Wie wichtig sind die Eltern für den Bildungserfolg?

Hängt der Erfolg in der Schule vor allem vom Elternhaus ab? Diese These vertritt die Wochenzeitung DIE ZEIT mit Vehemenz. Rund 50 Prozent des Bildungserfolgs, so zitiert man eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hängen vom Elternhaus ab und nicht von individueller Intelligenz oder Fleiß. Frank M. Spinath, Professor an der Universität Saarbrücken schreibt nach der Auswertung einer Zwillingsstudie, das Elternhaus spiele nicht die große Rolle, die man ihm jahrelang zugedacht habe.

 

Schulabschluss

Schüler an Gymnasien (grau) und Hauptschulen (rot) nach Schulabschluss der Eltern. 59,0 Prozent der Kinder auf den deutschen Gymnasien haben also mindestens ein Elternteil mit Hochschullabschluss, nur 1,3 Prozent haben Eltern ohne Schulabschluss. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Auf der Plattform SKoLNET findet man auch eine andere Quelle zitiert. Laut Hansjörg Neubert, ehemals Professor an der Freien Universität Berlin, sind für den Schulerfolg folgende Faktoren bestimmend:

  • 40 %: Intelligenz
  • 30 %: Ausdauer, Fleiß
  • 20 %: Qualität des Unterrichts und
  • 10 %: übrige Faktoren, neben dem Elternhaus zählen dazu auch die Belastbarkeit und sogar das Aussehen.

Was stimmt nun? Spielt das Elternhaus eine entscheidende Rolle, wie die Wochenzeitung DIE ZEIT regelmäßig betont, oder ist es eher ein unwichtiges Element?

Die Studien im Detail

Die Thesen von Neubert und Spinath

Die von Neubert vorgestellten Zahlen stammen der Quelle SKoLNET zufolge aus der Literatur und wurden von dem Professor in seiner Vorlesung vorgetragen. Zur Intelligenz gehören dabei neben dem logischen Denkvermögen auch die Phantasie, das Gedächtnis oder die Neugier. Bei Ausdauer und Fleiß spielt auch das Interesse für die in der Schule vorgestellten Themen eine Rolle.

Die Studie von Professor Spinath kommt zu ähnlichen Ergebnissen, sie nennt drei wichtige Faktoren für den Bildungserfolg eines Kindes, nämlich

  • Intelligenz und Arbeitsgedächnis,
  • Motivation und Fleiß sowie
  • die Umwelt, vor allem der Freundeskreis und die Schule.

Die Rolle der Eltern ist demnach „weniger wichtig, als man in den letzten Jahren angenommen hat“.

Die Ergebnisse basieren auf der Zwillingsforschung. Eineiige Zwillinge verfügen in hohem Maße über ein gleiches Erbmaterial. Spannend ist der Vergleich eineiiger Zwillinge natürlich vor allem, wenn beide nach der Geburt getrennt wurden und unter verschiedenen Bedingungen aufwuchsen. Solche Fälle gibt es aber sehr selten, üblicherweise werden deshalb einige Zwillinge entweder mit zweieiigen Zwilligen oder anderen Geschwistern vergleichen. Diese sind sich zwar genetisch ähnlich, aber eben nicht so ähnlich wie eineiige Zwillinge.

Das Verfahren ist grundsätzlich sehr gut für solche Fragestellungen geeignet. Allerdings meinen die Autoren mit „Einfluss des Elternhauses“ nicht ganz das gleiche wie die Redakteure von DIE ZEIT. Die Saarbrücker Studie untersucht vor allem den Einfluss von elterlichem Druck. Der kann aber sogar kontraproduktiv sein, wichtiger für den Erfolg seien Intelligenz und Ausdauer.

