Entwicklung des Welthungers seit 1990

Im Beitrag „Die größte Katastrophe aller Zeiten“ habe ich die Panikmache kritisiert, mit der die Initiative „Deutschland hilft“ auf Spendenfang geht.

Passend dazu habe ich jetzt Daten der FAO gefunden, der Welternährungsorganisation. Sie sind erschreckend und widersprechen doch ebenfalls dem Bild ziemlich deutlich, dass „Deutschland hilft“ malt. Verkürzt gesagt: Es gibt noch erschreckend viel Hunger auf der Welt, aber weniger als jemals zuvor in den vergangenen 25 Jahren.

Statistik Welthunger
Die Zahl der Hungernden geht zurück, ist aber immer noch erschreckend hoch. Die Daten bilden jeweils den 3-Jahres-Schnitt ab. Damit soll verhindert werden, dass mögliche Fehler in einzelnen Jahren für Ausreißer sorgen. Quelle: FAO

Für diese Zahlen sollte jede Hilfsorganisation eigentlich dankbar sein. Sie zeigen: Das Hungerproblem ist noch lange nicht gelöst. Den wenigsten Menschen dürfe klar sein, dass noch immer 800 Millionen Menschen auf der Welt hungern. Aber es gibt auch keinen Grund für Fatalismus. Denn die Zahl der Hungernden sinkt trotz steigender Weltbevölkerung.

Das ist gleich doppelt ungewöhnlich. Eigentlich sollte sie sogar schneller steigen als die Weltbevölkerung. Nicht nur, weil in armen Ländern mehr Menschen geboren werden, sondern auch weil die landwirtschaftliche Anbaufläche nicht mitwächst. Bei zehn Prozent mehr Menschen könnte man leicht 20 Prozent mehr Hungernde erwarten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Genauer gesagt müsste man von Menschen mit dem Risiko von Unterernährung sprechen, denn so definiert die FAO ihre Kriterien.

Einzige Ausnahme sind die Jahre zwischen 2000 und 2005. Die FAO gibt aus Gründen der Datenqualität jeweils einen 3-Jahres-Schnitt an, einzelne Fehler oder Ausreißer fallen dann weniger stark ins Gewicht. Ab dem Durchschnitt 1999-2001 stieg die Zahl der Hungernden zunächst an, sankt ab 2003-2005 dann wieder.

Anteil Hunger weltweit
Anteil der Hungernden nach FAO-Kriterien an der Weltbevölkerung. Die FAO-Daten wurden jeweils dem mittleren Jahr zugeordnet, die für 2004-2006 also dem Jahr 2005. Quelle: FAO, UN DESA (Bevölkerungsdaten)

Den Grund dafür sieht der Wissenschaftler Paul Collier in seinem Buch „Der hungrige Planet“ (leider nur noch gebraucht erhältlich) allerdings ausgerechnet im steigenden Wohlstand der Schwellen- und Entwicklungsländer. Weil die Menschen dort mehr Fleisch aßen, wurden dem Markt Nahrungsmittel entzogen, die jetzt als Tierfutter verwendet wurden. Wobei anzumerken ist, dass dieser Effekt natürlich genauso eintritt, wenn deutsche Bauern auf dem Weltmarkt Futter einkaufen. Die Lösung kann also nicht darin liegen zu fordern, dass die Schwellenländer bitteschön weiterhin wenig Fleisch essen sollen – es sei denn, die Industrienationen würden sich ebenfalls einschränken.

Infografik: Hunger auf Fleisch nimmt weiter zu | Statista
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2005 kam noch ein weiteres Problem dazu, wegen der Engpässe erhoben immer mehr Länder Exportzölle auf Lebensmittel. Das half zwar den Hungernden im eigenen Land, verschärfte aber die Situation derer in Nachbarstaaten und nahm den Bauern die Motivation, die Produktion zu steigern, so Paul Collier.

Infographic: The Countries Worst Affected by Hunger | Statista

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Selbst im Jahr 2005 lag der Anteil der Hungernden aber niedriger als fünf Jahre zuvor, allerdings nur gering. Auch 2015 hat sich der Rückgang gegenüber 2010 wieder etwas verlangsamt. Es gibt also noch genug zu tun für Hilfsorganisationen. Und nicht nur für die, denn Ziel können nicht dauerhafte Lebensmittellieferungen sein, sondern eine Wirtschaft in den ärmsten Ländern, die eine Ernährung aus eigener Kraft ermöglicht. Und natürlich Strukturen die dafür sorgen, dass davon auch möglichst alle Bürger profitieren.

