Terror nimmt deutlich zu

Manchmal fragt man sich, warum Menschen, die ihr Geld mit dem Schreiben verdienen so gedankenlos Phrasen verwenden. Von „beispielloser Gewalt“ ist in vielen Zeitungen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen beim Gipfel in Hamburg oft die Rede. Von Beispiellosigkeit kann aber keine Rede sein, vielmehr sind die Geschichtsbücher voll mit Beispielen für noch weit schlimmere Gewaltexzesse.

Harz 4
Kein Ergebnis des G20-Gipfels in Hamburg, sondern der Abwanderung aus dem Nordharz: Haus in Hasselfelde in Sachsen-Anhalt.

Allerdings nimmt eine Form von Gewalt tatsächlich zu, nämlich der Terrorismus. Das zeigt zumindest die von mir im vergangenen Beitrag vorgestellte Datenbank der University of Maryland.

Demnach waren die in Deutschland vor allem mit dem Terror in Verbindung gebrachten 1970er Jahre weltweit noch relativ friedlich. Allerdings begann das Drama damals, von 1970 bis 1975 stieg die Zahl der Terroropfer um 220 Prozent, in den nächsten fünf Jahren noch einmal um rund 618 Prozent und bis 1984 um weitere 136 Prozent. Damit kamen 1984 rund 61 Mal mehr Menschen durch Terror ums Leben als zu Beginn der Aufzeichnung 1970. Dann stoppte das Wachstum. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Menschen die 1980er Jahre als so friedlich in Erinnerung haben – das starke Wachstum ist beunruhigender als eine höhere, aber sinkende Opferzahl.

Terror nimmt zu
Vor allem in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Terroropfer stark angestiegen.

Auch beim Thema Gewalt allgemein stellen diese Jahre übrigens den Höhepunkt dar. Das variiert von Land zu Land, in den meisten westlichen Staaten endete aber Anfang der 1980er Jahre der Ende der 1960er Jahre begonnene Anstieg der Gewaltverbrechen.

Erst 1997 und dann noch einmal 2007 wurde die Zahl von 10.400 Terrorismustoten des Jahres 1984 überschritten. Von 1984 bis 2011 pendelten die Werte zwischen rund 3.300 Toten im Jahr 2002 und rund 12.900 im Jahr 2007. Seit 2012 liegen sie leider jährlich deutlich über der 10.000er Schwelle.

Das Jahr 2003 ist dabei so etwas wie ein Wendepunkt. Die Jahre zwischen 1998 und 2003 waren nämlich in Bezug auf den Terror die friedlichsten seit den 1980er Jahren. Daran ändert selbst der 11. September nichts, der das Jahr 2001 zwar zu einem Ausreißer macht, es aber nicht über das Niveau von 1983, 1984, 1989 oder 1991 hinaus hebt.

Ab 2004 geht es in der Tendenz bergauf, wenngleich nur 2007 das Niveau von 1984 und 1997 überschritten und mit rund 12.300 Toten gleich ein neuer Höchststand erreicht wird. Seit 2011 aber geht es erschreckend steil nach oben, in den Jahren vier Jahren von 2011 bis 2014 steigt die Zahl der Terrortoten um 664 Prozent, im Schnitt pro Jahr um rund 54 Prozent.

2015 lag die Zahl der Toten zwar rund 12 Prozent niedriger als im Vorjahr, aber mit rund 38.400 Toten ist das immer noch der zweithöchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1970. Für 2016 liegen noch keine Daten vor.

