Bevölkerungswachstum: Geburtenzahl erstaunlich niedrig

Über das weltweite Bevölkerungswachstum habe ich ja bereits vor ziemlich genau einem Jahr geschrieben. Die Bevölkerung wächst zwar noch, aber nicht mehr so schnell wie in der Vergangenheit. Trotzdem ist das Wachstum an Menschen ein großes Thema, schließlich hat es viele Auswirkungen: Auf die Umwelt, auf die Nahrungsmittelsicherheit und auf die Stabilität von Ländern. Der syrisch stämmige Politikwissenschaftler Bassam Tibi hat die hohe Zahl junger Menschen ohne Perspektive jüngst ein wesentliches Problem des Nahen Ostens und Nordafrikas genannt.

Nun ist diese These nicht unumstritten, wie meistens in den Sozialwissenschaften. Kritiker argumentieren, dass der Zusammenhang anders herum sei, Instabilität und mangelnde staatliche Absicherung schaffe hohe Geburtenzahlen. Wobei das eine das andere natürlich nicht ausschließt, möglicherweise schaukelt sich beides gegenseitig hoch, ein Teufelskreis.

Wie viele Kinder je Frau weltweit? 

Allerdings ist die Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens auf die Welt bringt, längst nicht mehr so hoch wie viele vermuten. Mal ehrlich, liebe Leser, was würdet ihr schätzen: Sind es 4,0, 3,5, 3,0 oder 2,5 Kinder, die pro Frau durchschnittlich geboren werden? Tatsächlich ist die richtige Antwort 2,5 – genauer gesagt 2,45 nach Daten der Weltbank. Die CIA kommt in ihrem Worldfactbook zu ähnlichen Ergebnissen. Das entspricht der Geburtenzahl in Deutschland im Jahr 1967.

Weltbank Geburtenrate
Länder mit der höchsten Zahl von Geburten je Frau (Fertilitätsrate). Quelle: Weltbank

Diese sogenannte Fertilitätsrate ist natürlich nur ein statistisches Konstrukt. Sie gibt an, wie viele Kinder die Frauen im gebärfähigen Alter insgesamt bekommen werden, wenn die Geburtenzahl so hoch bleibt wie sie aktuell ist. Aber der Trend zu weniger Kindern ist seit Jahren stabil. Besonders deutlich war der Rückgang in den 1970er Jahren, von 1970 bis 1980 ging die Kinderzahl je Frau von 4,78 auf 3,72 zurück.

Und natürlich sind Geburtenzahlen in einigen Ländern sehr grobe Schätzungen. Insgesamt ist das Ergebnis aber so eindeutig, dass man es nicht so einfach vom Tisch wischen kann. Dieser Trend erfasst nahezu alle Länder außerhalb Afrikas. Im südlichen Afrika liegt die Geburtenzahl im Durchschnitt noch bei rund fünf Kindern pro Frau und damit etwa so hoch wie in Deutschland zur Zeit der Reichsgründung vor fast 150 Jahren. Dabei ist die Spannweite natürlich groß, das politisch und wirtschaftlich stabile Botsuana liegt mit 2,8 Kindern je Frau nur wenig über dem internationalen Schnitt, der Niger dagegen mit 7,6 Kindern in einem Bereich, der in Deutschland vielleicht überhaupt nie erreicht wurde.

Religion spielt keine große (direkte) Rolle

Außerhalb Afrikas sind solche Zahlen aber kaum noch anzutreffen. Am höchsten ist die Geburtenzahl außerhalb Afrikas laut Weltbank in Ost-Timor. Das Land ist streng katholisch, die Religion scheint aber bei der Kinderzahl nicht die beherrschende Rolle zu spielen. Das ebenfalls katholische Portugal liegt mit den ebenfalls katholischen Ländern Spanien und Polen noch hinter Deutschland, ebenso das überwiegend muslimische Bosnien-Herzegowina. In der Islamischen Republik Iran wird mit 1,70 Kindern pro Frau weniger Nachwuchs geboren als in Schweden (1,89), Norwegen (1,78), Island (1,93) oder den Färöer Inseln (2,60).

