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8Feb/160

Gemeinnützige befristen gerne

Wie bereits im vergangenen Beitrag angesprochen sinkt die Zahl der befristeten Verträge aktuell wieder. Wobei die aktuellen Unsicherheiten diese Entwicklung natürlich sehr schnell umkehren können. Wer sich mit der Thematik näher befasst den dürfte es nicht überraschen, dass der Staat nicht gerade mit gutem Beispiel voran geht. 10,4 Prozent der Mitarbeiter waren im Jahr 2014 nur befristet angestellt. Dabei sind auch Beamte enthalten, würde man nur die Angestellten betrachten, läge der Befristungsanteil im Öffentlichen Dienst noch höher. Die Daten entstammen aber dem Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Darin wird nicht nach Beamten und Angestellten beziehungsweise Arbeitern unterschieden.

Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter nach Sektoren. Quelle: IAB Betriebspanel

Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter nach Sektoren. Quelle: IAB Betriebspanel

Der Privatsektor befristet im Vergleich mit dem Öffentlichen Dienst deutlich seltener, 2014 lag die Quote hier bei 7,4 Prozent. Noch extremer treibt es aber der sogenannte Dritte Sektor, also die nicht gewinnorientierten Arbeitgeber. Dazu gehören beispielsweise Gewerkschaften, Sozialverbände, Kirchen und gemeinnützige Stiftungen. Hier hatte rund jeder siebte Mitarbeiter nur einen Zeitvertrag, nämlich 15,1 Prozent.

Dass vor allem nicht profitorientiere Einrichtungen einen so hohen Anteil an Befristungen haben, hat auch Gründe. So macht der Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes Kündigungen schwer. Deshalb weichen Arbeitgeber auf befristete Beschäftigungsverhältnisse aus. Das führt, wie so oft beim Kündigungsschutz, zu einem zweigeteilten Arbeitsmarkt. Einmal gibt es jene mit einem festen Vertrag und einmal die mit einem befristeten. Streng genommen gibt es sogar eine Dreiteilung, die dritte Gruppe sind jene ganz ohne Arbeit.

Hinzu kommen ein paar Besonderheiten der Öffentlichen Finanzen. Oft werden Mittel nur für ein Jahr vergeben, dann können auch die Mitarbeiter nur so lange eingestellt werden. Gibt es beispielsweise für ein Jahr Mittel aus einem Sonderprogramm, dann können daraus auch nur befristet Beschäftigte finanziert werden.

Schließlich gibt es noch einen dritten Grund, der zeigt sich, wenn man wissenschaftliche Einrichtungen getrennt betrachtet. Dann sinkt der Anteil der Mitarbeiter mit Zeitverträgen im Öffentlichen Dienst auf 7,4 Prozent. Bei den Privatunternehmen ändert sich nichts, beim Dritten Sektor sinkt der Anteil der Befristeten ebenfalls, aber nur leicht von 15,1 auf 14,4 Prozent. Wissenschaftler sind eben vor allem beim Staat angestellt.

Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus gesehen. Foto: Pressefoto der Bundesagentur für Arbeit

Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus gesehen. Foto: Pressefoto der Bundesagentur für Arbeit

In der Wissenschaft ist der Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter auch seit 2010 gegen den Trend weiter gestiegen, nämlich auf 37,0 Prozent. Die Mitarbeiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung können das ganz gut in ihrem eigenen Institut beobachten. Einst war das eine Abteilung innerhalb der Hauptstelle der Bundesanstalt für Arbeit, bei dem viele Mitarbeiter mit festen Verträgen und teils sogar im Beamtenverhältnis arbeiteten. Dann sollte es sich stärker an den Universitäten ausrichten, was ihm nicht nur den Status einer Dienststelle und zwei eigene Gebäude (direkt neben dem Hauptgebäude) einbrachte, sondern auch mehr Zeitverträge. Wer unbefristet beschäftigte werden will, muss ein Tenure Track Verfahren durchlaufen.

