Statistiker-Blog

Terror nimmt zu – Gewalt auch?

Einmal noch werde ich mich mit dem unangenehmen Thema Gewalt beschäftigen, dann ist Schluss. Wie erwähnt ist die isolierte Interpretation der Daten der World Terrorism Database schwierig. Nicht nur, weil die Datenqualität schlecht ist, sondern auch weil die Zahl der Terroropfer für sich alleine genommen wenig aussagekräftig ist, da Kriegstote nicht enthalten sind. Eskaliert ein Konflikt kann die Zahl der Terroropfer sinken, weil die Todesfälle dann nicht mehr als Terror-, sondern als Kriegstote gezählt werden. Auch Völkermord wie in Ruanda geht nicht in die Statistik ein.

Das heißt nicht, dass die Daten uninteressant wären. Aber man muss sie in Zusammenhang mit anderen Daten zur Gewalt sehen. Am ehesten lassen sie sich isoliert für Regionen wie Westeuropa und Nordamerika sehen, wo es in den vergangenen 70 Jahren keine Kriege oder Bürgerkriege gab – abgesehen vielleicht von jenem in Nordirland, dessen Opfer aber als Terrortote mitgezählt werden. Der Rückgang der Gewalt in der Region ist der Hauptgrund dafür, dass die Zahl der Terroropfer von 1995 bis 2014 deutlich unter den Werten des 1970er, 1980er und frühen 1990er Jahre lag.

Daten zur Gewalt

Ist die Datenlage beim Thema Terror schon schwer, so wird es bei Gewalt noch schwieriger. Natürlich führt niemand Buch über die Zahl der Toten in Kriegen und Bürgerkriegen, schon gar nicht in der Vergangenheit.

Wie schwierig solche Zahlen sind, zeigt die Diskussion um die Toten des An Lushan Aufstands in China im achten Jahrhundert. China hatte damals schon eine extrem gut organisierte Bürokratie und es gab regelmäßige Volkszählungen, die einen Rückgang der Bevölkerung von rund 53 auf rund 17 Millionen Menschen zeigt, also um zwei Drittel. Das würde den Tod von rund einem Sechstel der Weltbevölkerung bedeuten, auf heutige Verhältnisse übertragen also fast 1,5 Milliarde Menschen. Allerdings verweisen viele Autoren darauf, dass einige Regionen nach dem Bürgerkrieg nicht mehr der Kontrolle durch die Zentralregierung unterlagen. Außerdem waren einige Bevölkerungsgruppen nun nicht mehr steuerpflichtig und wurden deshalb auch nicht gezählt. Und schließlich war die Bürokratie durch den Krieg geschwächt, möglicherweise konnten einzelne Steuerzahler durch ihr Netz schlüpfen.

Sklavenhandel in Europa

Wer heute Urlaub auf Ibiza, Formentara oder Mallorca macht, der kann sich kaum vorstellen, dass die Menschen hier bis ins 19. Jahrhundert in ständiger Angst vor Sklavenjägern aus Nordafrika lebten. Die Kirchen sind deshalb wie Festungen gebaut und die Orte liegen meist nicht direkt am Meer. Bild: Nacho Pintos

Bei Schätzungen zu vorstaatlichen Gesellschaften muss man auf die Archäologie zurückgreifen. Beispielsweise auf Verletzungen von gefundenen Skeletten. Das wirft natürlich die Frage auf, wie repräsentativ die Funde sind. Allerdings sind die Ergebnisse so eindeutig, dass wir uns trauen können hier eine Aussage zu treffen.

Besser sieht es mit jüngeren Daten aus. Auch hier handelt es sich natürlich um Schätzungen. Deshalb sollte man kleine Unterschiede nicht überinterpretieren. Allerdings werden wir sehen, dass einige Entwicklungen sehr deutlcih sind.

Die Entwicklung seit 1945

Eine Grafik über die Kriegstoten seit 1900 ist nicht so sehr wegen der Datenlage vor 1945 schwierig, sondern vor allem weil alles danach einem relativ flach vorkommt. Der armenischstämmige türkische-US-amerikanische Ökonom Daron Acemoğlu verwendet eine solche Grafik in seinem Artikel The world our grandchildren will inherit:
the rights revolution and beyond (Seite 10). Bekannt ist der Forscher vor allem für sein Buch „Warum Nationen scheitern“ zur Frage, warum einige Länder so viel reicher sind als andere (gemeinsam mit James A. Robinson).

Dort sieht man vor allem zwei Berge, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Außerdem noch einen vergleichsweise großen für die Auseinandersetzungen in Korea, wo erst die Franzosen gegen die Unabhängigkeitsbewegung und dann Süd- gegen Nordkorea kämpfte. Letzter taucht auch in der erst 1945 beginnenden Grafik von Max Roser auf, die unten zu sehen ist.

Kriegstote Statistik

Der Anteil der Weltbevölkerung, der Kriegen zum Opfer liegt deutlich niedriger als in den 1950er Jahren. Und erst recht als in den Jahrzehnten davor. Quelle: OurWorldinData.org – Linzenz CC BY-SA 4.0

Die Kriege in Indochina sind auch mit ein Grund, warum die 1950er Jahre so hohe Opferzahlen hatten. Der Krieg begann als Kolonialkrieg und wurde dann zu einem zwischenstaatlichen Konflikt. Diese Auseinandersetzungen zwischen Staaten sind seit 1970 deutlich seltener geworden. Weniger stark sind die Bürgerkriege zurückgegangen, egal ob mit oder ohne Einmischung von außen. Sie kosten seit den 1990er Jahren mehr Menschen das Leben als zwischenstaatliche Konflikte, das war in den 1950er Jahren noch anders. Wobei auch hier die Grenzen natürlich fließend sind. Die Kriege zwischen Nord- und Südkorea sowie Nord- und Südvietnam führten eine innerstaatliche Auseinandersetzung weiter.

