Bevölkerungswachstum: Geburtenzahl erstaunlich niedrig

Über das weltweite Bevölkerungswachstum habe ich ja bereits vor ziemlich genau einem Jahr geschrieben. Die Bevölkerung wächst zwar noch, aber nicht mehr so schnell wie in der Vergangenheit. Trotzdem ist das Wachstum an Menschen ein großes Thema, schließlich hat es viele Auswirkungen: Auf die Umwelt, auf die Nahrungsmittelsicherheit und auf die Stabilität von Ländern. Der syrisch stämmige Politikwissenschaftler Bassam Tibi hat die hohe Zahl junger Menschen ohne Perspektive jüngst ein wesentliches Problem des Nahen Ostens und Nordafrikas genannt.

Nun ist diese These nicht unumstritten, wie meistens in den Sozialwissenschaften. Kritiker argumentieren, dass der Zusammenhang anders herum sei, Instabilität und mangelnde staatliche Absicherung schaffe hohe Geburtenzahlen. Wobei das eine das andere natürlich nicht ausschließt, möglicherweise schaukelt sich beides gegenseitig hoch, ein Teufelskreis.

Wie viele Kinder je Frau weltweit? 

Allerdings ist die Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens auf die Welt bringt, längst nicht mehr so hoch wie viele vermuten. Mal ehrlich, liebe Leser, was würdet ihr schätzen: Sind es 4,0, 3,5, 3,0 oder 2,5 Kinder, die pro Frau durchschnittlich geboren werden? Tatsächlich ist die richtige Antwort 2,5 – genauer gesagt 2,45 nach Daten der Weltbank. Die CIA kommt in ihrem Worldfactbook zu ähnlichen Ergebnissen. Das entspricht der Geburtenzahl in Deutschland im Jahr 1967.

Weltbank Geburtenrate
Länder mit der höchsten Zahl von Geburten je Frau (Fertilitätsrate). Quelle: Weltbank

Diese sogenannte Fertilitätsrate ist natürlich nur ein statistisches Konstrukt. Sie gibt an, wie viele Kinder die Frauen im gebärfähigen Alter insgesamt bekommen werden, wenn die Geburtenzahl so hoch bleibt wie sie aktuell ist. Aber der Trend zu weniger Kindern ist seit Jahren stabil. Besonders deutlich war der Rückgang in den 1970er Jahren, von 1970 bis 1980 ging die Kinderzahl je Frau von 4,78 auf 3,72 zurück.

Und natürlich sind Geburtenzahlen in einigen Ländern sehr grobe Schätzungen. Insgesamt ist das Ergebnis aber so eindeutig, dass man es nicht so einfach vom Tisch wischen kann. Dieser Trend erfasst nahezu alle Länder außerhalb Afrikas. Im südlichen Afrika liegt die Geburtenzahl im Durchschnitt noch bei rund fünf Kindern pro Frau und damit etwa so hoch wie in Deutschland zur Zeit der Reichsgründung vor fast 150 Jahren. Dabei ist die Spannweite natürlich groß, das politisch und wirtschaftlich stabile Botsuana liegt mit 2,8 Kindern je Frau nur wenig über dem internationalen Schnitt, der Niger dagegen mit 7,6 Kindern in einem Bereich, der in Deutschland vielleicht überhaupt nie erreicht wurde.

Religion spielt keine große (direkte) Rolle

Außerhalb Afrikas sind solche Zahlen aber kaum noch anzutreffen. Am höchsten ist die Geburtenzahl außerhalb Afrikas laut Weltbank in Ost-Timor. Das Land ist streng katholisch, die Religion scheint aber bei der Kinderzahl nicht die beherrschende Rolle zu spielen. Das ebenfalls katholische Portugal liegt mit den ebenfalls katholischen Ländern Spanien und Polen noch hinter Deutschland, ebenso das überwiegend muslimische Bosnien-Herzegowina. In der Islamischen Republik Iran wird mit 1,70 Kindern pro Frau weniger Nachwuchs geboren als in Schweden (1,89), Norwegen (1,78), Island (1,93) oder den Färöer Inseln (2,60).

