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18Nov/140

Arbeitslosigkeit im Vergleich

Vor gar nicht allzu langer Zeit stolperte ich bei der Recherche zu einem Wirtschaftsthema über einen Wirtschaftskalender. Anders als der Name suggeriert, waren darin nicht verschiedene Termine eingetragen, sondern aktuelle Daten und Infos zu Ereignissen am Tag, unter anderem die Arbeitslosigkeit. Weil als Quelle die Bundesbank angegeben war, machte ich mich auf die Suche nach der wahren Quelle, denn in Deutschland erheben vor allem die Bundesagentur für Arbeit und das Statistische Bundesamt Daten zu diesem Thema. Dabei fiel mir auf, wie weit die Daten der beiden Institutionen auseinander liegen.

Arbeitslosigkeit vs. Erwerbslosigkeit

Höhe der Unterbeschäftigung im engeren Sinn (grün, BA), der Arbeitslosigkeit (blau, SGB III) und der Erwerbslosigkeit nach ILO-Kriterien (rot). Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt

Ich meinte nämlich mich zu erinnern, dass sich die Arbeitslosigkeit, nach den im Dritten Buch Sozialgesetzbuch (SGB III) festgeschriebenen Kriterien und die Erwerbslosigkeit nach den Kriterien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sich zwischenzeitlich angeglichen hatten. Lange Zeit gehörte Deutschland zu den wenigen Ländern, in denen die nationale Arbeitslosenquote trotz aller Ausnahmeregeln über der internationalen lag. Schon vor einiger Zeit hatte ich ja mal was zu dem Thema geschrieben. Dann aber schaffte die große Koalition neue Ausnahmen und beide glichen sich an.

Die Bundesagentur für Arbeit führte daraufhin eine eigene Quote ein. Diese Unterbeschäftigung enthält auch Teilnehmer an Arbeitsmarktmaßnahmen oder beispielsweise Ältere, die aufgrund von Sonderregelungen vom Gesetzgeber nicht mehr als arbeitslos gewertet werden. Es gibt sogar noch eine weitergehende Definition, die auch geförderte Selbständige oder Ältere in der Freistellungsphase der Altersteilzeit sowie Kurzarbeiter mit einschließt, diese Definition halte ich aber für zu weit gehend. Das ist die oberste Linie in der Grafik. Sie hat aber nur halboffiziellen Charakter, weil sie zwar von einer Behörde erhoben wird, aber im Gegensatz zur offiziellen Arbeitslosenquote nicht auf einem Gesetz beruht.

In letzter Zeit haben sich allerdings Arbeitslosigkeit nach nationalen und Erwerbslosigkeit nach internationalen Kriterien wieder auseinanderentwickelt. Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen.

1. Weniger Entlastungswirkung durch Arbeitsmarktmaßnahmen:
Der Vergleich der Arbeitslosigkeit mit der Unterbeschäftigung zeigt, dass weniger Menschen lediglich aufgrund von Sonderregelungen oder Arbeitsmarktmaßnahmen nicht arbeitslos gezählt werden. Diese Menschen waren bisher nicht arbeitslos gemeldet. Das erhöht die Arbeitslosigkeit oder verringert zumindest den Rückgang. Auf die Erwerbslosigkeit ist die Auswirkung geringer, weil hier grundsätzlich jeder gezählt wird, der keine Arbeit hat, aber welche sucht (die genauen Kriterien lassen sich hier nachlesen).

2. Teilzeitjobs:
Laut ILO-Kriterien gilt jeder als erwerbstätig, der mindestens eine Stunde in der Woche arbeitet. Das SGB III (und auch die Unterbeschäftigungsstatistik) ziehen die Grenze dagegen bei 15 Stunden. Wer also eine Arbeit mit zehn Stunden pro Woche gefunden hat, der gilt nach den Kriterien des SGB III noch als arbeitslos, in der ILO-Statistik dagegen als erwerbstätig.

