Darum steigt die Lebenserwartung kaum noch

Ich will heute kurz auf eine Behauptung eingehen, die ich vor Kurzem gelesen haben. Dort heißt es, die modernen Zivilisation habe ihren Zenit überschritten. Nicht nur wegen Corona, das einige Weltverschwörer jetzt mit der Gentechnik in Verbindung bringen wollen, andere mit Homosexualität. Nein, denn wegen Übergewicht, Fast Food und Verweichlichung steige die Lebenserwartung kaum noch. Stimmt das, dass die langsamer steigende Lebenserwartung ein Zeichen der Dekadenz ist?

Tatsächlich ist es richtig, dass die Lebenserwartung immer langsamer steigt. Allerdings ist die Entwicklung seit 1950 nicht so eindeutig, wie man denken könnte. Zwar lag der Zuwachs von 1950 bis 1960 noch bei 2,3 Jahren bei Männern und 3,9 bei Frauen, so wird er vermutlich von 2010 bis 2020 noch bei 1,9 Jahren für Männer und 1,4 für Frauen liegen.

Lebenserwartung

Anstieg der Lebenserwartung in Jahren pro Jahrzehnt. Gemittelter Wert des Zuwachses von Männern und Frauen. 1 ist die Differenz zwischen 1950 und 1960, 2 von 1960 bis 1970 und so weiter. Werte für 2020 sind Schätzungen. Die dünne Linie ist eine Trendgerade. Quelle: Statistisches Bundesamt

Allerdings ist die Entwicklung nicht so eindeutig, wie es scheint. Von 1960 bis 1970 lag der Zuwachs nur bei 0,3 Jahren bei Männern und 1,0 Jahre für Frauen. Auch in den 80er-Jahren war der Zuwachs höher als in den 70ern und in den 00er-Jahren höher als in den 90ern. Aber im Trend gibt es doch einen Rückgang.

Der wäre noch stärker, wenn man weiter zurückgehen würde. Das hat aber nichts mit Corona oder moralischem Niedergang zu tun. Der geringe Zuwachs in den 60ern könnte tatsächlich mit dem damals aufgekommenen Laster des Rauchens und dem Automobilverkehr zusammenhängen, aber das ist nur Spekulation.

Kindersterblichkeit sinkt

Der eigentliche Grund für den langsameren Zuwachs ist aber ein ganz anderer, vor allem wenn man noch weiter zurückgeht. Noch vor rund 150 Jahren waren in Europa die meisten Todesfälle Kinder. Rund ein Drittel der Kinder erreichte das erste Lebensjahr nicht, insgesamt die Hälfte das fünfte.

Der starke Rückgang der Kindersterblichkeit ließ die Lebenserwartung massiv steigen. Übrigens auch die der Frauen, den auch die Müttersterblichkeit sank. Die Lebenserwartung von Männern und Frauen war damals noch ungefähr gleich, trotz mieser Arbeitsbedingungen in Industrie und Bergbau (von denen Frauen allerdings auch teilweise betroffen waren, denn auch die arbeiteten in der Industrie).

Heute ist der typische Todesfall ein Senior, nicht nur bei Corona. Da hat jeder vermiedene Todesfall nur noch einen geringeren Anstieg der Lebenserwartung zur Folge.

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