Die am lebensunwertesten Städte der Welt

Ständig liest man irgendwo ein Ranking über die lebenswertesten Städte der Welt. Nun mag man methodisch zu diesen Reihungen stehen wie man will, allein schon die große Zahl solcher Bewertungen ist für mich ein Grund nicht darüber zu schreiben, sondern über die am wenigsten lebenswertesten Städte der Welt.

Dabei beziehe ich mich auf das Ranking des Beratungsunternehmens Mercer, das zu den bekanntesten weltweit gehört. Auf Platz ein steht dort Wien, vor Zürich, Vancouver und München.

Auch sonst finden sich ganz vorne nur Städte, die in Europa liegen oder in Kanada, Australien und Neuseeland. Selbst Orte aus den USA findet man nicht vorne auf der Liste, beste USA Städte sind auf Platz 34 und 36 San Francisco und Boston, also zwei der europäischsten Städte der USA. Dafür liegen gleich drei deutsche Städte in den Top 10, neben München noch Düsseldorf (Platz 6) und Frankfurt/Main (Platz 7). Böse gesagt könnte man feststellen, das Ranking misst vor allem, wie europäisch eine Stadt ist. So viel als Kritik vorneweg.

Bestplatzierte Stadt, die nicht in Europa, Australien, Neuseeland oder Kanada liegt: Singapur auf Platz 25, zwei Plätze hinter Nürnberg, aber noch zwei vor Stuttgart. Foto: Pixabay

Aber nachdem die meisten Leserinnen und Leser ja Europäer sein dürften und vermutlich eine Stadt wie Wien einer wie Los Angeles (Platz 66) vorziehen, ist das Ranking vielleicht kein so schlechtes Kriterium für uns.

Wer aber sind nun die Flop 10? Wenig erstaunlich liegen die meisten Länder in politisch instabilen Regionen, etwa in Syrien, dem Irak oder der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire, ganz früher Belgisch-Kongo, in Abgrenzung zur Republik Kongo, die früher französische Kolonie war).

Rang StadtNationEinwohner-
zahl
222ConakryRepublik Guinea1,7
223KinshasaDemokratische Republik Kongo (ehemals Zaire)11,6
224BrazzavilleRepublik Kongo1,8
225DamaskusSyrien2,8
226N’Djamenam Tschad1,1
227KhartumSudan8,4
228Port au
Prince
Haiti1,3
229Sana’aJemen2,6
230BanguiZentralafrikanische Republik0,8
231BagdadIrak5,4

Nach Meinung von Mercer am wenigsten lebenswerte Stadt ist Bagdad, was man angesichts der Sicherheitslage dort auch verstehen kann. Man muss erwähnen, dass Mogadischu (rund 2,0 Millionen Einwohner) in Somalia erst gar nicht auf die Liste aufgenommen wurde, sonst hätte diese Stadt vermutlich die rote Laterne.

Ein paar der Städte stelle ich mir rein landschaftlich sehr attraktiv vor. Beispielsweise Port au Prince in Haiti, das an einer Bucht liegt. Allerdings war ich nie da und auch dort scheint die Sicherheitslage und das Fehlen fast jeder Infrastruktur das Hauptproblem zu sein. Auch Brazzaville und Kinshasa stelle ich mir landschaftlich reizvoll vor. Beide liegen an einer Stelle, an der sich der Kongo (hier ist der Fluss gemeint) zu einem kleinen See aufstaut, dem Pool Malebo.

Brazzaville gehört zur Republik Kongo, Kinshasa liegt auf der anderen Seite des Flusses und gehört zur Demokratischen Republik Kongo. Allerdings ist die schlechte Platzierung von Kinshasa nicht sehr überraschend, der Kongo ist traditionell schlecht regiert. Das begann mit den Belgiern, die eine Schreckensherrschaft errichteten, die selbst im Vergleich zu anderen Kolonialverbrechen herausragt. Beschrieben wurde das unter anderem in Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“, der eine Grundlage für den Kriegsfilm „Apocalypse Now“ war.

