Statistiker-Blog

Die Schulkrise

Wir haben in Deutschland eine Schulkrise. Nein, es geht hier nicht um Hauptschulen, die in Bayern jetzt  Mittelschulen heißen (traditionell eine alternative Bezeichnung für Realschulen). Es geht um einen gänzlich anderen Schultypus, nämlich die Baumschulen. Wer Kinder oder ein gutes Gedächtnis hat weiß, dass dem Räuber Hotzenplotz im dritten Band der Kinderbuchreihe von Kasperl und Seppel als neuer Beruf „Zeichenlehrer in einer Baumschule“ vorgeschlagen wird. Am Ende wird der brav gewordene Räuber aber doch Wirt.

Eine gute Wahl, denn obwohl auch die Zahl der Gastwirtschaften zurück geht, so ist die der Baumschulen in den vergangenen fünf Jahren geradezu eingebrochen. Mit 1.714 Betrieben gab es 527 weniger als fünf Jahre zuvor, ein Minus von 23,5 Prozent.

Landwirtschaft

Auch in der Landwirtschaft gibt es einen Trend zu größeren Einheiten. Allerdings gibt es auch einen Gegentrend, die Zahl der Menschen die wieder selbst Gemüse anbauen oder sich Hühner im Garten halten wächst.

Nun geht die Zahl der Betriebe praktisch überall in der Land- und Forstwirtschaft zurück. Allerdings steigt im Gegenzug die Größe der Betriebe. Das gilt auch für die Baumschulen, doch kann der Zuwachs in der Betriebsgröße den Rückgang bei der Zahl der Unternehmen nicht ausgleichen. 2017 bewirtschafteten die statistisch erfassten Baumschulen 10,9 statt 9,7 Hektar. Wobei Baumschulen mit weniger als 0,5 Hektar Fläche nicht erfasst werden, die durchschnittliche Baumschule also insgesamt deutlich kleiner sein dürfte – je nachdem wie viele dieser Betriebe es gibt.

Langfristiger Trend

Die gewachsene Größe gleich den Rückgang bei der Zahl aber nicht aus. Insgesamt sank die von Baumschulen bewirtschaftete Fläche um 3.140 Hektar oder 14,4 Prozent. Dahinter verbirgt sich ein schon lange anhaltender Trend.

Üblicherweise findet die Baumschulerhebung alle vier Jahre statt, der verlängerte Zeitraum von fünf Jahren zwischen der Erhebung 2012 und der 2017 ist eine Ausnahme. Deshalb haben wir Daten für das Jahr 2017, 2012 und jeweils das vierte Jahr davor, beispielsweise 2008 und 2004.

Von 2004 bis 2008 sank die bewirtschaftete Fläche um 2.923 Hektar oder 11,5 Prozent. In den folgenden vier Jahren war der Rückgang mit 3,7 Prozent erstaunlich gering. Erstaunlich auch deshalb, weil 2012 die Abschneidegrenze geändert wurde. Das hat nichts mit dem Schneiden von Bäumen zu tun, sondern mit der Grenze ab der Betriebe überhaupt erfasst werden. Die Zahl der erfassten Baumschulen sank damals um 26,2 Prozent, allerdings vor allem weil viele kleine Unternehmen jetzt nicht mehr berücksichtigt wurden. Weil kleine Firmen per Definition aber klein sind – in diesem Fall an bewirtschaftetem Land – hat sich die Fläche durch die Änderung kaum verändert. Trotzdem, von dem ohnehin geringen Rückgang von 3,7 Prozent ist ein Teil auf die statistische Änderung zurückzuführen. Das bedeutet, dass die tatsächliche Fläche von 2008 bis 2012 noch weniger stark gesunken ist – anders als in den Jahren davor und danach.

Rückgang bei was?

Nun wäre die Frage sehr spannend, warum die bewirtschaftete Fläche von 2012 bis 2017 so stark gesunken ist. Kaufen die Leute weniger Büsche und Bäume für ihren Garten? Oder sind es die Bauern, die weniger Obsthölzer pflanzen? Oder die gar im  Ausland kaufen?

Natur in der Stadt

Von der grünen Stadt ist viel die Rede. Die Realität sieht aber anders aus, viel Eigenheimbesitz betonieren ihre Gärten oder wandeln sie in pflegeleichte Steinwüsten um. Eine positive Ausnahme ist dieser Bahnhof auf der Nürnberger Ringbahn, bei dem der Bahnsteig mittlerweile zugewachsen ist. Das ist aber kein Verdienst der Stadtplaner, sondern Folge der Stilllegung des Bahnhofs.

Das Statistische Bundesamt selbst äußert sich dazu im Bericht nicht. Leider lässt sich auch nicht wirklich feststellen, welche Pflanzenarten heute seltener gepflanzt werden als vor fünf Jahren. Zwar gibt der Bericht Auskunft darüber, dass die Fläche auf der Obstgehölze gezogen werden um 11,6 Prozent stieg, dagegen Rosenunterlagen auf 38,7 Prozent weniger Fläche angebaut werden. Allerdings werden „Baumschulflächen unter hohen begehbaren Schutzabdeckungen“ seit 2017 nur noch pauschal erfasst. Für diese fast 1.000 Hektar wissen wir nicht mehr, was dort wächst. Entsprechend kann der deutliche Rückgang bei den Rosensträuchern auch darauf zurückzuführen sein, dass viele Pflanzungen jetzt nur noch unter „Bauschschulflächen unter hohen begehbaren Schutzabdeckungen“ erfasst werden und nicht mehr gleichzeitig auch als Rosen.

