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16Jan/170

Ab in die Städte?

Ich gebe zu, dass ich in der letzten Zeit viele Themen aus dem Bereich "Internationales und Migration" aufgegriffen habe, beispielsweise den jüngsten Artikel zur gefühlten Migration, zum Welthunger, zur Weltbevölkerung oder zum CO2. Eingefleischte Leser werden Beiträge über exotische Statistiken wie die Klärschlammverwertungsstatistik oder die Aufgliederung von Fußballtrikots nach Farbe vermissen.

Ich habe natürlich auch weiterhin den Anspruch, Statistiken jenseits der großen Themen aufzugreifen. Das Thema Migration ist aber mittlerweile sehr präsent und viele Aspekte kommen in den Tageszeitungen und Online-Portalen nicht vor, zumal sich nach meiner Erfahrung viele Journalisten nach wie vor mit Zahlen schwer tun. Auch wenn es erfreulicherweise immer mehr Datenjournalisten gibt und in vielen Journalistenschulen das Verständnis von Statistiken auf dem Lehrplan steht.

Deshalb nehme ich mich - schon wieder - dem Thema Migration an. Vergessen wird oft, dass die eigentliche Migration nicht zwischen reichen und armen Ländern stattfindet. Man kann sogar sagen, dass dies eine eher seltene Form der Wanderung ist, weil den Menschen in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire) das Geld fehlt, um  die Reise zu finanzieren.

Kongo Wald

Migration findet weniger zwischen Ländern statt, sondern vor allem vom Land in die Stadt. Foto: Irene2005

In diesen Ländern gibt es dagegen ein anderes Phänomen, im Kongo (Demokratische Republik) leben nach Daten des CIA World Factbook mittlerweile 11,6 Millionen Menschen im Großraum Kinshasa. Leider macht die Quelle keine Angaben darüber, ob in der Zahl auch die auf der anderen Flussseite lebenden Menschen von Brazzaville enthalten sind, der Ort gehört nämlich zur Republik Kongo (ohne den Zusatz Demokratisch davor, auch wenn das Land vermutlich demokratischer ist als der Nachbarstaat mit dem Namenszusatz).

So oder so leben mehr als zehn Prozent der Bevölkerung des Landes (es hat ähnlich viele Einwohner wie die Bundesrepublik Deutschland) in der Hauptstadtregion. Das ist ungefähr so viel wie in Großbritannien im Ballungsraum London wohnen - wenn die 11,6 Millionen nur den in der DR Kongo gelegenen Teil umfassen etwas mehr, ansonsten etwas weniger.

Der von mir bereits im Beitrag über den Waldanteil (da kam die DR Kongo schon mal vor) zitierte Autor Doug Saunders schätzt, dass mittelfristig rund ein Drittel der Weltbevölkerung in die Städte wandern wird. Vor allem in Afrika besteht noch Nachholbedarf, denn dort leben erst 40 Prozent in städtischen Gebieten, gegenüber 72 Prozent in Europa und 81 Prozent in Nordamerika.

Statistik: Grad der Urbanisierung (Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung) nach Kontinenten im Jahr 2014 | Statista
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Hier findet also die eigentliche Migration statt. Sie ist weit stärker als die Wanderung aus Ländern mittleren Einkommens in die reichen Staaten. Ein Drittel der Weltbevölkerung, das bedeutet rund 2,5 Milliarden Menschen.

Entsprechend starkes Wachstum wird für die Megastädte erwartet. Dhaka in Bangladesch soll im Jahr 2025 gegenüber 2011 um bis zu 50 Prozent gewachsen sein, schätzen die Vereinten Nationen. Dass vor allem in Asien so starkes Wachstum stattfindet, liegt an verschiedenen Faktoren, vor allem

  1. dem Bevölkerungswachstum,
  2. der bisher niedrigen Verstädterung und
  3. der oft mäßigen Infrastruktur abseits der Küsten und der Großstädte.

Wachstum kann hier fast nur in den Städten stattfinden, weil ländliche Regionen oft weder auf der Straße und erst recht nicht auf der Schiene gut erreichbar sind. Gerade in Deutschland sind dagegen auch ländliche Regionen vergleichsweise urban. Man denke an Baden-Württemberg oder das Bayerische Chemiedreieck in Südostbayern, wo es auch abseits von Großstädten eine beachtliche Industrie gibt.