Blick auf Port au Prince in Haiti. Bild von David Mark auf Pixabay

Kinshasa wächst auch ziemlich schnell. Schon jetzt hat die Stadt 11,6 Millionen Einwohner. Diese Zahl bezieht sich auf die Verwaltungsregion, zu der (ähnlich wie bei chinesischen Städten) auch zahlreiche ländliche Regionen gehören. Sie ist immerhin fast 10.000 Quadratkilometer groß, als mehr als zehnmal so groß wie Berlin, fast viermal so groß wie das Saarland und mehr als halb so groß wie Sachsen. 80 Prozent der Fläche sind dünn besiedelt. Die meisten der fast zwölf Millionen Menschen wohnen aber tatsächlich in der Stadt. Vor allem aber liegt auf der anderen Seite des Flusses die Millionenstadt Brazzaville, so dass es nicht untertrieben ist, wenn man von einem gigantischen Ballungsraum spricht. Einige Schätzungen gehen davon aus, dass Kinshasa bis 2075 nicht nur Kairo und Lagos überholen und größte Stadt Afrikas werden, sondern sogar die größte Stadt der Welt sein wird. Aber solche Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen, zumal Kinshasa dann bis 2100 angeblich wieder von Lagos überholt wird.

Eine U-Bahn oder ähnliches gibt es laut Wikipedia nicht, der Verkehrsstau dürfte gigantisch sein, obwohl viele Menschen gar kein eigenes Auto besitzen und mit Sammeltaxis unterwegs sind. Kein Wunder also, dass die Stadt so weit hinten liegt. Erstaunlich aber, dass Brazzaville noch einen Platz weiter hinten kommt, immerhin ist die Republik Kongo deutlich stabiler als der südlich und östlich gelegene Nachbarstaat.

Aber wie kommt Mercer überhaupt zu seinem Urteil? Nach Angaben des Beratungsunternehmens gibt es 39 Faktoren, die sich in zehn Kategorien ordnen lassen, nämlich

  1. Konsumgüter
  2. Wirtschaftliches Umfeld
  3. Wohnen
  4. Medizinische und gesundheitliche Erwägungen
  5. Natürliche Umwelt
  6. Politisches und soziales Umfeld
  7. Öffentliche Dienstleistungen und Verkehr
  8. Erholung
  9. Schulen und Bildung
  10. Soziokulturelles Umfeld

Welche Kategorien das sind, wird auf der Website nicht verraten, aber beispielsweise wird die Kriminalität untersucht oder die Wohnpreise. Wohnen in armen Ländern ist übrigens keineswegs preiswert, wenn man westlichen Wohnkomfort zur Grundlage nimmt.

Beispielsweise gilt das angolanische Luanda als eine der teuersten Städte der Welt. Die arme Bevölkerung wohnt in Hütten, oft illegal und ist von Kriminalität bedroht. Wer eine Wohnung mit westlichem Standard will, muss in Luanda mehr bezahlen als in München, zumal ohne Sicherheitsdienst nichts geht. Laut Wikipedia werden selbst die armen Hüttenbewohner erpresst, sie müssen Schutzgelder bezahlen, um nicht überfallen zu werden. Diese wehren sich mit Bürgerwehren, die Kriminellen schon mal in Autoreifen stecken und dann anzünden. Eine Methode, die dem französischen Philosophen Michel Foucault gefallen hätte,1 europäische Gastarbeiter (neudeutsch: Expats) aber vermutlich eher abschreckt.

Blick auf Luanda (oder zumindest einen sehr kleinen Teil davon). Foto: Bruno Madeira auf Pixabay

Dagegen kommt auch die landschaftliche Attraktivität nicht an. Aber natürlich ist das Wohlfühlen in einer Stadt auch ziemlich subjektiv. Wer eine der Flop 10 besichtigt oder gar mal länger bewohnt hat, mag gerne berichten.

Footnotes

  1. vgl. Hermann, Arthur: Propheten des Niedergangs – Der Endzeitmythos im westlichen Denken, Berlin 1998, Seiten 347 ff
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