Obstbäume

An weniger Obstbäumen liegt der Rückgang der Baumschulfläche nicht.

Es ist leider eine Krankheit der amtlichen Statistik, dass man stetig bemüht ist die Erfassung zu verbessern, dabei die Auswertbarkeit aber eher eingeschränkt wird, weil Zeitreihenbrüche entstehen. Schön wäre es, wenn in solchen Übergangsjahren Daten nach den alten und neuen Regularien erhoben würde, um abzuschätzen, welche Effekt die Änderung der Erfassungskriterien hatte.

Immerhin wissen wir aber, dass der Großteil der Baumschulflächen Freiflächen sind, nämlich 16.095 der 18.613 Hektar. 1.500 Hektar entfallen auf sogenannte Containerflächen. Wenn ich das richtig verstanden habe, handelt es sich dabei um eine Art Gewächshäuser. Was natürlich die Frage aufwirft, wo genau der Unterschied zu den 969 Hektar unter Schutzabdeckungen liegt.

Fazit

Letztendlich wissen wir nicht genau, warum die Baumschulflächen so zurück gegangen sind. Es handelt sich allerdings um eine reale Entwicklung und nicht um ein statistisches Artefakt. Allerdings könnte der Grund dafür weniger Verkäufe von Bäumen und Sträuchern sein, ebenso aber eine höhere Effizient. Beispielsweise weil die Gewächse weniger lang in der Baumschule bleiben oder weniger Platz beanspruchen.

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Ungläubige weltweit

Religion ist wieder ein Thema. Wobei das auch nicht ganz stimmt, meist geht es im Zusammenhang mit Religion ausschließlich um den Islam. Wer bei ZEIT online das Thema Religion aufruft, erhält fast ausschließlich Beiträge zu diesem Thema. Der Statistiker-Blog hat sich ja vorgenommen über Themen abseits dessen zu berichten, was täglich in der Zeitung steht. Nein, auch das Christentum soll heute nicht das Thema sein, sondern die Atheisten.

Atheisten und Agnostiker

Die Überschrift „Ungläubige weltweit“ ist allerdings nicht ganz richtig. Ich habe sie vor allem gewählt, weil sie so provokativ ist. Denn Atheisten glauben, dass es keinen Gott gibt. Dieser Satz schon macht deutlich, dass auch Atheisten eigentlich glauben. Sie glauben eben, dass es keinen Gott gibt. Und viele vertreten diese These auch mit der gleichen Inbrunst wie Theisten ihre Relgion.

Ziemlich großes Steinkreuz in Mallorca.

Wirklich „ungläubig“ sind eigentlich nur Agnostiker. Die sind der Meinung, dass sich grundsätzlich keine Aussagen über die Existenz oder Nichtexistenz eines oder mehrere Götter treffen lassen.

Nun sind alle vernünftigen Menschen sicher in einem gewissen Maße Agnostiker. Denn jedem sollte klar sein, dass es bisher weder empirische noch logische Argumente für die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes oder gar die ein oder andere Religion gibt. Es ist eben Glaubenssache. So sind auch viele Christen, Muslime, Buddhisten oder Atheisten ein Stück weit Agnostiker.

Oft wird Agnostizismus trotzdem mit Atheismus gleichgesetzt. Ich werde mich aber, soweit die Daten es erlauben, nur auf Atheisten beziehen, nicht auf Agnostiker.

Das Datenproblem

Schwieriger ist es, Daten zu dem Thema zu finden.Letztendlich stütze ich ich vor allem auf eine Studie von WIN-Gallup International, die allerdings schon aus dem Jahr 2012 stammt (Religiosity and Atheism). Sie unterscheidet nach folgenden Kategorien

  1. Religiöse Person,
  2. nicht-religiöse Person (aber kein überzeugter Atheist),
  3. überzeugte Atheisten.

Agnostiker werden hier nicht erfasst, auch grenzt die Bezeichnung „überzeugte Atheisten“ den Kreis ziemlich ein. Bei der Einteilung in religiös/nicht religiös gibt es außerdem ein paar Unklarheiten. Wann ein Mensch sich als religiös bezeichnet, hängt auch von der Referenz ab. Das zeigt das Beispiel der Türken.

Unreligiöse Türken?

Laut der WIN-Gallup-Studie bezeichneten sich im Jahr 2012 gerade einmal 23 Prozent der Türken als religiös. In Deutschland sind es dagegen 51 Prozent, in Italien 73 Prozent und im der Türkei benachbarten Armenien sogar 92 Prozent.

Nun könnte natürlich unsere Wahrnehmung falsch sein. Die Türkei fällt aber auf, weil es dort auch nur wenige Atheisten (2 Prozent – Deutschland 15 Prozent) gibt, stattdessen gibt es in keinem Land so viele nicht religiöse und trotzdem nicht atheistische Menschen (73 Prozent, Deutschland 33 Prozent). Und immerhin hat man dort einen streng religiösen Präsidenten gewählt.

Da liegt der Verdacht nahe, dass angesichts der religiösen Regierung und vieler streng religiöser Nachbarländer (Armenien 92 %, Irak 88 %) viele Türken etwas anders unter „religiös“ verstehen als die meisten Deutschen. Wir haben also eine Einschränkung bei der Vergleichbarkeit. Die Türkei ist außerdem ein Sonderfall, meist beherbergen Länder mit wenigen Atheisten auch einen hohen Anteil an Menschen an Menschen, die sich als religiös bezeichnen. Außerdem wenden wir uns ja vor allem den Atheisten zu, nicht den religiösen Menschen.

