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7Apr/140

Die schon wieder

Das DIW und das IW Köln sind wie neulich schon berichtet immer gut für eine Auseinandersetzung. Auch die VDI-Nachrichten haben jüngst einen Streit der beiden Institute aufgegriffen, genauer gesagt zwischen der Konrad Adenauer Stiftung und dem DIW auf der einen und dem IW Köln auf der anderen Seite. Nur leider, dass der Beitrag nicht besonders erhellend ist, weil er nur an der Oberfläche kratzt.

Liest man de Beitrag von Wolfgang Schmitz, so sieht man alle Vorteile gegen die Sozialforschung im Allgemeinen und die Statistik im Besonderen bestätigt. Die Konrad Adenauer Stiftung, nicht gerade ein Hort des Linksextremismus, hat nämlich eine Studie vorgelegt, nach der Menschen, die von ganz unten nach ganz oben gekommen sind, ihre Herkunft meist verleugnen müssen. Dem widerspreche das Institut der Deutschen Wirtschaft, das festgestellt hat, dass nur 12 Prozent der armutsgefährdeten Deutschen sechs Jahre lang dauerhaft in diesem Status verbleiben. Dass die Kölner aber etwas ganz anderes erforscht haben als die Stiftung erkennt der Autor nicht.

Soziale Paten sind wichtig

40 Männer und Frauen, die aus bildungsfernen Familien stammen und heute zu den mächtigsten Menschen in Deutschland gehören, hat Aladin El-Mafaalani von der Fachhochschule Münster für die Adenauer-Stiftung befragt. Zur Methode sagen die VDI Nachrichten leider nichts, aber die Vermutung liegt nahe, dass es sich um eine qualitative Studie handelt. Das bestätigt ein Blick in den Bericht.

Nettoäquivalenzeinkommen

Quelle: Statisches Bundesamt, eigene Berechnung

Das Ergebnis ist verkürzt gesagt, dass Kinder aus bildungsfernen Haushalten eine Reihe von Hürden überwinden müssen um ganz nach oben zu kommen, selbst bei gleicher Intelligenz. Das beginnt damit, dass Bildung für sie nicht den gleichen Stellenwert hat wie in Akademikerhaushalten. Wegen der Erfahrung materieller Knappheit sind Lebensentscheidungen stärker vom kurzfristigen Nutzen geprägt. Aladin El-Mafaalani spricht von einem "Habitus der Notwendigkeit". Dazu gehört beispielsweise, dass Kinder aus bildungsfernen Haushalten eher einen Beruf ergreifen, bei dem schnell Geld verdient werden kann, statt erst langfristig in ein Studium zu investieren. Zu diesem Ergebnis passt auch, dass diese Kinder später häufiger im Öffentlichen Dienst arbeiten, wo keine mit der Privatwirtschaft vergleichbaren Spitzengehälter zu erzielen sind, weil die Stellen dort sicherer sind.

Der Nachteil der Geburt in einem bildungsfernen Haushalt bleibt aber selbst dann bestehen, wenn man ein Studium erfolgreich gemeistert hat, so Aladin El-Mafaalani. Vereinfacht gesagt: den Aufsteigern fehlt der Stallgeruch, sie brauchen deshalb einen "sozialen Paten" aus höheren Milieus.

DIW und IW Köln schon wieder

Das bestätige auch eine Studie des DIW, schließt Wolfgang Schmitz von den VDI Nachrichten in seinem Bericht, nach der die Chancengleichheit hierzulande ähnlich niedrig sei wie in den USA. Nur das IW Köln behaupte etwas anderes. Doch das hat auch etwas ganz anderes untersucht.

Dort heißt es, dass nur zwölf Prozent der armutsgefährdeten Deutschen (also Deutsche deren Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des Medianwertes beträgt) sechs Jahre lang ununterbrochen in dieser Schicht verharren. Doch das Verharren in Armut und der Aufstieg in den Kreis der Mächtigen ist mitnichten das Gleiche.
Aber selbst beim Verbleib in Armut hätte sich wohl ein anderes Bild ergeben, hätte man Kinder untersucht, die einen Großteil ihrer ersten 15 Lebensjahre bereits in Armut verbracht haben. Dann wäre der Anteil der dauerhaft armen Menschen sicher weitaus höher. Zu den armutsgefährdeten Deutschen kann nämlich auch der Facharbeiter gehören, der kurz arbeitslos wird und nach einem halben Jahr eine Stelle findet. Sogar viele Studenten sind kurzzeitig armutsgefährdet, somit gibt es sogar Menschen, die aus der Armut bis ganz nach oben aufsteigen. Nur aus armen Haushalten stammen sie selten.