Die aktuellen Jahre fehlen, ein tendenzieller Anstieg der Kriegstoten zeichnet sich aber schon seit 2004 ab. Trotzdem ist die Gegenwart aber längst nicht so schrecklich wie von vielen Massenmedien dargestellt, selbst in den 1990er Jahren kamen meist mehr Menschen in Kriegen um als aktuell – ganz zu schweigen von den Jahren davor.

Der längere Blick

Natürlich stellt sich jetzt die Frage, ob der Rückgang der Kriegstoten seit 1940 ein langfristiger Trend ist oder am Ende nur eine Folge der kriegerischen Zeit damals. Waren die Jahre besonders blutig ist im Vergleich natürlich jeder andere Zeitraum friedlich.

Kriegstote langfristig

Quelle: OurWorldinData.org, Lizenz CC BY-SA 4.0

Wie gesagt ist die Frage schwer zu beantworten, auch hier bietet die Seite ourworldindata.org aber Anhaltspunkte. Demnach war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts tatsächlich vergleichsweise blutig. Auffällig ist auch, dass die Ausschläge größer werden. Nie zuvor seit 1400 war die Welt angeblich so friedlich wie um 1875. Dann aber explodierte die Gewalt.

Diese Entwicklung lässt sich auch begründen. Weil die Staaten größer wurden gab es seltener Konflikte, wenn dann aber richtig. Die Technik tat ihr übriges, dass es mehr Tote gab, wenn es doch mal zu einem Krieg kam. Natürlich kann man fragen, wie gut die Daten beispielsweise für weit zurückliegende Zeiträume sind. Wurde jede Fehde zwischen dem Markgrafentum Ansbach und der Freien Reichsstadt Nürnberg wirklich erfasst? Oder die zwischen dem Königreich Kongo und seinen Nachbarn?

So oder so dürfen wir aber schlussfolgern, dass es keine langfristige Tendenz zu weniger Kriegen gibt. Und auch wenn die von vielen Hilfsorganisationen zum Eintreiben von Spenden aufgestellte Behauptung einer besonders kriegerischen und unruhigen Gegenwart falsch ist, so zeigt die Erfahrung, dass wir uns auch nicht darauf verlassen können, dass die Welt friedlich bleibt. Immer wieder gab es Zeiten mit weniger Kriegstoten, die dann doch durch neue Kriege abgelöst wurden.

Und ganz früher

Gewalt ist kein neues Phänomen. Der kanadische Wissenschaftler Steven Pinker beschreibt in seinem Buch „Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“ wie ein Stamm kanadischer Ureinwohner wartet, bis die Männer des Nachbarstammes auf Jagd ziehen um dann in deren Abwesenheit die Frauen und Kinder zu ermorden. Dschingis Khans Mutter wurde bei ihrer Hochzeit entführt und mit seinem Vater zwangsverheiratet. Der wiederum wurde auf der Rückkehr von der Hochzeits seines Sohnes von einem Nachbarstamm getötet, woraufhin der wiederum den gesamten Stamm, Männer, Frauen und Kinder, ermorden lies. Die neuseeländischen Maori wiederum massakrierten den pazifistischen Stamm der Moriori. Ein Genozid verursacht von Naturvölkern.

Die gerade in Deutschland verbreitete Vorstellung von den edlen Naturvölkern ist schlicht Unsinn. In nicht-staatliche Gesellschaften ist vermutlich eine weitaus höhere Zahl von Menschen durch Gewalt gestorben. Zu 100 Prozent sicher weiß man das natürlich nicht, man muss sich auf die Ergebnisse von Ausgrabungen verlassen. Die aber zeigen genau das.

Tote durch Gewalt

Tote durch Gewalt je 100.000 Einwohner und Jahr für nicht-staatliche Gesellschaften (oben, bis Andamanesen) und staatliche Gesellschaften (darunter). Daten nach OurWorldinData.org

Auch diese Daten sind natürlich mit großer Vorsicht zu interpretieren. Eine Zeile habe ich sogar entfernt, die mit 251,2 Tote je 100.000 Einwohner und Jahr im Mexican Mestizo Village 1961 bis 1965. Denn ich konnte dazu keine Erläuterung finden. Außerdem ist der Zeitraum sehr kurz, würde man in Deutschland nur 1939 bis 1945 betrachten, sähe die Lage ganz anders aus. Sonderbar auch, dass die mexikanische Stadt Tepoztlán hier getrennt aufgeführt wird.

Allerdings macht die Übersicht bei allen Fragezeichen deutlich, dass die nicht-staatliche Gesellschaften nicht zwangsläufig friedlich waren, ja dass sie in den meisten Fällen sogar deutlich gewaltreicher waren. Das gilt nicht nur für die hier dargestellten, meist aus Afrika, Amerika oder Ozeanien stammenden Gesellschaften. Auch in Deutschland war nach Ansicht einiger Archäologen der Tod durch Gewalt früher sehr häufig.

Fazit

Wenn wir nicht nur Terroropfer betrachten, sondern Tote durch Kriege und Bürgerkriege insgesamt, kommen wir zu einem etwas anderen Bild. Dann ist die Gegenwart international gesehen deutlich friedlicher als noch vor 40 Jahren. Langfristig gesehen zeigen die Daten aber keine Besserung, vielmehr sind in den vergangenen 200 Jahren sehr friedliche Phasen häufiger geworden, dafür aber auch sehr blutig Konflikte. Und in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Opfer wieder gestiegen. Insgesamt ist die Datenbasis dünn. Und fehlen für das vollständige Bild noch Opfer von Mord und Totschlag. Zumindest für die vergangenen Jahrzehnte und Deutschland wissen wir aber, dass der seltener geworden ist.