Terrorismus als Bürgerkrieg

Allein 23,0 Prozent aller Todesopfer durch Terror des Jahres 2015 starben im Irak, 16,2 Prozent in Afghanistan. In absoluten Zahlen sind das rund 8.800 beziehungsweise 6.200 Menschen. Damit sehen wir auch schon ein Problem, den fließenden Übergang zwischen Bürgerkrieg und Terror. Den rund 58.000 Toten im Irak seit 2003 stehen genau 81 Menschen gegenüber, die laut der Datenbank von 1970 bis 1975 während des Vietnam-Kriegs in Südvietnam durch Terrorismus ums Leben kamen. Sie starben 1972, als an Bord eines Flugzeuges von Hong Kongs Fluglinie Cathy Pacific ein Sprengsatz explodierte. Und dieses Unglück passierte nur über Südvietnam, der Flug selbst führte von Bangkok nach Hong Kong, verdächtigt wurde ein thailändischer Polizist, dessen Verlobte und dessen Tochter sich an Bord befanden und der Lebensversicherungen auf die beiden abgeschlossen hatte. Womöglich handelte es sich also um ein gewöhnliches Verbrechen und keinen Terrorismus.

Asmara Eritrea
Der Unabhängigkeitskrieg von Eritrea gegen Äthiopien forderte nicht nur zahlreiche Kriegs-. sondern auch viele Hungertote. In der Terrorismus-Datenbank tauchen sie aber nicht auf, ebenso wenig die Opfer des Völkermords in Ruanda. Im Bild eine in der italienischen Kolonialzeit erbaute Tankstelle. Foto: David Stanley

Die übrigen 1,3 bis 4,2 Millionen Todesopfer des Vietnam-Konflikts (so weit gehen die Schätzungen auseinander) tauchen dagegen in der Datenbank nicht auf. Einerseits natürlich, weil der Konflikt schon 1955 begann, die Übersicht aber erst im Jahr 1970. Aber auch in den Jahren von 1970 bis 1975 starben hunderttausende Menschen. Sie gelten aber als Kriegs- und nicht als Terroropfer. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich nur die Kriegsführung seitdem verändert hat oder auch die statistische Erfassung.

Terror nimmt auch ohne Bürgerkriegsländer zu

Eine Zunahme des Terrors gibt es aber auch in anderen Ländern, sie ist also nicht nur auf Krisen- und Kriegsgebiete wie Afghanistan, Syrien, die Ukraine und den Irak zurückzuführen. Auch in Pakistan stieg die Zahl der Terroropfer seit etwa 2005 rapide an, ebenso in Thailand, in Ägypten und vielen anderen Staaten. Rechnet man Syrien, Afghanistan, den Irak und die Ukraine heraus  (zusammen 19.700 Todesopfer durch Terror), bleiben immer noch 18.700 Terroropfer, also deutlich mehr als die rund 10.000 der Jahre 1984 und 1997. Der Terrorismus nimmt also auch außerhalb von „Bürgerkriegsländern“ zu.

Verschiebung der Konfliktherde

Neben dem weltweiten Anstieg beobachten wir aber auch eine Verschiebung der Konfliktherde. Vor allem eine Weltregion steht heute deutlich besser da als noch vor 30 Jahren, nämlich Lateinamerika. Genauer müsste man sagen Mittel- und Südamerika sowie die Karibik, denn Mexiko, wo man ebenfalls Spanisch spricht, wird im Datensatz zu Nordamerika gezählt.

Mehr als 4.100 Menschen starben dort in den Jahren 1980 bis 1989 jährlich durch Terrorismus, insgesamt in zehn Jahren 41.503 Personen. In den vergangenen sechs Jahren, also von 2010 bis 2015, waren es laut Global Terrorism Database nur noch 124 pro Jahr (743 insgesamt).

Terror in Amerika
Tote durch Terrorismus in der Karibik, Mittel- und Südamerika

Deutlich zugenommen hat die Zahl der Toten durch Terrorismus dagegen in Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten. Sprich in Afrika nördlich der Sahara und den asiatischen Ländern von Israel bis zum Irak. Afghanistan dagegen gehört nach der Definition der Datenbank dagegen bereits zu Südasien. In den 1970er Jahren konzentrierte sich der Terrorismus vor allem auf Israel. Viele Anschläge auf Israelis wie die Ermordung des Olympia-Teams von 1972 fanden außerdem in anderen Weltregionen statt. Sie werden deshalb auch dort gezählt. Heute treibt natürlich die Situation im Irak die Zahl der Opfer hoch, aber auch der Terror in Nordafrika.

