Staaten ohne Militär

Eher zufällig bin ich über eine Liste von Staaten ohne Militär gestolpert. Aufs Militär verzichten, das ist tatsächlich eine faszinierende Idee. Zumal in vielen Staaten Afrikas und Lateinamerikas die Armee oft genug mehr damit beschäftigt das eigene Land zu tyrannisieren als es zu verteidigen. Und eine Menge Geld liese sich ohnehin sparen, zumal die Bedrohung heute ja weniger von heranrückenden Armeen als von Fanatikern aller Art ausgeht.

Allerdings zeigt ein erster Blick auf die Liste, dass es sich überwiegend um kleinere Ländern handelt. Einzige Ausnahme ist Japan, doch der Verzicht aufs Militär steht dort nur auf dem Papier. Tatsächlich gibt es dort eine Armee, auch wenn die sich Selbstverteidigungskräfte nennt.

Liste von Staaten ohne Militär nach Einwohnerzahl
Staaten ohne Militär nach Einwohnerzahl. Datenquelle: Wikipedia

Etwas anders sieht die Situation in Haiti aus. Die deutschsprachige Wikipedia schreibt, Haiti habe mittlerweile wieder ein Militär. Die CIA stellt dagegen im Worldfactbook fest, Haiti habe zwar seit 2012 wieder ein Verteidigungsministerium und auf dem Papier auch Streitkräfte, sei aber tatsächlich weiterhin demilitarisiert. Allerdings geht aus einigen Zeitungsartikeln hervor, dass der Aufbau einer neuen Armee offenbar gerade im Gange ist. Deshalb fehlt auch Haiti in der Liste.

Tatsächlich sind die Länder ohne eigene Armee überwiegend Kleinststaaten, die oft nur einen oder zwei Nachbarn haben. Beispielsweise Lichtenstein, das schon 1868 auf eigene Soldaten verzichtete. Grund dafür war die Auflösung des Deutschen Bundes zwei Jahre zuvor. Dieser unterhielt nämlich, zusätzlich zu den weiter bestehenden Armeen der Länder, das sogenannte Bundesheer. Das sollte vor allem zur Abwehr möglicher neuer Aggressionen aus Frankreich dienen, das Land aber auch nach Osten absichern und außerdem für Stabilität im Inneren sorgen. Das tat es vor allem bei Revolutionsversuchen, beispielsweise 1830, als die belgischen Unruhen auch Luxemburg ergriffen, das Teil des Deutschen Bundes war. Liechtenstein stellte für das Bundesheer 1835 genau 55 Soldaten.

In vielen anderen Ländern war die Kolonialmacht zunächst für die Verteidigung zuständig – und blieb es teilweise auch. Beispielsweise waren die Föderierten Staaten von Mikronesien und die Marshallinseln bis 1986 Kolonien der USA. Die waren damit für die Verteidigung zuständig – und sind es bis heute.

Costa Rica
Costa Rica wird auch die Schweiz Lateinamerikas genannt, denn das Land gilt als vergleichsweise stabil und sicher. Berge gibt es ebenfalls, allerdings auch einen wesentlichen Unterschied. Die Schweiz besitzt eine sehr große und schlagkräftige Armee, Costa Rica gar keine. Foto: Arturo Sotillo

Das ist natürlich auch ein Problem bei der Betrachtung. Keine eigene Armee besitzen, sich aber von einem anderen Staat verteidigen lassen, das finde ich nicht wirklich pazifistisch. Was wäre dann beispielsweise mit einem Land, das seine Armee abschafft und stattdessen einen Vertrag mit einem Söldnerunternehmen schließt?

Hinzu kommt, dass Militär nicht gleich Militär ist. Die englischsprachige Wikipedia zitiert das International Institut for Strategic Studies mit einer Übersicht zur Zahl der Soldaten je Land. Dabei wird zwischen aktiven Soldaten, der Reserve und paramilitärischen Verbänden unterschieden. Betrachtet man alle Arten, haben vor allem Nord- und Südkorea, Cuba, Singapur, Armenien und die Republik China (Taiwan) viele Soldaten je Einwohner. Im Fall von Nordkorea kommen 309 Soldaten auf 1.000 Einwohner. Das Land ist tatsächlich hochgradig militarisiert, in Singapur, Armenien und Taiwan ist aber ein Großteil der Soldaten nur Reservisten.

Die beiden Koreas liegen übrigens auch bei der Absolutzahl Soldaten ganz vorne, noch vor Vietnam, Indien, der Volksrepublik China, Russland, den USA, Brasilien und der Republik China (Taiwan). Allerdings sind in Südkorea von 6,6 Millionen Soldaten jeweils rund 3 Millionen Reservisten und Paramilitärs. In den USA dagegen sind von rund 2,3 Millionen Soldaten 1,5 Millionen aktiv, das wäre in dieser Teilrubrik Platz zwei Hinter der Volksrepublik China.

 

Asmara Eritrea
Als die italienischen Besatzer Asmara bauten, durften dort zahlreiche Architekten arbeiten, die im faschistischen Heimatland nicht mehr erwünscht waren. Entsprechend viele interessante Gebäude findet man dort, leider wird das Land nicht besonders gut regiert. Fiat Tagliero Building in Form eines Flugzeuges. Foto: David Stanley

Aussagen sind also schwierig, aber nicht unmöglich. Nordkorea bleibt, egal wie man es dreht und wendet, das am meisten militarisierte Land der Welt (48 aktive Soldaten je 1.000 Einwohner). Bei der Zahl der aktiven Soldaten je 1.000 Einwohner landet Eritrea auf Platz zwei (32 Soldaten je 1.000 Einwohner), allerdings werden dabei auch Menschen mitgezählt, deren Wehrpflicht auf unbestimmte Zeit verlängert wurde, damit sie als billige Arbeitskräfte für die Machthaber arbeiten.