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Terror in Westeuropa

Terror ist kein besonders erfreuliches Thema. Aber der Datensatz der Global Terrorism Database ist so umfangreich, dass er einfach eine ganze Serie nötig macht. Wir haben bereits gesehen, dass die Zahl der Terrortoten gerade in der jüngsten Vergangenheit deutlich zugenommen hat. Auch Westeuropa bleibt davon nicht verschont. Allerdings gibt es in diesem Zusammenhang drei erstaunliche Erkenntnisse. In Deutschland haben rechte Terrorgruppen seit 1970 vermutlich mehr Menschen getötet als linke wie die RAF. Und in Westeuropa nahm die Zahl der Terrortoten zuletzt zwar zu, liegt aber unter dem Niveau der 1980er Jahre. Wenngleich das vor allem an einem Land liegt. Ebenso überraschend: Deutschlands Terrorhauptstadt heißt München.

War früher alles schlechter?

Die These vom rückläufigen Terror in Westeuropa konnte man bereits auf Spiegel Online in der Reihe „Früher war alles schlechter“ lesen. Tatsächlich entfallen 2015 nur 2,5 Prozent der Todesfälle auf Europa, davon gerade mal 0,5 auf Westeuropa. 2,1 Prozentpunkte davon (kein Rechenfehler, Rundungsdifferenz) entfallen auf Osteuropa, vor allem auf die Ukraine (2,0 Prozent der Terrortoten des Jahres 2015).

In absoluten Zahlen starben in Westeuropa in den fünf Jahren von 2011 bis 2015 nach Daten der University of Maryland genau 277 Menschen durch Terror, also 55 pro Jahr. In der ersten Hälfte der 1970er (1970 bis 1974)  waren es pro Jahr im Schnitt 260 gewesen, in der zweiten 270. Teil man die Daten in 5-Jahres-Blöcke auf, dann lag dieser Wert von 1970 bis 1995 immer bei mindestens 128.

Methodischer Hinweis:

Durch das Fehlen des Jahres 1993 umfasst ein Block die Jahren 1990 bis 1995. Das ist ganz praktisch, weil ich so genau neun Blöcke erhalten. Das mag mancher für unsauber halten, ich sehe darin aber kein Problem, da es in kein festes, wiederkehrendes Muster gibt, wie das beispielsweise bei unterjährigen Wirtschaftsdaten mit saisonalen Schwankungen ist. Ich habe natürlich auch die Alternative betrachtet, die Daten ab 1971 in 5-Jahres-Blöcke eingeteilt und die erste Hälfte der 1990er Jahre wegen des fehlenden Wertes für 1993 entfernt, das Muster ändert sich dadurch aber nicht.

Hier kommt leider das „aber“

Spiegel Online hat also ein bisschen Recht, allerdings gibt es ein paar Einschränkungen. Die erste bezieht sich auf die Entwicklung. Trotz der verheerenden Morde in London und Madrid in den Jahren 2004 und 2005 war Westeuropa von 1995 bis 2014 vergleichsweise friedlich. Der 5-Jahres-Schnitt für 2011 bis 2015, also die fünf jüngsten Jahre in der Statistik, liegt immer noch unter den Werten für 1990 bis 1995, es gab also weniger Tote als in diesem Zeitraum. Gleichzeitig aber lag sie höher als in den fünf Jahren zuvor.

Hinzu kommt, dass der hohe Wert für die fünf Jahre bis 2015 ausschließlich auf das Jahr 2015 zurückzuführen ist, als 175 Menschen durch Terror starben. Das ist der zweithöchste Wert (nach 2004 mit dem Anschlag in Madrid) seit 1994. Außerdem ist jetzt schon klar, dass auch die Werte für 2016 und 2017 über dem Durchschnitt des Jahrtausends liegen werden, obwohl das Jahr noch gar nicht vorbei ist.

Spiegel Online zählt 2016 zwar nur 53 Terrortote, davon 21 in Deutschland, vergisst dabei aber die Toten des Anschlags in Nizza mit 87 Toten. Außerdem zählt man dort, anders als in der Global Terrorism Database, die Attentäter nicht mit. Und vermutlich ist diese Aufzählung auch noch nicht vollständig. Europa war also in den Jahren von 2011 bis 2015 vergleichsweise friedlich, doch die Zahl der Opfer stieg zuletzt deutlich an.

Noch ein „aber“

Die zweite Einschränkung bezieht sich auf Länder. Denn so wie 2015 Syrien, Afghanistan, der Irak und die Ukraine für mehr als die Hälfte der weltweiten Terroropfer zählten, war das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland bis 1999 in vielen Jahren Schauplatz für mehr als die Hälfte der Terrormorde. Allen voran der letzte Teil des langen Namens, nämlich Nordirland. 1971 und 1972 starben auf den beiden Inseln über 90 Prozent aller westeuropäischen Terrortoten, 1975 und 1976 mehr als 80 Prozent. 1988 kam das Vereinigte Königreich noch einmal über die 80 Prozent Marke, schuld daran war diesmal nicht die IRA, sondern der Bombenanschlag libyscher Terroristen – womöglich auf Befehl des Diktators Gaddafi persönlich. Zumindest übernahm die Regierung Libyens 2003 die Verantwortung für die 270 Toten.

UK

Die Zahl der Toten durch Terrorismus liegt in Europa niedriger als noch in den 1970er und 1980er Jahren. Das liegt vor allem an der geringeren Zahl von Opfern in Nordirland. Die Zahl der Opfer ist sogar größer als jene der in Nordirland getöteten. Auch die meisten Opfer in Großbritannien gehen mit Ausnahme der Jahre 1998 – dem Jahre des Lockerbie-Anschlags – und 2005 – den islamistischen Morden in London – auf den Nordirland-Konflikt zurück. Selbst in Deutschland wurden britische Soldaten von der IRA getötet.

 

Auch in den übrigen Jahren kamen Großbritannien und Nordirland oft über die 50-Prozent Marke. Von rund 6.400 Terrortoten in Westeuropa zwischen 1970 und 2015 starben mehr als 3.300 im Vereinigten Königreich, also 53 Prozent. Von 1970 bis 1999 waren es sogar rund 58 Prozent. Dabei sind keine Anschläge außerhalb der Inseln mitgezählt, beispielsweise Bombenattentate auf die britische Rheinarmee in Deutschland durch irische Nationalisten. Insgesamt starben in Deutschland sechs Menschen durch die Hand der IRA.