Grafik Beschäftigung

Entwicklunt der geringfügigen (rot) und der sozialversicherungspflichtigen (rot) Beschäftigung seit 2003, 100= I. Quartal 2010. Gut ersichtlich ist die unterschiedliche Entwicklung in den ersten Quartalen, seitdem entwickeln sich beide ähnlich, wobei sich


Allerdings betrifft das vor allem die geringfügig Beschäftigten. Deren Zahl ist tatsächlich in den vergangenen elf Jahren überdurchschnittlich stark angestiegen, allerdings vor allem in den Jahren 2003 bis 2005. Alleine von Juni 2003 bis Juni 2004 stieg sie um 17,9 Prozent, während die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um 1,5 Prozent sank. Im hier relevanten Zeitraum ab 2011 ist sie dagegen weniger stark gestiegen als die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

3. Kriterium aktive Suche:
Als erwerbslos nach ILO-Kriterien gilt nur, wer in den vergangenen vier Wochen auch aktiv gesucht hat. Diese Klientel profitiert natürlich auch stärker von neue Jobs. Die offizielle Statistik enthält dagegen auch Menschen, die entweder keine Arbeit wollen (sich aber um Leistungen zu erhalten arbeitslos melden müssen) oder die bereits aufgegeben haben und deshalb nicht mehr suchen. Daher ist zu erwarten, dass diese Zahl weniger auf Veränderungen am Arbeitsmarkt reagiert.

4. Mehr Meldungen
Die bessere Arbeitsmarktlage könnte dazu geführt haben, dass sich mehr an Arbeit interessierte Menschen auch arbeitslos melden. Die Stille Reserve, also jene, die sich nicht beim Jobcenter oder der Agentur für Arbeit melden, wirkt sich aber auch auf die ILO-Quote aus. Zwar werden dort diese Menschen prinipiell erfasst, da die Daten durch eine Umfrage erhoben werden, allerdings könnte es sei, dass sie ihre Suche einstellen, weil sie keine Hoffnung auf einen Job haben. Damit gelten sie nicht mehr als erwersbslos.

Deshalb dürfte wohl der erstegenannte Faktor der wichtigste sein. Am höchsten bleibt natürlich die Unterbeschäftigung, das ist aber auch kein Wunder. Weil alle Arbeitslosen dort mitgezählt werden und zusätzlich noch weitere Gruppen, kann sie nicht niedriger als die offizielle Arbeitslosenquote liegen. Würde die Regierung alle Sonderregeln abschaffen, lägen beide bestenfalls gleichauf.

11Nov/140

10 Jahre Firefox

Zugegeben, das Thema ist in den sogenannten Massenmedien schon behandelt worden, aber der Browser Firefox wird nun mal zehn Jahre alt. Das ist natürlich ein Grund, einen Blick auf die Entwicklung von Firefox zu werfen und kurz zu fragen, wie aussagekräftig solche Daten überhaupt sind.

Browserstatistik seit 2002

Entwicklung der Nutzerzahlen von Internet Explorer (hellblau), Netscape Navigator (dunkelblau, ab 2007 nicht mehr erfasst), Firefox (ohne Mozilla Application, seit 2005 erfasst) und Google Chrome (grün). Quelle: w3schoools.com

Ein Blick auf die obige Grafik zeigt, dass der Internet Explorer der große Verlierer der vergangenen zehn Jahre ist. Bei meinem Start ins Internetzeitalter hieß der am meisten (und auch von mir) verwendete Browser noch Netscape Navigator. Der wurde allerdings von Microsoft verdrängt, indem der Softwaregigant seinen Internet Explorer kostenlos verteilte. Nach der Übernahme durch AOL flossen die Reste des Netscape Navigator mit in die Entwicklung von Firefox ein. Aus dem Netscape Communicator wurde Mozilla Application, das hier bei den Daten für Firefox nicht enthalten ist.

Der Fuchs schwächelt

Auch der Erfolg von Firefox dauerte nur wenige Jahre, mittlerweile gilt Google Chrome als verbreitetster Browser. Allerdings stützen sich solche Statistiken, so auch die hier zitierte, überwiegend auf Daten aus den Vereinigten Staaten. Im Regelfall funktioniert das so, dass Webseitenbetreiber sich bei einem Portal wie Browser-Statistik.de anmelden und einen kleinen Zähler auf ihrer Seite einbauen. Der liefert die Daten dann an die entsprechende Seite.

