Daten zum Terror

Entsinnt sich noch jemand an „Dieses obskure Objekt der Begierde“, Luis Buñuels letzten Film aus dem Jahr 1977? Die Hauptpersonen bewegen sich durch eine Welt, in der ständig Autos und Läden in die Luft fliegen und Schießereien mit Terroristen an der Tagesordnung sind. Diese Anschläge linksradikaler Gruppen sind so normal, dass sie von den Protagonisten des Films  gar nicht wahrgenommen werden – außer als sie am Ende des Films durch eine Bombenexplosion in einer Einkaufsstraße getötet werden.

Wer in die Nachrichten blickt, der bekommt den Eindruck, dass Buñuels Vision fast Wirklichkeit geworden ist, nur dass es nicht links-, sondern rechtsextreme Terroristen sind, die hinter den Anschlägen stecken, allen voran islamistische. In Manchester töteten sie zuletzt zahlreiche Kinder und Jugendliche, eine Taktik die Islamisten im Ausland schon mehrfach angewandt haben. Wenig später kam es in London zu zwei weiteren Attentaten, eines von Islamisten und ein zweites von einem britischen Rechtsextremisten, das sich gegen Muslime richtete. Tatsächlich zeigen die Daten eine weltweite Zunahme des Terrors.

Auch Deutschland bleibt nicht verschont. Zwölf Menschen starben auf einem Berliner Weihnachtsmarkt, im April wurde eine afghanische Mutter vor den Augen ihrer Kinder bestialisch ermordet, nach Meinung ihrer Schwester weil sie vom Islam zum Christentum konvertiert war.

Tatsächlich gibt es mit der Global Terrorism Database der University of Maryland eine sehr umfangreiche Quelle. Ich möchte im heutigen Beitrag diesen Fragen nachgehen:

  1. Was misst die Global Terrorism Database?
  2. Wie gut sind die Daten?
  3. Was sagt uns das über die Entwicklung des Terrorismus?
  4. Wie sieht die Situation in Westeuropa aus?

Natürlich liegt es dabei nahe, das Thema aufzuspalten, wie ich das auch bei der Demokratie getan habe. Heute werde ich mich zunächst mit der Qualität der Daten befassen, übernächste Woche dann mit der Entwicklung des Terrorismus.

Was ist Terrorismus?

Terrorismus ist kein neues Phänomen. Aus der Bibel kennt man die Zeloten, denen ursprünglich auch einer der Jünger Jesus, nämlich Simon der Eiferer, angehörte. Oft wird diese Gruppe eher mit einer Guerillaarmee verglichen, die Sikarier ermordeten aber auch ganz gezielt einzelne politische Gegner oder Kollaborateure. Noch bekannter dürften die Assassinen sein, eine radikalislamische Sekte, die schon vor rund 1.000 Jahren durch Selbstmordattentate auf sich aufmerksam machte. Aber was unterscheidet Terror von anderen Formen der Gewalt?

Vom Brockhaus wird Terrorismus als „politisch motivierte Gewaltanwendung“ beschrieben, die aufgrund fehlender Erfolgschancen im offenen Kampf mit „meist grausamen direkten Aktionen“ die Hilflosigkeit des Staatsapparates bloßstellen will. Man könnte auch sagen, im Mittelpunkt steht das Verbreiten von Angst und nicht der militärische Erfolg, wobei beim islamistischen Terror immer mehr auch das physische Auslöschen des Gegners im Zentrum steht, was die Grenzen zum Genozid fließend macht. Letzterer gehört nicht in die Kategorie Terrorismus.

Kongo Wald
In der Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire) kommen bei bürgerkriegsähnlichen Gefechten immer wieder Menschen ums Leben. Als Terrorismus zählt das aber nicht. Foto: Irene2005

Auch der Staatsterror ist nach dieser Definition kein Terrorismus, ebenso wenig der Krieg. Das bringt natürlich Schwierigkeiten mit sich. Todesopfer im Irak zählen als Terroropfer, die im Vietnamkrieg getöteten mehreren Millionen Menschen nicht. Auch die Opfer von Genoziden wie in Ruanda werden üblicherweise nicht als Terroropfer gezählt.