Rauchen für das Allgemeinwohl

Über Folgen und Kosten des Rauchens gibt es zahlreiche Studien. Ein von mir immer wieder gerne verwendetes Beispiel ist eine Untersuchung aus den 1970er Jahren. Damals wurden vergleichen, wie viele Raucherinnen und wie viele Nichtraucherinnen innerhalb von fünf Jahren nach Beginn der Studie verstarben. Betrachtet man das Gesamtergebnis, so hat ein höherer Anteil von Raucherinnen überlebt. Allerdings waren die Forscher damals nicht so dumm, eine gesundheitsfördernde Wirkung des Rauchens zu unterstellen. Vielmehr verglichen sie einzelne Altersgruppen und tatsächlich starben Raucherinnen öfter. Weil Rauchen bei Frauen aber damals ein verhältnismäßig junges Phänomen war, gab es in der Altersgruppe der über 70-Jährigen besonders wenige Raucherinnen, dafür wurde hier besonders oft gestorben. Wer nur auf das Gesamtergebnis schaut, der kommt deshalb zu falschen Schlüssen.

Mittlerweile ist es einigermaßen unumstritten, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist. Nun streiten die Wissenschaftler darüber, ob Raucher die Volkswirtschaft Geld kosten oder aber Geld sparen. Eine Studie zu dem Thema ging neulich durch die Presse. Wer früher stirbt, ist länger günstig, titelte die Süddeutsche Zeitung dazu.

Nun liegt es mir fern, einfach nur Inhalte zu wiederholen, die schon in fast allen Zeitungen standen. Vielmehr möchte ich noch etwas tiefer auf die Frage eingehen, warum die Ergebnisse so unterschiedlich ausfallen. Die Süddeutsche Zeitung beispielsweise schreibt „Einer Studie zufolge nimmt der Staat mehr Tabaksteuern ein, als er für die Krankheiten der Nikotinsüchtigen ausgibt. Doch sie ignoriert wichtige Faktoren.“ Das ist leider nicht ganz richtig.

Wie später im Text dann auch richtig dargelegt wird, liegen die Tabaksteuern keineswegs über den Gesundheitsausgaben für Raucherkrankheiten. Vielmehr ist es, wie in der Überschrift angedeutet, der frühere Tod.

Das sind natürlich methodische Unterschiede. Mal wurden nur Raucher im Raum Augsburg befragt und die Ergebnisse hochgerechnet, mal wurden einfach Raucher und Nichtraucher vergleichen und dann wieder auch andere Unterschiede einberechnet. Beispielsweise rauchen nach Daten des Robert-Koch-Instituts von den Frauen von 18 bis 29 Jahren zwar 39,0 Prozent der Frauen mit niedrigem Bildungsniveau, aber nur 29,3 Prozent der mit hohem.

Tabakpflanzungen wie hier in Schwabach sieht man in Deutschland selten. Das liegt aber nicht nur am rückläufigen Konsum, sondern vor allem am Tabakimport.
Tabakpflanzungen wie hier in Schwabach sieht man in Deutschland selten. Das liegt aber nicht nur am rückläufigen Konsum, sondern vor allem am Tabakimport.

Vor allem aber unterscheidet sich die Betrachtung je nachdem, welche Kosten mit einberechnet werden. Klassische Untersuchungen blicken vor allem auf die Ausgaben für Raucher in der Gesundheitsversorgung. Mitunter wurde der Blickwinkel dann erweitert und es wurden der Arbeitsausfall, Witwen- und Witwer- sowie Waisenrenten miteinbezogen.

Die jetzt in vielen Medien zitierte Studie des Karlsruher Institut für Technologie, nach der Raucher im Jahr 2011 den Staat um etwa 36 Millionen Euro entlasteten, berücksichtigt dagegen auch geringere Ausgaben der Rentenversicherung. Der Hamburger Wissenschaftler Tobias Effertz will dagegen herausgefunden haben, dass Raucher so hohe Kosten verursachen, dass eine Schachtel Zigaretten 12,30 Euro kosten müsste.