Fertilitätsrate
Die zehn Länder mit der niedrigsten Fertilitätsrate im Jahr 2014. Einschließlich abhängiger Gebiete wie Kolonien und Sonderwirtschaftszonen. Quelle: Weltbank

 

Wobei natürlich indirekte Auswirkungen der Religion, etwa auf die Einstellung zu Bildung von Frauen, schwer zu beantworten sind. Insgesamt aber scheint es, als gäbe es eine Kombination, die besonders wirksam für niedrige Geburten sorgt, nämlich die Kombination von hoher Bildung für Frauen mit einem Mangel an Betreuungsmöglichkeiten als Folge traditioneller Rollenbilder.

Erwähnen sollte man natürlich auch, dass die erstaunlich niedrige Fertilitätsrate nicht unwesentlich von China beeinflusst wird. Das riesige Land hat mittlerweile weniger als zwei Geburten je Frau. Auch Indien hat die Kinderzahl deutlich gesenkt und liegt mittlerweile im weltweiten Durchschnitt, der ebenfalls große Nachbar Bangladesch sogar darunter.

Änderungen der Geburtenrate wirken erst langfristig 

Wie passt das aber alles zu unserem Ergebnis, dass die Bevölkerung noch immer stark wächst und viele Länder eine hohe Anzahl junger Menschen aufweisen? Ganz einfach, niedrigere Geburtenraten wirken zeitverzögert. Das beste Beispiel ist Südkorea, mit einer Fertilitiätsrate von 1,21 laut Weltbank im Jahr 2014 das geburtenärmste Land weltweit. Trotzdem werden dort, anders als in Deutschland, mehr Menschen geboren als gleichzeitig sterben. Warum? Weil es sehr wenig alte Menschen gibt und sehr viele im mittleren Alter, also in dem Alter, in dem man Kinder bekommt. 1960 hat jede Frau in Korea nämlich noch 6,16 Kinder geboren. Eine Fertilitätsrate von über 6,0 erreichen heute nur noch sechs Länder weltweit (Niger, Somalia, Mali, Tschad, Angola und Demokratische Republik Kongo).

Weltbank Fertilitätsrate
Fertlitätsrate in Deutschland (Hellblau), Südkorea (Dunkelblau) und Ost-Timor (Grau). Quelle Weltbank

Auch Mitte der 80er, also die heutige Elterngeneration überwiegend geboren wurde, lag die Geburtenrate noch über 3,5, also so hoch wie heute in Namibia oder in Pakistan.

Perioden- und Kohortenfertilität

Vieles spricht also dafür, dass die Geburtenraten weiter fallen werden, auch wenn es in einigen Ländern wie Tunesien, Kasachstan oder auch Deutschland wieder mehr Geburten als noch vor zehn Jahren gibt. In Kasachstan ist die Entwicklung besonders stark, dort stieg die Kinderzahl von 1,7 auf 2,7. Das dürfte aber auch mit einem Problem dieser Prognose zusammenhängen. Angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit haben viele Familien die Kinderplanung vermutlich aufgeschoben. Sie haben also nicht ihre Einstellungen zu Kindern geändert, sondern nur damals gesagt: Kinder ja, aber nicht jetzt. Später wurden diese „aufgeschobenen Geburten“ dann nachgeholt. Betrachtet man die Zahl der Geburten je Generation, die sogenannte Kohortenfertilität, ist die Entwicklung weitaus stabiler. Dann gibt es meistens einen langfristigen Trend nach unten. In Deutschland ist der Trend für alle Geburtsjahrgänge ab 1940 bis 1967 sehr stabil, es ging von Jahr zu Jahr bergab. Die folgenden Generationen aber dürften wieder etwas mehr Kinder bekommen.

Eine erste Bilanz lässt sich meist erst ziehen, wenn die Frauen einer Generation 40 Jahre alt sind, also bis zum Geburtsjahrgang 1976. Danach werden nur noch wenige Kinder geboren, eine endgültige Bilanz zieht man aber meist erst ab 50, teilweise sogar noch später.

Fazit

Die Geburtenrate ist also nicht mehr so dramatisch hoch, außerhalb Afrikas schon gar nicht. Im Vereinigten Königreich hatte es noch fast 100 Jahre gedauert, bis die Kinderzahl von über 6,0 auf unter 3,0 gefallen war (1815 bis 1910), in Brasilien waren es 26 (1963 bis 1989), in Bangladesch 20 (1982 bis 2002) und im Iran nur zehn (1986 bis 1996 – Quelle: Ourworldindata.org).

