Herbei, oh ihr Gläubigen

Die katholische Kirche gilt vielen als der Problembär unter den Glaubensgemeinschaften, als undemokratisch, frauenfeindlich und altmodisch. Immer wieder werden deshalb Kirchaustrittszahlen herumgereicht. Klar, dass unter diesen Bedingungen mehr Leute austreten, als bei den liberaleren Protestanten, oder?

Das Gegenteil ist der Fall. Seit 1992 haben die evangelischen Landeskirchen mehr Mitglieder verloren als die katholische Kirche. Allerdings hat sich die Entwicklung mittlerweile etwas angeglichen. Trotzdem traten 2009 mit rund 320.000 mehr Menschen aus den evangelischen als aus der katholischen Kirche (267.000) aus.

Kirchenaustritte der römisch-katholischen Kirche (grau) und der evangelischen Landeskirchen (blau).

Liegt das vielleicht daran, dass es in Deutschland mehr Protestanten als Katholiken gibt? Auch nicht, deren Zahl ist in etwa gleich hoch. Betrachtet man – wie hier – nur die Angehörigen der evangelischen Landeskirchen, also der „offiziellen“ evangelischen Kirche, gibt es mittlerweile sogar mehr Katholiken.

Nach Angaben des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes waren 24,9 Millionen Deutsche Mitglied der römisch-katholischen Kirche, 24,2 Millionen in einer der evangelischen Landeskirchen. Nicht berücksichtigt sind hier die Angehörigen weiterer evangelischer Glaubensgemeinschaften wie Baptisten oder Methodisten. Der Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden hat beispielsweise rund 84.000 Mitgliedern, die Unabhängigen Afrikanischen Gemeinden etwa 30.000.

Es kehren also auch relativ mehr Protestanten ihrer Kirche den Rücken als Katholiken. Möglicherweise liegt das auch daran, dass 26 Prozent der evangelischen Christen nach eigenen Angaben nicht an Gott glauben. Bei den Katholiken sind es nur 18 Prozent.

Wer also kirchliche Reformen fordert, sollte das aus Überzeugung tun. Neue Gläubige wird er damit eher nicht gewinnen. Ohnehin finden viele Deutsche ja ein bisschen Diktatur gar nicht schlecht.

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