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17Sep/140

Ist das Auto out?

Zugegeben, die These das Auto seit out habe ich vor allem wegen des Wortspiels gewählt. Wer den Hype um das Kfz beobachtet, kann nicht ernsthaft der Meinung sein, dass Automobil sei nicht mehr gefragt. Allerdings deuten einige Daten darauf hin, dass für die jüngeren Generationen die Bedeutung sowohl als Statussymbol als auch als Fortbewegungsmittel abgenommen hat.

Da ist zunächst die gefühlte Evidenz, dass es mittlerweile eine Reihe von jungen Paaren und sogar Familien gibt, die "nur" noch ein Auto besitzen und nicht mehr zwei, wie es noch vor nicht allzu langer Zeit Standard war. Aber gefühlte Statistik ist eben keine richtige Statistik, deshalb lohnt sich ein Blick in die Daten.

Weniger Pkw-Verkehr in den USA

Aus Amerika gibt es eine Untersuchung der Federal Highway Administration, nach der die durchschnittliche Zahl der gefahrenen Meilen von 2001 bis 2009 von fast 14.000 auf rund 13.000 zurückgegangen ist. Doch damit nicht genug, das könnte schließlich auch ein statistischer Effekt sein. Schließlich gibt es immer mehr alte Menschen und die fahren weniger Auto, weil sie nicht mehr täglich zur Arbeit pendeln müssen. Am meisten nutzten das Auto 2001 wie auch 2009 die Altersgruppen zwischen 30 und 55, die oft beruflich viel unterwegs sind.

Doch daran scheint es nicht zu liegen, die Zahl der zurückgelegten Meilen sank nämlich in fast allen Altersgruppen - außer den über 65-Jährigen, die legten weitaus mehr Meilen zurück als acht Jahre vorher. Viel weniger reisten dagegen die Altersgruppen von 21 bis 35 mit dem PKW.

Eine andere Quelle nennt für 20- bis unter 30-Jährige Amerikaner einen Rückgang der täglich gefahrenen Kilometer (die andere Grafik war in Meilen) pro Person von 70 auf unter 60 im gleichen Zeitraum. In Deutschland sinkt die Zahl der Autokilometer pro Person in dieser Altersgruppe schon seit Mitte der 1990er Jahre, von damals rund 45 auf 2007 rund 38 Kilometer.

Niederlande: Junge fahren weniger Auto

Für die Niederlande kommt die OECD zu dem Ergebnis, dass die 20- bis 29-Jährigen von 1995 bis 2011 26,5 Prozent weniger Kilometer mit dem Auto zurück legten, während ihre Zahl nur um 12,1 Prozent sank. Anders als in den USA stieg aber die Verkehrsleistung im Nachbarland stärker als die Bevölkerung, weil nur noch die 30- bis 39-Jährigen das Auto weniger nutzten, die übrigen Altersgruppen dagegen häufiger. Die über 60-Jährigen legten sogar insgesamt 84,6 Prozent mehr Kilometer im Auto zurück, obwohl diese Altersgruppe "nur" um 36,4Prozent wuchs.

Vernunft oder Uni?

Virtuelles Auto

Reicht es nicht, ein virtuelles Auto zu besitzen? Bild: Marc Blieux (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/)

Nun gibt es natürlich verschiedene denkbare Gründe, warum vor allem die unter 30-Jährigen weniger Auto fahren. Im Internet ist auf einschlägigen Seiten von den "walking poor" die Rede, die jungen Menschen hätten schlicht kein Geld mehr für ein Auto. Diese These überzeugt allerdings nicht unbedingt, schon lange sind Autos kein Privileg der Reichen mehr.

Schon eher könnten längere Ausbildungszeiten eine Rolle spielen. Studenten können oft leichter auf das Auto verzichten als Arbeitnehmer. Auch die Urbanisierung könnte eine Rolle spielen, in Ballungsräumen ist der Pkw weniger wichtig als auf dem Land. Schließlich ist es aber auch denkbar, dass andere Statussymbole das Auto abgelöst haben, etwa ein teures Smartphone. Dann wäre der Rückgang bei den Autokilometern keine kurzzeitige Veränderung, die wieder verschwindet wenn die jungen Menschen die Uni verlassen oder aus der Stadt in den Vorort ziehen.

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9Sep/142

Ungleichheit in der Welt

Vor rund eineinhalb Monaten habe ich über eine Tabelle auf Wikipedia berichtet, die eine etwas veraltete Sicht auf das Thema Ungleichheit in der Welt bietet ("Wikipedia nicht ganz aktuell"). Japan erscheint dort besonders gleich, vor allem aber deshalb, weil die Daten für dieses Land noch aus den 1990er Jahren stammen. Nun wurde ich mehrfach gefragt, ob ich nicht eine aktuellere Liste beisteuern könnte. Das tue ich hiermit.