Das ändert aber nichts daran, dass es in vielen Ländern junge Leute gibt, die keine Chance haben. Nicht immer liegt das allerdings an hohen Geburtenraten, teilweise auch an schlechter Politik. Wo hohe Geburtenraten doch das Problem sind, liegen sie oft in der Vergangenheit begründet, wobei natürlich auch eine Fertilitätsrate von rund drei Kindern je Frau wie in Haiti (3,03), auf den Philippinen (2,98) oder in Algerien (2,86) schon ein deutliches Bevölkerungswachstum bedeutet.

welt

Vor allem Wohlstand und Bildung sorgen für weniger Geburten, nicht ganz so einfach ist aber die Frage, wie man das garantieren kann. An dieser Stelle wiederhole ich mich und appelliere, die weltweite Flucht vom Land in die Städte nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance zu sehen. Nicht nur Kleinbauern sollten unterstützt werden, sondern auch Stadtverwaltungen, Existenzgründerzentren in Großstädten, Schulen und Krankhäuser. Aber das ist jetzt meine persönliche, statistisch nicht belegte Meinung.

 

 

Ab in die Städte?

Ich gebe zu, dass ich in der letzten Zeit viele Themen aus dem Bereich „Internationales und Migration“ aufgegriffen habe, beispielsweise den jüngsten Artikel zur gefühlten Migration, zum Welthunger, zur Weltbevölkerung oder zum CO2. Eingefleischte Leser werden Beiträge über exotische Statistiken wie die Klärschlammverwertungsstatistik oder die Aufgliederung von Fußballtrikots nach Farbe vermissen.

Ich habe natürlich auch weiterhin den Anspruch, Statistiken jenseits der großen Themen aufzugreifen. Das Thema Migration ist aber mittlerweile sehr präsent und viele Aspekte kommen in den Tageszeitungen und Online-Portalen nicht vor, zumal sich nach meiner Erfahrung viele Journalisten nach wie vor mit Zahlen schwer tun. Auch wenn es erfreulicherweise immer mehr Datenjournalisten gibt und in vielen Journalistenschulen das Verständnis von Statistiken auf dem Lehrplan steht.

Deshalb nehme ich mich – schon wieder – dem Thema Migration an. Vergessen wird oft, dass die eigentliche Migration nicht zwischen reichen und armen Ländern stattfindet. Man kann sogar sagen, dass dies eine eher seltene Form der Wanderung ist, weil den Menschen in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire) das Geld fehlt, um  die Reise zu finanzieren.

Kongo Wald
Migration findet weniger zwischen Ländern statt, sondern vor allem vom Land in die Stadt. Foto: Irene2005

In diesen Ländern gibt es dagegen ein anderes Phänomen, im Kongo (Demokratische Republik) leben nach Daten des CIA World Factbook mittlerweile 11,6 Millionen Menschen im Großraum Kinshasa. Leider macht die Quelle keine Angaben darüber, ob in der Zahl auch die auf der anderen Flussseite lebenden Menschen von Brazzaville enthalten sind, der Ort gehört nämlich zur Republik Kongo (ohne den Zusatz Demokratisch davor, auch wenn das Land vermutlich demokratischer ist als der Nachbarstaat mit dem Namenszusatz).

So oder so leben mehr als zehn Prozent der Bevölkerung des Landes (es hat ähnlich viele Einwohner wie die Bundesrepublik Deutschland) in der Hauptstadtregion. Das ist ungefähr so viel wie in Großbritannien im Ballungsraum London wohnen – wenn die 11,6 Millionen nur den in der DR Kongo gelegenen Teil umfassen etwas mehr, ansonsten etwas weniger.

Der von mir bereits im Beitrag über den Waldanteil (da kam die DR Kongo schon mal vor) zitierte Autor Doug Saunders schätzt, dass mittelfristig rund ein Drittel der Weltbevölkerung in die Städte wandern wird. Vor allem in Afrika besteht noch Nachholbedarf, denn dort leben erst 40 Prozent in städtischen Gebieten, gegenüber 72 Prozent in Europa und 81 Prozent in Nordamerika.

