dabei natürlich, dass alle Zahlen auf Schätzungen beruhen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die meisten Katastrophen in Regionen passieren, wo die Opferzahlen entweder nicht erfasst werden können oder aber eine Erfassung nicht erwünscht ist. Am Trend dürfte das aber wenig ändern.

Im nächsten Beitrag wollen wir nach Gründen für den Hunger fragen und auch ergründen, warum die Zahl der Opfer zwischen 1920 und 1969 trotz technischen Fortschritts durchgehend höher lag als beispielsweise in den 1910er oder 1880er Jahren.

Tagged with: , , , , ,
Top