Besonders schwierig ist aber die Grenze zum Bürgerkrieg. Der Überfall auf eine Militärstation im Bürgerkrieg wäre beispielsweise nach den üblichen Definitionen kein Terrorismus.

Die Datenquelle

So handhabt das auch die Global Terrorism Database der University of Maryland. An der Universität werden seit 1970 alle terroristischen Ereignisse gesammelt und erfasst, egal in welchem Land und ob mit oder ohne Todesopfer.

Die Daten lassen sich als Excel-Datei herunterladen, die Tabelle hat mehr als 150.000 Zeilen und über 100 Spalten. Erfasst wird fast jedes bekannte Detail, beispielsweise der genaue Ort mit Region, Staat, ggf. Bundesland, Stadt beziehungsweise Gemeinde und sogar mit den Koordinaten. Natürlich dürfen auch Angaben zur Waffe, der Art des Attentats (Bombenanschlag, gezielte Ermordung, Zerstörung von Infrastruktur…) zu den Attentätern und den Opfern nicht fehlen. Dabei gibt es ein Freitextfeld zur Beschreibung von Attentat und Opfer, aber auch eine Kategorisierung des Ziels, beispielsweise Airport & Aircrafts, Government oder Business. Auf diese targettyp1_txt genannte Variable folgt, wie bei vielen Spalten, eine Nummer, mit der die Textvariable codiert wurde. Government (general) ist beispielsweise mit 2 codiert, Government (Diplomatic) mit der 7. Es folgen Untertypen, beispielsweise bei Business Retail/Bakery/Grocery und schließlich ein Freitext, in dem dann etwa steht „Father owend Bakery“. Manchmal steht dort sogar ein Name. Es gibt natürlich auch noch einen targettyp2 und 3 sowie einen attacktyp 2. Diese Felder werden nicht immer gefüllt, sondern nur wenn eine Zuordnung nicht eindeutig möglich ist oder später noch eine genauere Beschreibung eingeführt wurde. Beispielsweise kann der targettyp1 „Clinic“ lauten und der targettyp2 Abortion related, also im Zusammenhang mit Abtreibung stehend. In den meisten Fällen wird aber nur eine Variable verwendet.

Amis haben keine Ahnung von Geographie
Das erste Attentat in der Liste fand in der Dominikanischen Republik statt. Auch die DDR taucht ganz vorne auf. Das liegt aber nur an den fehlenden Geographiekenntnissen der Datenerfasser.

Nicht alle Attentate enden tödlich. In einer Spalte wird die Zahl der Todesopfer erfasst, in der zweiten die darunter befindlichen US-Amerikaner und in einer dritten die Zahl der getöteten Terroristen. Das gleiche wird noch für die Verwundeten wiederholt.

Wie gut sind die Daten?

Die Daten sind also sehr detailliert, aber wie vollständig sind sie? Die Datenerfasser stützen sich auf eine ganze Reihe von Quellen und nennen diese auch immer, wobei meist auf ein anderes Projekt der University of Maryland (UMD) verwiesen wird, beispielsweise das UMD Encyclopedia of World Terrorism 2012. Die Primärquelle bleibt damit leider oft im Dunkeln.

Natürlich stellt sich die Frage, ob die Universität wirklich von jedem Anschlag erfährt, vor allem wenn er sich in einer Autokratie zuträgt. Das aber wäre wichtig um eine Vergleichbarkeit der Daten zu Gewährleisten. Schließlich gibt es im Vergleich zur Situation in den 1970er Jahren, als die Datenerfassung begann, deutlich weniger Diktaturen.

Wohnen
Nicht alles östlich der DDR-Grenze war auch DDR. Suhl, hier im Bild gehörte unzweifelhaft zur Deutschen Demokratischen Republik. Berlin dagegen gab es zweimal, einmal als West- und einmal als Ostberlin. Und Westberlin gehörte eben nicht zu DDR. Foto: Felix O.

