Terror nimmt deutlich zu

Manchmal fragt man sich, warum Menschen, die ihr Geld mit dem Schreiben verdienen so gedankenlos Phrasen verwenden. Von „beispielloser Gewalt“ ist in vielen Zeitungen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen beim Gipfel in Hamburg oft die Rede. Von Beispiellosigkeit kann aber keine Rede sein, vielmehr sind die Geschichtsbücher voll mit Beispielen für noch weit schlimmere Gewaltexzesse.

Harz 4

Kein Ergebnis des G20-Gipfels in Hamburg, sondern der Abwanderung aus dem Nordharz: Haus in Hasselfelde in Sachsen-Anhalt.

Allerdings nimmt eine Form von Gewalt tatsächlich zu, nämlich der Terrorismus. Das zeigt zumindest die von mir im vergangenen Beitrag vorgestellte Datenbank der University of Maryland.

Demnach waren die in Deutschland vor allem mit dem Terror in Verbindung gebrachten 1970er Jahre weltweit noch relativ friedlich. Allerdings begann das Drama damals, von 1970 bis 1975 stieg die Zahl der Terroropfer um 220 Prozent, in den nächsten fünf Jahren noch einmal um rund 618 Prozent und bis 1984 um weitere 136 Prozent. Damit kamen 1984 rund 61 Mal mehr Menschen durch Terror ums Leben als zu Beginn der Aufzeichnung 1970. Dann stoppte das Wachstum. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Menschen die 1980er Jahre als so friedlich in Erinnerung haben – das starke Wachstum ist beunruhigender als eine höhere, aber sinkende Opferzahl.

Terror nimmt zu

Vor allem in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Terroropfer stark angestiegen.

Auch beim Thema Gewalt allgemein stellen diese Jahre übrigens den Höhepunkt dar. Das variiert von Land zu Land, in den meisten westlichen Staaten endete aber Anfang der 1980er Jahre der Ende der 1960er Jahre begonnene Anstieg der Gewaltverbrechen.

Erst 1997 und dann noch einmal 2007 wurde die Zahl von 10.400 Terrorismustoten des Jahres 1984 überschritten. Von 1984 bis 2011 pendelten die Werte zwischen rund 3.300 Toten im Jahr 2002 und rund 12.900 im Jahr 2007. Seit 2012 liegen sie leider jährlich deutlich über der 10.000er Schwelle.

Das Jahr 2003 ist dabei so etwas wie ein Wendepunkt. Die Jahre zwischen 1998 und 2003 waren nämlich in Bezug auf den Terror die friedlichsten seit den 1980er Jahren. Daran ändert selbst der 11. September nichts, der das Jahr 2001 zwar zu einem Ausreißer macht, es aber nicht über das Niveau von 1983, 1984, 1989 oder 1991 hinaus hebt.

Ab 2004 geht es in der Tendenz bergauf, wenngleich nur 2007 das Niveau von 1984 und 1997 überschritten und mit rund 12.300 Toten gleich ein neuer Höchststand erreicht wird. Seit 2011 aber geht es erschreckend steil nach oben, in den Jahren vier Jahren von 2011 bis 2014 steigt die Zahl der Terrortoten um 664 Prozent, im Schnitt pro Jahr um rund 54 Prozent.

2015 lag die Zahl der Toten zwar rund 12 Prozent niedriger als im Vorjahr, aber mit rund 38.400 Toten ist das immer noch der zweithöchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1970. Für 2016 liegen noch keine Daten vor.