Ungleichheit laut CIA

Ungleichste Staaten, zusätzlich USA. Quelle: CIA World Fact Book

Ich habe dafür die Daten aus dem World Fact Book der CIA genommen. Auch dort gibt es natürlich Daten aus unterschiedlichen Jahren, sie sind aber relativ weit zusammen, so dass sie relativ gut vergleichbar sind.

Besonders hoch ist die Einkommens-Ungleichheit, gemessen mit dem Gini-Koeffizienten, demnach in afrikanischen Staaten. Darunter ist erstaunlicherweise auch das Musterland Botswana. Möglicherweise liegt das daran, dass erst ein bestimmtes Maß an Industrialisierung vorhanden sein muss, um Ungleichheit zu haben. Überwiegend kleinbäuerlich geprägte Länder sind zwar meist arm, aber nicht ungleich. Allerdings muss man dazu sagen, dass für einige Staaten wie Angola und Äquatorial-Guinea erst gar keine Daten vorliegen. Dort gibt es Öl, dessen Einnahmen aber überwiegend in der Hand sehr weniger Menschen landen, vermutlich dürfte hier die Ungleichheit ebenfalls hoch sein.

Neben afrikanischen Staaten finden sich auf der Liste die üblichen Verdächtigen aus Südamerika, Brasilien beispielsweise schaffte es zwar nicht unter die Top 10, landet aber auf Platz 16. Die USA sind mit einem Wert von 45,0 gegenüber den 51,9 in Brasilien und den 63,1 in Südafrika sogar besonders gleich. Zur Erinnerung: Eine völlig gleiche Gesellschaft hätte einen Wert von 0,0, ein Land, indem das gesamte Einkommen sich in der Hand einer Person befindet, hätte einen Wert von knapp unter 1,0 beziehungsweise von knapp unter 100,0, wenn die Werte wie hier in Prozent dargestellt werden.

Als noch ungleicher weißen einige Statistiken übrigens die Seychellen aus, die CIA führt aber für das Land keine Daten auf. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, denn bei gerade mal 90.000 Einwohnern kann schon ein Millionär alles durcheinander bringen. Ich habe in meiner Grafik generell nur Staaten ab einer Millionen Einwohner aufgeführt.

Gleichste Staaten der Welt

Die zehn gleichsten Staaten der Welt sowie Deutschland und die Schweiz. Quelle: CIA World Fact Book

Unter den gleichsten Staaten der Welt finden sich dagegen ausschließlich solche aus Europa, vor allem aus Skandinavien und Osteuropa. In Staaten wie Tschechien oder Slowenien haben sich oft noch keine so großen Vermögen gebildet wie in Ländern, die schon länger marktwirtschaftlich sind, entsprechend gibt es auch wenig Menschen mit hohen Kapitaleinkünften. Dass aber eine sozialistische Vergangenheit keine Garantie für Gleichheit ist zeigt das Beispiel Russland, dass mit einem Gini-Koeffizienten von 42,0 Prozent ähnlich ungleich ist wie die seit Jahrhunderten kapitalistischen USA. Auch die Volksrepublik China ist laut CIA mit einem Wert von 47,3 Prozent deutlich ungleicher als die seit langem marktwirtschaftliche Republik China (Taiwan) mit 34,2 Prozent. Die Sonderwirtschaftszone Hong Kong gehört sogar zu den ungleichsten Ländern der Welt, während die Sonderwirtschaftszone Macao mit einem Wert von 35,0 Prozent vergleichsweise gleich ist.

Deutschland verpasst den Sprung unter die zehn gleichsten Länder und landet auf Rang elf unter allen von der CIA aufgeführten Ländern mit mehr als einer Million Einwohnern. Damit ist Deutschland zwar ungleicher als Österreich oder Slowenien, erstaunlicherweise aber gleicher als beispielsweise die Niederlande. Platz eins aber halten die Schweden.


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28Aug/140

Halber Lohn für 3/4-Frauen

Gestern Abend sprang mir bei MSN die Schlagzeile "Halber Lohn für ganze Frauen" ins Auge. Frauen verdienen demnach angeblich nur halb so viel wie Männer. Bekanntlich gibt es Lohnunterschiede zwischen dem Durchschnittsmann und der Durchschnittsfrau - doch so hoch? Welcher Journalist hat da mal wieder schlampig recherchiert? Doch leider trägt die Schuld an der Schlagzeile nur bedingt ein Journalist, sondern vor allem ein Wissenschaftler.