Die Städte Afrikas bleiben leider unterhalb des Radars. Dabei ist hier besonders viel Zuwachs zu erwarten, denn alle drei Faktoren gelten in Afrika noch mehr als in Asien. Das Bevölkerungswachstum ist hier höher - und wird auch hoch bleiben, denn in vielen Staaten Afrikas, darunter auch der DR Kongo, ist die Geburtenrate hoch. Die meisten asiatischen Länder wachsen dagegen vor allem deshalb noch so stark, weil die Geburtenraten vor 20 bis 30 Jahren hoch waren und es deshalb viele junge Frauen gibt, die aber meist nur noch zwei bis drei Kinder bekommen. Doch dazu ein andermal mehr. In Afrika dagegen sind Geburtenraten von vier bis fünf Kindern je Frau in vielen Ländern noch üblich.

Die Verstädterung ist noch niedriger und die Infrastruktur oft schlechter. Es wäre also spannend zu erfahren, wie es hier weiter geht.

Infographic: The World's Megacities Are Set for Major Growth | StatistaMehr Statistiken finden Sie bei Statista
 

Das starke Städtewachstum in Asien und Afrika hat natürlich auch Auswirkung auf die Reihenfolge der größten Großstädte. Schon heute sind die Zeiten vorbei, als die Megastädte der Welt in Europa lagen. Nordamerika hat ziemlich früh aufgeholt. Wie Doug Saunders in seinem Buch "Arrival City" schreibt, wurden die meisten europäischen Auswanderer in den USA keineswegs Farmer oder Cowboys, wie es uns Filme und Romane erzählen. Vielmehr gingen sie, zumindest ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, in die Städte. In New York lassen sich noch heute an der Lower East Side Reste des Deutschenviertels finden, die dort eigene Läden betrieben, eigene Zeitungen und Kirchengemeinden hatten und oft bis in die dritte Generation daheim nur Deutsch sprachen.

Statistik: Die zehn größten Städte weltweit im Jahr 2010 und Prognose für 2025 (in Millionen) | Statista
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So gab es in Nordamerika, trotz oder sogar wegen der niedrigen Besiedlungsdichte, bald größere Städte als in Europa. Später wurden New York, Chicago und Los Angeles von japanischen und lateinamerikanischen Orten wie Tokyo und Mexiko (Stadt) überholt. Im Jahr 2025 wird nach Schätzungen der UN ein Großteil der zehn größten Städte in Asien liegen, davon die Hälfte auf dem indischen Subkontinent. Vielleicht findet man noch zehn Jahre später auch Lagos oder Kinshasa auf der Liste.

In meinen Lehrveranstaltungen stelle ich immer wieder fest, dass die meisten Studierenden diese Entwicklung für schlechten halten. Verstärkt wird dieser Eindruck auch von den Hilfsorganisationen, die vor allem mit glücklichen Kleinbauern werben. Und wenn schon Stadt, dann wenigsten Urban Gardening. Neulich sah ich eine Werbung für "Stadtwachstum, das man essen kann". Die Rede war aber nicht von Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche, mit deren Hilfe diese später besser bezahlte Jobs fänden, sondern von Kleingärten in der Stadt.

In Deutschland gibt es wieder mehr Scheine. Bild: metalhero1993

Wer Kleinstlandwirtschaft ohne Maschinen für romantisch hält, kann ja zunächst selbst damit anfangen, bevor er anderen diesen Lebensstil verordnet. Bild: metalhero1993

Natürlich gibt es kein objektives Kriterium dafür, ob solch eine Entwicklung gut oder schlecht ist. Man kann aber feststellen, dass in den Städten der soziale Aufstieg häufiger gelingt, dass dort weniger Kinder geboren werden und die medizinische Versorgung oft besser ist. Kulturpessimisten werden einwenden, dass auf dem Land der soziale Zusammenhang größer sei und die Menschen eingebunden in traditionelle, Halt gebende Strukturen wären.

Ein objektives Abwägen ist da nicht möglich. Meine persönliche Meinung ist allerdings, dass wer ein Leben als Kleinstbauer so romantisch findet, zunächst selbst damit anfangen sollte, statt als gut bezahlter Journalist, Professor oder PR Manager einer Entwicklungshilfeorganisation vom Glück der Subsistenzwirtschaft zu reden.

Das heißt natürlich nicht, dass es in den Städten nicht viel Armut und Leid gäbe. Aber vielleicht, liebe Entwicklungshilfeorganisationen, wäre es eine Idee direkt dort anzusetzen und mitzuhelfen, das Los der Menschen in der Stadt zu verbessern, statt die Landflucht von vorne herein zu verdammen.