Kein Widerspruch

Die Ergebnisse des IW Köln und der Adenauer Stiftung beziehungsweise des DIW stehen also in keinem Widerspruch. Sie zeigen vielmehr, dass das Thema Armut komplexer ist als es an Stammtischen und in Internetforen diskutiert wird.

1Apr/140

Unkreativ

Mit zunehmendem Alter werde ich offenbar etwas unkreativ, denn mir will leider kein guter Aprilscherz für dieses Jahr einfallen. Der im Jahr 2011 zum Thema "Warum unsere Senioren Tyrannen werden" war noch ein ziemlicher Aufreger mit teils bösen Kommentaren. Aber für meinen anderen Blog, FirefoxOSHandys.de habe ich einen geschrieben. Oups, verraten. Aber war doch eh klar, dass diese Nachricht nicht richtig war. Trotzdem, nicht weitersagen!

25Mar/140

Schwarze Statistik

Im Netz habe ich neulich eine besondere Statistik entdeckt. Ein amerikanischer Bibliothekar hat dort die Zahl der Todesopfer verschiedener Kriege und Krisen zusammengetragen.

 Tote der größten Krisen

Anzahl der Toten verschiedener Krisen nach Necrometrics.

Beeindruckende Zahlen, allerdings stellt sich da selbst für mich als Statistik-Fan die Frage: Was sagt uns das jetzt? Zugegeben, in den meisten Fällen erschließt sich der Wert einer Statistik erst im Kontext mit anderen Informationen, in diesem Fall aber gilt das in meinen Augen besonders.

Zum einen sind Daten zu den Toten in Krisen und Diktaturen natürlich immer mit Fragezeichen versehen. Wer kann schon ganz genau sagen, wie viele Menschen während der Taiping Revolution in China im 19. Jahrhundert starben?

Hinzu kommt, dass vor allem der 2. Weltkrieg wie der Name schon sagt in mehreren Regionen der Welt gleichzeitig stattfand. Zu einem Krieg wurde er nur, weil Briten und Amerikaner (und noch einige andere) in Asien wie in Europa kämpften. Es gab andere kriegerische Zeiten, in denen mehrere Kriege gleichzeitig stattfinden, die aber formell als unterschiedliche Kriege gelten.

Zumal in früheren Zeiten auch weniger Menschen lebten. Die Taiping-Revolution war mit 20 Millionen Toten für die Menschen sicher nicht weniger verheerend als Maos Diktatur mit 40 Millionen, denn China hatte damals weit weniger Einwohner. Die Kongogräuel (Kongo-Freistaat) ließen die Bevölkerung der Region sogar in 20 Jahren von 25 auf 15 Millionen zurückgehen, ähnliche Folgen hatte sicher auch der 30-Jährige Krieg in Deutschland.

Immerhin räumt auch der Betreiber der Seite, Mattew White, ein, dass man beispielsweise die spannende Frage nach dem größten Massenmörder der vergangenen 300 Jahre nicht beantworten kann. Zumal die Betrachtung teilweise auch in die falsche Richtung führt. Anders als solche Überlegungen suggerieren, war Hitler, der mit Mao und Stalin auf jeden Fall zu den Top-Kandidaten gehört, ja nicht alleine Schuld am großen Morden in Deutschland. Scheinbar aufklärerische Bücher wie "Er ist wieder da" erwecken zwar den Eindruck, da habe ein österreichischer Maler die Menschen verführt und damit alles verschuldet, doch in Wahrheit liegt ein großer Teil der Schuld auch bei der deutschen Gesellschaft. Die Geisteshaltung war vorher schon da, gefördert durch das damalige Erziehungswesen.

Der Autor selbst hat noch einen anderen Schuldigen ausgemacht, nämlich das Verbot Schusswaffen zu besitzen. Dem hat er einen eigenen Beitrag gewidmet, schließlich hätten sowohl das deutsche Reich als auch die Sowjetunion und die chinesische Volksrepublik vor dem großen Schlachten jeweils die Freiheit Waffen zu trage eingeschränkt. Sonst, so der Autor, hätten sich die Verfolgten ja wehren können. Die nach seinen Schätzungen fast 100.000 Millionen Toten der Diktaturen von Hitler, Stalin und Mao seien daher auch Opfer der Waffenkontrolle.

Auch sonst ist der Autor ganz Amerikaner. Auf seiner Liste der der großen Massenmörder landet auch Kaiser Wilhelm II. Sicher kein netter Mensch, doch die These von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands im Ersten Weltkrieg ist nicht besonders überzeugend, britische oder us-amerikanische Politiker findet man auf seinen Listen aber nicht.

Bin ich also durch die Statistiken trotzdem klüger geworden? Immerhin hatte ich vorher keine Ahnung von der Taiping-Revolution, immerhin der bis heute blutigste Bürgerkrieg der Welt.