Leider scheinen die Daten an mancher Stelle zwar sehr detailliert, aber oberflächlich gepflegt zu sein. Ganz oben, also als eines der ersten Attentate in der Liste, taucht auch ein Anschlag in der DDR auf. Ein Anschlag der Kommune 1 auf einen Juristenball im Palais am Funkturm in Ost-Berlin. Getötet wurde glücklicherweise niemand – anders als 1974, als in Berlin, DDR, der Richter Guenler [sic!] von Drenkmann ermordet wurde.

Das stutzt man. Schließlich wurde 1974 in West-Berlin, BRD, auch der Jurist Günter von Drenkmann ermordet. Er war einer der wenigen erfolgreichen Juristen in der Zeit des Dritten Reiches, der die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten verweigerte. Daher durfte er zunächst nicht Richter werden. Ermordet haben ihn allerdings nicht Neonazis, sondern Linksextremisten.

terrorismusopfer
Gedenktafel für den Richter Günter von Drenkmann. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen verweigerte er den Eintritt in die NSDAP und durfte daher zunächst nicht Richter werden. In der Bundesrepublik stieg er bis zum Präsidenten des Kammergerichts auf, wurde aber bei einem fehlgeschlagenen Entführungsversuch von Linksterroristen getötet.

Es fällt auf, dass Westberlin (in der Tabelle nur mit „Berlin“ bezeichnet)  vor 1990 überwiegend der DDR zugeordnet wird. Damit aber nicht genug. Auch dort wo explizit East-Berlin draufsteht, ist nicht immer Ost-Berlin drin. Der Palais am Funkturm ist nämlich in Westberlin gelegen.

Die meisten Anschläge mit Todesopfer in der DDR sind auf den ersten Blick als falsch zugeordnet zu erkennen. Einziger Fall in der Datei, der tatsächlich korrekt der DDR zugeordnet wurde, ist die Ermordung des Libyers Mohammad Ashour 1984. Allerdings gehört auch dieser Fall womöglich gar nicht in die Liste, denn die Täter waren möglicherweise Handlanger des libyschen Geheimdienstes.

Besonders peinlich für die Datenerfasser ist aber, dass man den kompletten Datensatz für das Jahr 1993 verloren hat. Bis heute erhält sie keine Informationen für das Jahr. Wie erwähnt enthält sie auch noch keine Informationen über 2016.

Hinzu kommt, dass die Zuordnung nicht immer leicht ist. Was ist mit dem oben beschriebenen Fall der ermordeten Afghanin? Zunächst einmal ist es unklar, ob die Datensammler in den USA den Fall überhaupt mitbekommen haben. Die meisten Zeitungen berichteten sehr zurückhaltend über den Fall und das mögliche Motiv Christenhass. Hinzu kommt, dass der Täter bereits mehrfach in psychiatrischer Behandlung war. Möglicherweise war es weniger die Tat eines berechnenden Terroristen als eines psychisch Kranken. Die Grenzen sind fließend.

Fazit

An einigen Stellen haben die Mitarbeiter des Projekts leider schlampig gearbeitet. Trotzdem ist die Global Terrorism Database eine der besten Quellen zu dem Thema. Wir werden im kommenden Beitrag sehen, dass einige Entwicklungen so deutlich sind, dass auch die falsche Zuordnung von einzelnen Fällen keine Auswirkungen hat. Was die Daten uns sagen, werde ich in zwei Wochen vorstellen. Eine deutliche Zunahme des Terrorismus weltweit kann ich aber jetzt schon ankündigen.

Demokratie in Bewegung

Eigentlich wollte ich ja mit dem vergangenen Beitrag schon das Thema Demokratiemessung nach Polity IV abschließen und die Frage beantworten, wie sich die Demokratie – immer auf Grundlage der Definition von Polity IV natürlich – entwickelt hat.

Am Ende des vergangenen Beitrags habe ich es ja schon angekündigt: Die Welt war tatsächlich schon mal demokratischer als heute, aber in den meisten Zeiträumen sehr viel undemokratischer.

Das wurde ja bereits in den Kapiteln über Afrika und Südamerika deutlich. In den 1970er Jahren waren dort die meisten Staaten Autokratien. Heute haben sich in Südamerika die Demokratien durchgesetzt, in Afrika sind es zumindest mehr geworden und einige Staaten nur noch Anokratien.