In Frankreich in zwei Jahren so viele Tote wie in 45 davor

Ohne Großbritannien sieht die Entwicklung in Westeuropa schon nicht mehr ganz so gut aus. Besser geworden ist es ebenfalls in Spanien, wo die ETA wütete. Auch in Italien ist man heute deutlich sicherer als in den 1970ern und 1980ern. 410 Menschen starben dort von 1970 bis 2015 durch Terrorismus, davon fast die Hälfte (201 Menschen) bei acht Attentaten. Alle ereigneten sich zwischen 1972 und 1985. In diesem Zeitraum starben in Italien 379 Personen durch Terrorismus, deutlich mehr als in Deutschland (80) oder Frankreich (150) in diesem Zeitraum.

Terroropfer Frankreich Statistik

Während im Vereinigten Königreich die Zahl der Terroropfer dank weniger Toter in Nordirland gesunken ist, ist die Situation in Frankreich fast umgekehrt. Die 1970er waren hier vergleichsweise friedlich, trotz der Morde vor allem korsischer Separatisten. Die zahlreichen Morde von Islamisten in den vergangenen Jahren änderten die Situation allerdings. 2016 ist im Datensatz noch nicht enthalten wird, aber auf jeden Fall das Jahr mit den mit Abstand zweitmeisten Toten durch Terrorismus.

 

Ganz anders als in Großbritannien, Spanien oder Italien sieht es in Frankreich aus. Dort starben durch Terrorismus bis 2014 genau 269 Menschen, 2015 dann 161 und 2016 mindestens 87. In den Jahren 2015 und 2016 gab es also fast genauso viele Todesopfer wie in den 45 Jahren zuvor. Ähnliches gilt für Belgien, wo 2016 mindestens 35 Menschen starben (laut Wikipedia, möglicherweise unvollständig) gegenüber 41 in den 46 Jahren zuvor. Allerdings waren für die hohe Zahl nur zwei Attentate verantwortlich, die zusammen ausgeführt wurden.

Terror in Deutschland

Und Deutschland? Hier gab es von 1970 bis 2015 laut Datenbank genau 159 Terroropfer. Wobei man die Zahlen nicht zu genau nehmen sollten. Bei einigen Ereignissen ist es fraglich, ob sie überhaupt ein Terroranschlag waren, beispielsweise die versuchte Entführung einer Air Canada Maschine in Frankfurt 1972 oder eines Reisebusses 1995. In beiden Fällen wurde der Entführer erschossen, seine Motive sind bis heute unklar. 2015 werden fünf Tote durch Terrorismus gezählt, doch eine schnelle Recherche zeigt, dass fünf bei zwei Bränden in Flüchtlingsheimen gestorbene Menschen keine Opfer von Terrorismus waren, sondern von technischen Defekten. Leider zeigt sich hier erneut, was ich bereits im ersten Teil geschrieben habe: Die Datenqualität ist ziemlich schlecht. Im Ausland dürfte sie noch schlechter sein, gerade in Staaten ohne freie Presse.

Hinzu kommt, dass die Zahl der Opfer erfreulicherweise relativ gering ist. Das bedeutet aber, dass einzelne Ereignisse die Entwicklung sehr stark beeinflussten. Wie die Grafik zeigt waren die Jahre 1972, 1980 und 1992 in Deutschland besonders blutig. 2016 wird, egal ob man den Amoklauf von München als Terroranschlag bewerten wird oder nicht, auf jeden Fall ebenfalls zu den besonders schlechten Jahren gehören.

1972 waren es die 17 Toten des Überfalls auf die israelische Mannschaft, auch wenn die Datenbank nur 16 zählt (es waren aber 11 Sportler + 5 Terroristen + 1 Polizist = 17). 1980 starben 13 Menschen bei einem Bombenanschlag auf das Oktoberfest in München und 2016 eben 12 auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin und – je nach Betrachtung – neun in München (ja, schon wieder München).

Terror in Deutschland Statistik

Wegen der geringen Fallzahl sind die Ausschläge stark von einzelnen Ereignissen abhängig. Eine Ausnahme ist das Jahr 1992 mit zahlreichen Anschlägen mit Todesopfern. Für 2016 stammen die Daten nicht aus der Datenbank, sondern sind lediglich die Summe der Opfer von Berlin (blau) und München (rot), wobei die Bewertung von letzterem als Terroranschlag umstritten ist.

 

Einzige Ausnahme unter den vier Jahren ist das Jahr 1992. Hier waren es viele kleine Anschläge, wie etwa auf eine Flüchtlingsunterkunft in Lampertheim oder die Brandanschläge von Mölln (jeweils 3 Tote laut Datenbank). Vermutlich aus Rache dafür wurde wiederum ein rechtsradikaler Politiker ermordet. Hinzu kamen Opfer ausländischer Konflikte, etwa ein toter Exiliraner und vier laut Datenbank von Iranern ermordete Kurden.

Trotz dieser Anfälligkeit für einzelne Ereignisse zeigt sich, dass die Zeiten von 1996 bis 2015 vergleichsweise friedlich waren. In vielen Jahren führt die Datenbank keinen einzigen Fall auf. War 2016 die Trendwende? Das werden wir leider erst wissen, wenn wir in zehn Jahren erneut zurück blicken.

DDR nahezu terrorfrei

Auffällig ist, dass es in der DDR kaum Terrorismus gab. Schon im vergangenen Beitrag ist ja aufgefallen, dass viele Diktaturen kaum vom Terror betroffen sind. Natürlich kann man jetzt fragen, in wie weit einige Ereignisse aus diesen Ländern wirklich ihren Weg in die Datenbank finden – oder ob die Nachricht von ihnen vielleicht einfach nie ihren Weg zur University of Maryland findet.