Fertilitätsrate
Die zehn Länder mit der niedrigsten Fertilitätsrate im Jahr 2014. Einschließlich abhängiger Gebiete wie Kolonien und Sonderwirtschaftszonen. Quelle: Weltbank

 

Wobei natürlich indirekte Auswirkungen der Religion, etwa auf die Einstellung zu Bildung von Frauen, schwer zu beantworten sind. Insgesamt aber scheint es, als gäbe es eine Kombination, die besonders wirksam für niedrige Geburten sorgt, nämlich die Kombination von hoher Bildung für Frauen mit einem Mangel an Betreuungsmöglichkeiten als Folge traditioneller Rollenbilder.

Erwähnen sollte man natürlich auch, dass die erstaunlich niedrige Fertilitätsrate nicht unwesentlich von China beeinflusst wird. Das riesige Land hat mittlerweile weniger als zwei Geburten je Frau. Auch Indien hat die Kinderzahl deutlich gesenkt und liegt mittlerweile im weltweiten Durchschnitt, der ebenfalls große Nachbar Bangladesch sogar darunter.

Änderungen der Geburtenrate wirken erst langfristig 

Wie passt das aber alles zu unserem Ergebnis, dass die Bevölkerung noch immer stark wächst und viele Länder eine hohe Anzahl junger Menschen aufweisen? Ganz einfach, niedrigere Geburtenraten wirken zeitverzögert. Das beste Beispiel ist Südkorea, mit einer Fertilitiätsrate von 1,21 laut Weltbank im Jahr 2014 das geburtenärmste Land weltweit. Trotzdem werden dort, anders als in Deutschland, mehr Menschen geboren als gleichzeitig sterben. Warum? Weil es sehr wenig alte Menschen gibt und sehr viele im mittleren Alter, also in dem Alter, in dem man Kinder bekommt. 1960 hat jede Frau in Korea nämlich noch 6,16 Kinder geboren. Eine Fertilitätsrate von über 6,0 erreichen heute nur noch sechs Länder weltweit (Niger, Somalia, Mali, Tschad, Angola und Demokratische Republik Kongo).

Weltbank Fertilitätsrate
Fertlitätsrate in Deutschland (Hellblau), Südkorea (Dunkelblau) und Ost-Timor (Grau). Quelle Weltbank

Auch Mitte der 80er, also die heutige Elterngeneration überwiegend geboren wurde, lag die Geburtenrate noch über 3,5, also so hoch wie heute in Namibia oder in Pakistan.

Perioden- und Kohortenfertilität

Vieles spricht also dafür, dass die Geburtenraten weiter fallen werden, auch wenn es in einigen Ländern wie Tunesien, Kasachstan oder auch Deutschland wieder mehr Geburten als noch vor zehn Jahren gibt. In Kasachstan ist die Entwicklung besonders stark, dort stieg die Kinderzahl von 1,7 auf 2,7. Das dürfte aber auch mit einem Problem dieser Prognose zusammenhängen. Angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit haben viele Familien die Kinderplanung vermutlich aufgeschoben. Sie haben also nicht ihre Einstellungen zu Kindern geändert, sondern nur damals gesagt: Kinder ja, aber nicht jetzt. Später wurden diese „aufgeschobenen Geburten“ dann nachgeholt. Betrachtet man die Zahl der Geburten je Generation, die sogenannte Kohortenfertilität, ist die Entwicklung weitaus stabiler. Dann gibt es meistens einen langfristigen Trend nach unten. In Deutschland ist der Trend für alle Geburtsjahrgänge ab 1940 bis 1967 sehr stabil, es ging von Jahr zu Jahr bergab. Die folgenden Generationen aber dürften wieder etwas mehr Kinder bekommen.

Eine erste Bilanz lässt sich meist erst ziehen, wenn die Frauen einer Generation 40 Jahre alt sind, also bis zum Geburtsjahrgang 1976. Danach werden nur noch wenige Kinder geboren, eine endgültige Bilanz zieht man aber meist erst ab 50, teilweise sogar noch später.