Terrorismus als Bürgerkrieg

Allein 23,0 Prozent aller Todesopfer durch Terror des Jahres 2015 starben im Irak, 16,2 Prozent in Afghanistan. In absoluten Zahlen sind das rund 8.800 beziehungsweise 6.200 Menschen. Damit sehen wir auch schon ein Problem, den fließenden Übergang zwischen Bürgerkrieg und Terror. Den rund 58.000 Toten im Irak seit 2003 stehen genau 81 Menschen gegenüber, die laut der Datenbank von 1970 bis 1975 während des Vietnam-Kriegs in Südvietnam durch Terrorismus ums Leben kamen. Sie starben 1972, als an Bord eines Flugzeuges von Hong Kongs Fluglinie Cathy Pacific ein Sprengsatz explodierte. Und dieses Unglück passierte nur über Südvietnam, der Flug selbst führte von Bangkok nach Hong Kong, verdächtigt wurde ein thailändischer Polizist, dessen Verlobte und dessen Tochter sich an Bord befanden und der Lebensversicherungen auf die beiden abgeschlossen hatte. Womöglich handelte es sich also um ein gewöhnliches Verbrechen und keinen Terrorismus.

Asmara Eritrea

Der Unabhängigkeitskrieg von Eritrea gegen Äthiopien forderte nicht nur zahlreiche Kriegs-. sondern auch viele Hungertote. In der Terrorismus-Datenbank tauchen sie aber nicht auf, ebenso wenig die Opfer des Völkermords in Ruanda. Im Bild eine in der italienischen Kolonialzeit erbaute Tankstelle. Foto: David Stanley

Die übrigen 1,3 bis 4,2 Millionen Todesopfer des Vietnam-Konflikts (so weit gehen die Schätzungen auseinander) tauchen dagegen in der Datenbank nicht auf. Einerseits natürlich, weil der Konflikt schon 1955 begann, die Übersicht aber erst im Jahr 1970. Aber auch in den Jahren von 1970 bis 1975 starben hunderttausende Menschen. Sie gelten aber als Kriegs- und nicht als Terroropfer. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich nur die Kriegsführung seitdem verändert hat oder auch die statistische Erfassung.

Terror nimmt auch ohne Bürgerkriegsländer zu

Eine Zunahme des Terrors gibt es aber auch in anderen Ländern, sie ist also nicht nur auf Krisen- und Kriegsgebiete wie Afghanistan, Syrien, die Ukraine und den Irak zurückzuführen. Auch in Pakistan stieg die Zahl der Terroropfer seit etwa 2005 rapide an, ebenso in Thailand, in Ägypten und vielen anderen Staaten. Rechnet man Syrien, Afghanistan, den Irak und die Ukraine heraus  (zusammen 19.700 Todesopfer durch Terror), bleiben immer noch 18.700 Terroropfer, also deutlich mehr als die rund 10.000 der Jahre 1984 und 1997. Der Terrorismus nimmt also auch außerhalb von „Bürgerkriegsländern“ zu.

Verschiebung der Konfliktherde

Neben dem weltweiten Anstieg beobachten wir aber auch eine Verschiebung der Konfliktherde. Vor allem eine Weltregion steht heute deutlich besser da als noch vor 30 Jahren, nämlich Lateinamerika. Genauer müsste man sagen Mittel- und Südamerika sowie die Karibik, denn Mexiko, wo man ebenfalls Spanisch spricht, wird im Datensatz zu Nordamerika gezählt.

Mehr als 4.100 Menschen starben dort in den Jahren 1980 bis 1989 jährlich durch Terrorismus, insgesamt in zehn Jahren 41.503 Personen. In den vergangenen sechs Jahren, also von 2010 bis 2015, waren es laut Global Terrorism Database nur noch 124 pro Jahr (743 insgesamt).

Terror in Amerika

Tote durch Terrorismus in der Karibik, Mittel- und Südamerika

Deutlich zugenommen hat die Zahl der Toten durch Terrorismus dagegen in Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten. Sprich in Afrika nördlich der Sahara und den asiatischen Ländern von Israel bis zum Irak. Afghanistan dagegen gehört nach der Definition der Datenbank dagegen bereits zu Südasien. In den 1970er Jahren konzentrierte sich der Terrorismus vor allem auf Israel. Viele Anschläge auf Israelis wie die Ermordung des Olympia-Teams von 1972 fanden außerdem in anderen Weltregionen statt. Sie werden deshalb auch dort gezählt. Heute treibt natürlich die Situation im Irak die Zahl der Opfer hoch, aber auch der Terror in Nordafrika.

