Statistiker-Blog

Die unterschätzte Bedeutung von Rücküberweisungen

Zunächst einmal einen kurzen Satz in eigener Sache vorweg: Da ich aktuell noch ein paar zusätzliche Lehraufträge in der Erwachsenenbildung angenommen habe, bleibt mir weniger Zeit zum bloggen. Damit regelmäßige Leser nicht vergeblich auf Beiträge warten habe ich zu einem neuen Rhythmus durchgerungen: Auf zunächst unbestimmte Zeit erscheint einer neuer Beitrag immer am ersten Freitag im Monat. Ich gebe also meinen bisher angestrebten (aber schon lange nicht mehr eingehaltenen) wöchentlichen Rhythmus zugunsten eines monatlichen auf.

Anteil von Rücküberweisungen am BIP

Mein Thema für heute soll aber ein ganz anders sein, nämlich die Bedeutung von Rücküberweisungen für die Wirtschaft einzelner Länder. Das sind Gelder, die von im Ausland lebenden Staatsangehörigen (oder ehemaligen Staatsangehörigen) vor allem an weiter im Ursprungsland lebende Verwandte überwiesen werden. Da ist beispielsweise der Einwanderer aus dem Kosovo, der seinen Eltern regelmäßig Geld aus Deutschland überweist, vielleicht auch seinen Geschwistern hin und wieder Geld zukommen lässt.

Warum Kosovo? Weil dort die Rücküberweisungen rund 13,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) entsprechen, das ist europäischer Rekordwert. Tatsächlich finden sich, abgesehen von der Ukraine, vor allem Staaten aus dem ehemaligen Jugoslawien auf der Liste, auf Platz zwei folgt Bosnien und Herzegowina, auf Platz vier (nach der Ukraine) dann Montenegro vor Albanien, Serbien und Kroatien. Wobei die Rücküberweisungen in Kroatien nur rund 3,6 Prozent des BIP ausmachen.

Kroatien Rücküberweisungen

Die Einnahmen aus dem Tourismus entsprechen in Kroatien nahezu denen aus Exporten. Bild von Ivan Ivankovic

Das liegt aber weniger an den niedrigen Rücküberweisungen von Kroaten, sondern vor allem am vergleichsweise hohen BIP, das pro Kopf rund dreimal so hoch liegt wie etwa im Kosovo.

Welche Länder haben hohe Rücküberweisungen?

Diese kurze Überlegung zeigt auch schon, welche Länder einen hohen Anteil von Rücküberweisungen am BIP haben: Jene mit vielen Auswanderern und geringem Bruttoinlandsprodukt. Wobei beides natürlich zusammen hängt, aus einem reichen Land wandern weniger Menschen aus. Allerdings verlassen auch aus den ärmsten Ländern wenige ihre Heimat, da sie sich eine Auswanderung nicht leisten können. Und die Nähe zu einem wohlhabenden Land vergrößert natürlich die Neigung auszuwandern.

Solche Bedingungen finden sich beispielsweise auf Haiti. Das Land ist arm – es ist das einzige Land auf dem amerikanischen Doppelkontinent, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt.1

Haiti Rücküberweisungen

Haiti ist vor allem aus den Nachrichten durch Katastrophen bekannt, hat aber auch schöne Ecken. Foto: Pixabay

Es liegt zusammen mit der Dominikanischen Republik auf der Insel Hispaniola. Die Grenze zwischen beiden Ländern ist eine der mit dem höchsten Wohlstandsgefälle, das Bruttonationaleinkommen pro Kopf liegt in der Dominikanischen Republik mehr als achtmal so hoch wie in Haiti. Zwischen Mexiko und den USA ist die Differenz weit kleiner, das der Vereinigten Staaten ist etwas mehr als dreimal so hoch. Die Grenze zwischen den Staaten kann teilweise sogar aus der Luft erkennen, während auf der einen Seite Bäume stehen, wurde die Wälder in Haiti vielerorts abgeholzt. 2

Und dann sind da natürlich noch die USA in Reichweite, die wiederum fast viermal so reich sind wie die Dominikanische Republik. Kein Wunder also, dass Haiti einen hohen Anteil von Rücküberweisungen hat.