Fazit

Die Geburtenrate ist also nicht mehr so dramatisch hoch, außerhalb Afrikas schon gar nicht. Im Vereinigten Königreich hatte es noch fast 100 Jahre gedauert, bis die Kinderzahl von über 6,0 auf unter 3,0 gefallen war (1815 bis 1910), in Brasilien waren es 26 (1963 bis 1989), in Bangladesch 20 (1982 bis 2002) und im Iran nur zehn (1986 bis 1996 – Quelle: Ourworldindata.org).

Das ändert aber nichts daran, dass es in vielen Ländern junge Leute gibt, die keine Chance haben. Nicht immer liegt das allerdings an hohen Geburtenraten, teilweise auch an schlechter Politik. Wo hohe Geburtenraten doch das Problem sind, liegen sie oft in der Vergangenheit begründet, wobei natürlich auch eine Fertilitätsrate von rund drei Kindern je Frau wie in Haiti (3,03), auf den Philippinen (2,98) oder in Algerien (2,86) schon ein deutliches Bevölkerungswachstum bedeutet.

welt

Vor allem Wohlstand und Bildung sorgen für weniger Geburten, nicht ganz so einfach ist aber die Frage, wie man das garantieren kann. An dieser Stelle wiederhole ich mich und appelliere, die weltweite Flucht vom Land in die Städte nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance zu sehen. Nicht nur Kleinbauern sollten unterstützt werden, sondern auch Stadtverwaltungen, Existenzgründerzentren in Großstädten, Schulen und Krankhäuser. Aber das ist jetzt meine persönliche, statistisch nicht belegte Meinung.

 

 

Kinderkriminalität steigt rasant!

Der Statistiker-Blog hat monatlich rund 3.000 Leser, von denen einige nur einmal und andere öfter vorbei schauen. Das ist für einen Nischenblog keine schlechte Zahl, trotzdem möchte ich die allgemeine Angst für eine weitere Steigerung meiner Reichweite nutzen. Und hier ist der Skandal – bitte gleich an BILD, Spiegel Online, Focus Online, etc. weitergeben und in sämtlichen sozialen Netzwerken posten:

Zahl der kriminellen Kinder steigt rasant: 701 Prozent mehr Tatverdächtige unter sechs Jahre als 1987!!

Tja, liebe Leser. So schlimm steht’s. Unsere Kinder sind nicht mehr erzogen, deshalb klauen sie, schließen sich Terrororganisationen an, verprügeln ihre Mitschüler und stehen im Bus nicht auf, wenn junggebliebene 60-Jährige vom Yoga kommen.

Wahr ist, dass die Zahl der tatverdächtigen Jungen unter 6 Jahren von 1987 bis 2015 um 701 Prozent von 705 auf 5.647 anstieg. Bei den Mädchen ist die Entwicklung ähnlich. Gut, 1991 kamen die Ost-Berliner dazu, 1993 dann Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Aber selbst die Berliner Gören und Bengel können den Anstieg nicht erklären. Zumal es im Jahr 2009 nur 665 Tatverdächtige unter sechs Jahren gab, obwohl der Osten da auch schon mit dabei war. Was ist also los? Abgesehen natürlich vom allgemeinen Verfall der Sitten und besonders der Sitten der Jugend.

Schon Platon hat das beschrieben. Er erklärte sogar die Entstehung der Arten aus dieser Degeneration. Die Götter hatten die Männer nahezu perfekt geschaffen, aber wie ein immer wieder kopiertes Bild verschlechterte sich die Qualität von Generation aus Generation, aus den Feiglingen und Bösewichtern entstanden die Frauen, aus den leichtlebigen Menschen die Vögel, aus jenen, die sich nicht für Philosophie interessierten die Landtiere und aus den dümmsten Idioten die Fische. (Wobei ich Platon nicht selbst gelesen habe, sondern mein Wissen nur aus „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper beziehe.)

Statistiker-Blog enthüllt: Die Straftaten der Kinder!!!!