Die Situation in Deutschland

In Deutschland wird Religionszugehörigkeit oft mit der Mitgliedschaft in einer der großen christlichen Kirchen gleichgesetzt. Diese Sichtweise führt uns aber nicht weiter. Auch unter Kirchenmitgliedern kann es Atheisten geben, die nur aus Tradition, Bequemlichkeit oder der sozialen Arbeit der Kirchen wegen dort Mitglied bleiben. Außerdem sind nicht alle konfessionslosen Menschen Atheisten. Neben den Agnostikern gibt es auch all jene, deren Kirche keine Körperschaft öffentlichen Rechts ist. Das gilt für die meisten (aber nicht alle) Moscheegemeinden, für andere Religionen, aber auch für christliche Freikirchen.

Statistik Atheismus

In diesem Weinberg in Unterfranken haben gläubige Winzer eine Mariengrotte eingerichtet.

15 Prozent der Deutschen sind überzeugte Atheisten

Nach Daten des Meinungsforschers WIN-Gallup bezeichnen sich in Deutschland 51 Prozent der Menschen als religiös. Dabei wurde nur die Selbstauskunft berücksichtigt, also nicht die Frage, ob man Mitglied einer Kirche ist. Außerdem sind in diesen Daten auch alle anderen Religionen enthalten, von Freikirchen über den Islam bis hin zu germanischen Kulten. 15 Prozent sind überzeugte Atheisten, der Rest (33 Prozent) ist nicht religiös, aber auch nicht überzeugt atheistisch.

Atheisten in Deutschland Statistik

Die Daten des ALLBUS weichen etwas von denen von WIN-Gallup ab. Aussagen über Gott. Quelle: ALLBUS 2002

Allerdings dürfte die Verengung auf „überzeugte Atheisten“ die Zahl der Atheisten insgesamt unterzeichnen. Laut ALLBUS 26 Prozent aller Deutschen nicht an einen Gott oder ein anderes höheres Wesen. 15 Prozent sagen „Ich weiß nicht, was ich glauben soll“. Die unterschiedliche Fragestellung führt hier zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Halten wir also fest, zwischen 15 und 25 Prozent der Deutschen sind Atheisten, wobei die ALLBUS-Daten ja schon etwas älter sind. Zum Agnostizismus lassen sich keine Aussagen treffen.

Atheisten weltweit

Laut WIN-Gallup sind nur 7 Prozent der Weltbevölkerung überzeugte Atheisten. Andere Umfragen grenzen den Atheismus etwas weniger stark ein, die Encyclopedia Britannica spricht von 11,6 Prozent, fasst aber Religionslose und Atheisten zusammen. Zu den Religionslosen gehören ja auch die Agnostiker. So oder so ist der Atheismus aber eine der größten Glaubensrichtungen.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung sind Christen oder Muslime. Auch Hindus gibt es, nach Daten der Encyclopedia Britannica, häufiger als Atheisten. Das mag zunächst überraschen, da man diese Religionsgemeinschaft ausschließlich mit Indien in Verbindung bringt und viele Inder außerdem Muslime sind. Allerdings hat Indien so viele Einwohner (1,3 Milliarden, rund 17 Prozent der Weltbevölkerung), dass trotzdem rund 13,6 Prozent der Weltbevölkerung Hindus sind.

Atheistische Chinesen

Ähnlich viele Menschen wie in Indien leben in China. Deshalb gibt es nach Daten der Encyclopedia Britannica fast so viele Angehörige chinesischer Volksreligionen wie Buddhisten.

Dass es nicht mehr sind, liegt an der traditionellen Vielfalt der Religionen in China, aber auch an der hohen Zahl an Atheisten. In der Volksrepublik war der Atheismus offizielle Ideologie, so wie auch in der DDR, der UdSSR oder Tschechien. Dass er in China besonders gefruchtet hat könnte damit zusammenhängen, dass das Land schon immer religiös sehr tolerant war. Gleich drei große Lehren gab es mit Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Wobei letzterer ohnehin mehr eine Philosophie als eine Religion wie Buddhismus oder Hinduismus ist.

Für eine Reihe von Ländern weißt WIN-Gallup Werte von 0 Prozent für die Kategorie „überzeugte Atheisten“ aus. Dazu zählen die „üblichen Verdächtigen“ wie Afghanistan, der Irak, Malaysia, Aserbeidschan, Tunesien und Ghana, aber auch Vietnam. Vietnam ist in diesem Zusammenhang aber ein Exot, ähnlich wie die Türkei. Denn mit 30 Prozent bezeichnen sich dort auch wenige Menschen als religiös, während alle anderen genannten Länder hier hohe Werte haben. Es gibt in Vietnam also sehr viele nicht-religiöse Menschen, die trotzdem keine überzeugten Atheisten sind.

Atheisten Daten

Länder mit dem höchsten Anteil an Atheisten.

Unklar ist natürlich, wie stark in Ländern wie dem Irak oder Afghanistan aber auch Malaysia die Angst vor Sanktionen dazu führt, dass man sich nicht als Atheist „outet“. Zumal die Interviews in Afghanistan nicht per Telefon oder online durchgeführt wurden, sondern im direkten Gespräch.

Nordasien mit vielen Atheisten

Betrachtet man statt einzelner Länder Regionen, finden sich die mit Abstand meisten Atheisten in Nordasien. Kein Wunder, China mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern umfasst den Großteil dieser Region und auch Japan und Südkorea liegen hier. Nordkorea wurde nicht in die Umfrage einbezogen, da das Land aber nach wie vor stalinistische regiert wird, ist hier der Atheismus sogar Staatsreligion.

