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2Mar/150

Der Paritätische Wohlfahrsverband und die Renten

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat eine viel zitierte Erhebung über den Anstieg der Armut vorgelegt und gleich erste Vorschläge gemacht. Die FAZ zitiert den Verband mit der Forderung, schnell eine Steuererhöhung einzuleiten um damit die Renten erhöhen zu können.

Nun kann man daran einiges kritisieren. Beispielsweise, dass der "Pari" von Armut spricht, aber Daten zur Armutsgefährdung verwendet. Der Unterschied dürfte aber nur Statistikern geläufig sein, arm ist jemand nämlich erst, wenn er weniger als 50 Prozent des medianen Nettoäquivalenzeinkommens hat, armutsgefährdet ist man bereits mit unter 60 Prozent.

Kritisiert wurde häufig auch, dass die Armutserhebung nicht den steigenden Wohlstand berücksichtigt. So ging sie in einigen Krisenländern zurück, weil das Medianeinkommen (also das Einkommen des Menschen, zu dem es genauso viele ärmere wie reichere Mitmenschen gibt) gefallen ist. Allerdings hat die Methode, das Durchschnittseinkommen heranzuziehen, durchaus Berechtigung, denn Menschen sind nun mal soziale Wesen und orientieren sich an ihrer Umwelt. Wenngleich sich Menschen natürlich auch am gestrigen Einkommen orientieren. Diskutieren könnte man deshalb, ob man Armut auch am gleitenden Durchschnitt des Medianeinkommens der vergangenen zehn Jahre messen sollte. Grundsätzlich aber hat die relative Armutsmessung ihre Berechtigung. Hier kann man dem "Pari" höchsten vorwerfen, dass er das Thema Wohlstandszuwachs nicht ausreichend gewürdigt hat.

Nein, bemerkenswert ist das Ergebnis vor allem deshalb, weil die Armut der Älteren zwar überdurchschnittlich angestiegen ist, aber immer noch unter dem Durchschnitt liegt. Und dass obwohl die vom Paritätischen Wohlfahrtsverband verwendeten Daten die jüngsten Rentengeschenke wie die Mütterrente noch nicht berücksichtigen. Hier kann man tatsächlich unterstellen, dass hier mit Statistik gelogen werden soll.

Armut nach Alter

Anteil der Armutsgefährdeten an der jeweiligen Altersgruppe. Quelle: Destatis. Verwendung mit Nennung des Statistiker-Blogs frei.

Mit 16,0 Prozent liegt die Armutsgefährdung nicht nur niedriger als im Durchschnitt, sondern auch als in beiden anderen Gruppen, den Kindern und Jugendlichen und den unter 65-Jährigen ab 18. Genauere Daten bietet die jüngste Statistik des Bundesamtes leider nicht.

Erstaunen dürfte viele, dass die Kinder ebenfalls unterdurchschnittlich armutsgefährdet sind. Das hat vermutlich seinen Ursprung vor allem in der hohen Armutsgefährdung der jungen Erwachsenen, wie ältere Daten vermuten lassen. Außerdem leben besonders viele Kinder immer noch in Familien mit zwei Elternteilen. Alleinstehende sind aber deutlich häufiger arm als Menschen in Paarbeziehungen, weil bei letzteren ein niedriges Einkommen oft ausgeglichen wird. Wobei die Statistik zeigt, dass Eltern mit einem Kind mit 11,1 Prozent sogar seltener armutsgefährdet sind als unter 65-Jährige Paare ohne Kinder (12,4). Nur über 65-Jährige Paare sind mit 10,4 noch seltener armutsgefährdet.

Mit zwei Kindern sinkt die Armutsgefährdung sogar weiter (8,5 Prozent). Womöglich wirken Kinder motivierend, das Einkommen zu steigen. Außerdem dürfte auch hier gelten, dass Paare mit zwei Kindern im Schnitt älter sind als solche mit einem oder keinem Kind.

Außerdem wird durch die neue OECD-Skala, wie bericht, die Kinderarmut in meinen Augen zu niedrig angesetzt. Denn der Bedarf eines Kinder wird nur mit 30 Prozent dessen eines alleinstenden Erwachsenen gemessen. Das liegt zum Teil auch daran, dass ein alleinerziehender Vater mit Kind keine zwei Kühlschränke braucht. Im Vergleich zu jedem weiteren Erwachsenen (wenn der Vater statt eines Kindes eine Frau hätte) unterstellen die Statistiker aber immer noch, dass Kinder 40 Prozent weniger kostet. Die Sozialverwaltung geht hier von anderen Annahmen aus. Das führt im Extremfall dazu, dass eine große Familie mit Hartz IV-Bezug nicht mehr arm ist.