Demokratie 1973 Karte
Ich habe mir mal erlaubt, die fehlerhafte Grafik von ourworldindata.org zu korrigieren. Argentinien und Botswana sind hier im Jahr 1973 als Demokratien eingestuft, wie es in den Originaldaten von Polity IV auch der Fall ist. Das Bild unterliegt damit natürlich weiterhin der Lizenz CC-BYSA 4.0

Die Seite ourworldindata.org bietet ein schönes Gimmick, um die Entwicklung von Demokratie, Autokratie und Anokratie nachzuverfolgen. Man kann durch die Jahre wandern und zusehen, wie sich die Farben auf der Weltkarte verändern.

Leider ist die Karte an manchen Stellen schlecht gemacht. Der Einfachheit halber hat man für alle Zeiten die heutigen Grenzen verändert. Das ist ein großer Nachteil auf Kontinenten mit sehr instabilen Staaten und häufig wechselnden Grenzen, namentlich Europa. Statt alle GUS-Staaten und das Baltikum für die Zeit der Sowjetunion rot zu färben, sind diese als Kolonien gekennzeichnet und Russland als „No Data“. Die Slowakei und Tschechien werden wiederum als Kolonien der Tschechoslowakei geführt.

Das ist nicht besonders logisch. Zumal man für Deutschland auch Daten aus der Zeit vor Gründung der Bundesrepublik ausweist und beispielsweise für das Jahr 1868, als es das Deutsche Reich ja noch nicht gab, einfach Daten für Preußen verwendet.

Deshalb habe ich das Tool als Gimmick bezeichnet, es ist eine nette Spielerei, aber mit Vorsicht zu genießen. Die falsche Darstellung von Ländern mit dem Wert von 6 im Ranking von Polity IV zieht sich durch alle Jahre, deshalb wird die Weimarer Republik auch fälschlicherweise nicht als Demokratie eingefärbt.

Der grobe Überblick

Trotzdem erhält man schon einen Überblick, dass die Welt früher weit weniger demokratisch war. Wer Geschichtskenntnisse besitzt oder die Originaldaten für Europa aufruft stellt fest, dass auch unser Kontinent lange nicht besonders demokratisch war. Der gesamte Ostblock, der hier nur als Kolonie oder mit „No Data“ gekennzeichnet wird, bestand bis 1990 überwiegend aus Autokratien.

Die DDR wurde beispielsweise ab ihrer Gründung als solche gesehen. Sie verschlechterte ihre Bewertung sogar noch, gestartet war sie mit einem Wert von -7 (bei maximal -10), sank 1951 auf -8 und 1961 auf -9. Das ist schlechter als die UdSSR, die sich mit Stalins Tod auf -7 verbesserte.

In den 1940er Jahren war ein Großteil der Staaten in Europa Autokratien. In den USA wurde vor allem der südliche Teil Europas wegen seiner Instabilität ähnlich ängstlich beäugt wie heute Nordafrika. Sehr deutlich wird das im Buch „American Freedom and Catholic Power“ des Autors Paul Blanshard, der vor den Gefahren für die Demokratie durch die oft schlecht ausgebildeten, streng religiösen und in Parallelkulturen leben Katholiken aus instabilen, autokratisch oder erst seit kurzem demokratischen Ländern wie Spanien, Italien und Portugal warnte.

Es geht nicht nur bergauf

Falsch wäre aber der Eindruck, die Entwicklung wäre einseitig in Richtung von mehr Demokratie gegangen. Das weiß jeder, der sich ein bisschen mit europäischer Geschichte auskennt. Die Karte unten stammt aus dem Jahr 1921. Italien ist bereits eine geschlossene Anokratie, das Land wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Demokratie. 1921 war man mit einem Wert von -1 aber noch nah an der offenen Anokratie (ab 0), doch stattdessen kam ein Jahr später Mussolini an die Macht und ab da verschlechterte sich der Wert von Jahr zu Jahr. Ab 1925 war das Land auch formell eine Autokratie und 1928 erreicht es den Tiefpunkt mit -8.