Atheismus Daten

Atheisten nach Weltregionen – sortiert nach Atheisten, bei gleich hohem Anteil nach Anteil der nicht religiösen Menschen.

Wenig überraschend ist auch Westeuropa die einzige weitere Region, in der es die Atheisten über die 10-Prozent-Grenze schaffen. Nordamerika liegt, trotz der vielen streng religiösen Menschen in den USA, in Sachen Atheismus mit 6 Prozent sogar noch vor den Osteuropäern (5 Prozent).

Besonders wenige Atheisten gibt es in Ostasien (ohne Nordostasien), allerdings umfasst diese Region nur die Länder Vietnam und Malaysia, die beide 0 Prozent an Atheisten ausweisen. In Indien (hier Südasien genannt, Daten liegen aber nur für den Staat Indien vor, nicht etwa für Bangladesch) und Westasien sind 3 Prozent, in Afrika, Lateinamerika und der arabischen Welt sind es sogar nur 2 Prozent.

Atheismus nach Religionszugehörigkeit

WIN-Gallup untersuchte die Zahl der Atheisten auch nach Religionszugehörigkeit. Das hört sich zunächst paradox an, doch wie wir gesehen haben gibt es auch Mitglieder der christlichen Kirchen, die sich als Atheisten bezeichnen. Nun schränkt WIN-Gallup die Kategorie auf „überzeugte Atheisten“ ein. Die gibt es erwartungsgemäß vor allem bei jenen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zuordnen. 45 Prozent sagen hier „Ich bin überzeugter Atheist“, 47 Prozent bezeichnen sich als nicht religiös, aber nicht überzeugt atheistisch. Immerhin nennen sich auch drei Prozent dieser Gruppe religiös, obwohl sie sich keiner Glaubensgemeinschaft zuordnen.

Bei den Menschen, die sich einer Religionsgemeinschaft zuordnen, gibt es erwartungsgemäß nur wenige Atheisten. Einmal, weil deren Anteil an der Bevölkerung über alle untersuchen Regionen ja nur bei 7 Prozent liegt. In jenen Ländern, für die eine genaue Untersuchung nach der sich die Daten nach Religionszugehörigkeit aufschlüsseln lassen sind es immerhin 12 Prozent – gegenüber 61 Prozent religiösen Menschen.

Vor allem sehen sich Atheisten aber meist nicht mehr als Christen oder Buddhisten, sondern eben als keiner Religionsgemeinschaft zugehörig. Tatsächlich nennt sich nur ein Prozent der Christen (egal ob protestantisch, katholisch, orthodox oder sonstiges) atheistisch, bei den Buddhisten sind es sogar Null Prozent.

Aus dem Rahmen fallen neben den Sonstigen aber die Muslime und Hindus. Hier sind immerhin 3 Prozent überzeugte Atheisten. Bei den Muslimen bezeichnen sich mit 74 Prozent auch besonders wenige Menschen als religiös (Buddhisten 97 Prozent, evangelische Christen 83 Prozent). Wie passt zu unserem Bild von Muslimen als besonders religiös?

Darauf gibt es verschiedene Antworten. Die eine ist natürlich, dass eben auch nicht alle Muslime streng ihre Religion befolgen. Entscheidender ist aber ein anderer Punkt. Tatsächlich gibt es in den traditionell protestantischen Regionen wie den Niederlanden besonders viele Atheisten (14 Prozent, einschließlich des traditionell katholischen Südens). Allerdings bezeichnen sich die auch meist nicht mehr als evangelische Christen, auch wenn ihre Eltern das einst waren. Auch das traditionell buddhistische Japan steht mit 31 Prozent Atheisten ganz vorne auf der Liste der atheistischsten Länder. Allerdings sehen sich diese Menschen meist nicht mehr als Buddhisten.

Atheisten

Religion ist oft im kulturellen Leben einer Stadt präsent, wie hier bei einer Fronleichnamsprozession im Juni 2017.

Das gilt offenbar vor allem für buddhistische und evangelische Regionen. Schon eine Reise durch Deutschland zeigt, dass der Katholizismus in der Alltagskultur deutlich präsenter ist als der Protestantismus. Noch stärker gilt es für den Islam oder das Judentum. Regeln wie das Schweinefleischverbot werden teilweise auch von Menschen befolgt, die gar nicht religiös sind. Oder wie es ein türkischstämmiger, nicht besonders religiöser Nachbar mir mal erklärte: „Das ist für mich so wie für euch Rattenfleisch essen“.

Die geringe Zahl von Atheisten und die hohe Zahl von religiösen Menschen unter Protestanten und Buddhisten liegt also weniger am Erfolg dieser Religionen, sondern daran, dass sich nicht religiöse Personen sich auch diesen Religionen nicht mehr zugehörig fühlen, während deutlich mehr nicht-religiöse oder gar atheistische Juden oder Muslime sich trotzdem noch diesen Religionen zuorden.

Die Entwicklung

Als ich in die Schule kam, gab es bei uns vier Klassen. Eine war eine reine „Gastarbeiterklasse“, in der ausschließlich türkische Kinder unterrichtet wurden. Wenn man heute über das Thema Integration streitet muss man sagen, dass zumindest bei uns (Unterfranken im Freistaat Bayern) vor 30 Jahren Integration auch gar kein Ziel war. Der Unterricht dort fand, so weit ich das weiß, teilweise sogar in türkischer Sprache statt.