Nach dem Nahen und Mittleren Osten mit Nordafrika steht Südasien an zweiter Stelle der Regionen mit den meisten Terroropfern. Südasien umfasst nach der Definition der Terror-Datenbank alle Länder, die ganz oder teilweise auf dem indischen Subkontinent liegen sowie Afghanistan. Dort ist die Zahl der Terroropfer natürlich ebenfalls hoch. Nicht nur in Afghanistan ist sie seit 2010 stark angestiegen, auch in Pakistan. Im Falle von Afghanistan gilt natürlich, dass die 1980er und 1990er Jahre auch nicht friedlicher waren. Allerdings wurden die Toten damals nicht als Terroropfer sondern als Kriegstote gezählt.

Terror in Afghanistan und Indien
Tote durch Terrorismus seit 1970 im Nahen und Mittleren Osten mit Nordafrika (braun), dem subsaharischen Afrika (rot) und Südasien (Länder des indischen Subkontinent plus Afghanistan – blau).

Ohnehin ist in dieser Region die Zahl der Toten durch Terrorismus schon seit den 1980er Jahren hoch, der Konflikt zwischen Indien und Pakistan fordert seine Opfer, ebenso die religiösen Streitigkeiten, etwa die Verfolgung von Christen und Hindus in Pakistan oder von Muslimen in Indien.

Terror Weltregion
Anzahl der Terroropfer im Durchschnitt pro Jahr seit 1970 nach Weltregion.

Wobei angemerkt werden muss, dass dort auch besonders viele Menschen wohnen, die Gefahr durch Terrorismus zu sterben also dort nicht zwangsläufig besonders hoch ist. Mehr als 1,7 Milliarden Menschen leben dort, mehr als 20 Prozent der Weltbevölkerung.

Ähnlich viele Menschen leben in Ostasien, alleine 1,3 Milliarden in China. So gesehen ist die Zahl der Terrortoten dort mit 558 seit 2010 vergleichsweise gering. Noch weniger waren es in Australien und Ozeanien, wo in diesem Zeitraum nur sechs Menschen durch Terror starben. Seit 1970 zählt die Statistik in dieser Region 145 Menschen die durch Terrorismus starben, weniger als in Frankreich alleine im Jahr 2015. Der Großteil davon kam in den 1980er und 1990er Jahren in Papua Neuguinea ums Leben. Auch Nordamerika könnte eine terrorarme Region sein, wenn dort das Jahr 2001 nicht gewesen wäre.

Exkurs: 

Die Datenbank würde auch eine Auswertung nach der Nationalität des Zielobjekts erlauben (Variable natlty1_txt). Damit ist nicht die Nationalität des Opfers gemeint, sondern das eigentliche Ziel. Beispielsweise wird für die Ermordung von Faisal Mengal in Pakistan 2011 dort Deutschland als Ziel der Anschlags vermerkt. Das Opfer selbst war zwar Pakistani, arbeitete aber für die deutsche Hans-Seidel-Stiftung.

Wie gut sind die Daten?

Mit der Datenquelle habe ich mich ja schon im vergangenen Beitrag beschäftigt. Manche Ereignisse sind fehlerhaft zugeordnet, beispielsweise der falschen Region. Bei anderen ist umstritten, ob es sich wirklich um Terrorismus handelt. Beispielsweise bei einer Busentführung in Köln im Jahr 1995. Sie wird von der Datenbank als Terrorereignis klassifiziert, bis heute weiß aber niemand, was der Entführer eigentlich wollte, da er keine Forderungen außer die nach einem russischsprachigen Übersetzer stellte bevor er erschossen wurde.

Im Beitrag zeigt es sich ja immer wieder: Die Gesamtentwicklung der Toten durch Terrorismus lässt sich nur schwer interpretieren, ohne auch andere Formen der Gewalt zu betrachten. Denn die Abgrenzung ist fließend. Im übernächsten Beitrag werde ich deshalb das Thema Gewalt etwas allgemeiner in den Blick nehmen.