Spanien immerhin war 1921 noch eine Demokratie, doch zwei Jahre später wird es eine Autokratie unter Miguel Primo de Rivera. Deutschland wird bekanntlich 1933 von einer Demokratie zu einer Autokratie mit dem Wert von -9.

Europa Demokratie Rückgang
In den 1920er Jahren war Europa schon mal relativ grün – also demokratisch. Das änderte sich aber bald. Quelle: ourworldindata.org, Karte in den Grenzen von 2015, Spanien und Deutschland mit korrigierter Farbgebung.

Auch in Afrika gab es in den 1960er Jahren mehrere Demokratien, darunter der Sudan, Somalia, Nigeria oder Uganda. Nigeria wurde ein Jahr später eine Diktatur, gilt seit 2015 aber wieder als Demokratie. Insgesamt gibt es viel Wechsel, ähnlich wie in Südamerika, wo Staaten wie Chile, Brasilien oder Argentinien immer wieder den Status wechselten.

Demokratie in Afrika Grafik
1965 war Afrika demokratischer als zehn Jahre später. Kaum zu glauben, der Sudan und Somalia, zwei notorische Krisenherde, waren damals demokratisch. Quelle: ourworldindata.org

Menschen in Demokratien

Allerdings ist die Zahl der Länder, die demokratisch sind, gar nicht das spannendste und auch nicht die Größe der grünen Flecken. Der afrikanische Musterstaat Botswana beispielsweise ist größer das Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen und bringt so viel grüne Farbe nach Afrika. Allerdings leben dort nur knapp über zwei Millionen Menschen, also etwa so viele wie in Hamburg und dem engeren Umland.

Ein weiteres Problem haben wir bei der Betrachtung im Zeitverlauf. Denn die Zahl der Menschen in Demokratien ist ein schlechter Indikator, schließlich steigt die Zahl der Menschen. Aber auch ihr Anteil an allen ist nur mäßig geeignet, um gute Aussagen zu treffen. Denn für die Vergangenheit liegen für viele Länder keine Daten vor oder sie waren Kolonien. Wird ein Land von der Kolonie zur Demokratie, dann ist das natürlich auch ein Fortschritt. Aber es ist ein Prozess, der von dem der Demokratisierung zu trennen ist. Außerdem hat die Entkolonialisierung auch den Anteil der Menschen in Autokratien erhöht, wobei viele Kolonialregime natürlich auch eine Diktatur waren.

Diktatur und Demokratie Statistik
Der Anteil von Menschen in Demokratien und Autokratien stieg in den 1940er Jahren an. Das lag vor allem an weniger Menschen in Kolonien und Anokratien. Die großen Sprünge werden durch Indien und China verursacht. Eigene Grafik auf Basis von Daten aus ourworldindata.org

Außerdem haben Indien und China einen großen Einfluss auf die Daten. 1911 wurde China vom Kaiserreich zur Republik und damit von einer Autokratie zur Anokratie. 1912 war das Land sogar für ein Jahr eine offene Anokratie und damit so nah an der Demokratie wie nie mehr. Der Anteil von Menschen in Autokratien brach damit von über 30 Prozent auf unter zehn Prozent ein. China wurde zwar 1913 wieder zur geschlossenen Anokratie, aber noch nicht wieder zur Autokratie. Anfang der 1920er Jahre lag der Anteil von Menschen in autokratischen Regimen so niedrig wie nie mehr, allerdings sind dabei nicht die autokratischen Kolonialregime berücksichtigt. Als der Anteil der Autokratien 1922 und 1923 seinen Tiefpunkt hatte, lebte rund ein Drittel der Menschen in Kolonien.

Dass aktuell deutlich mehr Menschen, nämlich rund 25 Prozent, in Autokratien leben, hängt auch damit zusammen, dass China 1948 wieder zur Autokratie wurde, man sieht das in der Grafik deutlich.

Auch bei den Menschen in Demokratien gibt es so einen Sprung, allerdings nur einmal. 1947 wurde Indien unabhängig und zur Demokratie. Damit verdoppelte sich die Zahl der Menschen in demokratischen Staaten.