Aber was tun diese tatverdächtigen Kinder eigentlich? Stehlen? Morden? Vergewaltigen? Tatsächlich gab es vor einigen Jahren einen Tatverdächtigen unter sechs Jahren mit Tatverdacht Vergewaltigung, das war aber seit 1987 der einzige. Vielmehr gibt es vor allem zwei Straftatbestände, bei denen die Zahl der unter 6-jährigen Tatverdächtigen geradezu explodiert ist. Das ist die unerlaubte Einreise gemäß § 95 Abs. 1 Nr. 3 und Abs. 2 Nr.1a Aufenthaltsgesetz und der unerlaubte Aufenthalt gemäß § 95 Abs. 1 Nr. 1, 2 und Abs. 2 Nr. 1b Aufenthaltsgesetz. Über 5.000 Tatverdächtige entfallen auf diese beiden Kategorien. Nicht kriminelle Kinder sind also der Grund für den Anstieg, sondern mehr strafrechtlich verfolgte illegale Einreisen beziehungsweise Aufenthalte.

Zugegeben, das ist natürlich eine ziemlich langweilige Erkenntnis. Aber das ist eben ganz großer Journalismus: Erst am Ende erfolgt die Auflösung – und dann natürlich auch ganz kurz. Tatsächlich gab es bei den meisten anderen Straftatbeständen keine derartige Entwicklung. Die Zahl der Rohheitsdelikte (genauer Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit) beispielsweise liegt sogar leicht niedriger als 1993, allerdings auch bei etwas weniger unter 6-Jährigen.

Rohheitsdelikte unter 6-jähriger Jungen

Im Zweifelsfall können wir dieses enttäuschende Ergebnis aber auf die Dunkelziffer schieben. Ja, liebe Leser, so weit ist es schon, dass die Zahl der Tatverdächtigen unter 6 Jahren im Bereich Rohheitsdelikte fällt, weil sich alle schon daran gewöhnt haben. Belegen können wir das naturgemäß nicht, sonst wäre’s ja keine Dunkelziffer. Aber soll uns mal jemand das Gegenteil beweisen. Das ist das Tolle an der Kriminalstatistik, es lässt sich jede Aussage mit dem Hinweis abschmettern, die Dunkelziffer sei eben gestiegen oder gefallen.

Aber immerhin, nach langem Suchen haben wir doch noch einen Skandal entdeckt. Denn insgesamt ist die Zahl der Tatverdächtigen in der Kategorie Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit gestiegen. Und das in einigen Teilgruppen auf mehr als das Vierfache!!! Genauer gesagt ein Plus von 321 Prozent. Gegenüber 1993, dem ersten Jahr mit gesamtdeutschen Daten, gibt es immer noch eine Zunahme der Tatverdächtigen um 237 Prozent!!! Das sind +5,7 Prozent pro Jahr.

Wir könnten uns sogar dumm stellen und von eine Plus von 10,8 Prozent pro Jahr schreiben, denn 237 (Prozent) geteilt durch 22 (Jahre) ist ja 10,8. Aber für die Berechnung des durchschnittlichen Zuwachses brauchen wir nun leider das geometrische Mittel, also die 22-te Wurzel aus 3,37 (weil ein Anstieg um 237 Prozent bedeutet, dass unser neuer Wert 3,37 Mal so hoch ist wie der Ausgangswert). Und wir wollen ja mit der Wahrheit lügen und nicht durch Unkenntnis statistischer Verfahren glänzen.

Aber wo hat dieser erschreckende Sitten- und Moralverfall stattgefunden? Leider bei den Frauen ab 60. Ich sage leider, weil die Gruppe nicht besonders skandaltauglich ist. Zum Einen ist die Zahl der Tatverdächtigen mit 7.500 insgesamt immer noch deutlich geringer als etwa bei den 18 bis 21 jährigen männlichen Heranwachsenden, die es auf 42.000 Tatverdächtige schaffen. Wobei sich gute Skandal-Journalisten von den Absolutzahlen natürlich nicht beirren lassen. Man kann sie ja einfach weglassen. So wie Ärzte das tun, die über ihre geringen Gehaltszuwächse jammern ohne ihren absoluten Verdienst zu nennen.

In Rhens gibt es sogar einen Rentnersteg. Foto: Onnola (cc)
Hört sich harmlos an, aber was wenn wir genau auf eine jener 7.500 Frauen über 60 treffen, die wegen eines Rohheitsdelikts angeklagt sind. Foto: Onnola (cc)

Außerdem kann man solche Zahlen extrapolieren. Man suche sich einfach zunächst das Jahr, seitdem es den höchsten Zuwachs gab. Das ist zufällig genau unser Jahr 1993. Dann unterstellen wir diesen Zuwachs für jedes Jahr – und Zack, bereits im Jahr 2048 wird es mehr weibliche Tatverdächtige über 60 in diesem Bereich geben als heute Heranwachsende. Und da unterstellen wir nur einen weiter gleichbleibenden Anstieg von 5,7 Prozent pro Jahr. Dabei weiß doch jeder, dass alles immer schlimmer wird, der Anstieg als weiter steigen muss.