DDR Grenze

Diktaturen haben auch ihre Vorteile. Terrorismus gibt es dort kaum, sieht man mal vom Staatsterrorismus wie der Verfolgung von Regimekritikern ab.

 

Gerade die DDR stand aber unter Beobachtung westlicher Medien und Geheimdienste. Wenn es dort also nur ein einziges Todesopfer gibt, das außerdem vermutlich vom libyschen Geheimdienst ermordet wurde, dann liegt das wohl auch daran, dass Diktaturen andere Möglichkeiten der Überwachung und Terrorbekämpfung haben als Demokratien.

Terrorhauptstadt München

Im Zusammenhang mit dem aus dem Ruder gelaufenen G20 Gipfel in Hamburg haben viele Kommentatoren jetzt wieder an den G7 Gipfel in München vor 25 Jahren erinnert. Damals wurden die Demonstranten einfach stundenlang eingekesselt – und Ruhe war. Können die Münchener also besser innere Sicherheit?

Zumindest beim Terror sieht die Sache nicht so gut aus für München. Die Datenbank erlaubt nämlich auch eine Auswertung nach Städten. Die beiden bisher schlimmsten Terroranschläge fanden beide in München statt, nämlich der auf die Olympischen Sommerspiele (16 Tote laut Datenbank, eigentlich 17) und jener aufs Oktoberfest (13 Tote). Hinzu kommen weitere Anschläge, am 9. Juli 1986 gab es laut Datenbank in München gleich zwei Anschläge, denen interessanterweise beiden der Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts und sein Fahrer zum Opfer fielen. Ein weiteres Beispiel für die wirklich grottenschlechte Datenqualität.

Terror in München

Tote durch Terrorismus in Deutschland nach Bundesländern.

 

Zieht man diese Doppelerfassung ab, bleiben aber immer noch 41 Opfer in München, neben den genannten noch weitere acht Opfer palästinensischer Terroristen und zwei des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). In Hamburg dagegen sind es laut Datenbank nur fünf, wobei es sich bei einem Fall um einen Fehler handelt. Bleiben vier, ein Mord des NSU, ein Anschlag auf eine Bar 1986, die Ermordung eines Richters 1976 und ein Anschlag auf Senator Dr. Klug und seine Tochter 1975. Wobei mit letzterem fast nur Ulrich Klug gemeint sein kann, Justizsenator unter Hans-Ulrich Klose. Interessanterweise weiß das Internet nichts über diesen Fall. Noch ein Fehler?

Und Berlin? Bei Berlin denkt man aus der Ferne ein bisschen an Gotham City, nur ohne Batman. Tatsächlich starben in Berlin laut Datenbank 226 Menschen durch Terrorismus. 206 davon allerdings nicht in der Bundeshauptstadt, sondern in der Kleinstadt Berlín in El Salvador. Bleiben 20 für Berlin in Deutschland, weniger als in München. Zählt man das Jahr 2016 mit werden es 32 sein und damit immer noch weniger als in München, selbst wenn man die neun Opfer des Amoklaufs im Olympia Einkaufszentrum nicht mitrechnet.

Wer aber deshalb jetzt von München nach Berlin ziehen will sollte bedenken, dass die meisten Gewaltopfer nicht durch Terrorismus sterben. Am gefährlichsten sind Ehepartner und Verwandte, daher sollte man statt sich auf die Wahl des Wohnortes vor allem auf die der Ehefrau oder des Ehemanns konzentrieren. Und außerdem sind die Daten der Vergangenheit nicht unbedingt ein Indikator für die Zukunft, zumal die hohe Opferzahl in München vor allem auf nur zwei Ereignisse zurückzuführen ist. Immerhin ist Berlin aber billiger.

Linke oder rechte – wer ist böser?

Im Zusammenhang mit den Krawallen in Hamburg wurde vielerorts gefragt, ob man linke Gewalt mit der von Neonazis und Islamisten gleichsetzen dürfe. Ich will mich hier nicht auf philosophische Diskussion einlassen, sondern einen Blick auf die Daten werfen.

Nun ist die Abgrenzung nicht ganz so einfach. Bei einigen Morden, beispielsweise an US-Soldaten, ist unklar, ob Linksextremisten oder der libysche Geheimdienst hinter den Anschlägen stecken. Die Datenbank verzichtet deshalb ganz auf eine Zuordnung und nennt nur den Namen der Organisation. Wobei auch hier Fehler auftauchen. Beispielsweise wird der Mord an dem hessischen Politiker Heinz-Herbert Karry (laut Datenbank Neinz Herberg Karry) einer Bewegung namens „Third Reich Movement“ zugeordnet. Die Täter kamen aber aus dem linken Spektrum, wie man heute weiß. Die spätere Tatwaffe war acht Jahre zuvor in einem Auto des späteren Ministers Joschka Fischer transportiert worden. Als wahrscheinlichste Hypothese gilt die Täterschaft der Revolutionären Zellen. Wie Günter von Drenkmann gehört auch Karry dem Kreis jener an, die zunächst von den Nationalsozialisten verfolgt wurden und diesen entkamen, um dann von Linksextremisten ermordet zu werden.

Da die Datenqualität ohnehin gering ist, sollte man diese Aufteilung also mit sehr großer Vorsicht genießen. Bis heute denkt man beim Stichwort „Terror“ außer an Islamisten vor allem an die RAF. Erstere tauchen in der Statistik noch kaum auf, weil das Phänomen in Deutschland zu jung ist. Vielmehr haben sich die Einwanderer vor allem aus der Türkei bisher eher mustergültig verhalten und treten als Terroristen kaum in Erscheinung – eher schon als Terroropfer. Und wenn doch, dann handelt es sich vor allem um interne Konflikte, vor allem den Kurdenkonflikt.