Allerdings zeigt sich, dass der Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter auch ohne Wissenschaftler im Öffentlichen Dienst höher ist, zwei Gründe habe ich ja schon erwähnt. Der hohe Anteil von Befristungen in der Wissenschaft führt auch dazu, dass der Anteil der Zeitverträge bei den Bundesländern besonders hoch ist. Nach der Personalstandsstatistik sind es dort 13,4 Prozent ohne Beamte sogar 28,4 Prozent. Die Daten dazu habe ich ebenfalls dem Bericht "Befristete Beschäftigte im Öffentlichen Dienst" des IAB entnommen. Allerdings kommt die Personalstandsstatistik insgesamt zu etwas anderen Werten als das IAB Betriebspanel. Der Befristetenanteil liegt hier im Öffentlichen Dienst bei 10,3 Prozent. Rechnet man die Wissenschaftler heraus, liegt der Befristungsanteil bei den Ländern sogar mit 4,2 Prozent besonders niedrig. Das liegt vor allem an dem hohen Beamtenanteil, denn hier arbeiten viele Lehrer, Polizisten und Richter, die meistens verbeamtet sind.

Was lernen wir daraus? Befristungen treffen keineswegs nur die unteren Angestellten. Im Öffentlichen Dienst trifft es mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern sogar eine Gruppe, die im Gehaltsgefüge relativ weit oben steht. Mit der meistens gezahlten Gehaltsgruppe 13 verdient ein wissenschaftlicher Mitarbeiter ähnlich viel wie ein Regierungsrat, der Leiter eines mittelgroßen Jobcenters oder ein Major, zumindest wenn er eine volle Stelle bekommen hat.

Anteil der Mensch mit Zeitverträgen - ohne Wissenschaftler. Quelle: Mikrozensus

Anteil der Mensch mit Zeitverträgen - ohne Wissenschaftler. Quelle: Mikrozensus

Auch wenn die Wissenschaftler herausgerechnet werden zeigt sich aber, dass der Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter mit steigender Qualifikation zunächst abnimmt und dann wieder zunimmt. Das lässt sich auch für alle drei Sektoren beobachten. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Im Öffentlichen Dienst wird die Situation bei den Promovierten allerdings durch einen Sondereffekt etwas überzeichnet. Besonders hoch ist der Befristetenanteil nämlich im Gesundheitssektor. Das hat den Grund, dass fast alle Ärzte einen Doktortitel haben. An den Krankenhäusern arbeiten sie vor allem während der Ausbildung zum Facharzt - und dann oft befristet. Wenn sie später in einer Praxis als Angestellte unbefristet arbeiten, werden sie aber dem Privatsektor zugerechnet, eröffnen sie eine eigene Praxis sind sie Selbständige.

Der hohe Anteil von befristeten Mitarbeitern bei hohen Qualifikationen zeigt sich aber auch jenseits der Ärzte.

1Feb/160

Zeitverträge im Laufe der Zeit

Gerne wird in der öffentlichen Diskussion das Bild von einer Arbeitsgesellschaft gezeichnet, in der es nur noch befristet Beschäftigte gibt. Kein Wunder, dass nicht mehr Kinder geboren werden, heißt es dann. Wenn doch alle nur noch Zeitverträge bekommen.

Das ist richtig und falsch gleichzeitig. Falsch, weil die Zahl der Arbeitnehmer mit Zeitverträgen seit 2010 sinkt und mittlerweile wieder auf das Niveau von 2005 gefallen ist. Aber richtig, weil in einzelnen Altersgruppen mehr Menschen befristete als unbefristete Verträge haben. Wobei auch diese Relativierung wieder relativier werden muss, aber dazu später mehr.