Die Qualität der Daten ist damit vor allem davon abhängig, wie viele Seiten sich beteiligen und wie repräsentativ diese sind. Außerdem ist es sinnvoll, die Daten nach Ländern zu unterteilen.

In Deutschland anders

Für Deutschland kommen die meisten Statistiken nämlich zu einem anderen Ergebnis als für die USA. Hier liegt Firefox noch vorne, Browser-Statistik.de beziffert den Marktanteil auf rund 30 Prozent gegenüber 25 Prozent für Google Chrome. Auf Platz drei folgt hier Safari, der Apple-Browser, mit rund 20 Prozent.

Unterschiede zwischen Websites

Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt ein Vergleich des Statistiker-Blogs mit meiner Website FirefoxOSHandys.de. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die letztgenannte Seite vor allem Nutzer von Firefox OS anspricht, die oft den großen IT-Giganten wie Google, Apple oder Microsoft kritisch gegenüber stehen.

Anteil von Besuchen mit Firefox (orange), Chrome (grün), Safari (schwarz) und Internet Explorer (blau) sowie sonstigen Browsern.

Anteil von Besuchen mit Firefox (orange), Chrome (grün), Safari (schwarz) und Internet Explorer (blau) sowie sonstigen Browsern.

Nun werden beide Webseiten mit rund 2.000 Besuchen nicht so gut frequentiert wie bahn.de oder wikipedia.de. Trotzdem sind die Ergebnisse relativ stabil, es scheint sich also nicht um einen zufälligen Unterschied zu handeln.

Fazit

Wie eigentlich alle Statistiken müssen also auch diese Daten interpretiert werden. Einige Ergebnisse wiederholen sich auch bei fast allen Anbietern. So scheint in den USA Chrome die Nase vorn zu haben, in Deutschland dagegen Firefox. Auch hierzulande hat der Fuchs aber Marktanteile verloren.

3Nov/141

Eine Stadt, so groß wie Österreich

Statistik ist manchmal gar nicht so leicht. Nicht nur, weil es jede Menge mehr oder weniger komplizierte Formeln gibt, sondern auch weil man bei der Interpretation von Daten immer noch etwas mitdenken muss. Wie schwer es ist, Armut oder Arbeitslosigkeit zu messen, habe ich bereits mehrfach gezeigt und auch der nächste Beitrag wird sich wohl wieder darum drehen. Auch dass selbst die Interpretation von Einwohnerzahlen nicht immer einfach ist, habe ich bereits gezeigt (nämlich hier).

Aktuell lese ich einen Roman, der im alten China spielt und ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, parallel auch immer etwas über das Land zu lesen, in diesem Fall über China. Auch wenn das Buch in der Vergangenheit spielt, so bin ich dabei auch über Daten zum modernen China gestolpert und habe festgestellt, dass es dort eine Stadt mit offiziell 30 Millionen Einwohnern gibt, nämlich Chongqing (romanisiert Tschungking).

Verleiche kaum möglich

Nun wissen wir in Europa meist wenig über China. Das Land ist weit weg und sehr, sehr groß. Außerdem ist seine Filmindustrie hierzulande nicht so erfolgreich wie die der USA, weshalb wird Städte wie Pasadena mit 137.000 Einwohnern oder Santa Fe mit 68.000 Einwohnern kennen (letztere auch wegen der gleichnamigen, 1995 fusionierten Eisenbahn), Chongqing aber nicht.

Karte von Tschungking. Quelle: „ColorChongqingMap“ von ASDFGH aus der englischsprachigen Wikipedia.

