Alles ist relativ

Alles ist bekanntlich relativ. Zeit und Raum und natürlich auch die Selbsteinschätzung in Befragungen. Das zeigt ein Blick in den aktuellen Datenreport des Statistischen Bundesamtes. Alle in diesem Beitrag verwendeten Angaben beziehen sich übrigens nur auf Westdeutschland.

Anteil der Personen, die ihre wirtschafliche Lage als gut beschreiben (blau), die meinen einen gerechten Anteil des Wohlstands zu erhalten (dunkelbrau) und die sich der Unter- oder Arbeiterklasse zugehörig fühlen (hellgrau) sowie Selbsteinschätzung der sozialen Lage auf einer Skale von 0 (sehr weit unten) bis 10 (sehr weit oben). Quelle: Statistisches Bundesamt

Demnach fühlen sich 60 Prozent der Fach- und sogar 68 Prozent der an- und ungelernten Arbeiter der Unter- oder Abeiterschicht zugehörig, aber nur 39 Prozent der einfachen Arbeiter und Beamten. Selbst bei den Meistern und Vorarbeitern sind es mehr, nämlich 42 Prozent (grauer Balken in der Grafik).

Das Beispiel zeigt, wie gefährlich bei Umfragen undurchdachte Begrifflichkeiten sein können. Während die Zuordnung zur Ober-, Mittel- oder Unterschicht vor allem nach dem Einkommen erfolgt, fühlen sich der Arbeiterschicht – wen wundert’s – vor allem Arbeiter zugehörig. Wenn sich im Jahr 2010 in West nur noch 25 Prozent der Arbeiter- oder Unterschicht zugehörig fühlen statt 31 wie noch 1980, ist das kein Zeichen dafür, dass die Menschen heute die Gesellschaft als weniger ungleich erleben. Es deutet nur darauf hin, dass weniger Deutsche sich als Arbeiter bezeichnen. Zumal die Ungleichheit von 2005 bis 2009 weiter gewachsen ist, wenngleich langsamer als in der ersten Hälfte des Jahrzehnts.

Lässt man statt nach der Schichtzugehörigkeit zu fragen die Befragten ihre wirtschaftliche Situation auf einer Skala von null (ganz unten) bis zehn (ganz oben) einordnen, ergibt sich schon ein etwas anderes Bild. Dann ordnen sich Meister und Facharbeiter mit 6,1 und 5,5 über den einfachen Angestellten (5,4) ein. Auch beschreiben Meister und Facharbeiter ihre Lage deutlich öfter als gut und sind zufriedener (nicht in der Grafik).

Trotzdem finden beide Gruppen, dass sie keinen gerechten Anteil am Wohlstand erhalten. 56 Prozent der einfachen Angestellten, aber nur 47 Prozent der Meister und 45 Prozent der Facharbeiter glauben, einen gerechten Anteil zu erhalten. Wie subjektiv auch die Antworten auf scheinbar unverfängliche Fragen wie die Einordnung in Oben und Unten sind, zeigt ein Blick auf die Einkommenspositionen.

Anteil der Personen, die zum ärmsten (hellgrau), zum mittleren (dunkelgrau) oder reichsten (schwarz) Fünftel gehören. Anteil der Personen mit Wohneigentum (rot). Quelle: Statistisches Bundesamt

Beispielsweise gehören 21 Prozent der einfachen Angestellten in Punkto Einkommen zum unteren Fünftel, aber nur sieben Prozent der Facharbeiter. Umgekehrt gehören zum obersten Fünftel 13 Prozent der Facharbeiter, aber nur sieben Prozent der einfachen Angestellten. Verglichen damit fällt der Unterschied in der Selbsteinschätzung der Schichtzugehörigkeit mit 5,5 zu 5,4 vergleichsweise gering aus.

Derartige Selbsteinschätzungen sagen also nur bedingt etwas über die Lage einer Gruppe aus, vor allem wenn Begrifflichkeiten ungünstig gewählt sind wie im Fall der Arbeiterklasse.

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