Zunächst einmal etwas zu der überraschenden Erkenntnis, dass die Zahl der befristeten Arbeitsverträge sinkt, obwohl die Zahl der Arbeitsverhältnisse insgesamt steigt. Das zeigt eine Statistik des Statistischen Bundesamtes. Im Gebiet Arbeitsmarkt tummeln sich nämlich zwei große Statistik-Dienstleister, einmal die Statistik der Bundesagentur für Arbeit und dann das Statistische Bundesamt. Grob gesagt kümmert sich die Bundesagentur für Arbeit um Daten, die sich aus ihrer Verwaltungstätig sowie den Sozialversicherungsmeldungen ergeben, also bei den Agenturen für Arbeit gemeldete Arbeitslose, Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen, Empfänger von Leistungen (v.a. Arbeitslosengeld, Grundsicherung für Arbeitsuchende und Kindergeld mit Kinderzuschlag) sowie sozialversicherungspflichtige und geringfügige Beschäftigte.

Das Statistische Bundesamt ist auf dem Feld Arbeitsmarkt ausnahmsweise nur die Nummer 2. Hier werden die Daten für Erwerbslosigkeit nach den Kriterien der ILO erhoben sowie die der Erwerbstätigen, wo zu den abhängig Beschäftigten noch die Selbständigen addiert werden.

Die unten stehenden Daten beziehen sich auf abhängig Beschäftigte, stammen aber nicht aus den Meldungen zur Sozialversicherung, sondern wurden im Rahmen des Mikrozensus erhoben, daher ist die Quelle hier das Statistische Bundesamt.

Statistik: Anzahl der Erwerbstätigen mit befristeten und unbefristeten Arbeitsverträgen in Deutschland von 2005 bis 2014 (in Millionen) | Statista
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Aber da sind wir jetzt etwas abgeschweift. Die Grafik zeigt, dass die Zahl Arbeitsverträge insgesamt gestiegen ist, die Zahl der befristeten Arbeitsverträge aber seit 2010 fällt. Noch etwas deutlicher wird die Entwicklung, wenn man nur die befristeten Beschäftigten sowie ihren Anteil an allen Arbeitsverträgen betrachtet.

Grafik befristet Beschäftigte - Zeitverträge

Zahl der befristeten Arbeitsverträge in Deutschland laut Mikrozensus (rote Linie, linke Skala) sowie deren Anteil an allen Arbeitsverträgen (grau, rechte Skala). Quelle: Statistisches Bundesamt

Noch schneller als die Zahl der befristeten Arbeitsverträge geht ihr Anteil an allen Arbeitsverträgen zurück, weil es insgesamt mehr Beschäftigungsverhältnisse gibt. Warum aber haben dann immer noch viele Menschen den Eindruck, dass es einen Trend zu befristeten Beschäftigungen gibt? Das hat drei Gründe.

Der erste Grund ist unsere Freude an schlechten Nachrichten - und die Begeisterung vieler Journalisten dafür. Dort ist noch immer die Auffassung verbreitet, ein positiver Beitrag sei immer gekauft.

Der zweite Grund hat ebenfalls mit unserer Psyche zu tun. Vor allem junge Menschen werden nämlich befristet angestellt. Das zeigt der Blick in eine andere Quelle, nämlich den Gesundheitsreport 2013 der Techniker Krankenkasse. Demnach sind rund 63 Prozent der unter 20-Jährigen nur befristet beschäftigt, bei den 20 bis unter 25-Jährigen sind es auch noch fast die Hälfte.

Nun ist die Situation nicht ganz so dramatisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn in den Zahlen sind auch Ausbildungsverträge enthalten - und die sind traditionell fast immer Zeitverträge. Wer beispielsweise eine Ausbildung zum Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung beginnt, der ist zunächst drei Jahre lang befristet beschäftigt, denn so lange dauert die Ausbildung.

Leider lassen sich diese Lehrverträge nicht rausrechnen. Allerdings ist der Anteil der Arbeitnehmer mit Zeitvertrag auch so unter den jungen Menschen hoch. Auch das führt zu dem Eindruck, es gäbe immer mehr Zeitverträge. Allerdings schaffen die meisten früher oder später den Sprung in eine Festanstellung.

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Arbeitnehmer mit befristetem Arbeitsvertrag nach Alter.