Auffällig ist auch, dass es in Diktaturen weniger Tote durch Terrorismus gibt. Das gilt nicht nur für den Irak vor dem Sturz Saddam Husseins, sondern auch für Osteuropa vor der Wende. Da stellt sich natürlich die Frage, wie hoch die Dunkelziffer in diesen Ländern ist. Wie viele Terroranschläge werden vertuscht und tauchen nicht in der Statistik auf?

Allerdings sind auch große Ereignisse, die sich nur schwer vor den Augen der Weltöffentlichkeit verbergen lassen, in diesen Ländern seltener. Dagegen tauchen viele Anokratien ganz vorne in der Liste der Länder mit den meisten Terrorismus-Opfern auf. Es scheint, als ob es auch hier einen Tocqueville-Effekt gibt. Der französische Historiker und Politikwissenschaftler Alexis de Tocqueville hatte im 19. Jahrhundert die Theorie aufgestellt, dass Revolutionen nicht dann ausbrechen, wenn die Repression am größten ist, sondern wenn kleine Zugeständnisse gemacht werden. Offenbar gilt ähnliches für den Terrorismus. 

Demokratie 1973

Demokratie 2015
Im Vergleich zu 1973 gibt es 2015 nicht nur mehr Demokratien, sondern auch mehr Anokratien, also halbdemokratische Staaten. Diese sind besonders vom Terrorismus betroffen. Beide Grafiken: ourworldindata.org

Bis Ende der 1970er Jahre gibt es außerdem nur wenige Tote außerhalb Westeuropas und Israels. Nun könnte man argumentieren, dass Palästinenser und europäische Linke den modernen Terrorismus erfunden hätten. Das erscheint aber etwas weit hergeholt angesichts der Tatsache, dass die Idee Menschen durch Attentate in Angst zu versetzen weder neu noch originell ist. Auch der Umstand, dass viele Länder damals Diktaturen waren könnte eine Erklärung bieten sowie die Tatsache, dass man in Staaten ohne entsprechend ausgebaute Medienlandschaft auch weniger Wirkung mit Terrorattacken erzielt.

Es bleibt aber auch der Verdacht, dass in jenen Zeiten schlicht viele Ereignisse nicht ihren Weg bis zu den Datensammlern in den USA fanden, die Daten bis 1980 oder sogar darüber hinaus also für viele Staaten unterzeichnet sind.

Fazit

Der Terror nimmt weltweit zu. Teilweise liegt das daran, dass der offene Bürgerkrieg durch den Terrorkrieg ersetzt wird. Länder mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen wie Irak, die Ukraine und Afghanistan sind für rund die Hälfe der Terrorismustoten im Jahr 2015 verantwortlich. Allerdings steigt die Zahl der Opfer auch in anderen Ländern. Betroffen sind weniger Diktaturen als vielmehr Länder an der Schwelle zwischen Demokratie und Diktatur (Anokratien).

In zwei Wochen werden wir zunächst die Entwicklung in Westeuropa unter die Lupe nehmen, bevor wir uns anderen Formen der Gewalt zuwenden und dann wieder erfreulichere Themen behandeln.

Daten zum Terror

Entsinnt sich noch jemand an „Dieses obskure Objekt der Begierde“, Luis Buñuels letzten Film aus dem Jahr 1977? Die Hauptpersonen bewegen sich durch eine Welt, in der ständig Autos und Läden in die Luft fliegen und Schießereien mit Terroristen an der Tagesordnung sind. Diese Anschläge linksradikaler Gruppen sind so normal, dass sie von den Protagonisten des Films  gar nicht wahrgenommen werden – außer als sie am Ende des Films durch eine Bombenexplosion in einer Einkaufsstraße getötet werden.

Wer in die Nachrichten blickt, der bekommt den Eindruck, dass Buñuels Vision fast Wirklichkeit geworden ist, nur dass es nicht links-, sondern rechtsextreme Terroristen sind, die hinter den Anschlägen stecken, allen voran islamistische. In Manchester töteten sie zuletzt zahlreiche Kinder und Jugendliche, eine Taktik die Islamisten im Ausland schon mehrfach angewandt haben. Wenig später kam es in London zu zwei weiteren Attentaten, eines von Islamisten und ein zweites von einem britischen Rechtsextremisten, das sich gegen Muslime richtete. Tatsächlich zeigen die Daten eine weltweite Zunahme des Terrors.