Tonga an der Spitze

Tatsächlich liegt Haiti beim Anteil der Rücküberweisungen am Bruttoinlandsprodukt ganz vorne. 2018 entsprach das von Haitianern im Ausland überwiesene Geld rund 30 Prozent des BIP. Weltweit sind diese Finanzströme für die armen Länder weit bedeutsamer als Entwicklungshilfe. Zumal die Zahlungen direkt an die Menschen gehen (abzüglich allerdings der oft hohen Kosten für den Transfer), während vor allem die an Staaten gezahlte Entwicklungshilfe zu einem relevanten Anteil „versickert“. Einige Autoren wie der Philosoph William MacAskill raten deshalb sogar dazu, statt für Entwicklungshilfe zu spenden, das Geld lieber an Organisationen wie Give Directly zu geben, die es armen Menschen als eine Art bedingungsloses Grundeinkommen auszahlen. 3

WesternUnion Gebühren

Früher war WesternUnion ein Telegrafenbetreiber in den USA, heute ist das Unternehmen vor allem für das Versenden von Geldern in Schwellen- und Entwicklungsländer bekannt.

Ob Direktzahlungen wirklich effizienter sind ist, wie fast alles im Bereich Entwicklungshilfe, natürlich umstritten. Klar ist aber, dass sie vom Umfang sehr bedeutend sind, auch wenn sie nur in wenigen Staaten so wichtig sind wie in Haiti.

Es gibt allerdings auch Länder, für die Rücküberweisungen noch bedeutender sind. An der Spitze der Tabelle steht der Inselstaat Tonga. Bekannt ist das Land vor allem wegen seiner Top-Level-Domain .to, die oft für illegale Aktivitäten genutzt wird und den Verkauf tongaischer Pässe. Es liegt in der Nähe von Neuseeland und Australien und ist deutlich ärmer als die beiden Länder. Die benachbarten Fidschi-Inseln sind allerdings nur wenig reicher, trotzdem liegt der Anteil von Rücküberweisungen hier nur bei rund 5,5 statt 35,2 Prozent. Tonga hat allerdings nur rund 100.000 Einwohner. Denkbar, dass einfach der Zufall die Position an der Spitze der Liste erklärt. Wie schon mehrfach erwähnt sind kleine Gebietseinheiten besonders anfällig für solche zufälligen Ausschläge. Möglicherweise ist eine Gruppe von Tonganer ausgewandert und hat Verwandte und Freunde nachgeholt, sodass sich schnell eine große Auslandskolonie gebildet hat.

Zudem ist der Anteil von Rücküberweisungen in kleinen Staaten generell höher. Das ist auch leicht nachvollziehbar, jemand der in Indien in die nächste Millionenstadt umzieht, bleibt meist im gleichen Land, selbst wenn er jetzt über 1.000 Kilometer weit entfernt wohnt. Seine Rücküberweisungen werden nicht als Rücküberweisung in ein Land gezählt. In einem Kleinststaat ohne große Städte bedeutet jeder Umzug in eine Metropole immer den Gang ins Ausland, auch wenn die vielleicht deutlich näher an der Heimat wohnt als unser Beispiel-Inder.

Ex-Sowjetrepubliken folgen

Leichter zu erklären ist, warum Kirgisistan und Tadschikistan auf Platz zwei und drei der Liste stehen. Beide Staaten sind ehemalige Sowjetrepubliken. Traditionell arbeiten viele Menschen aus diesen Ländern in anderen ehemaligen SU-Staaten, vor allem in Russland und Kasachstan, die aufgrund ihres Rohstoffreichtums attraktiv sind.

Es folgt das bereits erwähnte Haiti vor Nepal. Die Position Nepal überrascht zunächst, denn das Land ist nicht gerade von reichen Ländern umgeben. Allerdings hat das benachbarte Indien ein fast dreimal so hohes Bruttonationaleinkommen  und die Bevölkerungsmehrheit ist in beiden Ländern hinduistisch. Das Land exportiert so wie gar nichts (Exporte von 0,8 Mrd. US-Dollar bei Importen von 10,5 Mrd. US-Dollar), neben Rücküberweisungen ist vor allem der Tourismus ein wichtiger Devisenbringer.

Anteil Rücküberweisungen am BIP

Anteil der Rücküberweisungen am BIP. Länder mit dem höchsten Anteil Quelle: Weltbank

Die übrigen Staaten unter den Top-10 sind überwiegend klassische Herkunftsländer von US-Einwanderen. Daneben finden sich auf der Liste die Palästinensischen Autonomiegebiete (Westbank und Gaza, Rücküberweisungen aus Israel) und die Komoren. Letztere dürften vor allem auf die arabische Halbinsel ausgewandert sein.