Vieles spricht dafür, dass die Studie des KIT die tatsächlichen Kosten besser abbildet als die meisten bisher bekannten Publikationen. Die Süddeutsche Zeitung schreibt nebulös nur von „unterschiedlichen Konzepten“, doch der Unterschied liegt vor allem in der Berücksichtigung von Kosten der Rentenversicherung. Zwar kritisiert der Hamburger seine Karlsruher Kollegen, da sie keine weiteren Daten neben der Unterscheidung Raucher/Nichtraucher berücksichtigt hätten. Er hat über „Die ökonomischen Kosten gefährlichen Konsums“ habilitiert, dazu gehören natürlich auch Zigaretten. Die Berücksichtigung von weiteren Daten wie dem Bildungsniveau würde sicher zu besseren, vermutlich aber nicht zu ganz anderen Ergebnissen führen. Die Karlsruher Forscher schreiben sogar „Weil andere mit dem Rauchen korrelierte Faktoren nicht berücksichtigt werden, kommt es zu einer Überschätzung der externen Nettokosten des Rauchens.“ Das heißt, möglicherweise liegen die Einsparungen des Rauchens in Wahrheit niedriger, weil ein Teil des Unterschieds in der Lebenserwartung auch auf anderen Faktoren wie Alkoholkonsum beruht, allerdings werden auch die Kosten des Rauchen überschätzt, weil die ein oder andere Krankheit eines Rauchers eigentlich auf andere Gründe zurückgeht. Das muss sich nicht 1:1 ausgleichen, ein gänzlich anderes Ergebnis ist aber nicht zu erwarten.

Jugendliche und junge Erwachsene rauchen seltener. Das ist zwar schlecht für die Finanzierung des Sozialstaats, aber dennoch eine gute Nachricht.
Jugendliche und junge Erwachsene rauchen seltener. Das ist zwar schlecht für die Finanzierung des Sozialstaats, aber dennoch eine gute Nachricht.

Wer es nicht glaubt, der muss sich nur mal vor Augen halten, dass auch Nichtraucher irgendwann sterben. Auch dann fallen oft hohe Kranken- und teilweise noch Pflegekosten. Ob man mit 65 an Lungenkrebs oder mit 85 an Darmkrebs erkrankt, ist kostenmäßig fast egal. Natürlich gibt es auch den Fall, dass jemand mit 55 Lungenkrebs hat und überlebt und dann zweimal Kosten verursacht, doch insgesamt dürfe es bei den Pflege- und Gesundheitskosten gar keine so großen Unterschiede geben.

Diese Faktoren erhöhen die Kosten des Rauchens:

  • Direkte Kosten für die Behandlung von Krankheiten
  • Lohnersatzleistungen
  • Verdienstausfall während Behandlung
  • Reduzierung der Arbeitsleistung nach Behandlungsende
  • Ausfall von Steuereinnahmen bei Tod und Arbeitsunfähigkeit
  • Witwer- und Waisenrenten

Hier aber spart das Rauchen Geld:

  • Weniger Ausgaben der Rentenkasse
  • Weniger Ausgaben der Kranken- und Pflegekasse bei früherem Tod.

Berücksichtigen müsste man strenggenommen nämlich noch den Ausfall von Steuergeldern, wenn jemand vor Erreichen der Rente stirbt. Außerdem ist die Betrachtung natürlich sehr ökonomisch. Wenn Menschen fünf Jahre früher sterben ist das schlecht, selbst wenn es Sozialausgaben einspart. Aber die Autoren der Studie haben auch nie behauptet, dass Rauchen eine gute Sache wäre. Doch wer trotz allem rauchen will, der muss nicht noch zusätzlich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Sozialstaat haben, sondern nur seiner Gesundheit gegenüber. Insofern ist es insgesamt eine gute Nachricht, wenn die Zahl der rauchenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 44 Prozent im Jahr 1979 und sogar 45 Prozent 1983 auf 22 Prozent im Jahr 2014 gesunken ist.