Einwenden kann man auch, dass die Zahl der Frauen über 60 ebenfalls gestiegen ist, aber das ist noch nicht der größte Hacken. Diese Information kann am einfach weglassen. Doch es ist schwerer sich eine Horde fieser männlicher Jugendlicher vorzustellen als einen Haufen gemeiner Frauen über 60. Unfreundliche Jugendliche sind verzogene Fratzen, pöbelnde Omas „resolute ältere Damen“.  Und ohnehin, die Senioren-Lobby. Die würde sich schnell auf die verantwortlichen Redakteure einschießen. Auch die überwiegend älteren Abonnenten wollen lieber etwas über den Verfall der Moral in der Jugend als über rohe Rentnerinnen lesen. Oder hat man schon mal eine Gruppe älterer Menschen dabei beobachtet wie sie in einem Wellness-Hotel klagen: „Also wirklich, zu meiner Kindheit hätten sich die Senioren so etwas nicht leisten können. Die waren noch froh, wenn sie genug zu essen hatten – und trotzdem glücklich“.

Ein schweres Dilemma. Hier mein ultimativer Lösungsansatz für einen ordentlichen Skandalartikel:

Zahl der kriminellen Kinder steigt rasant: 701 Prozent mehr Tatverdächtige unter sechs als 1987!! Rohheitsdelikte steigen um bis zu 237 Prozent!!!

Zahl der tatverdächtigen Jungen unter 6 Jahren stieg 1987 bis 2015 um 701 Prozent auf 5.647 an!!!! Rohheitsdelikte stiegen seit 1993 um bis zu 237 Prozent.

Alle übrigen Infos werden weggelassen. Dann überfordert das von der Länge auch niemanden. Das war’s bis nach Weihnachten, deshalb allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes und hoffentlich friedliches Weihnachtsfest.

Ein paar Gedanken zum Konservativen Wertewandel

Konservative Werte sind wieder gefragt. Die Schlagzeilen der Zeitungen lauten „Fleiß statt Lebensfreude“, „Zukunftsforscher sieht Wertwandel“ und „Disziplin und Fleiß sind wieder gefragt“. Der Sender n-tv wird sogar fast satirisch und schreibt: „Fleiß und Disziplin statt Toleranz: Die Deutschen werden immer ‚deutscher'“.

Nicht alle Journalisten blicken durch

Den Vogel schießt aber Martin Korte ab. Er schreibt unter dem Titel „Fleißige Egoisten“: „Opaschowski sagt, moderne Werte wie Toleranz, Teamfähigkeit und Fairness seien bei den Jüngeren nicht mehr mehrheitsfähig.“ Dabei schreibt der zitierte Hamburger Professor: „Die 55plus-Generation legt traditionell auf Konventionen großen Wert. Sie favorisiert Anpassungs-, Pflicht- und Akzeptanzwerte mehr als individuelle Lebensziele von Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung. Weil die Jungen mittlerweile zur Minderheit geworden sind, sind moderne Werte wie Toleranz (48%), Teamfähigkeit (47%) und Fairness (43%) nicht mehr mehrheitsfähig“.

Befragt wurden nämlich keineswegs junge Menschen, sondern 1.000 Deutsche ab 14 Jahren, also nicht einmal besonders viel. Was leider in fast keinem Beitrag zitiert wird, ist die eigentliche Fragestellung. Sie lautet nämlich „Stellen Sie sich einmal vor: Sie müssten jetzt ein Kind erziehen. Welche der folgenden Erziehungsziele halten Sie dann für besonders wichtig?“

