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14May/132

Selbstmord ist out

Früher war alles besser. Ego-Gesellschaft, Vereinsamung, Entwurzelung - wer ein Blick in die Gazetten wirft, will sich sofort umbringen. Tatsächlich ist die Zahl der Selbstmorde je 100.000 Einwohner aber seit Jahren rückläufig.

Anzahl der Suizide je 100.000 Einwohner seit 1895. Quelle: TU Dresden

Bis 1970 war die Welt noch in Ordnung. Nach 1900 war die Zahl der Selbstmorde zunächst angestiegen, dann aber im ersten Weltkrieg stark zurückgegangen. Alles so, wie man es erwartet, denn in Kriegen geht die Zahl der Selbsttötungen bei Männern immer deutlich zurück, sie melden sich lieber zur Front. Und Männer stellen rund 75 Prozent der Selbstmörder.

Hochkonjunktur in den 1920ern

In den Wirren der 20er Jahre hatten Selbstmorde Konjunktur. 1939 dann ein Allzeithoch, doch auf diese Zahl sollte man nicht viel geben. Denn ab 1933 gab es eine ganze Reihe von "Selbstmorden", bei denen von offizieller Seite nachgeholfen wurde.

Nach 1945 sank die Zahl der Selbstmorde tatsächlich, um ab 1955 wieder zu steigen. Alles so, wie Kulturpessimisten es erwarten würden. Doch ab 1975 geht es langsam bergab, trotz "Null-Bock-Generation" und "No Future" Anfang der 80er. Ab 1985 geht es dann deutlich runter, auch OECD-weit sinkt ab Mitte der 1980er Jahre die Zahl der Selbsttötungen.

Mehr Depressionen, weniger Selbstmorde

Wie passt das zusammen, mehr Depressionen und weniger Selbstmorde. Und wie belastbar sind diese Zahlen? Tatsächlich wird nicht jeder Selbstmord entdeckt, vertuscht wurden Selbsttötungen aber vor allem in der Vergangenheit, als Selbstmord noch ein großer Makel war. Lediglich die Möglichkeit sich mit Hilfe einer Überdosis Drogen umzubringen, ohne in der Selbstmordstatistik zu stehen, hat zugenommen. Außerdem gibt es mittlerweile eine Kategorie "sonstige Todesfälle", in der auch einzelne Selbstmorde verschwinden dürften.

Entwicklung der Selbstmorde in ausgewählten Ländern. Quelle: OECD

Aber das alles reicht als Erklärung nicht aus. Mein erster Verdacht hat sich allerdings nicht bestätigt. Ich vermutete nämlich, dass die Alterung der Gesellschaft sich hier positiv auswirkt, weil man im Alter ruhig wird. Die Daten widersprechen der These aber, Selbstmord begehen in Deutschland nur wenige junge Menschen, die meisten sind in der Mitte des Lebens, aber auch viele über 70-Jährige bringen sich noch um.

Überzeugender ist eine andere Erklärung. Mehr Depressionen und weniger Selbstmorde sind zwei Seiten einer Medaille. Mehr psychiatrische Angebote sorgen für mehr diagnostizierte Depressionen, aber zusammen mit einer verbesserten Suizidprophylaxe auch für weniger Selbstmorde.

8May/130

Vater- und Muttertage

Morgen ist Vatertag, am Sonntag Muttertag. Deshalb ist es Zeit für ein paar Statistiken zum Vater- und Muttertag.

Saufende Männer in Iddenheim

Vatertag so... Foto: Josef Junk.

Das ist gar nicht so leicht, denn selbst das Statistikportal Statista findet zu dem Thema keine einzige Statistik. Immerhin gibt es auf eltern.de eine Umfrage. Demnach feiern rund 41 Prozent der Umfrageteilnehmer den Vatertag mit einem kleinen Geschenk für die Väter, bei fast 29 Prozent darf Papa feiern gehen und bei fast 31 Prozent wird der Vatertag gar nicht gefeiert.

Repräsentativ ist die Umfrage aber nicht, denn die Daten stammen aus einer Umfrage auf der eltern.de-Seite. Weder die Leserschaft noch der Anteil derer, die auf die Umfrage antworten, dürften repräsentativ für alle Familien sein.

Kuchen in Herzform

...oder so. Foto: Josef Türk

Zum Muttertag habe ich immerhin zwei "richtige" Umfragen gefunden. Laut Befragung für das Magazin Focus finden 68 Prozent den Muttertag noch zeitgemäß, 31 Prozent nicht.

Etwas detaillierter ist eine Umfrage für Eltern, bei der 1.001 Mütter zwischen 20 und 70 befragt wurden. Demnach halten ihn 53 Prozent der Mütter für ein Relikt aus den Zeiten, "als die Mutter noch automatisch Hausfrau war", trotzdem feiern ihn 57. Offen bleibt leider, wie hoch die Quote bei den Müttern mit kleinen Kindern ist, denn befragt wurden ja auch Mütter, deren Kinder längst ausgezogen sind.

Das dürfte auch der Hauptgrund sein, warum Mütter zwischen 20 und 40 den Muttertag zu 62 Prozent positiv sehen, die Älteren dagegen nur zu 52 Prozent. Denn ein Päckchen mit Pralinen von der 45-Jährigen Tochter aus Sterbfritz ist eben nicht das gleiche wie ein Bild vom 3-Jährigen Kind.