In absoluten Zahlen

Betrachtet man die absoluten Zahlen, profitieren Indien und China am meisten von den Überweisungen. Das ist allerdings kein Wunder, beide Staaten sind mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern die größten der Welt. Wobei die Volksrepublik China mittlerweile auch Heimat vieler Einwanderer ist und daher hohe Summen ins Ausland fließen. Betrachtet man den Überschuss von Rücküberweisungen ins Land und Überweisungen aus dem Land heraus bleiben Indien und China aber auf den vorderen Plätzen. Es folgen die Philippinen, die eine lange Tradition der Auswanderung haben. Mexiko, Nigeria und Pakistan folgen.

Die Philippinen und Ägypten sind insofern interessant, als sie sowohl absolut als auch relativ wichtige Zielländer sind. In beiden Nationen machen Rücküberweisungen trotz ihrer Größe (105 und 98 Millionen Einwohner) mehr als 10,0 Prozent des BIP aus. Für die Türkei, Herkunftsland vieler deutscher „Gastarbeiter“, spielen Rücküberweisungen übrigens kaum eine Rolle. Das hängt einerseits mit dem im internationalen Vergleich relativ hohen Bruttonationaleinkommen von mehr als 10.000,- US-Dollar pro Kopf zusammen. Andererseits sind die Zahlungen aber auch insgesamt gering.

Die Herkunft des Geldes

Wo kommt das Geld her? Vorne auf der Liste stehen natürlich reiche und große Staaten, allen voran die USA. Es folgen die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, die einen Großteil ihrer Wirtschaft auf Gastarbeiter aufbauen. Platz vier und fünf geht an die Schweiz und Deutschland, wobei die deutlich kleinere Schweiz aufgrund ihres Wohlstandes noch vor Deutschland liegt. Russland verzeichnet wegen der vielen Arbeitskräfte aus ehemaligen Sowjetrepubliken ebenfalls hohe Zahlungen von Migranten ins Ausland, China landet aufgrund seiner schieren Größe weit vorne, auch wenn das Land insgesamt mehr durch Rücküberweisungen einnimmt als ins Ausland fließen.

Outlfow Remittance

Herkunft der Rücküberweisungen. Wichtigste Herkunftsländer, Zahlungen in Millionen US-Dollar.

Das gilt laut Weltbank paradoxerweise auch für Frankreich, das nach Kuwait und vor Südkorea auf Platz neun der Liste steht. Denn Abflüssen in Höhe von 13,5 Milliarden US-Dollar stehen laut Weltbank Zuflüsse in Höhe 24,9 Milliarden gegenüber. Allerdings sind die Abflüsse auch deutlich weniger gut erfasst als die Zuflüsse. Denkbar auch, dass hier Zahlungen von nach Frankreich ausgewanderten Superreichen mitgezählt wurden. Millionärserbinnen und -erben, deren Eltern ihnen nach Südfrankreich regelmäßig einen Scheck schicken und die natürlich ganz andere Summen bewegen als philippinische Hilfsarbeiter auf saudisch Ölfeldern. Trotzdem halte ich eine Untererfassung der Abflüsse für wahrscheinlich.

Osttimor Rücküberweisungen Statistik

Auch schön, aber auch arm: Timor Leste. Bild: Roger King

Sonderbar ist, dass das bitterarme Ost-Timor im Gegensatz zu Frankreich mehr Ab- als Zuflüsse verzeichnet. Das Land ist nach dem Vatikan vermutlich das katholischste der Welt, rund 97,6 Prozent der Bevölkerung sind katholisch, 2,0 Prozent evangelisch, Atheisten oder Anhänger anderer Religionen gibt es so gut wie gar nicht, obwohl die Region von 1975 bis 2002 von Indonesien besetzt war (oder vielleicht gerade deshalb). Die Geburtenrate ist eine der höchsten der Welt (4,7 Kinder pro Frau) und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist eines der niedrigsten der Welt. Warum überweisen so viele Menschen Geld ins Ausland? Möglich, dass es sich hier um Entwicklungshelfer handelt.

Betrachtet man den Anteil der Abflüsse am BIP liegen natürlich wieder kleine Staaten ganz vorne, allen voran Luxemburg, wo die Überweisungen ins Ausland rund 15,8 Prozent des BIP entsprechen. Das ist auch kein Wunder, denn das Land ist reich und klein und in der EU. Der Reichtum macht es zu einem beliebten Ziel, die EU-Regelungen ermöglichen die Zuwanderung und die geringe Größe sorgt dafür, dass schon von den Zugezogenen, die aus einem Umkreis von 100 Kilometern stammen, die Mehrzahl aus dem Ausland kommt.