Trotzdem bleibt festzustellen, dass Politik und Verbände statt über Kinder- und Seniorenarmut mehr über 18 bis unter 65-Jährigen Armut sprechen müssten. Das aber lässt sich kaum verkaufen. Die Aussagen des Pari zur Seniorenarmut dürften ausschließlich politischem Kalkül folgen. Mit der Realität haben sie nichts zu tun. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass die bei der Kinderarmut angeführten Vergünstigungen oft auch für Senioren gelten.

19Feb/150

Statistiker-Blog rettet den Euro

Der Statistiker-Blog löst an dieser Stelle nicht nur das Schuldenproblem der Griechen, sondern gleich eine ganze Reihe weiterer Finanzprobleme der Eurostaaten. Auf die Idee haben mich die Kollegen von statista.de gebracht, die in einer Infografik (siehe unten) ausgerechnet haben, dass der Wert der ausstehenden Finanzhilfe ungefähr dem Wert alle Münzen in der Eurozone entspricht.

Infografik: Griechenland-Finanzhilfe in Kleingeld? | Statista

Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Nun, dass ist bereits in die richtige Richtung gedacht, aber noch nicht weit genug. Es gibt nämlich eine Besonderheit bei vielen Notenbanken, die noch aus der Zeit kommt, als Münzen aus Edelmetall waren und man einen Geldschein bei der Zentralbank gegen Gold oder Silber einlösen konnte. Geldscheine stehen nämlich in der Bilanz der EZB als Schuld der Zentralbank. Die Notenbank gibt beispielsweise 10 Millionen in Scheine an eine Bank, die Bank hat jetzt 10 Millionen Euro Schulden bei der EZB. Gleichzeitig verbucht die Zentralbank die 10 Millionen aber auch als Soll, als Anspruch den die Besitzer des Geldscheines gegen die EZB haben. In der Summe verdienen die Zentralbanker also mit der Geldschöpfung nichts, Gewinn machen sie nur, weil die Bank Zinsen für die Schuld zahlen muss.

Anders sieht es bei Münzen aus. Die werden zunächst einmal nicht von der EZB, sondern von den Euro-Ländern nach Vorgaben der Zentralbank herausgegeben. Die Differenz zwischen dem Wert der Münze und den Kosten erhält bei Münzen der Staat. Was liegt also näher, als statt 5,- und 10,- Euroscheinen einfach Münzen auszugeben? Zum Glück hat die EZB dazu eine Statistik, im Januar 2015 gab es in Europa rund 17 Milliarden Scheinen mit einem Wert von insgesamt rund einer Billion Euro.

Statistik Geldscheine

Zahl der Euroscheine (blau, obere Skala) in Tausend und deren Wert in Tausend Euro (grau, untere Skala). Quelle: EZB - Verwendung mit Quellenangabe und Link zum Statistiker-Blog frei.

Etwas frustrierend war für mich die Erkenntnis, dass der häufigste Schein der 50-Euro-Schein (rund 7,3 Milliarden Stück) ist und selbst der 100-Euro-Schein mit rund 2,0 Milliarden Stück häufiger vorkommt als der Fünfer mit rund 1,7 Milliarden Stück. In meinem Geldbeutel sind leider 5, 10 und 20 Euro die häufigsten Beträge.

Am wertvollsten sind übrigens ebenfalls die 50-Euro-Scheine, weil sie so häufig sind übertreffen sie mit rund 368 Milliarden alle anderen Scheine. Erstaunlicherweise brachten allerdings vor dem April 2012 die 500er zusammen noch mehr auf die Waage, immer noch sind sie insgesamt rund 363 Milliarden wert. Trotz des hohen Wertes je Schein hat mich das überrascht, das bedeutet ja immerhin, dass auf rund zehn 50er ein 500er kommen muss. Ich hatte in leider bisher nur einmal in der Geldbörse, bei der Auflösung meines Mietkautions-Sparbuchs.

Aber natürlich kommen diese großen Scheine nicht für eine Ablösung durch Münzen in Betracht, beim 500er wird eher über seine Abschaffung diskutiert, da er vermutlich vor allem illegalen Zwecken dient. Aber immerhin sind alle 5-Euro-Scheine zusammen rund 8,4 Milliarden Euro wert. Das reicht bereits, um die ausstehenden 7,2 Milliarden für Griechenland zu zahlen, solange die Herstellungskosten unter 70 Cent bleiben und je Münze 4,30 Euro Gewinn gemacht werden.