Zu den Ländern, die sowohl bei der Gesamtzahl der Soldaten je 1.000 Einwohner als auch bei den aktiven beide Mal unter den Top 10 liegen gehören neben Nordkorea noch Israel, Singapur, Zypern und Armenien. Israel befindet sich je bekanntlich schon seit seiner Gründung in einer ungemütlichen Position und die dort überwiegend lebenden Juden können auf eine lange Tradition der Verfolgung zurückblicken, besonders in Deutschland. Einem Genozid fielen auch die Armenier zum Opfer, auch wenn der türkische Staaten das leider bis heute leugnet.

Aber eigentlich sollte der Schwerpunkt dieses Beitrags ja eher auf eine positiven Ansatz liegen, nämlich dem Verzicht aufs Militär. Da gibt es ähnliche Probleme, vor allem die paramilitärischen Verbände. Das größte Land ohne Militär in unserer Grafik ist Puerto Rico. Allerdings zählt das britische Institut hier rund 10.000 Menschen in paramilitärischen Verbänden. Dazu zählen militärisch organisierte Polizeieinheiten, so wie es der Bundesgrenzschutz vor Einführung der Bundeswehr war.

Klein, aber mit großer Armee: Singapur. Foto: Jeremy Binard.
Klein, aber mit großer Armee: Singapur. Foto: Jeremy Binard.

Rechnet man diese mit, kommt man für Costa Rica auf 2,1 Militärs und Paramilitärs je 1.000 Einwohner. Das ist nicht viel, aber als besonders pazifistische müsste dann Papua-Neuguinea gelten. Das Land hat zwar rund 2.000 Soldaten, aber bei rund 7,5 Millionen Einwohnern sind das nicht einmal 0,3 je 1.000 Einwohner – verglichen mit 2,3 in Deutschland, einschließlich Reservisten sogar 2,8. Paramilitärs hat das Institut in Deutschland übrigens keine mehr ausgemacht, der ehemalige Bundesgrenzschutz, die heutige Bundespolizei, gilt nicht mehr als paramilitärische Einheit. Nur bis 1994 hatte er Kombattantenstatus nach der Genfer Landkriegsordnung.

Deutschland liegt damit im unteren Mittelfeld. Ganz ohne Militär kommen neben ehemaligen Kolonien vor allem Länder aus, die schon einen Umsturzversuch durch Soldaten erlebten, gerne auch solche, die eine US-Militärintervention erlebten wie Grenada und Panama.

Die Suche nach dem größten Land, das ohne Militär auskommt, ist also nicht ganz einfach. Costa Rica ist auf jeden Fall ein Anwärter, denn Polizeieinheiten mit Kombattantenstatus sind eben keine Soldaten. Und Costa Rica ist auch kein so extremer Fall wie die Palästinensischen Autonomiegebiete, die offiziell keine Armee haben, aber einschließlich paramilitärischer Einheiten mit 14 Paramilitärs je 1.000 Einwohner im oberen Mittelfeld liegen.

Wie so oft in der Statistik ist es schwierig, eine genau Rangliste zu ziehen. Falsch wäre es aber zu behaupten, die Statistik würde gar nicht weiterhelfen. Die beiden Koreas, die beiden Chinas (Volksrepublik China und Republik China auf Taiwan), Israel und Armenien haben wenig Chancen auf den Titel als besonders entmilitarisierte Länder. Wobei das natürlich nicht bedeutet, dass die Menschen dort besonders kriegerisch sind, sondern eher Folge einer besonderen historischen Situation wie Bürgerkrieg oder Verfolgung sind.

Nachtrag vom 4.4.16: In dem Buch „Die unterste Milliarde“ von Paul Collier wird meiner Behauptung, dass die Fremdvergabe der Verteidigung nicht sehr pazifistisch sei, teilweise widersprochen. Das handelt von jenen Entwicklungsländern, deren Situation sich in den vergangenen 20 Jahren kaum verbessert hat und die nicht vom Rückgang der Ungleichheit zwischen den Staaten profitieren. Der Name rührt daher, dass in diesen Nationen eine Milliarde Menschen lebt. Einer der wesentlichsten Gründe für das Scheitern dieser Staaten ist Krieg oder – noch häufiger – Bürgerkrieg. Der Autor schlägt sogar vor, dass Staatengemeinschaften solche schwachen Staaten schützen, indem sie sich bereit erklären, das Land zu verteidigen. Und natürlich gibt es tatsächlich einen Unterschied, ob man eine eigene Armee besitzt oder sich von den USA oder Großbritannien verteidigen lässt. Denn angreifen kann man im zweiten Fall  nicht. Vor allem aber können die Streitkräfte nicht putschen – es gibt ja keine. Und schließlich spart man eine Menge Geld. Die Armeen der USA und Großbritanniens gibt es ja ohnehin. Womöglich war mein Einwand sehr aus der europäischen Perspektive gedacht und etwas naiv-idealistisch. An der Tabelle ändert sich aber nichts, die Staaten mit Verteidigungsgarantie durch einen anderen Staat habe ich, im Gegensatz zu Haiti und Japan, nicht herausgenommen.
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