Insektensterben, die zweite

Wie gesehen sind in den vergangenen fast 40 Jahren deutlich weniger Insekten ausgestorben als in den Zeiträumen davor. Das gilt übrigens ganz allgemein für die auf der Roten Liste versammelten Tier- und Pflanzenarten. Leider steht bei einer ziemlich großen Zahl von Tieren nur dabei „Vor 1900“ oder „Vor 1945“. Erst ab etwa 1950 sind die Daten meist mit einer präzisen Jahreszahl versehen. Ich habe sie zum besseren Verständnis nach mal Jahrzehnten ausgewertet.

Rote Liste Statistik

Ausgestorbene Arten nach Zeitpunkt des Aussterbens laut Roter Liste. Quelle: Bundesamt für Naturschutz.

Die meisten ausgestorbenen Tiere und Pflanzen sind demnach zwischen 1901 und 1950 ausgestorben. Allerdings ist dieser Zeitraum auch fünfmal größer als die übrigen, betrachtet man die Zahl der ausgestorbenen Tiere und Pflanzen pro Jahr, dann kommt man für die Jahre von 1951 bis 1960 auf 7,1 Arten, für die fünf Jahrzehnte davor auf 7,0. Bedenkt man aber, dass zwischen 1900 und 1950 vermutlich auch einige Arten ausstarben, die noch gar nicht entdeckt waren und deren Aussterben keiner bemerkte, dann kann man zusammenfassend sagen, dass die ersten sechs Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts besonders viele Tier- und Pflanzenarten dahinrafften. Seitdem geht der Trend zurück, ob er weitergeht oder sich umkehrt verraten die Daten natürlich nicht.

Vor allem Pflanzen ausgestorben

Die meisten ausgestorbenen Arten sind übrigens keine Tiere, sondern Pflanzen. 152 von 760 ausgestorbenen Arten waren Flechten, allerdings folgt mit 125 Tanzfliegenarten tatsächlich eine Insektenfamilie auf Platz 2. 85 fallen in die Kategorie „Farne und Blütenpflanzen“, 41 waren Moose. Säugetiere waren nur elf Arten, zuletzt starb um 1985 der Europäische Ziesel aus, ein Nagetier. 1970 war der große Tümmler aus Deutschland verschwunden, 1962 die Bayerische Kleinwühlmaus und 1958 die Langflügelfledermaus. Die übrigen sieben waren schon 1945 nicht mehr in Deutschland heimisch, etwa der Ostigel und der Europäische Nerz. Der Westigel steht übrigens auch auf der Liste, ist aber nur bedroht. Elch, Wisent und Braunbär waren schon vor 1835 ausgestorben, Auerochse und Wildpferd sogar vor 1500.

Die Sache mit der Masse

Aber zurück zu unseren Insekten. Bekanntlich sind auch dort die meisten schon vor den 1980er Jahren ausgestorben. Wie wir im vergangenen Beitrag gesehen haben ist, anders als vom Bundesamt für Naturschutz suggeriert, seit 1980 sogar nur eine einzige Bienenart verschwunden.

Insektensterben Grafik Statistik

Anzahl der als ausgestorben erfassten Bienenarten nach Zeitabschnitt. Quelle: Rote Liste

Aber nun ist der Blick auf die Zahl der Arten etwas anders als der auf die Zahl der Insekten – oder auf die Biomasse der Insekten, also das Gesamtgewicht aller lebenden Insekten zusammen. Letzteres kann man natürlich nur schätzen – und das scheint gar nicht so einfach zu sein.

Insektenrückgang scheint wenig umstritten, doch der Umfang nicht

Zunächst muss man feststellen, dass die meisten Quellen von einem deutlichen Rückgang der Insektenzahl ausgehen. Wobei festzustellen ist, dass ausgerechnet die Honigbiene auch von diesem Rückgang nicht betroffen ist, ihre Zahl nimmt weltweit weiter zu. Das liegt allerdings nicht an günstigeren Umweltbedingungen, sondern an mehr Imkern.

Bei anderen Insekten ist die Lage weniger gut. Wie hoch dieser Rückgang aber genau ist, scheint weniger klar. Von Zeitungen, Newsportalen und Fernsehsendern wurde gerne eine Arbeit von Caspar A. Hallmann und weiteren Autoren zitiert, nach der die „fliegende Biomasse“ in deutschen Naturschutzgebieten um 76 Prozent zurückgegangen ist.1

Die Studie wurde allerdings vom Statistikprofessor Walter Krämer, dem Berliner Psychologen Gerd Gigerenzer  und dem RWI-Vizepräsidenten Thomas K. Bauer schon im Oktober 2017 zur „Unstatistik des Monats“ gekürt. Kritisiert wird, dass die Hochrechnung auf sehr wenigen Daten beruht und oft auf Annahmen und Hochrechnungen beruht. Beispielsweise wurde nur der Vergleich zwischen zwei Zeitpunkten gezogen und kein langfristiger Verlauf betrachtet. Allerdings behauptet Krämer nicht, dass es kein Insektensterben gäbe. „Es gibt tatsächlich Beispiele, wo mit defekten statistischen Methoden am Ende dennoch richtige Ergebnisse gewonnen worden sind“, erklärt er der Tageszeitung „Welt„. Als Beispiel nennt er die ersten Studien über die Gefährlichkeit des Rauchens.

Bereits zwei Monate zuvor hatte Krämers Mitstreiter Gerd Gigerenzer in der Unstatisik des Monats August geschrieben: „Wir kennen keine verlässliche Zahl für [die Insektenzahl in] Deutschland und man bräuchte mehr Langzeitstudien wie jene in Krefeld.“

Daher schließe ich das Thema nun ab. Wo es keine verlässlichen Daten zu geben scheint, kann auch der Statistiker-Blog nicht helfen. Aber die meisten Beiträge kommen zumindest zu dem Ergebnis, dass es tatsächlich einen deutlichen Rückgang der Insektenzahl gibt, auch wenn umstritten ist, wie stark dieser ist.

Footnotes

  1. Hallmann, C.A. et al: More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas, San Francisco 2017

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