Statistik: Grad der Urbanisierung (Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung) nach Kontinenten im Jahr 2014 | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Hier findet also die eigentliche Migration statt. Sie ist weit stärker als die Wanderung aus Ländern mittleren Einkommens in die reichen Staaten. Ein Drittel der Weltbevölkerung, das bedeutet rund 2,5 Milliarden Menschen.

Entsprechend starkes Wachstum wird für die Megastädte erwartet. Dhaka in Bangladesch soll im Jahr 2025 gegenüber 2011 um bis zu 50 Prozent gewachsen sein, schätzen die Vereinten Nationen. Dass vor allem in Asien so starkes Wachstum stattfindet, liegt an verschiedenen Faktoren, vor allem

  1. dem Bevölkerungswachstum,
  2. der bisher niedrigen Verstädterung und
  3. der oft mäßigen Infrastruktur abseits der Küsten und der Großstädte.

Wachstum kann hier fast nur in den Städten stattfinden, weil ländliche Regionen oft weder auf der Straße und erst recht nicht auf der Schiene gut erreichbar sind. Gerade in Deutschland sind dagegen auch ländliche Regionen vergleichsweise urban. Man denke an Baden-Württemberg oder das Bayerische Chemiedreieck in Südostbayern, wo es auch abseits von Großstädten eine beachtliche Industrie gibt.

Die Städte Afrikas bleiben leider unterhalb des Radars. Dabei ist hier besonders viel Zuwachs zu erwarten, denn alle drei Faktoren gelten in Afrika noch mehr als in Asien. Das Bevölkerungswachstum ist hier höher – und wird auch hoch bleiben, denn in vielen Staaten Afrikas, darunter auch der DR Kongo, ist die Geburtenrate hoch. Die meisten asiatischen Länder wachsen dagegen vor allem deshalb noch so stark, weil die Geburtenraten vor 20 bis 30 Jahren hoch waren und es deshalb viele junge Frauen gibt, die aber meist nur noch zwei bis drei Kinder bekommen. Doch dazu ein andermal mehr. In Afrika dagegen sind Geburtenraten von vier bis fünf Kindern je Frau in vielen Ländern noch üblich.

Die Verstädterung ist noch niedriger und die Infrastruktur oft schlechter. Es wäre also spannend zu erfahren, wie es hier weiter geht.

Infographic: The World's Megacities Are Set for Major Growth | StatistaMehr Statistiken finden Sie bei Statista
 

Das starke Städtewachstum in Asien und Afrika hat natürlich auch Auswirkung auf die Reihenfolge der größten Großstädte. Schon heute sind die Zeiten vorbei, als die Megastädte der Welt in Europa lagen. Nordamerika hat ziemlich früh aufgeholt. Wie Doug Saunders in seinem Buch „Arrival City“ schreibt, wurden die meisten europäischen Auswanderer in den USA keineswegs Farmer oder Cowboys, wie es uns Filme und Romane erzählen. Vielmehr gingen sie, zumindest ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, in die Städte. In New York lassen sich noch heute an der Lower East Side Reste des Deutschenviertels finden, die dort eigene Läden betrieben, eigene Zeitungen und Kirchengemeinden hatten und oft bis in die dritte Generation daheim nur Deutsch sprachen.

Statistik: Die zehn größten Städte weltweit im Jahr 2010 und Prognose für 2025 (in Millionen) | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista
 

So gab es in Nordamerika, trotz oder sogar wegen der niedrigen Besiedlungsdichte, bald größere Städte als in Europa. Später wurden New York, Chicago und Los Angeles von japanischen und lateinamerikanischen Orten wie Tokyo und Mexiko (Stadt) überholt. Im Jahr 2025 wird nach Schätzungen der UN ein Großteil der zehn größten Städte in Asien liegen, davon die Hälfte auf dem indischen Subkontinent. Vielleicht findet man noch zehn Jahre später auch Lagos oder Kinshasa auf der Liste.

In meinen Lehrveranstaltungen stelle ich immer wieder fest, dass die meisten Studierenden diese Entwicklung für schlechten halten. Verstärkt wird dieser Eindruck auch von den Hilfsorganisationen, die vor allem mit glücklichen Kleinbauern werben. Und wenn schon Stadt, dann wenigsten Urban Gardening. Neulich sah ich eine Werbung für „Stadtwachstum, das man essen kann“. Die Rede war aber nicht von Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche, mit deren Hilfe diese später besser bezahlte Jobs fänden, sondern von Kleingärten in der Stadt.