Gleich noch mal rund 19,1 Milliarden Gewinn bekäme man, wenn man die etwas mehr als 2,1 Milliarden 10-Euro-Scheine bei Herstellungskosten von einem Euro je Münze komplett ersetzen würde. Richtig lohnen würde sich das Ersetzen des 20-Euro-Scheins, die im Umlauf befindlichen sind nämlich rund 60,8 Milliarden Euro wert.

Alternativ könnte man natürlich auch regelmäßig einen Teil der umlaufenden Geldscheine abschreiben, weil die ja hin und wieder verloren gehen, wenn beispielsweise Omas Matratze voller 100-Euro-Scheine in der Müllverbrennungsanlage entsorgt wird. Aber mich fragt ja keiner.

17Feb/151

Blutgruppen international

Das heutige Thema ist auf den ersten Blick vielleicht etwas ungewöhnlich, denn es lautet Blutgruppen. Darauf gekommen bin ich, weil es in meinem Umfeld eine eher seltene Blutgruppe gibt, nämlich B. Wobei ich festgestellt habe, dass sie nicht so selten ist, wie die Legende behauptet, immerhin haben sie elf Prozent der Deutschen.

Eine Legende gibt es auch der Herkunft, demnach soll mongolische Vorfahren haben, wer die Blutgruppe B hat. Diese Herleitung erscheint mir sehr gewagt, allerdings habe ich im Netz Quellen gefunden die davon ausgehen, dass die Blutgruppe B tatsächlich in Asien ihren Ursprung hat, während die Blutgruppe 0 an mehreren Orten entstanden sein soll. Vom Tisch sind allerdings Thesen wie die des polnischen Wissenschaftlers Ludwik Hirszfeld (auch Ludwig Hirschfeld), nach denen der moderne Mensch zwei Ursprünge hat, einen in Nordeuropa mit der Blutgruppe A und einen in Asien mit der Blutgruppe B. Heute ist es weitgehend unumstritten, dass der Mensch nur einen Ursprung hat und der nicht in Eurasien liegt, sondern in Afrika. Und das wohl gleich im doppelten Sinne, denn nach aktuellem Forschungsstand kommt sowohl die Gattung homo, zu der neben dem modernen Mensch beispielsweise auch der Neandertaler gehört hat, aus Afrika als auch der moderne Homo Sapiens.

Aber damit schweifen wir vom Thema ab, denn eigentlich wollte ich mich der Blutgruppe B widmen. Die soll im Himalaya ihren Ursprung haben, also nicht in der Mongolei. Tatsächlich habe ich auch eine Statistik gefunden, die die Verbreitung der Blutgruppen aufschlüsselt, allerdings nicht nach Ländern, sondern nach Ethnien.

Anteil der Blutgruppe B an den zehn Ethnien mit dem höchsten Anteil - zum Vergleich: Deuschland. Quelle:bloodbook.com

Anteil der Blutgruppe B an den zehn Ethnien mit dem höchsten Anteil - zum Vergleich: Deuschland. Quelle:bloodbook.com

Die Mongolen tauchen darin leider nicht auf, wohl aber die Kalmücken und Burjaten, zwei mongolische Ethnien, die allerdings in Sibirien siedeln. Auch bei den ungarischen Roma ist die Blutgruppe B die häufigste, das gilt auch für Chinesen im Raum Peking, Tschuwaren (Russland und Kasachstan) und Koreaner, wohingegen B bei Burmesen, Indern, Thailändern und Ainu (Japan) zwar mitunter häufiger vorkommt als beispielsweise den Koreaner, dort aber trotzdem von der Blutgruppe 0 überholt wird.

Selten ist sie dagegen vor allem bei einzelnen Indianerstämmen sowie den Shompen auf den Nikobaren, einer Inselgruppe in der Nähe Malaysias, die allerdings zu Indien gehört. Auch bei den Basken ist sie sehr selten (4 Prozent), also vor allem bei Ethnien, die wenig Kontakt zu anderen Bevölkerungsgruppen hatten.

Was bedeutet das jetzt also? Sind also Träger der Blutgruppe B "Erben Dschinges-Khans", wie es in Boulevardmedien teilweise reißerisch heißt. Ich bin kein Biologe, wage aber mal die Aussage, dass man die Ergebnisse nicht überinterpretieren sollte. Dass die womöglich an nur einem Ort in der Welt entstandene Blutgruppe B heute in fast allen Ländern der Welt in einem relevanten Maß vorkommt zeigt eigentlich nur eines, nämlich dass es völlig unmöglich ist, die Vorfahren einzelner Menschen auf bestimmte Orte festzulegen. Es sei denn, man geht zurück bis zu unseren ersten Vorfahren, dann landen wir alle in Afrika.