Aber ich schweife ab. Von den drei „regulären“ Klassen gab es in zweien ausschließlich katholische Schüler, unsere 1c bestand zur Hälfte aus katholischen Schülern und zur anderen aus evangelischen. Und dann gab es da noch ein einzelnes Mädchen, das gar nicht getauft war. Die Eltern kam natürlich auch nicht aus der Region, sondern aus Nordrhein-Westfalen, wo sowieso alles schlimm war.

CSU schwul

Temporas mutantur…
Die Zeiten ändern sich – Schlagzeile der Nürnberg Ausgabe der BILD-Zeitung aus dem Jahr 2016.

Das hat sich komplett geändert, in Deutschland sind viele Kinder längst nicht mehr getauft. Auch werden selbst in Bayern Schulklassen meist nicht mehr nach religiösen Gesichtspunkten zusammengestellt. Bis in die 1960er Jahre hatte es in Bayern übrigens noch getrennte Schulen für katholische und evangelische Kinder gegeben.

Heißt das, dass auch der Atheismus zunimmt? Ja, zumindest in den meisten Ländern. In Deutschland stieg er von 2005 bis 2012 um 5 Prozentpunkte. Damit liegt das Land im oberen Bereich, aber deutlich hinter Japan (8 Prozentpunkte), Tschechien (10 Prozentpunkte) oder gar Frankreich (15 Prozentpunkte). Insgesamt nahm der Anteil der Atheisten weltweit von 4 auf 7 Prozent um 3 Prozentpunkte zu.

Es gibt allerdings auch ein paar Ausnahmen. In einigen Ländern Spanien sank der Anteil um einen Prozentpunkt, das ist bei 1146 Befragten nur ein Rückgang um elf Personen. Eigentlich sogar nur um sechs, da ab 0,5 Prozent aufgerundet wird. Das kann einfach Zufall sein.

Dagegen sank die Zahl der Atheisten in Bosnien-Herzogovina deutlich von 9 auf 4 Prozent, in Malaysia von 4 auf 0 Prozent. In Malaysia stieg gleichzeitig auch der Anteil der religiösen Menschen von 77 auf 81 Prozent. Dagegen sank er in Bosnien um sieben Prozentpunkte von 74 auf 67 Prozent.

Fazit

Die Zahl der überzeugen Atheisten steigt weltweit, allerdings nur leicht. Nach wie vor sind sie aber nur eine kleine Gruppe. In einigen Ländern sinkt ihr Anteil sogar. Allerdings stellt sich an einigen Stellen auch die Frage nach der Datenqualität. Beispielweise sank in Frankreich die Zahl der religiösen Personen von 58 auf nur 31 Prozent, während der Anteil der Atheisten von 14 auf 29 Prozent hoch schnellte. Bedenkt man, dass solche Veränderungen oft über Generationen hinweg stattfinden, ist das sehr viel für einen Zeitraum von nur sieben Jahren. Womöglich gab es hier eine methodische Änderung.

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Digitalabos im Test

Werden E-Paper die Zeitung retten? Nur, wenn es Angebote gibt, die nicht nur inhaltlich gut sind, sondern auch bequem nutzbar. Deshalb habe ich eine Reihe von Online-Kiosken getestet. Einige nutze ich selbst, bei anderen beschreibe ich nur ohne sie selbst zu nutzen. Provisionen oder eine andere finanzielle Unterstützung erhalte ich übrigens von keinem der Anbieter. Es handelt sich also um meine rein private Meinung.

Denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass Kostenlos-Angebote und Blogs den Journalismus nicht ganz ersetzen können, auch wenn ich der Profession keineswegs unkritisch gegenüber stehe. Wer sieht, wie beispielsweise eine große Autozeitung aus dem Axel Springer Verlag in der aktuellen Ausgaben gegen Radfahrer hetzt („Sie nehmen uns unsere Straße weg“) kann sich nur wundern, wie überzeugt viele Journalisten von ihrer eigenen Bedeutung sind und selbst in Computerzeitschriften wie Chip gegen das Internet wettern.

Readly

Ich habe seit etwa zwei Monaten rund 2.200 Zeitungen abonniert. Genauer gesagt leiste ich mir seitdem eine Zeitschriften-Flatrate, die auf den Namen Readly hört und rund zehn Euro im Monat kostet, also ähnlich viel wie auch Musik- und Video-Streamingdienste.

Der Dienst kommt, genauso wie der Musik-Streamer Spotify, aus Schweden und verfolgt auch ein ähnliches Konzept: Einmal monatlich zahlen und dann unbegrenzt nutzen.

Rund 600 der 2.200 Titel sind deutschsprachig. Zugegeben, die meisten sind für mich völlig uninteressant. Viele Klatschzeitschriften sind darunter, von den meisten wie „Meine Melodie“ hatte ich noch nie gehört.

Auch Special Interest Titel sind viele darunter. Man findet Zeitschriften für Wanderfreunde, Radfahrer, Handballer und Hobbyfotografen. Ja sogar welche für Anhänger von Baggern und Panzern („Rad und Kette“) oder für Grillfreunde („Der Griller“).

Die zwei kostenlosen Probewochen lohnen sich allein schon um ein bisschen zu stöbern. So erfährt man, dass es mittlerweile auch Elternzeitschriften speziell für Väter („Dad“) und Sex-Zeitschriften speziell für Frauen („Separee“) gibt. Die eine widmet sich der Frage, welches die zwölf nervigsten Sätze von Müttern sind oder wie viele Kinder ideal sind. Die andere beschäftigt sich mit „Toy Boys“ (jüngere Männer) und der Frage ob man seinen Abend lieber mit Video schauen oder Intimitäten verbringen sollte. Übrigens gibt es auch den „Playboy“, aber nur auf Englisch.