Auch Deutschland bleibt nicht verschont. Zwölf Menschen starben auf einem Berliner Weihnachtsmarkt, im April wurde eine afghanische Mutter vor den Augen ihrer Kinder bestialisch ermordet, nach Meinung ihrer Schwester weil sie vom Islam zum Christentum konvertiert war.

Tatsächlich gibt es mit der Global Terrorism Database der University of Maryland eine sehr umfangreiche Quelle. Ich möchte im heutigen Beitrag diesen Fragen nachgehen:

  1. Was misst die Global Terrorism Database?
  2. Wie gut sind die Daten?
  3. Was sagt uns das über die Entwicklung des Terrorismus?
  4. Wie sieht die Situation in Westeuropa aus?

Natürlich liegt es dabei nahe, das Thema aufzuspalten, wie ich das auch bei der Demokratie getan habe. Heute werde ich mich zunächst mit der Qualität der Daten befassen, übernächste Woche dann mit der Entwicklung des Terrorismus.

Was ist Terrorismus?

Terrorismus ist kein neues Phänomen. Aus der Bibel kennt man die Zeloten, denen ursprünglich auch einer der Jünger Jesus, nämlich Simon der Eiferer, angehörte. Oft wird diese Gruppe eher mit einer Guerillaarmee verglichen, die Sikarier ermordeten aber auch ganz gezielt einzelne politische Gegner oder Kollaborateure. Noch bekannter dürften die Assassinen sein, eine radikalislamische Sekte, die schon vor rund 1.000 Jahren durch Selbstmordattentate auf sich aufmerksam machte. Aber was unterscheidet Terror von anderen Formen der Gewalt?

Vom Brockhaus wird Terrorismus als „politisch motivierte Gewaltanwendung“ beschrieben, die aufgrund fehlender Erfolgschancen im offenen Kampf mit „meist grausamen direkten Aktionen“ die Hilflosigkeit des Staatsapparates bloßstellen will. Man könnte auch sagen, im Mittelpunkt steht das Verbreiten von Angst und nicht der militärische Erfolg, wobei beim islamistischen Terror immer mehr auch das physische Auslöschen des Gegners im Zentrum steht, was die Grenzen zum Genozid fließend macht. Letzterer gehört nicht in die Kategorie Terrorismus.

Kongo Wald
In der Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire) kommen bei bürgerkriegsähnlichen Gefechten immer wieder Menschen ums Leben. Als Terrorismus zählt das aber nicht. Foto: Irene2005

Auch der Staatsterror ist nach dieser Definition kein Terrorismus, ebenso wenig der Krieg. Das bringt natürlich Schwierigkeiten mit sich. Todesopfer im Irak zählen als Terroropfer, die im Vietnamkrieg getöteten mehreren Millionen Menschen nicht. Auch die Opfer von Genoziden wie in Ruanda werden üblicherweise nicht als Terroropfer gezählt.

Besonders schwierig ist aber die Grenze zum Bürgerkrieg. Der Überfall auf eine Militärstation im Bürgerkrieg wäre beispielsweise nach den üblichen Definitionen kein Terrorismus.

Die Datenquelle

So handhabt das auch die Global Terrorism Database der University of Maryland. An der Universität werden seit 1970 alle terroristischen Ereignisse gesammelt und erfasst, egal in welchem Land und ob mit oder ohne Todesopfer.