Alkoholkonsum bei Sechsjährigen

Das Thema Kriminalität haben wir hinter uns gelassen, doch wir bleiben bei einem verwandten Gebiet, nämlich dem Alkohol. In der Zeitung Eltern wurde jüngst aus den Aufzeichnungen eines Kölner Lehrers aus dem Jahr 1902 zitiert. Der hatte sich in der „Allgemeinen Deutschen Lehrerzeitung“ über die „Thatsache“ beschwert, dass seine Erstklässler Alkohol und Drogen wenig abgeneigt waren.

Ein kleiner Exkurs an dieser Stelle: Das Th in Thatsache war 1901 auf der zweiten Orthografischen Konferenz eigentlich abgeschafft worden. Die Umstellung dauerte allerdings etwas an, so dass ich nicht sagen kann, ob der Herr Lehrer hier in Einklang mit der damaligen Rechtschreibung steht. Ohnehin lies Kaiser Wilhelm sich bis 1911 alle Schriftstücke in der alten Rechtschreibung vorlegen, weil er die neuen Regeln ablehnte.

Aber zurück zum Alkohol. Der Lehrer schrieb, dass am Sonntag zuvor von den 54 Erstklässlern „20 Wein, 24 Bier, 19 Schnaps, 17 Wein und Bier und 14 Wein, Bier und Schnaps getrunken“ haben. Zehn davon waren besoffen gewesen, neun davon so sehr, dass sie umfielen. 19 hatten auch noch geraucht.

Alkohol bei Kindern im Jahr 1902
Im Jahr 1902 war der Umgang mit Alkohol noch etwas lockerer als heute. Alkoholkonsum von Kölner Erstklässlern. Quelle: Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung, zitiert nach Eltern

Was ich nun wissen wollte war: Wie viele der Sechsjährigen hatten eigentlich gar keinen Alkohol getrunken? Ein erster Blick auf die Daten macht klar, dass bei den Nennungen von Alkohol, Wein und Schnaps Mehrfachnennung möglich waren. Außerdem muss es sich bei den 14 Jungen, die Wein, Bier und Schnaps um einen Teil der 17 Schüler handeln, die Wein und Bier getrunken haben. Unklar bleibt lediglich, wie viele der fünf Schüler, die Schnaps getrunken haben, dazu noch Wein oder Bier getrunken haben.

19 Sechsjährige hatten Schnaps getrunken und wir wissen auch, dass 14 Wein, Bier und Schnaps tranken. Bleiben fünf, die entweder nur Schnaps, nur Wein und Schnaps oder nur Bier und Schnaps getrunken haben. Davon hängt auch ab, wie viele Schüler abstinent bleiben mussten.

Alkohol bei Sechstklässlern 1902
Ganz genau können wir leider nicht sagen, wie viele Schüler nichts tranken. Quelle: Eigene Berechnung nach obigen Daten

Im Extremfall, wenn die fünf nur Schnaps getrunken hatten, dann haben von 54 Schülern immerhin 32 gebechert, nur 22 blieben abstinent. Hatten alle fünf dagegen noch Wein oder Bier getrunken, dann war immerhin genau die Hälfte dem Alkohol fern geblieben.

Interessant ist dabei, dass also mindestens 22 Schüler keinen Tropfen Alkohol tranken, 19 dagegen Schnaps, Bier und Wein. Offenbar gingen die Meinungen über Erziehungsstile auch damals schon weit auseinander. Unklar bleibt natürlich, wie viele Schüler ihren Alkoholkonsum entweder verheimlicht haben oder umgekehrt übertrieben haben.

Die meisten dürften so oder so nicht am Alkohol gestorben sein, sondern daran, dass zwölf Jahre später, pünktlich zu ihrem 18ten Geburtstag, der Erste Weltkrieg ausbrach.

Einen etwas anderen Hintergrund hat die Diskussion über die Verdreifachung der Kinder und Jugendlichen mit Alkoholproblemen im bayerischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen im Jahr 2013. Dort hatte eine Statistik über einen alarmierender Anstieg der unter 18-Jährigen, die mit Alkoholproblemen ins dortige Kreiskrankenhaus kamen, den Landkreis in Atem gehalten. Die Medien berichteten umfangreich, die Stammtische nahmen sich des Themas ausführlich an und das Landratsamt setzte Sonderarbeitsgruppen ein. Jetzt stellte sich heraus, dass der zuständige Mitarbeiter im Landratsamt sich verrechet hatte. Statt der Verdreifachung gab es einen leichten Rückgang.