Fazit

Hoch ist der Anteil der Rücküberweisungen am BIP vor allem in kleinen Ländern, was aber statistisch zu erwarten ist. Davon abgesehen gibt es aber auch einige größere Nationen, für die Rücküberweisungen bedeutsam sind. Zu nennen sind dabei vor allem die Philippinen und Ägypten, bei denen trotz einer Einwohnerzahl von um die 100 Millionen Menschen die Rücküberweisungen mehr als 10,0 Prozent des BIP entsprechen.

Footnotes

  1. Der Entwicklungsökonom Paul Collier zählt es zur „untersten Milliarde“, also den ärmsten Ländern der Welt, die zusammen eine Milliarde Einwohner haben (wobei natürlich nicht alle Haitianer zu den ärmsten Menschen der Welt zählen). Siehe Collier, Paul: Die unterste Milliarde, Bonn 2008
  2. Collier, Paul: Der hungrige Planet, München 2011, S. 35
  3. MacAskill, William: Gutes besser tun – Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, Berlin 2016
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Sag mir, wo die Daten sind…

Heute wollte ich eigentlich den letzten Beitrag zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Gesundheitspolitik (wer’s noch nicht gelesen hat: Teil 1 befasste sich mit der Lebenserwartung, Teil 2 mit deren Berechnung und Teil 3 mit der Lebenserwartung weltweit) schreiben. Mein Ziel war es kurz zu recherchieren, wie viel Geld die Kranken- und die Pflegeversicherung jeweils für Männer und Frauen ausgeben.

Erwarten dürfte man, dass Frauen aufgrund der längeren Lebenserwartung deutlich mehr Geld erhalten. Immerhin erhalten sie sogar mehr Geld aus der gesetzlichen Rentenversicherung, obwohl ihre Durchschnittsrenten niedriger liegen.

Aber obwohl das Thema Geschlechtergleichheit aktuell so hoch aufgehängt ist, gibt es keine Daten zu dieser wirklich spannenden Fragen. Das Bundesministerium für Gesundheit teilte mir mit, diese Daten würden für die Krankenversicherung nicht erhoben. Der für die Pflegeversicherung zuständige Mitarbeiter beschied mir das Gleiche.

Mal sehen, wenn ich mal wirklich viel Zeit habe, werde ich mich vielleicht an eine Schätzung wagen…

Lebenserwartung weltweit

Wir bleiben noch etwas beim Thema Männergesundheit. Ausgangspunkt für die Artikelreihe (hier geht’s zum ersten Beitrag, hier zum zweiten) war ja die Behauptung der Parteizentrale der Grünen, die Übersterblichkeit der Männer beruhe auf Faktoren, die kein politisches Handeln erfordern, da sie entweder biologisch sein wie das zweite X-Chromosom der Frauen oder auf unterschiedlichen Verhaltensweisen. Wobei letztere nach Meinung der Partei offenbar auch biologisch bedingt sind – sonst wäre es ja ein Thema für die Politik. Immerhin verstehen sich die Grünen sonst als Gleichstellungspartei.

Gäbe es keinen kulturellen Einfluss, sondern wären die Unterschiede rein biologisch, wie die Antwort der Parteizentrale der Grünen impliziert, dann dürfte es auch keine großen regionalen Unterschiede bei der Lebenserwartung von Frauen und Männern geben. Also habe ich mir diesmal die Lebenserwartung nach Geschlecht weltweit angesehen. Dabei habe ich auf die Daten des World Factbook der CIA zugegriffen.

Lebenserwartung weltweit Grafik

Lebenserwartung weltweit für beide Geschlechter. Ohne Kleinstaaten unter einer Million Einwohner, mit abhängigen Gebieten. Quelle: CIA

Das World Factbook führt nicht nur alle selbstständigen Staaten auf, sondern auch abhängige Gebiete, beispielsweise das von Großbritannien verwaltete Montserrat oder das chinesische Hong Kong. Allerdings ist Montserrat bei mir gleich wieder rausgeflogen, weil ich Staaten unter einer Million Einwohner nicht berücksichtige. Monaco hat beispielsweise die weltweit höchste Lebenserwartung, das ist aber wenig verwunderlich, weil dort fast nur Reiche wohnen. Auch sonst sind Kleinststaaten oft nicht mit großen Ländern vergleichbar. Unter den Top 10 finden sich deshalb auch auffällig viele Kleinststaaten, beispielsweise Macau (chinesische Sonderverwaltungszone), San Marino und Andorra.

Nimmt man sie raus, bleiben viele asiatische Länder an der Spitze übrig, unter den Top 5 (siehe Grafik) sind es immerhin drei, nämlich Singapur, Japan und Hong Kong.