Nach dem Nahen und Mittleren Osten mit Nordafrika steht Südasien an zweiter Stelle der Regionen mit den meisten Terroropfern. Südasien umfasst nach der Definition der Terror-Datenbank alle Länder, die ganz oder teilweise auf dem indischen Subkontinent liegen sowie Afghanistan. Dort ist die Zahl der Terroropfer natürlich ebenfalls hoch. Nicht nur in Afghanistan ist sie seit 2010 stark angestiegen, auch in Pakistan. Im Falle von Afghanistan gilt natürlich, dass die 1980er und 1990er Jahre auch nicht friedlicher waren. Allerdings wurden die Toten damals nicht als Terroropfer sondern als Kriegstote gezählt.

Terror in Afghanistan und Indien

Tote durch Terrorismus seit 1970 im Nahen und Mittleren Osten mit Nordafrika (braun), dem subsaharischen Afrika (rot) und Südasien (Länder des indischen Subkontinent plus Afghanistan – blau).

Ohnehin ist in dieser Region die Zahl der Toten durch Terrorismus schon seit den 1980er Jahren hoch, der Konflikt zwischen Indien und Pakistan fordert seine Opfer, ebenso die religiösen Streitigkeiten, etwa die Verfolgung von Christen und Hindus in Pakistan oder von Muslimen in Indien.

Terror Weltregion

Anzahl der Terroropfer im Durchschnitt pro Jahr seit 1970 nach Weltregion.

Wobei angemerkt werden muss, dass dort auch besonders viele Menschen wohnen, die Gefahr durch Terrorismus zu sterben also dort nicht zwangsläufig besonders hoch ist. Mehr als 1,7 Milliarden Menschen leben dort, mehr als 20 Prozent der Weltbevölkerung.

Ähnlich viele Menschen leben in Ostasien, alleine 1,3 Milliarden in China. So gesehen ist die Zahl der Terrortoten dort mit 558 seit 2010 vergleichsweise gering. Noch weniger waren es in Australien und Ozeanien, wo in diesem Zeitraum nur sechs Menschen durch Terror starben. Seit 1970 zählt die Statistik in dieser Region 145 Menschen die durch Terrorismus starben, weniger als in Frankreich alleine im Jahr 2015. Der Großteil davon kam in den 1980er und 1990er Jahren in Papua Neuguinea ums Leben. Auch Nordamerika könnte eine terrorarme Region sein, wenn dort das Jahr 2001 nicht gewesen wäre.

Exkurs: 

Die Datenbank würde auch eine Auswertung nach der Nationalität des Zielobjekts erlauben (Variable natlty1_txt). Damit ist nicht die Nationalität des Opfers gemeint, sondern das eigentliche Ziel. Beispielsweise wird für die Ermordung von Faisal Mengal in Pakistan 2011 dort Deutschland als Ziel der Anschlags vermerkt. Das Opfer selbst war zwar Pakistani, arbeitete aber für die deutsche Hans-Seidel-Stiftung.

Wie gut sind die Daten?

Mit der Datenquelle habe ich mich ja schon im vergangenen Beitrag beschäftigt. Manche Ereignisse sind fehlerhaft zugeordnet, beispielsweise der falschen Region. Bei anderen ist umstritten, ob es sich wirklich um Terrorismus handelt. Beispielsweise bei einer Busentführung in Köln im Jahr 1995. Sie wird von der Datenbank als Terrorereignis klassifiziert, bis heute weiß aber niemand, was der Entführer eigentlich wollte, da er keine Forderungen außer die nach einem russischsprachigen Übersetzer stellte bevor er erschossen wurde.

Im Beitrag zeigt es sich ja immer wieder: Die Gesamtentwicklung der Toten durch Terrorismus lässt sich nur schwer interpretieren, ohne auch andere Formen der Gewalt zu betrachten. Denn die Abgrenzung ist fließend. Im übernächsten Beitrag werde ich deshalb das Thema Gewalt etwas allgemeiner in den Blick nehmen.