In Deutschland gibt es wieder mehr Scheine. Bild: metalhero1993
Wer Kleinstlandwirtschaft ohne Maschinen für romantisch hält, kann ja zunächst selbst damit anfangen, bevor er anderen diesen Lebensstil verordnet. Bild: metalhero1993

Natürlich gibt es kein objektives Kriterium dafür, ob solch eine Entwicklung gut oder schlecht ist. Man kann aber feststellen, dass in den Städten der soziale Aufstieg häufiger gelingt, dass dort weniger Kinder geboren werden und die medizinische Versorgung oft besser ist. Kulturpessimisten werden einwenden, dass auf dem Land der soziale Zusammenhang größer sei und die Menschen eingebunden in traditionelle, Halt gebende Strukturen wären.

Ein objektives Abwägen ist da nicht möglich. Meine persönliche Meinung ist allerdings, dass wer ein Leben als Kleinstbauer so romantisch findet, zunächst selbst damit anfangen sollte, statt als gut bezahlter Journalist, Professor oder PR Manager einer Entwicklungshilfeorganisation vom Glück der Subsistenzwirtschaft zu reden.

Das heißt natürlich nicht, dass es in den Städten nicht viel Armut und Leid gäbe. Aber vielleicht, liebe Entwicklungshilfeorganisationen, wäre es eine Idee direkt dort anzusetzen und mitzuhelfen, das Los der Menschen in der Stadt zu verbessern, statt die Landflucht von vorne herein zu verdammen.

Entwicklung des Steueraufkommens seit 1965

Deutschland ist heute ungleicher als noch 1980. Da sind sich ziemlich alle Statistiken einig, auch wenn die Entwicklung – entgegen der landläufigen Meinung – seit rund zehn Jahren stagniert. Wenn man fragt, woran das liegt, sind schnell zwei Schuldige ausgemacht. Die Globalisierung und der „Neoliberalismus“.

Was treibt die Ungleichheit?

Erstere könnte tatsächlich damit etwas zu tun haben, denn sie hat vor allem den Druck auf die unteren Lohngruppen erhöht. So gesehen muss es gar nicht schlecht sein, wenn China und Indien jetzt auch höherwertige Produkte fertigen. Das bedeutet nämlich nicht automatisch, dass jetzt auch noch die gut bezahlen Arbeitsplätze zu Billigjobs werden, sondern kann auch heißen, dass sich die Lücke etwas schließt. Zumal der Aufstieg Asiens viel dazu beigetragen hat, dass die internationale Ungleichheit von ihrem Höchststand 1980 wieder auf das Niveau von 1900 gefallen ist.

Ungleichheit zwischen Staaten
Entwicklung der Ungleichheit zwischen den Staaten, gemessen mit dem Gini-Koeffizienten. Dargestellt sind die Daten für 1820, 1900, 1990 und den aktuellen Rand. Die Entwicklung dazwischen verläuft allerdings auch im Original relativ gradlinig, nur die Steigung verändert sich geringfügig. Quelle: FAZ

 

Wobei häufig vergessen wird, dass auch der technische Fortschritt eine Rolle gespielt hat. Einige Menschen sind dank moderner Technik plötzlich sehr produktiv, weil eine Handvoll Programmierer beispielsweise eine ganze Fabrik steuert. Auch das hat die Ungleichheit erhöht. Zudem liebt das Internet Monopole.

Bleibt der Neoliberalismus. Wobei das Wort meist falsch verstanden wird, denn eigentlich war der Neoliberalismus die Abkehr vom Nachtwächterstaat des klassischen Liberalismus zu einem auch stärker wirtschaftspolitisch aktiven Staat, eine Art dritter Weg zwischen klassischem Liberalismus und der Staatswirtschaft von Faschismus und Kommunismus.