Die aktuelle Entwicklung

Ist also der Zuwachs der Menschen in Demokratien eine Folge der Entkolonialisierung? Ja, zum Teil. Aber nicht nur. Ein großer Teil der Demokratisierung der Welt fand ab Mitte der 1980er Jahr statt. Sichtbarer wird die Entwicklung, wenn man die Kolonien außen vor lässt und nur die Menschen in den Staaten betrachtet, die als Autokratie, Demokratie oder Anokratie bewertet werden.

 

Menschen in Demokratien in Relation zu Menschen in Autokratien oder Anokratien. Im Jahr 2015 leben 1,4 Mal so viele Menschen in Demokratien wie in Autokratien und Anokratien zusammen. Eigene Grafik nach Daten von ourworldindata.org

Dann sehen wir von 1900 bis 1945 zunächst wenig Veränderung. Anfang der 1920er steigt der Anteil, dann sinkt er noch unter den Wert von 1900. 1940 leben fünfmal so viele Menschen in Anokratien oder Autokratien wie in Demokratien. Auf jeden Bewohner eine Ano- oder Autokratie kommen nur 0,2 Demokratiebewohner.

Die meisten leben damals in geschlossenen Autokratien, was allerdings vor allem an China liegt. Aber auch in Autokratien gab es deutlich mehr Menschen als in Demokratien, wobei letztere damals vor allem in den USA wohnten. Von den damals rund 2,3 Milliarden Menschen auf der Erde lebten rund 215 Millionen in Demokratien, davon mehr als die Hälfte in den Vereinigten Staaten von Amerika (132 Millionen – seitdem ist die Bevölkerung der USA auf über 300 Millionen gestiegen).

Wie erwähnt gibt es einen weiteren Anstieg ab Mitte der 1980er. Seit 2000 stagniert der Anteil und ist zeitweise sogar gesunken. Das liegt nicht nur an Ländern wie der Türkei oder der Ukraine, die von Polity IV nicht mehr als Demokratien eingestuft werden, sondern auch am höheren Bevölkerungszuwachs in nicht demokratischen Ländern.

Wie aussagekräftig sind die Daten

Zeigen diese Daten eine reale Entwicklung? Ich meine ja. Natürlich kann man streiten, ob die USA wirklich die Einstufung als „full democracy“ verdienen, wenn dort mehrfach Präsidenten gewählt wurden, die nicht die Mehrheit der Stimmen hatten. Das allerdings geht in die Untersuchung nicht ein. Aber insgesamt zeichnen sie ein sehr gutes Bild.

Man kann ebenfalls beklagen, dass auch in vollen Demokratien manche gleicher sind als andere. Nicht nur Reiche haben mehr Einflussmöglichkeiten, auch bestimmte Berufsgruppen wie Journalisten, Professoren oder Künstler haben größeren Einfluss als, sagen wir Sozialversicherungsfachangestellte und Schneidewerkzeugmechanikermeisterinnen. Aber das ist nichts im Vergleich zu jenen Einschränkungen, denen die demokratischen Rechte in Autokratien und auch Anokratien unterliegen.

Kinderkriminalität steigt rasant!

Der Statistiker-Blog hat monatlich rund 3.000 Leser, von denen einige nur einmal und andere öfter vorbei schauen. Das ist für einen Nischenblog keine schlechte Zahl, trotzdem möchte ich die allgemeine Angst für eine weitere Steigerung meiner Reichweite nutzen. Und hier ist der Skandal – bitte gleich an BILD, Spiegel Online, Focus Online, etc. weitergeben und in sämtlichen sozialen Netzwerken posten:

Zahl der kriminellen Kinder steigt rasant: 701 Prozent mehr Tatverdächtige unter sechs Jahre als 1987!!

Tja, liebe Leser. So schlimm steht’s. Unsere Kinder sind nicht mehr erzogen, deshalb klauen sie, schließen sich Terrororganisationen an, verprügeln ihre Mitschüler und stehen im Bus nicht auf, wenn junggebliebene 60-Jährige vom Yoga kommen.