Ironie des Schicksals: Gerade hat Readly den 200. deutschen Verlag begrüßt, es ist jener, bei dem ich nach dem Studium zuerst gearbeitet habe (ich habe im Beitrag über Wochenzeitungen und Zeitschriften kurz davon berichtet).

Politik fehlt

Readly Test

Die meisten Readly-Titel sind wenig spannend. Aber bei 600 deutschsprachigen Titeln ist trotzdem für fast jeden was dabei.

Große Titel wie SPIEGEL oder Focus fehlen. Im Bereich Politik findet man die österreichischen Zeitschriften „News“ und „Profil“, aber keine bekannten deutschen Magazine. Der „European“ ist mit Ausgaben aus 2016 vertreten, wurde aber mittlerweile wohl eingestellt. Es gibt aber auch eine ganze Reihe bekannter Namen im Portfolio, beispielsweise die traditionsreiche Fußballzeitung Kicker, Bild der Wissenschaft und Spektrum der Wissenschaft oder die Wirtschaftszeitschriften €uro, €uro am Sonntag und Börse Online sowie zahlreiche Computerzeitschriften wie Chip, PC Magazin oder Computer BILD.

Keine der enthaltenen Zeitschriften hatte ich jemals abonniert. Die meisten interessieren mich gar nicht, bei etwas mehr als einem Dutzend Titel lese ich immerhin ein bis zwei Artikel. Das ist zu wenig für ein Abo, aber bei einer Flatrate egal. Da lohnt es sich auch, mal einen Blick in exotischere Zeitschriften wie „Bier und Brauhaus“ oder eben „Dad“ zu werfen.

Fazit zu Readly

Readly ist in meinen Augen das vielversprechendste Experiment für die Zukunft des Journalismus. Aus Sicht der Leser finde ich ein Abo lohnenswerte. Bei manchen Titeln hat man den Eindruck, die Verlage wollen noch mal etwas Geld damit verdienen, bevor sie die Zeitschrift einstellen. Die traditionsreiche Fernsehzeitung „Hörzu“ beispielsweise. Trotzdem ist bei 600 Titeln für fast jeden was dabei. Allerdings werden die Zeitschriften meist als Vollansicht dargestellt, ähnlich wie ein PDF. Damit sind sie auf kleinen Bildschirmen wie denen von Smartphones kaum lesbar. Sie lassen sich zwar vergrößern, das bedeutet aber nerviges scrollen. Für Tablet-Nutzer aber ist Readly eine gute Wahl.

Bisher enthält der Kiosk allerdings wenig Titel, die zur politischen Bildung beitragen. Am ehesten tun das die Wissenschaftsmagazine oder die Wirtschaftszeitungen, teilweise auch die Computer-Titel. Mit 9,99 Euro ist natürlich eine Tageszeitung nicht zu finanzieren. Auch Wochenzeitungen und politische Magazine kosten im Monatsabo meist schon mehr als diese 9,99 Euro. Aber das Konzept lässt sich ja ausbauen. Vielleicht auch in Kombination mit anderen Diensten wie dem iKiosk.

Preis: 9,99 Euro pro Monat

Probezeitraum: 14 Tage

Betriebssysteme: Apps für iOS, Android und Kindle Fire, Webreader

iKiosk

Der Name verheißt nichts Gutes. Denn iKiosk ist mitnichten ein Apple-Produkt wie iPad, iPhone oder iPod. Vielmehr waren die Namensgeber einfach sehr phantasielos. Leider ist das auch schon so etwas wie ein vorweggenommenes Fazit zum Online-Kiosk.

Denn bei iKiosk lassen sich E-Paper so kaufen, wie am normalen Kiosk Print-Zeitungen und Zeitschriften. Oder wie mit den Apps der Verlage. Hauptvorteil gegenüber letzteren die Bündelung. Obwohl der iKiosk aus dem Hause Axel Springer kommt, findet man hier auch fast alle anderen wichtigen Zeitschriften und Zeitungen, von der ZEIT über den Spiegel bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch einige Lokalzeitungen sind hier eingestellt, beispielsweise die Bergedorfer Zeitung oder die Berliner Morgenpost.

E-Kiosk Vergleich

Quelle: Readly Pressestelle

Man kann also gut stöbern und mal den Spiegel und mal den Cicero kaufen. Außerdem bietet der Verlag bei vielen Zeitungen und Zeitschriften auch Abos, die aber automatisch enden. Das ist ein großer Pluspunkt. Auch nervige, immer wieder kehrende Anfragen ob man das Abo nicht verlängern will gibt es nicht. Und die Abos lassen sich oft auch für nur einen oder drei Monate kaufen. Das ist aber auch schon fast das innovativste, was der Kiosk bietet.

Anders als bei Readly wird bei vielen Zeitungen auch eine spezielle Lesefunktion angeboten. Wer beispielsweise die ZEIT durchblättert, kann einzelne Artikel anklicken und erhält deren Inhalt dann, ähnlich wie bei einem E-Book, über die gesamte Seite angezeigt. Eine Funktionalität, die auch viele Zeitungs-Apps anbieten und die bei großen Formaten auch nötig ist. Der Berliner Tagesspiegel verzichtet darauf. Die Seiten sind deshalb nur gut lesbar, wenn man sie deutlich vergrößert, was nerviges Scrollen zur Folge hat.

iKiosk Test

iKiosk bietet sogar eine App für den PC (Windows 10). Leider ist das ganze Konzept wenig innovativ.

