Wie misst man eigentlich Wohlfahrt? – 19.wissenschaftliches Koloquium von Destatis

Wer Wohlfahrt hört, denkt in erster Linie ans Arbeits- oder Sozialamt. Die Ökonomen verstehen darunter allerdings etwas anders, nämlich den Nutzen, den die Menschen aus ihrem Dasein ziehen. Nicht nur Geld, auch Freizeit, Gesundheit und Freude ergeben die ökonomische Wohlfahrt.

Das Statistische Bundesamt hat deshalb sein 19. wissenschaftliches Koloquium dem Thema Wohlfahrtsmessung gewidmet. Erste Erkenntnis: Es geht nicht nur um neue Indikatoren neben den ökonomischen. Sogar die sind nicht unumstritten. Moderator Albert Braakmann stellte in seinem Vortrag „BIP und mehr“ gleich fünf Forderungen vor, wie auch die Messung ökonomischer Faktoren besser werden soll.

1) „Bei der Bewertung des materiellen Wohlstandes ist auf Einkommen und Konsum abzustellen und weniger auf die Produktion.“

2) „Die Sichtweise der privaten Haushalte ist stärker zu betonen.“

3) „Analysen zu Einkommen und Konsum müssen auch die Vermögensentwicklung einbeziehen.“

4) „Die Verteilung von Einkommen, Konsum und Vermögen ist stärker zu beleuchten. “

5) „Erweiterung des Einkommensmaßes durch Einbeziehung von Nichtmarkt-Aktivitäten.“

Der letzte Punkt ist natürlich einigermaßen schwierig. Was ehrenamtlich, vor allem aber in Haushalten geleistet wird ist nur schwer meßbar. Allerdings geht das Statistische Bundesamt davon aus, dass diese unbezahlte die bezahlte Arbeit sogar überwiegt. Fast 1.200 Stunden arbeitete jeder Deutsche im Jahr 2001 ehrenamtlich, im Haushalt oder bei Freunden und Familienangehörigen, also unbezahlt. Nur rund 700 Stunden dagegen verbringt er mir Erwerbsarbeit. Auch dieser Beitrag wurde unbezahlt erstellt (und ist werbefrei zu lesen!). Allerdings ist die unbezahlte Arbeit seit 1991 weit deutlicher zurück gegangen als die Erwerbsarbeit, nicht zuletzt weil die klassische Hausfrauenrolle immer seltener wird.

Soweit nur die ökonomischen Faktoren. Wohlfahrt ist aber noch weit mehr. Die Bundesstatistiker haben sieben weitere Dimensionen von Lebensqualität ausgemacht, nämlich

– Gesundheit,
– Bildung,
– persönliche Aktivitäten, Erwerbstätigkeit,
– politische Partizipation und Rechte,
– sozialer Zusammenhalt,
– Umweltbedingungen,
– Unsicherheit.

Zudem fordern sie, in Zukunft stärker auch die subjektive Zufriedenheit und die Ungleichheit zu beleuchten. Denn in den vergangenen Jahren haben sich objektive Kennzahlen und subjektive Eindrücke oft auseinander entwickelt. Deutschlands Wirtschaft kam zu neuer Stärke, aber die Unzufriedenheit wuchs, nicht zuletzt weil das Land (zumindest von 2000 bis 2006) ungleicher wurde und unsicherer. Die Sozialforscher, die Deutschlands Gesellschaft regelmäßig unter die Lupe nehmen, legen den Hauptaugenmerk deshalb auch vor allem auf die subjektive Einschätzung der Bürger.

Die Bundesstatistiker wollen sogar eine Kennzahl für Lebensqualität entwickeln. Das ist natürlich ambitioniert. Und man kann sich schon jetzt vorstellen, wie die Regierungen jede Verschlechterung, Opposition und Gewerkschaften jede Verbesserung damit erklären werden, dass die Bundesstatistiker nur das falsche messen. Viel Spaß, Destatis!

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