Anders dagegen die RAF, die tatsächlich für zahlreiche Morde verantwortlich ist. Glaubt man der Datenbank, dann haben Rechtsextremisten aber mehr Menschen ermordet als RAF und Co, nämlich 40 Menschen. Da sind die Islamisten noch gar nicht mitgezählt, die zweifellos auch zur Gruppe der Rechtsextremen zählen, aber wie gesagt bis 2015 nur für einen Toten verantwortlich sind – und das war der Täter selbst, der in Berlin einen Bundespolizisten angriff.

35 Opfer gehen eindeutig auf das Konto von Linksextremen, also etwas weniger. Zwar sind linke Gruppierungen für sehr viele Überfälle verantwortlich, meistens starben dabei aber „nur“ ein oder zwei Menschen. Aufs Konto von Neonazis gehen dagegen mehrere Anschläge mit drei, vier oder mehr Toten.

Weitere 29 Menschen wurden von palästinensischen Terroristen ermordet. Letzte sind auch für die ersten deutschen Terrormorde in der Datenbank verantwortlich, nämlich die Ermordung eines Fluggastes der El Al sowie von sieben Bewohnern eines jüdischen Altenheims. Beides geschah natürlich in München. Die vier Toten der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut tauchen übrigens in der Statistik nicht bei „Deutschland“ auf, sondern bei Spanien, da die Maschine dort startete. Sie müsste man noch dazu rechnen. Damals starben laut Tabelle vier Menschen, darunter drei Terroristen sowie der Flugkapitän.

Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist aber nicht der einzige ausländische Konflikt, der sich in der deutschen Statistik niederschlägt. Weitere 30 Todesfälle fallen in diese Kategorie, etwa der bereits erwähnte Konflikt zwischen Türken und Kurden, Morde der IRA oder arabischer Terrororganisationen an US-Amerikanern und Arabern.

Bei 14 Todesfällen ist die Täterschaft unbekannt. Deshalb und wegen der geringen Datenqualität sollte man die Daten mit Vorsicht genießen, feststellen kann man aber, dass man beim Stichwort Terror auch in den Jahren von 1970 bis 2000 nicht nur an die RAF, sondern auch an Neonazis denken muss.

Fazit

Die Zahl der Terroropfer ist von 1970 bis 2015 in Deutschland relativ gering. Insgesamt waren die Jahre von 1995 bis 2015 aber relativ friedlich, die vergleichsweise hohe Opferzahl von 2016 ist in der Statistik noch nicht enthalten. Obwohl man Terror in den 1970er, 80er und 90er Jahren vor allem mit der RAF verbindet, geht eine größere Zahl von Morden auf das Konto von Neonazis. Allerdings ist die Datenqualität sehr schlecht,

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Terror nimmt deutlich zu

Manchmal fragt man sich, warum Menschen, die ihr Geld mit dem Schreiben verdienen so gedankenlos Phrasen verwenden. Von „beispielloser Gewalt“ ist in vielen Zeitungen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen beim Gipfel in Hamburg oft die Rede. Von Beispiellosigkeit kann aber keine Rede sein, vielmehr sind die Geschichtsbücher voll mit Beispielen für noch weit schlimmere Gewaltexzesse.

Harz 4

Kein Ergebnis des G20-Gipfels in Hamburg, sondern der Abwanderung aus dem Nordharz: Haus in Hasselfelde in Sachsen-Anhalt.

Allerdings nimmt eine Form von Gewalt tatsächlich zu, nämlich der Terrorismus. Das zeigt zumindest die von mir im vergangenen Beitrag vorgestellte Datenbank der University of Maryland.

Demnach waren die in Deutschland vor allem mit dem Terror in Verbindung gebrachten 1970er Jahre weltweit noch relativ friedlich. Allerdings begann das Drama damals, von 1970 bis 1975 stieg die Zahl der Terroropfer um 220 Prozent, in den nächsten fünf Jahren noch einmal um rund 618 Prozent und bis 1984 um weitere 136 Prozent. Damit kamen 1984 rund 61 Mal mehr Menschen durch Terror ums Leben als zu Beginn der Aufzeichnung 1970. Dann stoppte das Wachstum. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Menschen die 1980er Jahre als so friedlich in Erinnerung haben – das starke Wachstum ist beunruhigender als eine höhere, aber sinkende Opferzahl.

Terror nimmt zu

Vor allem in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Terroropfer stark angestiegen.

Auch beim Thema Gewalt allgemein stellen diese Jahre übrigens den Höhepunkt dar. Das variiert von Land zu Land, in den meisten westlichen Staaten endete aber Anfang der 1980er Jahre der Ende der 1960er Jahre begonnene Anstieg der Gewaltverbrechen.

Erst 1997 und dann noch einmal 2007 wurde die Zahl von 10.400 Terrorismustoten des Jahres 1984 überschritten. Von 1984 bis 2011 pendelten die Werte zwischen rund 3.300 Toten im Jahr 2002 und rund 12.900 im Jahr 2007. Seit 2012 liegen sie leider jährlich deutlich über der 10.000er Schwelle.

Das Jahr 2003 ist dabei so etwas wie ein Wendepunkt. Die Jahre zwischen 1998 und 2003 waren nämlich in Bezug auf den Terror die friedlichsten seit den 1980er Jahren. Daran ändert selbst der 11. September nichts, der das Jahr 2001 zwar zu einem Ausreißer macht, es aber nicht über das Niveau von 1983, 1984, 1989 oder 1991 hinaus hebt.

Ab 2004 geht es in der Tendenz bergauf, wenngleich nur 2007 das Niveau von 1984 und 1997 überschritten und mit rund 12.300 Toten gleich ein neuer Höchststand erreicht wird. Seit 2011 aber geht es erschreckend steil nach oben, in den Jahren vier Jahren von 2011 bis 2014 steigt die Zahl der Terrortoten um 664 Prozent, im Schnitt pro Jahr um rund 54 Prozent.