Der Preis entspricht oft dem in der App. Dabei fällt auf, wie teuer viele E-Paper sind. Oft sind die kaum billiger als die Print-Exemplare, trotz niedrigerer Kosten. 60 bis 80 Prozent der Einnahmen gehen angeblich an die Verlage, das ist mehr als bei Abo-Zeitungen. Die Preise entsprechen teilweise denen in den Apps.

Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft

Die neuen Möglichkeiten der papierlosen Zeitung schöpft der Kiosk nicht aus. Nett wären mehr Bündel-Angebote. Warum nicht ein Abo von Spiegel und Focus, das genauso viel kostet wie bisher eines des Spiegel? Verrückt? Nein, denn nur wenige Leser dürften bisher beide Magazine abonniert haben. Die Verlage verlieren also kein Geld. Zusatzkosten haben sie auch kaum. Aber vielleicht mehr Leser. Und die können sich dann aus zwei Quellen mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung informieren. Immerhin bietet der Verlag immer wieder Aktionen, bei denen einzelne Zeitschriften wie der Spiegel für 0,99 Euro gekauft werden können.

Immerhin bietet iKiosk neben Apps für Android und iOS auch eine für Windows. Nicht das sterbende Windows Phone wohlgemerkt, sondern Windows 10. Das ist nicht nur praktisch für Besitzer von Windows Tablets, sondern auch am heimischen PC. Allerdings funktioniert das Zusammenspiel nicht immer reibungslos. Wer eine Zeitung über die Website kauft, der bekommt sie teilweise erst deutlich später auch in der App angezeigt.

Leider lässt sich in der Android-App nicht per Kontoeinzug bezahlen, sondern nur über Google Pay. Auch Geschenkgutscheine gibt es nicht. Insgesamt wirkt der Kiosk eher lieblos gemacht. Ich nutze ihn trotzdem, weil ich hier mit einem Konto auf verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zugreifen kann und weil Abos automatisch auslaufen. Aber nur solange, bis es ein besseres Angebot gibt – sofern sich der iKiosk nicht selbst verbessert.

Preis: Je Zeitschrift

Betriebssysteme: Apps für iOS, Android und Windows 10, Webreader

Blendle und Pocketstory

Während der iKiosk eher wenig originell ist, bieten Blendle und Pocketstory eine innovative Idee, die aber genau in die entgegengesetzte Richtung von Readly geht. Die Schweden verlangen eine monatliche Gebühr, dafür sind dann alle Titeln inklusive. Das niederländische StartUp Blendle und der Hamburger Anbieter Pocketstory dagegen verkaufen die einzelnen Artikel. Und wem sie nicht gefallen haben, der bekommt sogar sein Geld zurück.

Ich nutze beide Dienste im Gegensatz zu Readly, iKiosk und bisher nicht, daher kann ich auch kein eigenes Fazit abgeben, sondern nur schreiben, was mir bei einer oberflächlichen Recherche aufgefallen ist.

Blendle Test

Blendle bietet etwas mehr Titel als Pocketstory.

So bietet Pocketstory aktuell nur eine sehr kleine Auswahl an Zeitschriften. Das ist schade, denn damit entfällt ein Hauptvorteil dieses Modells – zu einzelnen Themen Beiträge aus verschiedenen Zeitungen mit unterschiedlicher Ausrichtung lesen.

Außerdem sind die Artikel insgesamt recht teuer. Wer viel liest, hat deutlich höhere Kosten als mit anderen Modellen. Wer dagegen nur einzelne Beiträge liest, spart viel Geld. Einzelne Artikel kosten bei Blendle 0,20 bis 0,60 Cent. Das ist nicht viel, läppert sich aber. Allerdings werden mir beim Blättern meist nur drei Beiträge je Zeitung angezeigt, beispielsweise bei der ZEIT. Es heißt „Die beliebtesten Artikel“, das hört sich so an, als ob es noch mehr gäbe. Die finde ich aber nicht und vermute auch, dass es in vielen Fällen auch gar nicht mehr gibt.

Sehr innovativ ist bei Blendle die Möglichkeit, sein Geld zurückzufordern, wenn ein Artikel den Erwartungen nicht entspricht. In innovativer Ansatz. Allerdings nur, wenn man man mehr als drei Beiträge angezeigt bekommt.

Preis (Blendle): Unterschiedlich, bei Wochenzeitungen oft 50 bis 70 Cent

Betriebssysteme (Blendle): Apps für iOS, Android und Windows 10, Webreader

Amazon

Auch Amazon verkauft Zeitschriften. Ich habe diesen Kiosk aber bewusst nicht aufgenommen. Der Konzern kontrolliert schon den Büchermarkt. Nicht auszudenken, welche Macht die Firma bekommt, wenn sie auch das Feld der E-Kioske monopolisiert. Unliebsame Titel könnten dann einfach aus dem Sortiment genommen werden. Zumindest so lange die großen Digitalkonzerne nicht endlich ähnlich streng reguliert werden wie Telefongesellschaften oder Stromanbieter.

Steady

Steady ist streng genommen kein Online-Kiosk, sondern eine Zahlungsdienst für Blogger und Webseitenbetreiber. Die können sich von dem Unternehmen beispielsweise eine Paywall einrichten lassen. Häufiger aber rufen sie zur freiwilligen Unterstützung auf. Ein Modul beispielsweise wendet sich gezielt an Nutzer von Ad-Blockern. Die haben die Einnahmen der Webseiten nämlich deutlich reduziert. Der BILDblog mit täglich mehreren tausend Lesern verdient nach eigenen Angaben mittlerweile nur noch einige Hundert Euro mit Werbung im Monat.

