Geballte Räume

Eigentlich hört es sich nach einer ganz einfach Frage an: Wie viele Menschen leben in… Ist es auch, wenn uns die politischen Gebietsstrukturen interessieren und wie von einigen kleinen Unschärfen absehen, die der Zensus aber überwiegend bereinigen soll. Aber wenn uns ein Ort als Lebens- und Wirtschaftsraum interessiert, wird es schwierig.

Einerseits ist in einigen Orten großzügig eingemeindet worden. Die Stadt Ansbach beispielsweise verzehnfachte ihre Fläche durch die Gebietsreform in Bayern nahezu von 9,8 auf 92,6 Quadratkilometer. Dagegen konnten die Gemeinden im Landkreis München alle Versuche von Eingemeindungen während der Gebietsreform abwehren (böse Zungen behauten das liege daran, dass dort die Menschen wohnen die die Kreisreform gestaltet haben), weshalb Stadt und Umland längst zusammen gewachsen sind.

Das Statistische Bundesamt stellt deswegen eine Statistik der Verdichtungsräume bereit. Auch die nimmt die politischen Grenzen als Basis, allerdings werden hier alle Gemeinden berücksichtigt, die eine festgelegte Bevölkerungsdichte überschreiten und zusammen hängen.

Die zehn bevölkerungsstärksten Verdichtungsräume in Deutschland nach Einwohnern.

Größter Verdichtungsraum ist nicht Berlin, sondern das Rhein-Ruhrgebiet mit über elf Millionen Einwohnern. Das ist allerdings sehr weit gefasst, dazu zählt nicht nur das Ruhrgebiet im engeren Sinne, sondern auch Düsseldorf und sogar Köln. Es folgt Berlin mit 4,2 Millionen Einwohnern. Neben Berlin, Hamburg, München und Stuttgart stehen vor allem polyzentrische Regionen mit mehreren Großstädten (oder im Fall von Zwickau Bainahe-Großtstädten) auf der Liste. Etwa das Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt, Offenbach, Mainz, Darmstadt und Wiesbaden oder das Rhein-Neckar-Gebiet mit Mannheim und Heidelberg.

Allerdings kommen diese Verdichtungsräume oft unserer Vorstellung von Stadt nur teilweise nahe. Einem Unternehmen, dass beispielsweise die Zahl der potentiellen Kunden für ein neues Geschäft wissen will, hilft das unter Umständen nicht weiter. Denn Düsseldorfer fährt eben nur ungern nach Köln, auch wenn beide im gleichen Verdichtungsraum wohnen.

Eine andere Möglichkeit ist deshalb das Betrachten der Pendlerströme. Die Bundesagentur für Arbeit wertet aus den Sozialversicherungsmeldungen die Pendlerströme aus. Aus diesen lässt sich ablesen, wie stark Stadt und Umland verzahnt sind.

Vergleich der Einwohnerzahl der Gemeinde (grau) mit der entsprechenden BIK-Region (rot). Quelle: Destatis

Das tut beispielsweise das Marktforschungsinstitut BIK Aschpurwis + Behrens. Dabei werden zu einer Kernregion alle Gemeinden dazu gezählt, aus denen mindestens sieben Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in die Stadt einpendeln. Obwohl das Marktforschungsinsitut privat ist, wird diese Gliederung ebenfalls vom Statistischen Bundesamt verwendet.

Nach dieser Gliederung sieht die Reihenfolge der größten Regionen auf den vorderen Plätzen wieder etwas bekannter aus, nur dass Köln als viertgrößte Stadt von Frankfurt und Stuttgart verdrängt wird. Auffällig ist vor allem zweierlei. Die BIK-Regionen Mannheim, Frankfurt und Stuttgart haben mehr als dreimal so viele Einwohner wie die Stadt selbst. Dagegen fallen die Ruhrgebietsstädte deutlich zurück. Die BIK-Region Essen umfasst beispielsweise nur die Stadt selbst. Denn die Nachbargemeinden sind selbst schon überwiedend Groß- und Mittelstädte, die ihrerseits auf eine eigene BIK-Region darstellen. Auch Nürnberg und Erlangen bilden zwar einen Verdichtungsraum, aber zwei BIK-Regionen. Es ist eben nicht ganz so einfach mit der Frage nach der „echten“ Einwohnerzahl.

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1 Pings/Trackbacks for "Geballte Räume"
  1. […] Statistik ist manchmal gar nicht so leicht. Nicht nur, weil es jede Menge mehr oder weniger komplizierte Formeln gibt, sondern auch weil man bei der Interpretation von Daten immer noch etwas mitdenken muss. Wie schwer es ist, Armut oder Arbeitslosigkeit zu messen, habe ich bereits mehrfach gezeigt und auch der nächste Beitrag wird sich wohl wieder darum drehen. Auch dass selbst die Interpretation von Einwohnerzahlen nicht immer einfach ist, habe ich bereits gezeigt (nämlich hier). […]

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