Wichtige Werte
Antworten in Prozent auf folgende Frage: „Stellen Sie sich einmal vor: Sie müssten jetzt ein Kind erziehen. Welche der folgenden Erziehungsziele halten Sie dann für besonders wichtig?“ Die 15 wichtigsten Antworten sowie ausgewählte Werte. 1.000 befragte Personen ab 14 Jahren. Quelle: Ipsos Observer/Prof. Opaschowski 2015

Die Fragestellung ist auch nicht ganz unsinnig gewählt, denn tatsächlich spiegelt sich in Erziehungszielen wider, welche Werte einer Gesellschaft wichtig sind. Allerdings dürfte in der Fragestellung mit ein Grund für die beobachtete Veränderung der Antworten liegen, vor allem weil in immer mehr Haushalten keine Kinder mehr leben. Denn wer eigene Kinder hat, hat bei der Antwort eher auch das Wohl der Kinder im Blick, vermutlich dürfte auch deshalb der Wert „Lebensfreude“ mit 89 Prozent ganz vorne gestanden haben. Heute taucht er noch nicht einmal in der Liste auf. Auch Selbstvertrauen sank von 91 Prozent auf 63 Prozent, Selbstständigkeit sogar von 89 auf 59 Prozent. Wer dagegen keine kleinen Kinder (mehr) hat, der beantwortet die Frage zumindest tendenziell eher unter dem Blickwinkel „Wie wünsche ich mir, dass Kinder sich mir gegenüber verhalten“. Auch wenn andere Untersuchungen nahelagen, dass auch Eltern wieder mehr zu klassischen Wert neigen, wie hier im Blog vor Jahren schon beschrieben.

Leider keine Analyse nach Altersgruppen

Spannend wäre deshalb eine Analyse nach Altersgruppen. Auch der Zukunftsforscher Horst Opaschowski sieht die Bedeutung des Wandels in der Altersstruktur. Auch wenn man die Frage anders formuliert hätte wäre das Ergebnis wohl, dass älteren Menschen, wie von Opaschowski im oben zitierten Satz beschrieben, Anpassungs-, Pflicht- und Akzeptanzwerte wichtiger sind. Spannend wäre deshalb eine Untersuchung nach Altersgruppen. Leider gibt es die nicht und dafür wären auch mehr Befragte nötig. Dann aber könnte man mehr Erkenntnisse darüber gewinnen, ob 20-Jährige heute traditionellere Werte bevorzugen als 1981 oder aber ob die damals 20-Jährigen heute als 54-Jährige schlicht konservativer denken als damals.

Vermutlich dürfte beides der Fall sein. Zumal rechte Parteien wieder mehr Zulauf haben und mit dem Islamismus eine rechtsextreme Ideologie aktuell die Welt beschäftigt. Allerdings ist es der neo-konservative Wertewandel aber auch nur die halbe Wahrheit. So ist Ehrlichkeit heute zwar der am häufigsten genannte Wert, während er 1981 noch auf Platz drei stand, allerdings wird er mit 73 Prozent seltener genannt als damals mit 89 Prozent. Offenbar gehen die Meinungen über Werte heute weiter auseinander als damals. Leider muss ich mich bei den Vergleichswerten auf einen dpa-Artikel stützen, in der Original-Tabelle, die mir dankenswerterweise von Professor Opaschowski zugesandt wurde, stehen die Daten nicht.

Ein Einwand, der aber nur ein halber ist

Ohnehin ist die Interpretation stark von persönlichen Vorstellungen geprägt, weshalb ich diesen Beitrag auch mit in die Rubrik „Kommentar“ einsortiert habe. Auch hier ist Martin Korte von der Westfalenposte wieder ein Extrembeispiel. Er schreibt an einer Stelle von den jungen „fleißigen Egoisten“ und ignoriert dabei nicht nur, dass nicht junge Menschen, sondern alle Altersgruppen ab 14 befragt wurden, sondern auch, dass hoch bewertete Normen wie „Freundlichkeit“ (64 Prozent) und „Respekt“ (63 Prozent) nicht gerade im klassischen Sinne in die Kategorie Egoismus fallen. Er kommt an anderer Stelle auch zu dem Urteil, dass das mit dem Fleiß gar nicht wahr sein könne, wenn man sich die „Jugend von heute“ ansehen und beendet den Absatz ernsthaft mit „Früher war halt alles besser“.