Die Daten lassen sich als Excel-Datei herunterladen, die Tabelle hat mehr als 150.000 Zeilen und über 100 Spalten. Erfasst wird fast jedes bekannte Detail, beispielsweise der genaue Ort mit Region, Staat, ggf. Bundesland, Stadt beziehungsweise Gemeinde und sogar mit den Koordinaten. Natürlich dürfen auch Angaben zur Waffe, der Art des Attentats (Bombenanschlag, gezielte Ermordung, Zerstörung von Infrastruktur…) zu den Attentätern und den Opfern nicht fehlen. Dabei gibt es ein Freitextfeld zur Beschreibung von Attentat und Opfer, aber auch eine Kategorisierung des Ziels, beispielsweise Airport & Aircrafts, Government oder Business. Auf diese targettyp1_txt genannte Variable folgt, wie bei vielen Spalten, eine Nummer, mit der die Textvariable codiert wurde. Government (general) ist beispielsweise mit 2 codiert, Government (Diplomatic) mit der 7. Es folgen Untertypen, beispielsweise bei Business Retail/Bakery/Grocery und schließlich ein Freitext, in dem dann etwa steht „Father owend Bakery“. Manchmal steht dort sogar ein Name. Es gibt natürlich auch noch einen targettyp2 und 3 sowie einen attacktyp 2. Diese Felder werden nicht immer gefüllt, sondern nur wenn eine Zuordnung nicht eindeutig möglich ist oder später noch eine genauere Beschreibung eingeführt wurde. Beispielsweise kann der targettyp1 „Clinic“ lauten und der targettyp2 Abortion related, also im Zusammenhang mit Abtreibung stehend. In den meisten Fällen wird aber nur eine Variable verwendet.

Amis haben keine Ahnung von Geographie
Das erste Attentat in der Liste fand in der Dominikanischen Republik statt. Auch die DDR taucht ganz vorne auf. Das liegt aber nur an den fehlenden Geographiekenntnissen der Datenerfasser.

Nicht alle Attentate enden tödlich. In einer Spalte wird die Zahl der Todesopfer erfasst, in der zweiten die darunter befindlichen US-Amerikaner und in einer dritten die Zahl der getöteten Terroristen. Das gleiche wird noch für die Verwundeten wiederholt.

Wie gut sind die Daten?

Die Daten sind also sehr detailliert, aber wie vollständig sind sie? Die Datenerfasser stützen sich auf eine ganze Reihe von Quellen und nennen diese auch immer, wobei meist auf ein anderes Projekt der University of Maryland (UMD) verwiesen wird, beispielsweise das UMD Encyclopedia of World Terrorism 2012. Die Primärquelle bleibt damit leider oft im Dunkeln.

Natürlich stellt sich die Frage, ob die Universität wirklich von jedem Anschlag erfährt, vor allem wenn er sich in einer Autokratie zuträgt. Das aber wäre wichtig um eine Vergleichbarkeit der Daten zu Gewährleisten. Schließlich gibt es im Vergleich zur Situation in den 1970er Jahren, als die Datenerfassung begann, deutlich weniger Diktaturen.

Wohnen
Nicht alles östlich der DDR-Grenze war auch DDR. Suhl, hier im Bild gehörte unzweifelhaft zur Deutschen Demokratischen Republik. Berlin dagegen gab es zweimal, einmal als West- und einmal als Ostberlin. Und Westberlin gehörte eben nicht zu DDR. Foto: Felix O.

Leider scheinen die Daten an mancher Stelle zwar sehr detailliert, aber oberflächlich gepflegt zu sein. Ganz oben, also als eines der ersten Attentate in der Liste, taucht auch ein Anschlag in der DDR auf. Ein Anschlag der Kommune 1 auf einen Juristenball im Palais am Funkturm in Ost-Berlin. Getötet wurde glücklicherweise niemand – anders als 1974, als in Berlin, DDR, der Richter Guenler [sic!] von Drenkmann ermordet wurde.

Das stutzt man. Schließlich wurde 1974 in West-Berlin, BRD, auch der Jurist Günter von Drenkmann ermordet. Er war einer der wenigen erfolgreichen Juristen in der Zeit des Dritten Reiches, der die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten verweigerte. Daher durfte er zunächst nicht Richter werden. Ermordet haben ihn allerdings nicht Neonazis, sondern Linksextremisten.

terrorismusopfer
Gedenktafel für den Richter Günter von Drenkmann. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen verweigerte er den Eintritt in die NSDAP und durfte daher zunächst nicht Richter werden. In der Bundesrepublik stieg er bis zum Präsidenten des Kammergerichts auf, wurde aber bei einem fehlgeschlagenen Entführungsversuch von Linksterroristen getötet.