Allerdings gibt es auch einen wahren Kern. Im Vergleich zu den 1980er Jahren ist der Anteil der befristet Beschäftigten nämlich immer noch überdurchschnittlich. Das zeigt ein Blick in die Originaldaten des Statistischen Bundesamtes.

Anteil befristet Beschäftigte

Anteil der befristeten Arbeitsverträge an allen Arbeitsverträgen. Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus und Volkszählung 1987

Der Anteil der Angestellten und Beamten mit Zeitverträgen liegt demnach im Jahr 2014 mit 13,0 Prozent immer noch deutlich höher als 1991 mit 10,8 Prozent. Das waren die ersten Daten für Gesamtdeutschland, die Werte von 1985 bis einschließlich 1990 beziehen sich nur auf die alten Bundesländer und West-Berlin.

Insgesamt hat sich der Anteil der Arbeitnehmer mit Zeitverträgen immer wieder verändert, ist mal gestiegen und mal gesunken. In der Tendenz ging es tatsächlich immer leicht nach oben. Nach jedem Rückgang lag der neue Tiefstwert höher als der Alte. Charttechniker, die Börsenkurse analysieren, würden vermutlich eine steigende Trendgerade in die Grafik legen, zumal auch der aktuelle Wert von 13,0 Prozent noch über dem letzten Tiefstpunkt von 12,6 Prozent im Jahr 2002 liegt und der wiederum über dem davor von 11,0 im Jahr 1994. Aber auch an der Börse liegen die Chart-Propheten oft falsch.

Die Grafik zeigt außerdem, dass sinkende Anteile von Zeitverträgen kein gutes Zeichen sein müssen. So sank deren Zahl nach dem Platzen der New-Economy-Blase deutlich, bis auf die erwähnten 12,6 Prozent im Jahr 2002. Warum? Weil die Unternehmen Personal abbauten - und das geht am einfachsten, indem Zeitverträge nicht verlängert werden. Auch weniger Ausbildungsplätze bedeuten weniger Zeitverträge. Ideal für eine hohe Zahl von Zeitverträgen ist dagegen in beginnender Aufschwung nach einer Krise. Dann wird Personal gebraucht, aber die Firmen sind noch unsicher die Auswahl an Arbeitskräfte, die auch bei einem Zeitvertrag nicht "Nein" sagen, ist hoch.

Allerdings sollte man die Zahlen auch nicht überinterpretieren. Auch rechtliche Regelungen spielen eine Rolle. Gut sichtbar sind im Jahr 2005 die Auswirkungen des Teilzeit- und Befristungsgesetzes. Vor allem aber ist der Befristungsanteil in der Privatwirtschaft nur unterdurchschnittlich. Besonders hoch ist er ausgerechnet im Öffentlichen Dienst und bei gemeinnützigen Einrichtungen wie Gewerkschaften, Sozialunternehmen und Stiftungen. Aber dazu mehr im zweiten Teil.

7Jan/160

Pause

Treuen Lesern dürfte es aufgefallen sein, dass ich schon seit fast zwei Monaten keinen Beitrag mehr publiziert habe. Das liegt nicht daran, dass ich keine Ideen mehr hätte, auch wenn neue Themen zu finden nach fast sechs Jahren Statistiker-Blog nicht leichter geworden ist. Ich habe über die Entsorgung von Klärschlamm ebenso geschrieben wie über Nebenerwerbslandwirte und das Wetter in Omsk. Das letztgenannte Thema ist diesen "Winter" sogar wieder ziemlich aktuell.

Wichtige politische Themen wie Arbeitslosigkeit und Kinderarmut habe ich ebenso behandelt wie Fußball. Und meine Beiträge zur Preisentwicklung im Nahverkehr und einer BILD-Schlagzeile wurden sogar in der Frankfurter Rundschau sowie dem Bildblog aufgegriffen.

Nein, das ist kein Abschied. Nur ein paar nostalgische Gedanken. Denn eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich aktuell wegen Arbeitsüberlastung meine Pause noch bis Ende Januar verlängere und pünktlich am 1. Februar wieder einen Beitrag veröffentlichen will.


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