Mit dieser Meinung steht er sicher nicht alleine. Ein Einwand der Früher-war-alles-besser-Fraktion dürfte deshalb sein, dass Werte wie „Selbstbewusstsein“ nicht mehr genannt würden, weil es dafür heute ohnehin zu viel gäbe. Vielleicht nennen so wenige „Toleranz“ als Erziehungsziel, weil Deutschland toleranter geworden ist? Aber ob Deutschland heute toleranter ist als 1981 und die Menschen selbstbewusster, lässt sich nur schwer messen.

Nun könnte man zunächst fragen: „Wie verbreitet ist dieser Wert in unserer Gesellschaft ihrer Meinung nach“. Wird er selten genannt, könnte das nicht überprüfbar machen welcher Wert nur deshalb nicht genannt wird, weil er ausreichend vertreten ist? Leider nicht, denn hier beißt sich die Katze statistisch in den Schwanz, misst man dann doch ebenfalls zum großen Teil die persönlichen Wertepräferenzen. Wer Fleiß wichtig findet, der wird meistens auch angeben, dass die Deutschen aktuelle nicht sehr fleißig wären. Wirklich entwirren lässt sich also nicht, welche Werte genannt werden weil sie aktuell wichtig sind und welche, weil sie lange Zeit vernachlässigt wurden. Es spricht aber vieles dafür, dass der Zusammenhang eher in die Richtig geht, dass präferierte Werte angeblich aktuell zu kurz kommen als umgekehrt. So gesehen überzeugt der Einwand also nur teilweise.

Fazit: Wir bleiben Steinzeitmenschen

Und was ich persönlich davon halte? Tatsächlich scheint aktuell eine große Sehnsucht nach konservativen Werten da zu sein. Opaschowski zitiert den Sieg der National-Konservativen unter Andrzej Duda in Polen und den Erfolg von UKIP in Großbritannien. Das dürfte mit der Alterung der Gesellschaft zu tun haben, aber auch eine Gegenbewegung zu den vielen Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte sein. Denn mit dem Islamismus macht heute, anders als 1981, keine links-, sondern eine rechtsextreme Ideologie der Welt zu schaffen, doch die speist sich nicht in erster Linie aus alten Männern und ist in sehr jungen Gesellschaften stark.

Trotzdem möchte ich diese drei Thesen aufstellen:

  1. Der beobachtete Trend zu konservativen Werten ist weniger einer Folge geänderter Werte innerhalb der Altersgruppen als vielmehr eine Folge der Alterung und der im Vergleich zu 1982 höheren Zahl von Haushalten ohne (kleine) Kinder.
  2. Der Trend wird überzeichnet, weil bei Befragungen sozial gewünschte Antworten gegeben werden. Das führte 1981 dazu, dass auch erzkonservative Menschen „Selbstbewusstsein“ als Wert nannten und heute diese Antwort nicht gegeben wird, weil sie sozial nicht erwünsch ist. Überzeichnet heißt aber nicht, dass der Trend nicht existiert, sondern nur dass er stärker abgebildet wird als er ist.
  3. Konservative Werte werden aber auch von jüngeren Menschen heute positiver bewertet, allein schon deshalb, weil der Wunsch soziale Normen zu erfüllen nicht nur die Antworten in Befragungen prägt, sondern mitunter sogar das Verhalten selbst.
  4. In die Zukunft kann man diesen Trend aber trotz der Alterung nicht automatisch verlängern.
  5. Im Grund ändern sich die Menschen über die Jahrzehnte viel weniger, als sie es zugeben wollen. „Eine Aussage des Zukunftsforschers aus dem Jahr 1982 (die nicht im Zusammenhang mit der zitierten Untersuchung aus dem Jahr 1981 steht), könnte auch heute ein Stück weit passen: „Ein Wandel von der sozial-konformen zur individuell-autonomen Leistungsorientierung ist feststellbar. Das Bedürfnis, selbst etwas Produktives zu schaffen und etwas zu leisten, was Spaß macht und Sinn hat, ist unverändert groß.“

Insgesamt würde man sich wünschen, dass die Untersuchung noch einmal mit etwas mehr Befragten und einer Unterscheidung nach Altersgruppen wiederholt würde.