11Jan/170

Ein anderer Blick auf die Weltbevölkerung

Ich möchte heute mal einen anderen Blick auf die Weltbevölkerung werfen. Es geht diesmal nicht um das Bevölkerungswachstum, sondern um die Bedeutung einiger weniger großer Länder für das Schicksal von Milliarden Menschen. Ich meine damit nicht die Macht einzelner Staaten wie der USA, Russlands oder China, sondern schlicht die Einwohnerzahl.

Auf das Thema gestoßen bin ich auf dem Umweg über die weltweite Armut. Die Zahl der besonders armen Menschen ist deutlich gesunken, die Ungleichheit zwischen den Staaten ist seit 1990 erstmals seit über 150 Jahren gesunken und die Zahl der Hungernden und Unterernährten sinkt trotz in den meisten Ländern steigenden Fleischkonsums und steigender Weltbevölkerung. Und das alles, obwohl die ärmsten Länder der Welt kaum vorwärts zu kommen scheinen.

Äthiopien

Auch einige sehr arme Länder wie Äthiopien konnten zuletzt stark wachsen. Im Bild eine koptische Kapelle. Foto: A. Davey (Lizenz CC BY 2.0).

Zunächst einmal gibt es auch einige sehr arme Länder, in denen es vorwärts geht. Vor allem aber ist das Wohl sehr vieler Menschen vom Erfolg zweier Länder abhängig, nämlich Indien und China. Mit anderen Worten, wenn es dort für die Armen aufwärts geht, dann sinkt die Zahl der Armen weltweit deutlich.

Um eine Zahl zu nennen: Mehr als die Hälfte aller Menschen lebt in nur sieben Ländern. In der folgenden Grafik habe ich das mal kurz zusammengestellt. Die y-Achse gibt die Prozentzahlen an, die x-Achse die Zahl der Staaten. Als lebt ein Drittel aller Menschen in zwei Staaten, nämlich Indien und China.

Bevölkerung

Dieser Anteil von Menschen lebt in den so wenigen Ländern (Quelle: Weltbank)

Mittlerweile hat Indien den Nachbarn China bei der Einwohnerzahl fast eingeholt. Nimmt man noch die USA, Indonesien, Brasilien, Pakistan und Nigeria hinzu, hat man bereits mehr als die Hälfe der Weltbevölkerung. Wäre die Europäische Union ein Staat, wären es sogar nur fünf Länder, nämlich (in dieser Reihenfolge) China, Indien, die Europäische Union, die USA und Indonesien.

Es fällt auf, dass auf Platz 8 (jetzt wieder ohne die EU als Staat) mit Bangladesh nach Indien und Pakistan erneut ein Land vom indischen Subkontinent liegt. Nimmt man noch die weiteren Staaten dazu, die ganz oder teilweise auf dem Subkontinent liegen, kommt man auf 1,7 Milliarden Menschen oder 23 Prozent der Weltbevölkerung. Das ist weit mehr als auf dem europäischen Subkontinent liegen (seien wir mal ehrlich, geographisch gesehen ist Europa eigentlich nur ein Subkontinent Eurasiens).

In den größten 17 Staaten leben rund zwei Drittel der Menschen, Deutschland liegt übrigens auf Platz 18, gehört also knapp nicht mehr zu diesem Kreis, seit die Demokratische Republik Kongo die Bundesrepublik bei der Einwohnerzahl überholt hat. Zusammen mit Frankreich, Großbritannien, Italien und weiteren 22 Staaten gehört sie aber zu den 26 Ländern, in den mehr als drei Viertel der Menschen leben.

Kann man aus dieser Erkenntnis praktische Handlungsempfehlungen ableiten? Der Gedanken liegt auf der Hand, aber beim genaueren Nachdenken fällt mir wenig ein. Sicher, wenn Indien, China und die USA gut regiert würden, würden mehr als 40 Prozent der Menschen in gut regierten Staaten leben. Aber wie soll das aussehen? In den USA einmarschieren? Zumal man fairerweise sagen muss, dass auch die USA mehr sind als ihr kommender Präsiddent. Das Land ist deutlich stärker föderal organisiert als Deutschland. Wäre die USA kein Staat, sondern nur ein Staatenbund, dann wäre Kalifornien das 33-größte Land der Welt, knapp vor Polen. Wirtschaftlich wäre es hinter China, Japan und Deutschland sogar die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.