Wahr ist, dass die Zahl der tatverdächtigen Jungen unter 6 Jahren von 1987 bis 2015 um 701 Prozent von 705 auf 5.647 anstieg. Bei den Mädchen ist die Entwicklung ähnlich. Gut, 1991 kamen die Ost-Berliner dazu, 1993 dann Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Aber selbst die Berliner Gören und Bengel können den Anstieg nicht erklären. Zumal es im Jahr 2009 nur 665 Tatverdächtige unter sechs Jahren gab, obwohl der Osten da auch schon mit dabei war. Was ist also los? Abgesehen natürlich vom allgemeinen Verfall der Sitten und besonders der Sitten der Jugend.

Schon Platon hat das beschrieben. Er erklärte sogar die Entstehung der Arten aus dieser Degeneration. Die Götter hatten die Männer nahezu perfekt geschaffen, aber wie ein immer wieder kopiertes Bild verschlechterte sich die Qualität von Generation aus Generation, aus den Feiglingen und Bösewichtern entstanden die Frauen, aus den leichtlebigen Menschen die Vögel, aus jenen, die sich nicht für Philosophie interessierten die Landtiere und aus den dümmsten Idioten die Fische. (Wobei ich Platon nicht selbst gelesen habe, sondern mein Wissen nur aus „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper beziehe.)

Statistiker-Blog enthüllt: Die Straftaten der Kinder!!!!

Aber was tun diese tatverdächtigen Kinder eigentlich? Stehlen? Morden? Vergewaltigen? Tatsächlich gab es vor einigen Jahren einen Tatverdächtigen unter sechs Jahren mit Tatverdacht Vergewaltigung, das war aber seit 1987 der einzige. Vielmehr gibt es vor allem zwei Straftatbestände, bei denen die Zahl der unter 6-jährigen Tatverdächtigen geradezu explodiert ist. Das ist die unerlaubte Einreise gemäß § 95 Abs. 1 Nr. 3 und Abs. 2 Nr.1a Aufenthaltsgesetz und der unerlaubte Aufenthalt gemäß § 95 Abs. 1 Nr. 1, 2 und Abs. 2 Nr. 1b Aufenthaltsgesetz. Über 5.000 Tatverdächtige entfallen auf diese beiden Kategorien. Nicht kriminelle Kinder sind also der Grund für den Anstieg, sondern mehr strafrechtlich verfolgte illegale Einreisen beziehungsweise Aufenthalte.

Zugegeben, das ist natürlich eine ziemlich langweilige Erkenntnis. Aber das ist eben ganz großer Journalismus: Erst am Ende erfolgt die Auflösung – und dann natürlich auch ganz kurz. Tatsächlich gab es bei den meisten anderen Straftatbeständen keine derartige Entwicklung. Die Zahl der Rohheitsdelikte (genauer Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit) beispielsweise liegt sogar leicht niedriger als 1993, allerdings auch bei etwas weniger unter 6-Jährigen.

Rohheitsdelikte unter 6-jähriger Jungen

Im Zweifelsfall können wir dieses enttäuschende Ergebnis aber auf die Dunkelziffer schieben. Ja, liebe Leser, so weit ist es schon, dass die Zahl der Tatverdächtigen unter 6 Jahren im Bereich Rohheitsdelikte fällt, weil sich alle schon daran gewöhnt haben. Belegen können wir das naturgemäß nicht, sonst wäre’s ja keine Dunkelziffer. Aber soll uns mal jemand das Gegenteil beweisen. Das ist das Tolle an der Kriminalstatistik, es lässt sich jede Aussage mit dem Hinweis abschmettern, die Dunkelziffer sei eben gestiegen oder gefallen.

Aber immerhin, nach langem Suchen haben wir doch noch einen Skandal entdeckt. Denn insgesamt ist die Zahl der Tatverdächtigen in der Kategorie Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit gestiegen. Und das in einigen Teilgruppen auf mehr als das Vierfache!!! Genauer gesagt ein Plus von 321 Prozent. Gegenüber 1993, dem ersten Jahr mit gesamtdeutschen Daten, gibt es immer noch eine Zunahme der Tatverdächtigen um 237 Prozent!!! Das sind +5,7 Prozent pro Jahr.