Es fällt auf, dass Westberlin (in der Tabelle nur mit „Berlin“ bezeichnet)  vor 1990 überwiegend der DDR zugeordnet wird. Damit aber nicht genug. Auch dort wo explizit East-Berlin draufsteht, ist nicht immer Ost-Berlin drin. Der Palais am Funkturm ist nämlich in Westberlin gelegen.

Die meisten Anschläge mit Todesopfer in der DDR sind auf den ersten Blick als falsch zugeordnet zu erkennen. Einziger Fall in der Datei, der tatsächlich korrekt der DDR zugeordnet wurde, ist die Ermordung des Libyers Mohammad Ashour 1984. Allerdings gehört auch dieser Fall womöglich gar nicht in die Liste, denn die Täter waren möglicherweise Handlanger des libyschen Geheimdienstes.

Besonders peinlich für die Datenerfasser ist aber, dass man den kompletten Datensatz für das Jahr 1993 verloren hat. Bis heute erhält sie keine Informationen für das Jahr. Wie erwähnt enthält sie auch noch keine Informationen über 2016.

Hinzu kommt, dass die Zuordnung nicht immer leicht ist. Was ist mit dem oben beschriebenen Fall der ermordeten Afghanin? Zunächst einmal ist es unklar, ob die Datensammler in den USA den Fall überhaupt mitbekommen haben. Die meisten Zeitungen berichteten sehr zurückhaltend über den Fall und das mögliche Motiv Christenhass. Hinzu kommt, dass der Täter bereits mehrfach in psychiatrischer Behandlung war. Möglicherweise war es weniger die Tat eines berechnenden Terroristen als eines psychisch Kranken. Die Grenzen sind fließend.

Fazit

An einigen Stellen haben die Mitarbeiter des Projekts leider schlampig gearbeitet. Trotzdem ist die Global Terrorism Database eine der besten Quellen zu dem Thema. Wir werden im kommenden Beitrag sehen, dass einige Entwicklungen so deutlich sind, dass auch die falsche Zuordnung von einzelnen Fällen keine Auswirkungen hat. Was die Daten uns sagen, werde ich in zwei Wochen vorstellen. Eine deutliche Zunahme des Terrorismus weltweit kann ich aber jetzt schon ankündigen.

Wein auf Bier, das rat‘ ich dir.

Nach so vielen ernsten Beiträgen soll es jetzt mal wieder um die leichteren Themen gehen, wie es beim Statistiker-Blog ja gute Tradition ist. Das Thema Alkohol hatten wir schon lange nicht mehr, sind heute Wein und Bier die Themen.

Bier
Wein oder Bier? Die Vorlieben sind regional verschieden.

Schon vor fast fünf Jahren habe ich ja darüber geschrieben, dass in Deutschland trotz rückläufigem Bierkonsum die Zahl der Brauereien steigt. Das ist eine doppelt gute Nachrichten, denn bekanntlich ist Alkohol eine ziemlich heftige Droge ist, der jedes Jahr viele Menschen zum Opfer fallen. Wein und Bier sind aber auch einfach lecker und deshalb ist es gut, wenn die Verbraucher mehr auf Qualität als auf Quantität achten.

Diese Entwicklung hat sich im Prinzip fortgesetzt. 2016 gab es 1.408 Braustätten, 2011 waren es noch 1.347 gewesen. Allerdings ist zuletzt auch die erfasste Biermenge angestiegen. Nicht aber wegen eines höheren Konsums in Deutschland, sondern wegen deutlich höherer Exporte in Länder außerhalb der EU. Wobei leider aus der Statistik nicht hervor geht, in welchem Maße gleichzeitig auch die Importe stiegen. Die Statistik wird nämlich auf Basis der Biersteuer erstellt. Das heißt, dass Exporte zwar gesondert erfasst werden, weil sie steuerbefreit sind, nicht aber Importe. Die werden genauso wie Inlandsproduktionen besteuert.