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7Jan/171

Gefühlte Flüchtlingszahlen

Im letzten Beitrag ging es ja um gefühlte Gefühle. Diesmal soll es um die Frage gehen, wie unsere Gefühle uns trügen können. Genauer genommen will ich gefühlte und tatsächliche Migration gegenüber stellen. Es ist jetzt schon wieder einige Wochen her, dass ich an einem Webinar der OECD zum Thema Flüchtlinge teilgenommen habe. Behandelt wurden unterschiedliche Aspekte des Themas, unter anderem auch die gefühlte und die tatsächliche Migration und die Auswirkung auf die Akzeptanz von Flüchtlingen.

Migrantenzahl wird überschätzt

Tatsächlich gibt es in den meisten OECD-Ländern deutlich weniger Migranten als die Bürger durchschnittlich glauben. In Deutschland beispielsweise schätzen die Menschen, dass 23 Prozent der Einwohner des Landes Migranten sind (Genauer gesagt liegt das arithmetische Mittel aller Schätzungen bei 23). Tatsächlich sind aber nur 13 Prozent ins Land eingewandert.

Gefühlte Migration

Von den Befragten geschätzte (rot) und tatsächliche (grau) Zahl von Immigranten je 1.000 Einwohner. Quelle: IPSOS Mori nach OECD

Wobei die Schätzung der Deutschen nicht so schlecht ist, wenn man Bürger mit Migrationshintergrund betrachtet. Den haben nämlich 21 Prozent. Aus der Statistik geht leider nicht hervor, wie bewusst den Befragten dieser Unterschied gemacht worden ist. Allerdings ist der Unterschied zwischen Schätzung und Realität in Deutschland ohnehin verhältnismäßig gering. In Italien schätzten die Befragten den Anteil von Einwanderern auf 30 Prozent, tatsächlich sind es aber nur sieben Prozent. Auch in den USA ist die Differenz gewaltig. Die Befragten schätzten den Einwandereranteil durchschnittlich auf 32 Prozent, tatsächlich sind es aber nur 13 Prozent und damit genauso viele wie in Deutschland.


 

Hintergrund:

Als Menschen mit Migrationshintergrund zählen auch jene, die in Deutschland geboren wurde, die aber mindestens einen aus dem Ausland stammenden Elternteil haben. Ausländer und eingebürgerte Ausländer gelten generell als Bürger mit Migrationshintergrund, unabhängig von der eigenen Migrationserfahrung oder derjenigen der Eltern. Auch das Enkelkind türkischer Einwanderer hat demnach einen Migrationshintergrund, wenn es bei der Geburt die türkische Staatsangehörigkeit hatte. Das gilt auch, wenn es nach dem Optionsmodell sowohl die deutsche als auch die ausländische Staatsbürgerschaft hatte. Einzige Ausnahme sind vor 1950 eingewanderte Menschen und deren Kinder. Andernfalls würden auch alle Vertriebenen und deutschstämmigen Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg sowie deren Kinder als Menschen mit Migrationshintergrund gezählt. Spätaussiedler und deren Kinder werden in der Statistik dagegen mit Migrationshintergrund geführt.


 

Berliner U-Bahn

Ein Berliner der nach München zieht ist kein Migrant, ein Salzburger dagegen schon, obwohl sich Münchner und Salzburger kulturell und sprachlich näher stehen als Berliner und Münchner. Das gehört zu den Tücken bei der Interpretation von Migrationsstatistiken. Foto: Matthew Nöacl

 

In Deutschland werden natürlich auch Österreicher und Dänen als Migranten gezählt, in New York dagegen Kalifornier oder Texaner nicht, obwohl die Entfernung zwischen New York und den beiden Staaten größer ist als die zwischen Dänemark und Deutschland oder Österreich - und vermutlich auch die kulturelle Differenz zwischen Deutschen, Dänen und Österreichern geringer ist als zwischen einem Texaner und einem Einwohner des Big Apple. Grundsätzlich sollte man erwarten, dass große Länder einen geringeren Migrantenanteil haben als kleine, weil mehr Migranten als Binnenmigranten gezählt werden. Wäre die EU ein Staat, läge der Anteil der Migranten in Deutschland deutlich niedriger, weil Österreicher und Franzosen dann keine Einwanderer mehr wären. Die 13 Prozent in den USA sind also ein vergleichsweise hoher Wert.

Asmara Eritrea

Tolle Architektur, miese Regierung. Aus Eritrea kommen besonders viele Flüchtlinge. Hier die von den Italienern in den 1930er Jahren gebaute Hauptstadt Asmara. Foto: David Stanley

Sehr hoch ist der Anteil der Einwanderer vor allem in Kanada und Australien, es folgt Schweden. Gering ist er dagegen vor allem in den ostasiatischen Ländern Japan und Südkorea, die traditionell der Einwanderung eher ablehnend gegenüber stehen. Auch in Osteuropa gibt es wenig Immigranten, in Polen sind es gerade mal 0,4 Prozent. Die Bevölkerung selbst schätzt den Anteil auf 15 Prozent.