2015 lag die Zahl der Toten zwar rund 12 Prozent niedriger als im Vorjahr, aber mit rund 38.400 Toten ist das immer noch der zweithöchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1970. Für 2016 liegen noch keine Daten vor.

Terrorismus als Bürgerkrieg

Allein 23,0 Prozent aller Todesopfer durch Terror des Jahres 2015 starben im Irak, 16,2 Prozent in Afghanistan. In absoluten Zahlen sind das rund 8.800 beziehungsweise 6.200 Menschen. Damit sehen wir auch schon ein Problem, den fließenden Übergang zwischen Bürgerkrieg und Terror. Den rund 58.000 Toten im Irak seit 2003 stehen genau 81 Menschen gegenüber, die laut der Datenbank von 1970 bis 1975 während des Vietnam-Kriegs in Südvietnam durch Terrorismus ums Leben kamen. Sie starben 1972, als an Bord eines Flugzeuges von Hong Kongs Fluglinie Cathy Pacific ein Sprengsatz explodierte. Und dieses Unglück passierte nur über Südvietnam, der Flug selbst führte von Bangkok nach Hong Kong, verdächtigt wurde ein thailändischer Polizist, dessen Verlobte und dessen Tochter sich an Bord befanden und der Lebensversicherungen auf die beiden abgeschlossen hatte. Womöglich handelte es sich also um ein gewöhnliches Verbrechen und keinen Terrorismus.

Asmara Eritrea

Der Unabhängigkeitskrieg von Eritrea gegen Äthiopien forderte nicht nur zahlreiche Kriegs-. sondern auch viele Hungertote. In der Terrorismus-Datenbank tauchen sie aber nicht auf, ebenso wenig die Opfer des Völkermords in Ruanda. Im Bild eine in der italienischen Kolonialzeit erbaute Tankstelle. Foto: David Stanley

Die übrigen 1,3 bis 4,2 Millionen Todesopfer des Vietnam-Konflikts (so weit gehen die Schätzungen auseinander) tauchen dagegen in der Datenbank nicht auf. Einerseits natürlich, weil der Konflikt schon 1955 begann, die Übersicht aber erst im Jahr 1970. Aber auch in den Jahren von 1970 bis 1975 starben hunderttausende Menschen. Sie gelten aber als Kriegs- und nicht als Terroropfer. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich nur die Kriegsführung seitdem verändert hat oder auch die statistische Erfassung.

Terror nimmt auch ohne Bürgerkriegsländer zu

Eine Zunahme des Terrors gibt es aber auch in anderen Ländern, sie ist also nicht nur auf Krisen- und Kriegsgebiete wie Afghanistan, Syrien, die Ukraine und den Irak zurückzuführen. Auch in Pakistan stieg die Zahl der Terroropfer seit etwa 2005 rapide an, ebenso in Thailand, in Ägypten und vielen anderen Staaten. Rechnet man Syrien, Afghanistan, den Irak und die Ukraine heraus  (zusammen 19.700 Todesopfer durch Terror), bleiben immer noch 18.700 Terroropfer, also deutlich mehr als die rund 10.000 der Jahre 1984 und 1997. Der Terrorismus nimmt also auch außerhalb von „Bürgerkriegsländern“ zu.

Verschiebung der Konfliktherde

Neben dem weltweiten Anstieg beobachten wir aber auch eine Verschiebung der Konfliktherde. Vor allem eine Weltregion steht heute deutlich besser da als noch vor 30 Jahren, nämlich Lateinamerika. Genauer müsste man sagen Mittel- und Südamerika sowie die Karibik, denn Mexiko, wo man ebenfalls Spanisch spricht, wird im Datensatz zu Nordamerika gezählt.

Mehr als 4.100 Menschen starben dort in den Jahren 1980 bis 1989 jährlich durch Terrorismus, insgesamt in zehn Jahren 41.503 Personen. In den vergangenen sechs Jahren, also von 2010 bis 2015, waren es laut Global Terrorism Database nur noch 124 pro Jahr (743 insgesamt).

Terror in Amerika

Tote durch Terrorismus in der Karibik, Mittel- und Südamerika

Deutlich zugenommen hat die Zahl der Toten durch Terrorismus dagegen in Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten. Sprich in Afrika nördlich der Sahara und den asiatischen Ländern von Israel bis zum Irak. Afghanistan dagegen gehört nach der Definition der Datenbank dagegen bereits zu Südasien. In den 1970er Jahren konzentrierte sich der Terrorismus vor allem auf Israel. Viele Anschläge auf Israelis wie die Ermordung des Olympia-Teams von 1972 fanden außerdem in anderen Weltregionen statt. Sie werden deshalb auch dort gezählt. Heute treibt natürlich die Situation im Irak die Zahl der Opfer hoch, aber auch der Terror in Nordafrika.

Nach dem Nahen und Mittleren Osten mit Nordafrika steht Südasien an zweiter Stelle der Regionen mit den meisten Terroropfern. Südasien umfasst nach der Definition der Terror-Datenbank alle Länder, die ganz oder teilweise auf dem indischen Subkontinent liegen sowie Afghanistan. Dort ist die Zahl der Terroropfer natürlich ebenfalls hoch. Nicht nur in Afghanistan ist sie seit 2010 stark angestiegen, auch in Pakistan. Im Falle von Afghanistan gilt natürlich, dass die 1980er und 1990er Jahre auch nicht friedlicher waren. Allerdings wurden die Toten damals nicht als Terroropfer sondern als Kriegstote gezählt.

Terror in Afghanistan und Indien

Tote durch Terrorismus seit 1970 im Nahen und Mittleren Osten mit Nordafrika (braun), dem subsaharischen Afrika (rot) und Südasien (Länder des indischen Subkontinent plus Afghanistan – blau).