Immerhin ist es den Berlinern gelungen, über Steady freiwillige Unterstützung im Wert von aktuell mehr als 3.600,- Euro zu bekommen, angepeilt sind monatlich 4.200,- Euro. Allerdings reicht das noch nicht einmal, um einen einzelnen Redakteur zu bezahlen. Außerdem ist BILDblog einer der größeren Fische – so gesehen sind es nur 4.200,- Euro. Die Satire-Zeitung Postillion beispielsweise, auch ein Angebot mit großer Reichweite, kommt auf gerade Mal 1.200,- Euro monatlich.

Und schließlich hat der Blog, der einst vor allem die BILD-Zeitung kritisch überwachte und so zu seinem Namen kam – einen klaren politischen Auftrag. Kritisiert werden nicht nur inhaltliche Fehler, sondern auch nach Meinung der Redakteure einseitige und unvollständige Darstellungen, wenn BILDblog die Meinung der Zeitung oder Zeitschrift nicht teilt.

Das ist in meinen Augen die große Gefahr solcher freiwilliger Unterstützung. Gezahlt wird vor allem für Angebote, die sich klar positionieren, Falle des BILDblogs weit links, in anderen weit rechts.

Fazit

Es gibt innovative Modelle, mit denen sich Geld verdienen lässt. Readly ist vielleicht das vielversprechendste Experiment. Bisher gibt es keine großen deutschen Politik-Titel dort, aber das Angebot besteht auch längst nicht mehr nur aus Klatsch- und Hobbyzeitungen, sondern bietet auch Wirtschafts-, Computer- und Wissenschaftstitel.

Theoretisch ließe sich mit den 9,99 Euro, die der Dienst kostet, die aktuelle Presselandschaft sogar fast finanzieren. Nach Angaben des SPIEGEL gibt jeder Haushalt monatlich etwa 39,- Euro für Medienangebote aus, davon allerdings das Meiste für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Für Zeitungen und Zeitschriften werden nur 13,- Euro ausgeben. Nicht viel mehr als die Zeitschriften-Flatrate kostet.

Streaming und Paid Content Vergleich

Hier noch einmal die Grafik zum Erfolg des Musik-Streamings.

Natürlich wird nicht jeder Deutsche ein solches „Zeitschriften-Streaming“ nutzen. Möglicherweise wird eine Erweiterung um Tageszeitungen oder Politiktitel zusätzlich kosten müssen. Allerdings sparen die Verlage auch Geld durch den Verzicht auf eine Auslieferung von Print-Exemplaren. 30 Prozent behalten die E-Kioske meist ein, das könnte sogar weniger werden, wenn sich diese Ansätze weiter verbreiten. Hinzu kommen Kosten für die digitale Aufbereitung, die jedoch niedrig sein dürfen. Dagegen machen Herstellung und Vertrieb aktuell nach Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger 51,6 Prozent der Kosten aus.

Kostenanteile Zeitungen

Kostenanteile bei Printprodukten: Herstellung und Vertrieb (hellgrau), Marketing dunkelgrau), Verwaltung (blau), Redaktion (rot). Quelle. BDVZ

Unverständlich ist deshalb, warum viele E-Paper genauso viel kosten wie gedruckte Zeitungen. Möglich, dass die Werbung dort weniger Geld bringt. Sie macht aber nur 32,8 Prozent der Einnahmen aus und liegt ja auch bei E-Papern nicht bei Null. Zumal direkte Verlinkungen aus der Anzeige heraus auf Internetseiten oder Beilagen neue Möglichkeiten bieten, die es bei Printexemplaren nicht gibt.

Der Blick auf die Musikindustrie zeigt eine mögliche Entwicklung. Dort haben sich die Einnahmen stabilisiert, liegen aber immer noch unter denen von Ende der 1990er Jahre – auch ohne Berücksichtigung der Inflation. Das könnte auch den Medienhäusern so gehen. Allerdings müssen nicht alle Zeitschriften über Gebühren finanziert werden, einige werden auch mit Werbung überleben. Außerdem werden Zeitungen und Zeitschriften effizienter werden müssen. Nicht jede Lokalzeitung braucht auch einen eigenen Politikteil. Die Funke Mediengruppe hat für ihre Lokalzeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, WAZ) eine zentrale Politikredaktion in Berlin geschaffen. Nur die Lokalredakteure sitzen noch in der Fläche. Einzelne Texte könnten zunehmen von Algorithmen verfasst werden.

Politik

Die Funke Mediengruppe hat ihren Lokalzeitungen eine zentrale Politikredaktion in Berlin verordnet.

Und auch wenn Journalisten das nicht hören wollen, womöglich werden auch die im Tarifvertrag vorgesehenen Gehälter sinken müssen. Aktuell erhält ein Journalist ohne besondere Funktion nach 25 Berufsjahren rund 5.300 Euro Gehalt pro Monat. Zugegeben, ein Einsteiger bekommt mit rund 3.300 Euro deutlich weniger. Wenn ich den Tarifvertrag richtig interpretiere, wird er auch nie so viel bekommen wie sein Kollege, weil die Gehaltssteigerungen ab dem elften Jahr als „Übergangsregelung“ gekennzeichnet sind. Aber das ist ein Problem des Tarifvertrags, nicht einer insgesamt zu niedrigen Bezahlung.

Es ist also nicht unrealistisch, dass es auch in 20 Jahren noch Menschen gibt, die für journalistische Angebote bezahlen. Aber ein einfacher Weg wird es vermutlich weder für die Journalisten noch für die Verlage.

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