Singapur Asien Lebenserwartung

In Singapur lebt man besonders lange. Foto: Jason Goh, gemeinfreies Bild von Pixabay

Am anderen Ende der Skala findet man, wenig überraschend, vor allem afrikanische Staaten sowie Afghanistan.

Der Geschlechterunterschied weltweit

Betrachtet man nur die Männer, sieht es nicht viel anders aus. Hong Kong würde etwas schlechter abschneiden und hinter Israel rutschen und wäre gleichauf mit der Schweiz, Singapur würde Japan noch deutlicher hinter sich lassen (Frauen leben in Japan länger, Männer in Singapur).

Am anderen Ende bliebe Afghanistan auf dem letzten Platz, aber Somalia würde auf den vorletzten abrutschen. Grund dürfte der Bürgerkrieg sein. Davon abgesehen ändert sich wenig.

Insgesamt gilt: Wo Frauen lange leben, leben auch Männer lang. In wohlhabenden, friedlichen Staaten ist die Lebenserwartung für beide Geschlechter hoch. Aber eben nicht im gleichen Maße. Beispielsweise beträgt die Lebenserwartung der Männer in Russland nur 84,9 Prozent derjenigen der Frauen, in Montserrat ist sie dagegen sogar leicht höher. Nun hat das britische Überseegebiet (früher hätte man gesagt „die Kronkolonie“) Montserrat nur rund 5.000 Einwohner, ist also ebenso wie das Königreich Bhutan, wo Männer fast genauso lange leben wie Frauen, zu klein für die Übersicht.

Islamische Länder vorne, „Sowjetunion“ hinten

Bereinigt um die Kleinststaaten bleiben Lesotho, Nepal, Mosambik, der Libanon und die Vereinigten Arabischen Emirate als Staaten mit besonders geringen Unterschieden in der Lebenserwartung. Wobei das im Fall von Lesotho nur daran liegt, dass Frauen dort so früh sterben und nicht daran, dass Männer lange leben. Auffällig ist, dass sich unter den Top 20 mit dem niedrigsten Unterschied in der Lebenserwartung viele islamische Länder finden. Nun könnte man behaupten, dort seien die Lebensbedingungen für Frauen eben besonders schlecht. Allerdings hat das Patriarchat für Männer nicht nur Vorteile (ich würde sogar sagen mehr Nach- als Vorteile). Beispielsweise bedeutet die Polygamie in der islamischen Welt für Männer einen besonders harten Wettbewerb um Ehepartnerinnen, wie der Religionswissenschaftler Michael Blume schreibt.1 Das dürfte sich ebenfalls nicht positiv auf die Lebenserwartung von Männern auswirken (und auch nicht auf die Lebensqualität von Frauen).

Allerdings ist in islamischen Ländern der Alkoholkonsum reduziert. Nicht völlig Null, immerhin ist das siebtgrößte Unternehmen im türkischen Aktienindex ISE 100 eine Brauerei (Anadolu Efes).

Neben den islamischen sind es vor allem skandinavische Länder, die einen unterdurchschnittlich großen Unterschied in der Lebenserwartung aufweisen. Deutschland liegt dagegen nur im Mittelfeld.

Insofern hat die Parteileitung der Grünen vermutlich recht, wenn sie den Alkohol- und Tabakkonsum als einen der Gründe für die unterschiedliche Lebenserwartung anführt. Aber sie hat nicht recht, wenn sie impliziert, dass die Gründe dafür „angeboren“ seien.

Fazit

Unabhängig von der Frage, ob es nun wirklich der Alkohol ist, der Männer in vielen Ländern so früh sterben lässt. Dass Männer und Frauen in Nepal fast gleichlang leben, in Russland aber die Männer rund 15 Prozent weniger Lebenszeit haben, spricht dafür, dass es durchaus kulturelle und soziale Ursachen für den Unterschied gibt. Natürlich darf man auch nicht übersehen, dass ein geringer Unterschied in der Lebenserwartung auch Ergebnis einer hohen Kinderzahl oder schlechteren Lebensbedingungen von Frauen sein kann. Dass aber der Unterschied in der Lebenserwartung in den skandinavischen Ländern eher unterdurchschnittlich ist, in relativ patriarchalischen Ländern wie Russland dagegen überdurchschnittlich, spricht dafür, dass es auch andere Gründe gibt. Das Thema „Gender Life Expactancy Gap“ gehört deshalb auf die Tagesordnung der Politik.

Footnotes

  1. Blume, Michael: Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug, Mannheim 2017
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