Entwicklung des Steueraufkommens seit 1965 in der OECD

Welchen Anteil haben Steuersenkungen und der Rückzug des Staats an der zugenommenen Ungleichheit? Hier kann ein neuer Bericht der OECD Hinweise geben, die Revenue Statistics der OECD. Das überraschende Ergebnis: In fast allen Ländern der OECD ist nicht nur die Höhe der Steuereinnahmen gestiegen, sondern die Steuereinnahmen sind auch schneller gestiegen als die Wirtschaft gewachsen ist. Ein immer höherer Anteil des Bruttoinlandsprodukts fließt also an den Staat. Steuersenkungen sind also nicht die Ursache für die gestiegene Ungleichheit.

Das gilt für alle Länder der OECD, in keinem der Länder, für die Daten bis 1965 zurück vorliegen, ist die Steuer- und Abgabenbelastung seit 1965 gesunken. In den Niederlanden und in Schweden sank zwar die Steuerlast auf Einkommen und Gewinne, dafür wurden andere Steuern wie die Mehrwertsteuer dort erhöht. In allen anderen Staaten stiegen aber auch die Einkommens- und Gewinnsteuern.

Und was ist mit Thatcher und Reagan? Haben die nicht die Steuern gesenkt? Tatsächlich liegt der Anteil der Steuern am BIP in Großbritannien heute niedriger als 1975 oder 1985, vor allem wegen des deutlichen Rückgangs zwischen 1985 und 1995. Allerdings wurde der niedrigere Wert von 1965 nie wieder erreicht, denn vorausgegangen war eine deutliche Anhebung der Steuern bis 1975. Und seit 1995 ist der Steueranteil auch schon wieder deutlich gestiegen. Für die USA ist trotz Reagan kein derartiger Rückgang zu beobachten. Und im OECD-Schnitt ist der gesamte Steueranteil weiter gestiegen.

Und Deutschland?

Ist Deutschland vielleicht die Ausnahme? Schließlich hat der Staat nie Geld. Nein, auch in Deutschland ist der Anteil von Steuern und Abgaben am BIP im Jahr 2015 höher als zu allen anderen in der Tabelle angegebenen Zeitpunkten – und liegt mit 36,9 Prozent deutlich über den 31,6 Prozent aus dem Jahr 1961 und leicht über den 36,2 Prozent des Jahres 1995 und 2000, als ein wenige Jahre dauernder Rückgang eingeleitet wurde.

Steuerquote
Relation aller Steuern und Abgaben zum Bruttoinlandsprodukt in Österreich (rot), Deutschland (schwarz) und der Schweiz (grau). Quelle: OECD

Mit 36,9 Prozent liegt die Quote auch über jenen 34,3 Prozent, die im OECD-Schnitt fällig werden. Beim Nachbarn Österreich sind mit 43,5 Prozent noch mehr fällig, die Schweiz ist dagegen mit 27,9 Prozent vergleichsweise billig. Allerdings ist bei den Eidgenossen die Steuerquote deutlich angestiegen, nämlich um 11,3 Prozentpunkte, 1965 lag sie noch bei 16,3 Prozent.

Allerdings gab es weltweit auch einen weiteren Prozess, der tatsächlich weniger Umverteilung bedeutet. Nämlich die Verlagerung von Steuern auf Einkommen und Gewinne hin zu indirekten Steuern, vor allem der Mehrwertsteuer. Bei der Mehrwertsteuer gibt es allerdings keine Steuerprogression, eher ist das Gegenteil der Fall. Geringverdiener geben nahezu ihr gesamtes Geld aus und zahlen damit relativ gesehen (als im Verhältnis zu ihrem Einkommen) mehr Steuern. Das wird zwar etwas durch die Tatsache gebremst, dass auf Mieten keine Mehrwertsteuer anfällt und auf Lebensmittel nur 7,0 %, denn beide Ausgaben sind bei Geringverdienern ein besonders großer Kostenblock. Im Vergleich zu Einkommenssteuern ist die Umverteilung aber geringer. Wobei die Umverteilungswirkung natürlich auch davon abhängt, wofür das Geld ausgegeben wird. Kommt es zu einem großen Teil den unteren Einkommensschichten zugute, hat auch die Mehrwertsteuer eine Umverteilungswirkung. Zumal absolut gesehen auch hier Wohlhabende mehr zahlen. Und schließlich ist in Deutschland, anders als in Schweden oder den Niederlanden, auch der Anteil der Einkommenssteuern am BIP gestiegen – nur nicht so schnell wie die indirekten Steuern.