Wir könnten uns sogar dumm stellen und von eine Plus von 10,8 Prozent pro Jahr schreiben, denn 237 (Prozent) geteilt durch 22 (Jahre) ist ja 10,8. Aber für die Berechnung des durchschnittlichen Zuwachses brauchen wir nun leider das geometrische Mittel, also die 22-te Wurzel aus 3,37 (weil ein Anstieg um 237 Prozent bedeutet, dass unser neuer Wert 3,37 Mal so hoch ist wie der Ausgangswert). Und wir wollen ja mit der Wahrheit lügen und nicht durch Unkenntnis statistischer Verfahren glänzen.

Aber wo hat dieser erschreckende Sitten- und Moralverfall stattgefunden? Leider bei den Frauen ab 60. Ich sage leider, weil die Gruppe nicht besonders skandaltauglich ist. Zum Einen ist die Zahl der Tatverdächtigen mit 7.500 insgesamt immer noch deutlich geringer als etwa bei den 18 bis 21 jährigen männlichen Heranwachsenden, die es auf 42.000 Tatverdächtige schaffen. Wobei sich gute Skandal-Journalisten von den Absolutzahlen natürlich nicht beirren lassen. Man kann sie ja einfach weglassen. So wie Ärzte das tun, die über ihre geringen Gehaltszuwächse jammern ohne ihren absoluten Verdienst zu nennen.

In Rhens gibt es sogar einen Rentnersteg. Foto: Onnola (cc)
Hört sich harmlos an, aber was wenn wir genau auf eine jener 7.500 Frauen über 60 treffen, die wegen eines Rohheitsdelikts angeklagt sind. Foto: Onnola (cc)

Außerdem kann man solche Zahlen extrapolieren. Man suche sich einfach zunächst das Jahr, seitdem es den höchsten Zuwachs gab. Das ist zufällig genau unser Jahr 1993. Dann unterstellen wir diesen Zuwachs für jedes Jahr – und Zack, bereits im Jahr 2048 wird es mehr weibliche Tatverdächtige über 60 in diesem Bereich geben als heute Heranwachsende. Und da unterstellen wir nur einen weiter gleichbleibenden Anstieg von 5,7 Prozent pro Jahr. Dabei weiß doch jeder, dass alles immer schlimmer wird, der Anstieg als weiter steigen muss.

Einwenden kann man auch, dass die Zahl der Frauen über 60 ebenfalls gestiegen ist, aber das ist noch nicht der größte Hacken. Diese Information kann am einfach weglassen. Doch es ist schwerer sich eine Horde fieser männlicher Jugendlicher vorzustellen als einen Haufen gemeiner Frauen über 60. Unfreundliche Jugendliche sind verzogene Fratzen, pöbelnde Omas „resolute ältere Damen“.  Und ohnehin, die Senioren-Lobby. Die würde sich schnell auf die verantwortlichen Redakteure einschießen. Auch die überwiegend älteren Abonnenten wollen lieber etwas über den Verfall der Moral in der Jugend als über rohe Rentnerinnen lesen. Oder hat man schon mal eine Gruppe älterer Menschen dabei beobachtet wie sie in einem Wellness-Hotel klagen: „Also wirklich, zu meiner Kindheit hätten sich die Senioren so etwas nicht leisten können. Die waren noch froh, wenn sie genug zu essen hatten – und trotzdem glücklich“.

Ein schweres Dilemma. Hier mein ultimativer Lösungsansatz für einen ordentlichen Skandalartikel:

Zahl der kriminellen Kinder steigt rasant: 701 Prozent mehr Tatverdächtige unter sechs als 1987!! Rohheitsdelikte steigen um bis zu 237 Prozent!!!

Zahl der tatverdächtigen Jungen unter 6 Jahren stieg 1987 bis 2015 um 701 Prozent auf 5.647 an!!!! Rohheitsdelikte stiegen seit 1993 um bis zu 237 Prozent.

Alle übrigen Infos werden weggelassen. Dann überfordert das von der Länge auch niemanden. Das war’s bis nach Weihnachten, deshalb allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes und hoffentlich friedliches Weihnachtsfest.