Plan der Stadt Chongquing. Orange und vergrößert die Kernstadt, rot das Umland. Große Teile, vor allem in den Regionen Qianjiang (hellblau) und Wanzhou sind ländlich geprägt. Bild: „ColorChongqingMap“ von ASDFGH aus der englischsprachigen Wikipedia.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, dass sich nämlich die Einwohnerdaten international kaum vergleichen lassen, wenn man die Daten zu den administrativen Einheiten nimmt und Chongqing dann auch nicht die größte Stadt der Welt ist. Der Vergleich USA-Volksrepublik China bietet sich hier an, denn während im Westen kaum eingemeindet wurde, war man in der Volksrepublik sehr großzügig. So verteilen sich die 30 Millionen Einwohner von Chongqing auf eine Fläche, die etwa so groß ist wie die des Landes Österreich. Ein Großteil davon besteht aus ländlichen Gegenden, die überhaupt nichts Städtisches haben die selbst bei großzügiger Betrachtung nicht mehr zum Ballungsraum gehören. Ganz anders als in den USA, wo die eigentliche Stadt oft nur ein kleiner Teil des Ballungsraumes ist.

Unterhalb der Stadt Chongqing gibt es Stadtbezirke und Kreise, die wieder aus verschiedenen Gemeinden bestehen. Zieht man die ländlichen Gebiete ab, hat die Stadt rund 7,7 Millionen Einwohner, lässt man auch die Vororte weg und betrachtet nur das Stadtgebiet mit dichter Bebauung sind es rund 4,3 Millionen Menschen. Das sind immer noch mehr als Berlin (Ballungsraum: 4,2 Millionen, Stadt 3,4 Millionen), weshalb man sich den Namen merken sollte. Aber eben nicht die größte Stadt der Welt mit 30 Millionen Einwohnern.

Eine Stadt so groß wie die alte BRD

Noch deutlicher wird das an der Stadt Hulun Buir in der Inneren Mongolei. Die ist nämlich von der Fläche größer als es die alte Bundesrepublik war, dort leben aber nur 2,7 Millionen Einwohner, etwa so viele wie allein im Ballungsraum München. Sehr städtisch geht es dort also nicht zu. Vielmehr wurde die gesamte Innere Mongolei, von der Fläche rund dreieinhalb Mal so groß wie Deutschland, in zwölf Bezirke eingeteilt, neun davon nennen sich Stadt, sechs davon sind größer als Baden-Württemberg.

Hulun Buir im Winter

Die "Stadt" Hulun Buir im Winter. Foto: Charlie Luan (cc)

Die Stadt in der Stadt

In vielen Statistiken zu Großstädten taucht Hulun Buir deshalb nicht auf, stattdessen aber Zalantun (rund 440.000 Einwohner) oder Yakeshi (400.000 Einwohner), die sich ebenfalls Stadt nennen und kreisfreie Städte innerhalb der Stadt Hulun Buir sind.

In der Republik China, meist Taiwan genannt, sieht es übrigens anders aus. Hier wird der Begriff Stadt ähnlich wie bei uns verwendet. Allerdings ist man auch hier großzügiger mit Eingemeindungen und Zusammenlegungen. 2010 wurde beispielsweise der Landkreis Taipeh in die Stadt Neu-Taipeh umgewandelt und damit auf einen Schlag zur größten Stadt des Landes. Allerdings ist die Region zum großen Teil tatsächlich (vor-)städtisch. Auch in Deutschland sind ja einige Landkreise, vor allem im Ruhrgebiet oder im Umland von Großstädten, dichter besiedelt als manche kreisfreie Stadt, beispielsweise wohnen im Landkreis München pro Quadratkilometer mehr Menschen als in der Stadt Ansbach.

Die Interpretation von Daten erfordert also auch immer etwas Hintergrundwissen, weshalb ich zuversichtlich bin, dass auch in den nächsten Jahren automatisierte Auswertungsprogramme die Arbeit von Statistikern nicht überflüssig machen werden.

Beide Fotos fallen unter die Creative Commons Lizent. Das Bild von Charlie Luan unter liegt zusätzlichen Einschränkungen und darf nicht kommerziell verwendet und nicht verändert werden (vgl. Lizenz für die Weiterverwendung).