Verdienst sie zu wenig? Foto: CDU/Laurence Chaperon

Verdienst sie zu wenig? Foto: CDU/Laurence Chaperon

Das DIW mal wieder

Die Überschrift stand nämlich so ähnlich auch im DIW Kurzbericht über einem Beitrag von Stefan Bach. Dort heißt es reißerisch: "Frauen erzielen im Durchschnitt nur halb so hohe Einkommen wie Männer". Das ist nicht ganz falsch allerdings wird nach einigem Lesen deutlich, dass sich die Rechnung keineswegs auf die Stundenlöhne bezieht, sondern auf das Jahreseinkommen. Eine nur Teilzeit arbeitende Frau wird dann beispielsweise mit einem Vollzeit arbeitenden Mann verglichen.

Problem Rentner

Aber nicht nur Haus- und Teilzeitfrauen bringen die Statistik durcheinander, sondern auch Rentnerinnen. Und das nicht nur, weil die monatliche Rente von Frauen tatsächlich unter der von Frauen liegt. Die durchschnittliche Rente liegt nämlich meist niedriger als das Erwerbseinkommen. Selbst Beamte, die vergleichsweise gut abgesichert sind, erhalten nämlich "nur" eine Absicherung in Höhe von maximal 71,75 Prozent des letzten Gehalts. Damit lebt es sich meist sogar besser als in jungen Jahren, weil keine Kinder mehr zu ernähren und kein Haus mehr abzubezahlen ist, doch weil die DIW-Statistik das nicht berücksichtigt, senkt ein hoher Anteil von Rentner das Durchschnittsgehalt (in der Armuts- und Einkommensstatistik wird zumindest die Haushaltsgröße durch das Nettoäquivalenzeinkommen berücksichtig, auch wenn das vermutlich die Belastung von Familien unterschätzt). Die paradoxe Situation: Weil es mehr ältere Frauen als Männer gibt, sinkt deren Durchschnittseinkommen, obwohl Frauen durch die höhere Lebenserwartung eigentlich profitieren.

Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der Frauen wie Männer bis zu ihrem 67. Lebensjahr monatlich 3.000 Euro und anschließend 2.000 Euro Ruhestandsgehalt bekommen, Frauen aber 80 und Männer nur 70 Jahr alt werden. Ohne Zweifel würden Frauen dann bis zu ihrem Lebensende deutlich mehr Geld erhalten, nämlich - wenn wir die Zahlung mit 20 beginnen lassen - rund 2,0 Euro statt 1,8 Millionen Euro. Ihr Durchschnittseinkommen läge nach der DIW-Berechnung aber niedriger.

Alles nicht so schlimm?

Nun bekommen Frauen tatsächlich weniger Geld, pro Stunde rund 22 Prozent weniger. Bei gleichem Tätigkeit, gleicher Arbeitszeit und gleich langen beruflichen Pausen sinkt der Abstand sogar auf 4 Prozent, hat das IW Köln berechnet.

Nun darf man natürlich auch in der unterschiedlichen Arbeitszeit Diskriminierung sehen. Frauen und Männer, so die Argumentation, wollen eigentlich beide möglichst viel arbeiten und möglichst viel Geld verdienen, beide haben kein Interesse an Elternzeit, Teilzeit oder an weniger gut bezahlten, aber den eigenen Interessen mehr entsprechenden Jobs. Die Frauen werden aber von der Gesellschaft in diese Tätigkeiten gezwungen. Das kann man so sehen - man kann es aber auch idiotisch finden. Im letzteren Fall stellt sich die Frage, was uns die Daten dann überhaupt sagen.

Und dem DIW-Forscher muss klar gewesen sein, dass ihre Ergebnisse falsch verstanden werden. Er hat das, beispielsweise durch die Überschrift, sogar bewusst gefördert. Die Argumentation, im Texte sei ja das genaue Vorgehen beschrieben, entschuldigt genauso viel oder wenig wie die Beteuerung einer Regierung, es stehe ja eindeutig im Gesetz, dass eine Reihe von Arbeitslosen nicht als arbeitslos gezählt wird (nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit aktuell rund 900.000). Nein, mit der nächsten Wahl habe das nichts zu tun.

Fazit

Im besten Falle kann man sagen, dass die Analyse des DIW eigentlich nichts sagt. Im schlimmeren muss man vermuten, dass der Forscher hier die Öffentlichkeit bewusst in die Irre führen will. Das DIW schadet damit seinem eigenen Ruf. Auch hier sei an die Arbeitslosenstatistik erinnert. Immer wieder drehte die Politik an der Stellschraube und lies Arbeitslose nicht mehr als arbeitslos zählen. Als die Arbeitslosigkeit dann wirklich fiel, wollte es niemand mehr glauben.