Corona und die Kurzarbeit

Es ist schwer, aktuell über etwas andere zu schreiben als Corona. Eigentlich hatte ich mir das Thema Ausbildungsmarkt vorgenommen, aber da ist Pandemie-bedingt aktuell nicht viel los. Wirklich beeindruckend fand ich aber eine Grafik, die ich in einer Publikation der Bundesagentur für Arbeit gefunden habe, nämlich über die Zahl der Kurzarbeiter, genauer gesagt die Personen in Anzeigen zur Kurzarbeit.

Sie zeigt, dass die aktuelle Zahl der Anzeigen für Kurzarbeiter alles bisher dagewesene übersteigt. Aber da stellt sich für den Statistiker die Frage, was das wirklich bedeutet. Hilft uns ein Blick in die Daten der Vergangenheit zumindest grob einschätzen zu können, wie viele Menschen aus den Anzeigen wirklich kurzarbeiten werden? Leider nein, warum das nicht geht, erkläre ich heute.

Angezeigte Kurzarbeit

Daten zum tatsächlich in Anspruch genommenen Kurzarbeitergeld liegen noch nicht vor. Die endgültigen Daten haben eine Wartezeit von einem halben Jahr, weil sie sich solange noch ändern können.  Auch eine Hochrechnung ist nicht möglich, denn es fehlen die Erfahrungswerte für eine solche Situation, auf deren Basis man eine solche Schätzung vornehmen könnte. Die jüngste Hochrechnung stammt vom Februar, also aus der Zeit vor Corona.

Bleiben die Anzeigen. Bevor man Kurzarbeitergeld beantragt, muss man Kurzarbeit anzeigen und auch die Zahl der betroffenen Mitarbeiter angeben. Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht daher die Zahl der Anzeigen, was etwa der Zahl der Betriebe entspricht. Außerdem die der in den Anzeigen enthaltenen Mitarbeiter.

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Anzeigen Kurzarbeit Grafik langfristig

Anzeigen von Kurzarbeit aus konjunkturellen Gründen. Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Die Anzeigen werden oft als Obergrenze interpretiert, denn ein Unternehmen kann Kurzarbeit anzeigen und dann doch kein Kurzarbeitergeld beantragen. Allerdings ist diese in vielen Zeitungen zitierte Formel etwas missverständlich. Denn die Zahl der Kurzarbeiter kann durchaus höher liegen als die der Anzeigen. Der Grund dafür ist einfach: anzeigen muss man die Kurzarbeit nur einmal, man kann aber bis zu zwölf Monate Kurzarbeitergeld beziehen, aktuell sogar länger.

Auch diese Zahl sieht aber schon beeindruckend aus. Rund 7,5 Millionen Beschäftigte wurden im April in den Anzeigen für Kurzarbeit gemeldet, gegen diese Zahl verblasst selbst die Finanzkrise vor etwas mehr als zehn Jahren.

Leider reichen die einzelnen Zeitreihen der Bundesagentur für Arbeit immer nur einige Jahre zurück, ich habe daher die Daten aus fünf Berichten zusammengeführt, um die obige Grafik zu erstellen und bis ins Jahr 2003 zurückzublicken. Ich hoffe, ich bin dabei nicht mal in die falsche Spalte gekommen. Leider hat sich auch die Anspruchsgrundlage in der Zwischenzeit etwas geändert, neben der Konjunktur kann auch das die Zahlen beeinflusst haben.

Die Recherche war auch ein interessanter Blick zurück, denn in den ältesten Berichten gibt es noch Arbeitsämter und auch die Aufmachung in Excel war noch deutlich weniger professionell als heute. Selbst die üblichen methodischen Hinweise fehlen in den ältesten Berichten.

Wir betrachten nur konjunkturell bedingtes Kurzarbeitergeld

Kurzarbeitergeld in unserem Sinn ist nur das aus konjunkturellen Gründen. Ich habe auch nur das verwendet. Es gibt daneben noch das Saison-Kurzarbeitergeld, das in Außenberufen wie bei Bauarbeitern gezahlt wird, wenn vor allem im Winter nicht gearbeitet werden kann. Es wird daher auch Schlechtwettergeld genannt. Daneben gibt es das Transfer-Kurzarbeitergeld, das eher eine Art Arbeitslosengeld ist. Unternehmen können bei Personalabbau eine Transfergesellschaft einrichten, statt die Mitarbeiter direkt zu entlassen. Sie werden dort weitergebildet und vermittelt. Statt Arbeitslosengeld erhalten sie dann Transfer-Kurzarbeitergeld. Das eine hat aber nichts mit Corona zu tun, das andere ist nicht wirklich Kurzarbeit, sondern eher Arbeitslosigkeit.

Betroffene Branchen

Im Januar 2020 waren rund 33,6 Millionen Menschen in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Nur sie können Kurzarbeitergeld erhalten, Selbstständige und Minijobber nicht. Das bedeutet, fast ein Viertel war in Kurzarbeit.

Besonders betroffen sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit das Gastgewerbe (91,6 Prozent), die Metall-, Elektro- und Stahlindustrie (43,8 Prozent) und die sonstigen Dienstleistungen, zu denen auch in Privathaushalten beschäftigte Menschen zählen (42,7 Prozent). Übrigens ist auch im Gesundheitswesen Kurzarbeit verbreitet, immerhin 20,8 Prozent der Beschäftigten arbeiten dort kurz.

Anzeigen und tatsächliche Kurzarbeit

Trotz der oben beschrieben Unwägbarkeiten habe ich mal angeschaut, wie die Zahl der realisierten Kurzarbeit mit der den Anzeigen zusammenhängt. Die Bundesagentur für Arbeit hält dazu eine schöne Übersicht bereit, die sogar bis ins Jahr 1992 zurück reicht (allerdings nur mit Jahresdaten).

Sehr schnell zeigt sich aber, dass die Betrachtung zu nichts führt. Weil, wie erwähnt, Kurzarbeitergeld mehrere Monate oder nur sehr kurz bezogen werden kann, kann die Zahl der realisierten Kurzarbeit sowohl höher als auch niedriger liegen als die Anzeigen. Meist liegt sie höher, weil zwar nicht alle anzeigenden Betriebe Kurzarbeit nutzen, dafür aber viele Menschen mehrere Monate lang Geld beziehen. Die Zahl der Kurzarbeiter im April enthält also nicht nur die im April angezeigten Personen, sondern auch solche vom März, Februar und so weiter bis in den Mai des Vorjahres zurück, sofern die Kurzarbeit nicht vorher beendet wurde.

Am Beginn einer Krise ist die Zahl der Anzeigen höher als die der Kurzarbeiter, weil viele Anzeigen kommen. Im Verlauf der Krise ist dann die Zahl der realisierten Kurzarbeit höher, weil weniger neue Meldungen kommen – gemeldet werden muss ja nur einmal. Die aktuellen Kurzarbeiter bleiben aber in Kurzarbeit.

Mit anderen Worten: Leider ist tatsächlich nicht einmal eine grobe Prognose möglich, wie viele Menschen im April Kurzarbeitergeld beziehen. Aber es werden sicher mehr sein als jemals zuvor.

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