Fotos unter Creative Commons Lizenz. Frei zur nichtkommerziellen Verwendung bei Namensnennung des Fotografen und Weitergabe unter gleichen Bedingungen.
3May/130

Warum sind wir so arm dran?

Zugegeben, dieser Beitrag kommt reichlich spät. Bereits am 21. März veröffentlichte die Bundesbank im Rahmen der „Household Finance and Consumption Survey“ der Euroländer die Ergebnisse der Panelstudie „Private Haushalte und ihre Finanzen“. Seitdem haben auch Medien, Parteien und Verbände die Studie regelmäßig zitiert und interpretiert. Mal nach dem Motto "arme Deutsche unterstützen reiche Südländer" oder als Beleg für die große Ungleichverteilung der Vermögen in Deutschland.

Median des Nettovermögen in der Eurozone

Nettovermögen in der Eurozone nach Ländern - Median. Quelle: Bundesbank.de

In den Beiträgen, die ich gelesen habe, wurden aber nie die Daten dargestellt. Deshalb hole ich das jetzt nach.

Wie die Grafik zeigt, ist das Mediannettovermögen der Haushalte in Deutschland tatsächlich das niedrigste in der EU. Nettovermögen deshalb, weil Schulden gegengerechnet wurden. Der Median gibt das Vermögen an, zum dem es genauso viele höhere wie niedrigere gibt.

Weil dabei keine Rolle spielt, wie viel die anderen Vermögen höher oder niedriger sind, liegt das Medianvermögen in allen Ländern etwas niedriger als das durchschnittliche Vermögen. Hier ein Beispiel: bei drei Menschen mit einem Vermögen von 10,00, 10.000,00 und 10.000.000,00 Euro wäre der Median 10.000,00 (der mittlere der drei Werte), der Durchschnitt (arithmetisches Mittel) dagegen rund 3,3 Millionen.

Mittelwert höher

Dieses arithmetische Mittel liegt in Deutschland deutlich höher, wie die zweite Grafik zeigt. Die Länder sind wie oben nach dem Medianvermögen sortiert, so erkennt man leicht, dass in Deutschland und Österreich das durchschnittliche Nettovermögen höher liegt als in vielen anderen Ländern, in denen der Median weiter oben liegt. In Deutschland ist das arithmetische Mittel rund dreimal so hoch wie der Median, in Österreich 3,5-mal. Das passiert vor allem dann, wenn die Vermögen besonders ungleich verteilt sind

Nettovermögen - arithmetisches Mittel. Quelle: Bundesbank

"Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen", urteilte das Institut der deutschen Wirtschaft. Die Zahlen berücksichtigten weder die unterschiedliche Haushaltsgröße noch die geringere Eigentumsquote bei Häusern und Wohnungen oder den Immobilienpreisverfall in Spanien seit der Erhebung. Und auch die gute staatliche Absicherung in Deutschland werde nicht berücksichtigt. Die Ansprüche an die Rentenversicherung seien auch eine Art Vermögen.

Deutschland ungleicher?

Quatsch, urteilte die Wochenzeitung DIE ZEIT. Die staatliche Absicherung sei in vielen Ländern ähnlich hoch. Man könnte noch hinzufügen, dass die Umverteilungswirkung des deutschen Rentensystems zwischen arm und reich dadurch gemindert wird, dass Geringverdiener auch nur geringe Renten erhalten.

Völlig absurd sei das Argument des Wohneigentums. Das IW Köln argumentiert, dass ein großer Teil des Wohneigentums in der Hand von Unternehmen und damit nicht als Privatvermögen erfasst wäre. Das überzeugt tatsächlich nicht, abgesehen von kommunalen Wohnungsbauunternehmen. Denn bei Privatunternehmen stellten die Anteile daran, sofern in deutscher Hand, wieder ein Privatvermögen dar. Auch wenn der Wert der Anteile bei Genossenschaften eventuell nicht den vollen Unternehmenswert widerspiegelt.

Auch die in Deutschland unterproportionale Haushaltsgröße ist nur ein schwaches Argmument. Sie relativiert zwar das geringe Medianeinkommen, weil sich das Geld auf mehrere Köpfe verteilt, nicht aber den großen Unterschied zwischen Median und arithmetischem Mittel.

Sind die Ossis schuld?

Mein nächster Verdacht war, dass die geringen Vermögen in Ostdeutschland und der Ost-West-Unterschied eine Rolle spielen könnten. Also habe ich den Osten und den Westen getrennt betrachtet.

Nettovermögen in der Eurozone - Deutschland nach Ost und West getrennt. Arithmetisches Mittel grau, Median blau. Quelle: Bundesbank

Doch auch für Westdeutschland alleine bleibt das Ergebnis ähnlich. Der Median liegt relativ niedrig, wenngleich nicht mehr am unteren Ende. Doch das arithmetische Mittel ist deutlich höher. Auch in Westdeutschland ist der Unterschied zwischen Median und arithmetischem Mittel groß, nur in Ostdeutschland und Österreich ist er noch größer. Ob sich das alleine aus den nicht erfassten Vermögen in Form von Pensions- und Rentenzusagen erklären lässt ist fraglich.

Vieles spricht dafür, dass Vermögen hierzulande deutlich ungleicher verteilt sind als wir gedacht haben.