Krebs, Asse und mal was Nettes

Vor kurzem bestätigte mir ein Journalist der Wochenzeitung „Die Zeit„, der Statistiker-Blog sei „sehr schön, sehr medienkritisch und informativ!“ Wenn ein Redakteur einem bescheinigt, medienkritisch zu sein, weiß man nie so genau, ob das jetzt ein Kompliment sein soll. Diesmal aber werde ich nicht medienkritisch sein. Ich werde mal etwas Nettes über einen Zeitungsartikel sagen.

Es geht um Asse, genauer gesagt um die Schachtanlage Asse. Die Asse ist nämlich zunächst einmal ein Höhenzug in Niedersachsen. Dort wurde ab 1899 Carnallit abgebaut, ein Kalisalz das man vor allem für die Herstellung von Kunstdünger benötigt. Nachdem Asse I 1906 aufgegeben werden musste, wurde im gleichen Jahr die Förderung an anderer Stelle in Asse II fortgesetzt. 1916 kam noch die Steinsalzförderung dazu und ab 1965 wurden radioaktive Abfälle eingelagert. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.

Anders als Gorleben war Asse eigentlich kein Zwischen- oder Endlager, sondern eigentlich nur eine Versuchsstätte. Ab 1971 wurde es aber faktisch als Endlager genutzt. Leider ist Asse II dafür eigentlich gar nicht geeignet. Zahlreiche Schächte liegen dicht neben- und übereinander. Es entstanden Klüfte und Wasser drang in den Schacht ein. Nun wurde in der Gegend eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Krebsfällen registriert. Von 2002 bis 2009 erkrankten in der Samtgemeinde Asse 217 Männer und 180 Frauen an Krebs. Zu erwarten gewesen wären 205 Fälle bei Männern und 177 Fällen bei Frauen.

Auf den ersten Blick ein eindeutiges Ergebnis. Doch von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie heißt es: „Das kann auch statistisches Rauschen sein“. Warum?

Das liegt zum Einen daran, dass der Unterschied bei den Krebsfällen statistisch gesehen ziemlich gering ist. Leider hält sich die Wahrscheinlichkeit nicht immer an die Prognosen. Von zehn Münzwürfen müssten bei einem deutschen Ein-Euro-Stück fünf Adler und fünf Zahl sein. Es ist aber nicht so unwahrscheinlich, dass sechsmal Adler und nur viermal Zahl fällt. Statistisch ist der Unterschied zwischen den erwarteten und den tatächlichen Krebsfällen sehr gering.

Deutlicher ist er bei der Leukämie. Statt 5,2 erkrankten zwölf Männer an Blutkrebs, statt 3,3 Frauen sechs. Das würde ins Bild einer jüngst entstandenen Strahlenbelastung passen. Denn in den ersten Jahren treten gehäuft Leukämiefälle auf.

Die Häufung ist ein Indiz für eine atomare Verstrahlung, aber noch kein Beweis. Denn die Abweichung ist zwar deutlich, aber leider müssten eine Reihe weiterer Faktoren berücksichtigt werden. Wohnen in Asse besonders viele alte Menschen? Gibt es dort andere belastende Faktoren? Hinzu kommt, dass die Fallzahl relativ gering ist. Da hat man schnell mal eine prozentual deutliche Abweichung. Stellen wir uns beispielsweise vor, dass in 100 Fällen ein Ereignis nur einmal eintritt. Dass es zufällig zweimal oder öfter auftritt ist nicht so selten. Denken wir dagegen an eine Situation, in der ein Ereignis in 100 Fällen durchschnittlich 50 Mal mal passiert. Dass dieses Ereignis in einem Gebiet zufällig doppelt so oft vorkommt, ist  eher unwahrscheinlich.

Wäre auch nach Berücksichtigung der Alterstruktur und ähnlicher Faktoren ein deutlicher Unterschied messbar, wäre das zwar immer noch kein Beweis, aber doch ein sehr deutlicher Hinweis auf eine Strahlenbelastung. Zumal das Bundesamt für Strahlenschutz die Anlage als nicht tauglich zur Endlagerung einstuft.

Die Süddeutsche Zeitung hat das Problem in ihrem Beitrag „Die Schärfe des Ungenauen“ auch sehr anschaulich dargestellt. So kann ich diesmal auch was Nettes über „die Medien“ sagen.

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