Unterschiedliche gute Schätzungen

Auffällig ist, wie unterschiedlich die Qualität der Schätzungen ist. Die Australier überschätzen den Anteil von Migranten um gerade mal 7 Prozentpunkte, die Italiener dagegen um 23 Prozentpunkte. Im Falle von Italien bedeutet das, dass der Einwanderanteil nicht einmal bei einem Viertel des geschätzten Wertes liegt. Auch in Belgien und den USA liegen die Schätzungen deutlich daneben, um 19 Prozentpunkte.

Das kann verschiedene Ursachen haben, über die ich nur spekulieren kann. Beispielsweise die Frage, in wie weit Migranten im täglichen Leben auffallen. Deutsche, die nach Australien auswandern, sind auch Migranten, fallen aber im Stadtbild meistens nicht auf. Tatsächlich ist die Zahl der Migranten in vielen OECD-Ländern aktuell nicht besonders hoch. In Irland, Spanien, dem Vereinigten Königreich oder Italien lag die Zahl der dauerhaften Neuzuwanderung im Jahr 2015 beispielsweise niedriger als 2007. Allerdings kamen damals keine Flüchtlinge, sondern vor allem Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten.

Es kann aber auch mit den Ängsten der Bürger zusammenhängen, in Belgien beispielsweise mit dem Treiben islamistischer Terroristen. Oder auch mit der Instrumentalisierung durch die Politik, etwa im Fall der USA durch Trump. Und nicht zuletzt auch mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, also mit dem Gefühl die Einwanderung auch wirtschaftlich zu meistern.

Überschätzung der Einwanderzahl führt zu Ablehnung

Diese Überschätzung der Einwanderung hat auch ganz konkrete Konsequenzen bei der Akzeptanz von Migranten. Eine Umfrage aus dem Jahr 2014 zeigt etwa, dass weniger Menschen der Meinung sind, es gäbe zu viele Einwanderer, wenn man ihnen vorher die korrekte Zahl gesagt hat. In Italien, wo besonders viele Menschen die Zahl der Einwanderer überschätzen, fanden 44 Prozent der Befragten, es gäbe zu viele Migranten. Von jenen Befragte, denen vom Interviewer mit der Frage auch die korrekte Zahl von Einwanderern genannt wurde, fand nur rund jeder fünfte (22 Prozent), dass es zu viele Migranten gäbe.

Zu viele Migranten Grafik

Anteil der Befragten, die finden es gäbe zu viele Migranten, wenn ihnen der tatsächliche Anteil mitgeteilt wurde (rot) und wenn er ihnen nicht gesagt wurde (grau): Aufgeführt sind die drei Länder mit der höchsten und die drei mit der niedrigsten Ablehnung von Einwanderern sowie die USA. Quelle: Transatlantic Trends 2014, zitiert nach OECD

Überraschend ist, dass in Polen das Wissen um die tatsächliche Migrantenzahl keinen Unterschied macht, obwohl der Anteil der Einwanderer dort deutlich überschätzt wird. Und obwohl auch die Schweden den Einwanderanteil leicht überschätzen, sind dort sogar mehr Menschen der Meinung es gäbe zu viele Migranten, wenn sie den tatsächlichen Anteil kennen. Vergessen sollte man aber nie, dass es bei solchen Befragungen immer auch Unschärfen gibt, beispielsweise weil in der Gruppe derer, denen der Migrantenanteil gesagt wurde, durch Zufall besonders viele Migrationsgegner waren.

Fazit: Zahlen kennen ist wichtig

Die Ablehnung von Migranten sinkt, wenn den Befragten vorher gesagt wurde, wie viele Einwanderer es in ihrem Land tatsächlich gibt. Denn in allen untersuchten Staaten wird deren Zahl überschätzt. Das sollte jenen Kritikern zu denken geben, die Zahlen zur Migration am liebsten gar nicht veröffentlichen würden, weil sie eine Diskussion über die Einwandererzahlen fürchten. Doch das Gegenteil ist der Fall, haben die Menschen keine Daten, gehen sie oft vom aus ihrer Sicht schlimmsten Szenario aus. Umstrittene Sachverhalte nicht zu erforschen oder zu quantifizieren ist deshalb kontraproduktiv.