Wie sieht es beim Wein aus? Hier ist es noch komplizierter. Denn nur ein kleiner Teil des hierzulande konsumierten Weines wird auch in Deutschland produziert. Gerade Rotwein kommt oft aus dem Ausland. Wirklich gut erfasst ist allerdings vor allem der Weinbau.

Weinberg
Weinberge in Franken

Hier sind die Daten eindeutig. Von 2007 bis 2016 sank die in Deutschland produzierte Wein- und Mostmenge um rund zwölf Prozent. Getroffen hat das vor allem die günstigen Weine, also Tafel- und Landweine. Sie verzeichnen in nur neun Jahren einen Rückgang um 42 Prozent. Bei Qualitäts- und Prädikatsweinen ging die Produktion „nur“ um rund zehn Prozent zurück. Ohnehin haben Land- und Tafelweine aber nur einen geringen Anteil, 2007 waren es gerade mal 5,5 Prozent, 2016 noch 3,7 Prozent.

Insgesamt ist die Produktion von Rotwein und Rotweinmost stärker gesunken als die bei Weißwein und Weißweinmost. Lange Zeit versuchten sich deutsche Winzer mit Rotweinen, weil die beim deutschen Weintrinker immer beliebter wurden. Allerdings oft nur mit mäßige Erfolg, für dunkle Rotweine ist in Deutschland vermutlich zu wenig Sonne. Wohl deshalb besinnen die Winzer sich wieder stärker auf den Weißwein. Jedenfalls sank die Wein- und Mostmenge von 2007 bis 2016 beim Rotwein um 19 Prozent auf 3.369 Tausend Hektoliter, beim Weißwein nur um neun Prozent auf 5.643 Tausend Hektoliter. Wobei beim Rotwein nicht nur der Rosé mitgerechnet wird, der ja aus roten Trauben gemacht wird (die aber wie Weißwein ohne Maische vergoren werden), sondern auch der Rotling, bei dem grüne Trauben (also „Weißweintrauben“) mit verarbeitet werden.

Beim Wein liegt Deutschland im Mittelfeld. Weinverbrauch pro Kopf in Litern in ausgewählten Ländern; Quelle: Office International de la Vigne et du Vin

Zuletzt ist die Weinmenge allerdings weitgehend gleich geblieben. Im Jahr 2016 lag sie mit 9.013 Tausend Hektolitern etwa auf dem Niveau von 2012 (9.012 Tausend Hektoliter). Gegenüber dem Vorjahr gab es sogar ein kleines Plus von 2,2 Prozent bei der Weinmostherstellung. Wichtigste Anbaugebiete sind Rheinhessen mit 29 Prozent der Weinerzeugung, Pfalz (19 Prozent), Mosel (13 Prozent), Baden (14 Prozent), Württemberg (13 Prozent) und Franken (5 Prozent).

Wie sich der Weinkonsum entwickelt hat können wir daraus natürlich noch nicht schließen, denn die Importe fehlen. Das Deutsche Weininstitut erstellte eine genauere Bilanz. Dabei werden die Weinimporte addierte, die Weinexporte abgezogen. Auf diesem Feld kann man Deutschland übrigens nichts vorwerfen, das Land importiert rund 16 Millionen Liter Wein und exportiert nur rund 4 Millionen Liter. Zieht man noch die 750.000 Hektoliter Weinmost ab, die zu Essig verarbeitet oder destilliert werden und teilt das durch die Gesamtbevölkerung, dann kommt 2013/2014 man auf einen theoretischen Weinverbrauch von rund 24,4 Liter pro Kopf. Das ist etwas mehr als die 23,8 Liter fünf Jahre zuvor. Wobei sich die 24,4 Liter natürlich sehr ungleich auf die Bevölkerung verteilen, zumal bei der Gesamteinwohnerzahl ja auch Kinder mit enthalten sind. Anders als noch vor 100 Jahren trinken die heute kaum noch Alkohol.