Auffällig ist auch, dass es in Diktaturen weniger Tote durch Terrorismus gibt. Das gilt nicht nur für den Irak vor dem Sturz Saddam Husseins, sondern auch für Osteuropa vor der Wende. Da stellt sich natürlich die Frage, wie hoch die Dunkelziffer in diesen Ländern ist. Wie viele Terroranschläge werden vertuscht und tauchen nicht in der Statistik auf?

Allerdings sind auch große Ereignisse, die sich nur schwer vor den Augen der Weltöffentlichkeit verbergen lassen, in diesen Ländern seltener. Dagegen tauchen viele Anokratien ganz vorne in der Liste der Länder mit den meisten Terrorismus-Opfern auf. Es scheint, als ob es auch hier einen Tocqueville-Effekt gibt. Der französische Historiker und Politikwissenschaftler Alexis de Tocqueville hatte im 19. Jahrhundert die Theorie aufgestellt, dass Revolutionen nicht dann ausbrechen, wenn die Repression am größten ist, sondern wenn kleine Zugeständnisse gemacht werden. Offenbar gilt ähnliches für den Terrorismus. 

Demokratie 1973

Demokratie 2015

Im Vergleich zu 1973 gibt es 2015 nicht nur mehr Demokratien, sondern auch mehr Anokratien, also halbdemokratische Staaten. Diese sind besonders vom Terrorismus betroffen. Beide Grafiken: ourworldindata.org

Bis Ende der 1970er Jahre gibt es außerdem nur wenige Tote außerhalb Westeuropas und Israels. Nun könnte man argumentieren, dass Palästinenser und europäische Linke den modernen Terrorismus erfunden hätten. Das erscheint aber etwas weit hergeholt angesichts der Tatsache, dass die Idee Menschen durch Attentate in Angst zu versetzen weder neu noch originell ist. Auch der Umstand, dass viele Länder damals Diktaturen waren könnte eine Erklärung bieten sowie die Tatsache, dass man in Staaten ohne entsprechend ausgebaute Medienlandschaft auch weniger Wirkung mit Terrorattacken erzielt.

Es bleibt aber auch der Verdacht, dass in jenen Zeiten schlicht viele Ereignisse nicht ihren Weg bis zu den Datensammlern in den USA fanden, die Daten bis 1980 oder sogar darüber hinaus also für viele Staaten unterzeichnet sind.

Fazit

Der Terror nimmt weltweit zu. Teilweise liegt das daran, dass der offene Bürgerkrieg durch den Terrorkrieg ersetzt wird. Länder mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen wie Irak, die Ukraine und Afghanistan sind für rund die Hälfe der Terrorismustoten im Jahr 2015 verantwortlich. Allerdings steigt die Zahl der Opfer auch in anderen Ländern. Betroffen sind weniger Diktaturen als vielmehr Länder an der Schwelle zwischen Demokratie und Diktatur (Anokratien).

In zwei Wochen werden wir zunächst die Entwicklung in Westeuropa unter die Lupe nehmen, bevor wir uns anderen Formen der Gewalt zuwenden und dann wieder erfreulichere Themen behandeln.

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One comment on “Terror nimmt deutlich zu
  1. geheim sagt:

    An deiner Auswertung zu Mittelamerika zeigt sich schön das Problem dieser Datenbank: Laut dieser ist die Zahl der Toten deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig toben dort allerdings auch diverse Drogenkriege, bei denen Massenmorde auch ganz definitiv „zur Einschüchterung von Personengruppen und zur Durchsetzung bestimmter (politischer) Ziele“ eingesetzt werden.

2 Pings/Trackbacks for "Terror nimmt deutlich zu"
  1. […] noch werde ich mich mit dem unangenehmen Thema Gewalt beschäftigen, dann ist Schluss. Wie erwähnt ist die isolierte Interpretation der Daten der World Terrorism Database schwierig. Nicht nur, weil […]

  2. […] Global Terrorism Database ist so umfangreich, dass er einfach eine ganze Serie nötig macht. Wir haben bereits gesehen, dass die Zahl der Terrortoten gerade in der jüngsten Vergangenheit deutlich zugenommen hat. Auch […]

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