Ohnehin ist in dieser Region die Zahl der Toten durch Terrorismus schon seit den 1980er Jahren hoch, der Konflikt zwischen Indien und Pakistan fordert seine Opfer, ebenso die religiösen Streitigkeiten, etwa die Verfolgung von Christen und Hindus in Pakistan oder von Muslimen in Indien.

Terror Weltregion

Anzahl der Terroropfer im Durchschnitt pro Jahr seit 1970 nach Weltregion.

Wobei angemerkt werden muss, dass dort auch besonders viele Menschen wohnen, die Gefahr durch Terrorismus zu sterben also dort nicht zwangsläufig besonders hoch ist. Mehr als 1,7 Milliarden Menschen leben dort, mehr als 20 Prozent der Weltbevölkerung.

Ähnlich viele Menschen leben in Ostasien, alleine 1,3 Milliarden in China. So gesehen ist die Zahl der Terrortoten dort mit 558 seit 2010 vergleichsweise gering. Noch weniger waren es in Australien und Ozeanien, wo in diesem Zeitraum nur sechs Menschen durch Terror starben. Seit 1970 zählt die Statistik in dieser Region 145 Menschen die durch Terrorismus starben, weniger als in Frankreich alleine im Jahr 2015. Der Großteil davon kam in den 1980er und 1990er Jahren in Papua Neuguinea ums Leben. Auch Nordamerika könnte eine terrorarme Region sein, wenn dort das Jahr 2001 nicht gewesen wäre.

Exkurs: 

Die Datenbank würde auch eine Auswertung nach der Nationalität des Zielobjekts erlauben (Variable natlty1_txt). Damit ist nicht die Nationalität des Opfers gemeint, sondern das eigentliche Ziel. Beispielsweise wird für die Ermordung von Faisal Mengal in Pakistan 2011 dort Deutschland als Ziel der Anschlags vermerkt. Das Opfer selbst war zwar Pakistani, arbeitete aber für die deutsche Hans-Seidel-Stiftung.

Wie gut sind die Daten?

Mit der Datenquelle habe ich mich ja schon im vergangenen Beitrag beschäftigt. Manche Ereignisse sind fehlerhaft zugeordnet, beispielsweise der falschen Region. Bei anderen ist umstritten, ob es sich wirklich um Terrorismus handelt. Beispielsweise bei einer Busentführung in Köln im Jahr 1995. Sie wird von der Datenbank als Terrorereignis klassifiziert, bis heute weiß aber niemand, was der Entführer eigentlich wollte, da er keine Forderungen außer die nach einem russischsprachigen Übersetzer stellte bevor er erschossen wurde.

Im Beitrag zeigt es sich ja immer wieder: Die Gesamtentwicklung der Toten durch Terrorismus lässt sich nur schwer interpretieren, ohne auch andere Formen der Gewalt zu betrachten. Denn die Abgrenzung ist fließend. Im übernächsten Beitrag werde ich deshalb das Thema Gewalt etwas allgemeiner in den Blick nehmen.

Auffällig ist auch, dass es in Diktaturen weniger Tote durch Terrorismus gibt. Das gilt nicht nur für den Irak vor dem Sturz Saddam Husseins, sondern auch für Osteuropa vor der Wende. Da stellt sich natürlich die Frage, wie hoch die Dunkelziffer in diesen Ländern ist. Wie viele Terroranschläge werden vertuscht und tauchen nicht in der Statistik auf?

Allerdings sind auch große Ereignisse, die sich nur schwer vor den Augen der Weltöffentlichkeit verbergen lassen, in diesen Ländern seltener. Dagegen tauchen viele Anokratien ganz vorne in der Liste der Länder mit den meisten Terrorismus-Opfern auf. Es scheint, als ob es auch hier einen Tocqueville-Effekt gibt. Der französische Historiker und Politikwissenschaftler Alexis de Tocqueville hatte im 19. Jahrhundert die Theorie aufgestellt, dass Revolutionen nicht dann ausbrechen, wenn die Repression am größten ist, sondern wenn kleine Zugeständnisse gemacht werden. Offenbar gilt ähnliches für den Terrorismus. 

Demokratie 1973

Demokratie 2015

Im Vergleich zu 1973 gibt es 2015 nicht nur mehr Demokratien, sondern auch mehr Anokratien, also halbdemokratische Staaten. Diese sind besonders vom Terrorismus betroffen. Beide Grafiken: ourworldindata.org

Bis Ende der 1970er Jahre gibt es außerdem nur wenige Tote außerhalb Westeuropas und Israels. Nun könnte man argumentieren, dass Palästinenser und europäische Linke den modernen Terrorismus erfunden hätten. Das erscheint aber etwas weit hergeholt angesichts der Tatsache, dass die Idee Menschen durch Attentate in Angst zu versetzen weder neu noch originell ist. Auch der Umstand, dass viele Länder damals Diktaturen waren könnte eine Erklärung bieten sowie die Tatsache, dass man in Staaten ohne entsprechend ausgebaute Medienlandschaft auch weniger Wirkung mit Terrorattacken erzielt.

Es bleibt aber auch der Verdacht, dass in jenen Zeiten schlicht viele Ereignisse nicht ihren Weg bis zu den Datensammlern in den USA fanden, die Daten bis 1980 oder sogar darüber hinaus also für viele Staaten unterzeichnet sind.

Fazit

Der Terror nimmt weltweit zu. Teilweise liegt das daran, dass der offene Bürgerkrieg durch den Terrorkrieg ersetzt wird. Länder mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen wie Irak, die Ukraine und Afghanistan sind für rund die Hälfe der Terrorismustoten im Jahr 2015 verantwortlich. Allerdings steigt die Zahl der Opfer auch in anderen Ländern. Betroffen sind weniger Diktaturen als vielmehr Länder an der Schwelle zwischen Demokratie und Diktatur (Anokratien).

In zwei Wochen werden wir zunächst die Entwicklung in Westeuropa unter die Lupe nehmen, bevor wir uns anderen Formen der Gewalt zuwenden und dann wieder erfreulichere Themen behandeln.

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