Buchcover Vorsicht, Statistik

Lesen macht schlau. Leider wird vor allem in jenen Haushalten viel gelesen, in denen die Eltern bereits über eine hohe formale Bildung verfügen. Natürlich spielt auch die Qualität eines Buches eine Rolle. Nicht alle regen zum Nachdenken an. Nach meinen Erfahrungen sind es aber gar nicht die politisch-zeitgeschichtlichen Bücher, die das besonders tun. Auch wenn deren Autoren das gerne schreiben, wird den Lesern meist schon eine erwünschte Meinung mitgeliefert. Phantastische Literatur kann hier sogar die bessere Wahl sein – wenn sie gut ist und sich nicht nur mit Helden und epischen Schlachten beschäftigt.

Allerdings wirkt das Elternhaus auch auf anderen Wegen, die hier nicht untersucht wurden. Intelligenz und Fleiß sind keinesfalls nur genetisch bestimmt. Beides lässt sich – zumindest ein Stück weit – auch erlernen. Und hier kommen wieder die Eltern ins Spiel. Animieren sie ihr Kind zum Denken? Dazu gehört natürlich das Lesen von Büchern. Oder die Anleitung zum Rechnen, wenn Kinder beispielsweise die Preise im Supermarkt schon mal im Kopf grob addieren.

Die Thesen der ZEIT

Allerdings schießt hier auch DIE ZEIT meist übers Ziel hinaus. Dort wird meist mit dem unterschiedlichen Schulerfolg von Kindern aus unterschiedlichen Milieus argumentiert. Auch das greift aber zu kurz. Denn diese Argumentation unterstellt, dass es gar keine unterschiedliche Veranlagung gibt.

Um es klar zu sagen, nicht jeder Akademiker ist fleißig und intelligent und ein fehlender Schulabschluss nicht automatisch ein Zeichen von Faulheit und Dummheit. Außerdem haben auch schlaue Menschen nicht immer schlaue Kinder und umgekehrt. Aber wenn überdurchschnittlich intelligente und fleißige Menschen überdurchschnittlich oft einen hohen Bildungsabschluss erreichen und wiederum überdurchschnittlich oft überdurchschnittlich fleißige und intelligente Kinder haben, dann lassen sich Unterschiede im Bildungserfolg eben nicht  ausschließlich als Einfluss des Elternhauses interpretieren, wie das DIE ZEIT an mehreren Stellen macht.

Dass hier das Wort „überdurchschnittlich“ so oft vorkommt, hat einen Grund. Es geht hier nur um Wahrscheinlichkeiten, keine Zusammenhänge im Sinn von „alle … haben immer …“.

Weitere Schwierigkeiten

Aber wie groß sind die angeborenen Unterschiede? Um es richtig schwer zu machen gibt es auch noch Grenzfälle. Ein Kind ist etwas begabter im Rechnen als das Nachbarskind. Deshalb wird es häufiger dafür gelobt und hat auch mehr Spaß daran. Aus diesem Grund rechnet es gern und viel. Ist das nun angeboren oder anerzogen? Der Impuls für die unterschiedliche Entwicklung kommt vielleicht aus einem angeborenen Unterschied, aber der wird sozial verstärkt. Anerzogen oder angeboren?

Und um es noch komplizierter zu machen, hängt der der Anteil der Eltern an der Erklärung der unterschiedlichen Erfolge im Bildungssystem auch davon ab, wie verschieden oder ähnlich Eltern ihre Kinder erziehen. Wenn das Elternhaus nur einen geringen Einfluss auf den Bildungserfolg hat, dann kann das auch daran liegen, dass alle Eltern ihre Kinder sehr ähnlich erziehen. Das erklärt auch, warum Studien aus Großstädten wie Berlin und Hamburg teilweise einen deutlich größeren Einfluss des Elternhauses erkennen. Dort ist die Schülerschaft sehr heterogen zusammengesetzt.

Eine mögliche Vorgehensweise

Es ist also gar nicht so einfach zu bestimmen, was anerzogen und was angeboren ist. Und noch schwerer ist es, den Einfluss des Elternhauses in all seinen Facetten zu messen. Geht ein Akademiker-Kind trotz mittelmäßiger Leistung aufs Gymnasium, während das intelligentere und fleißigere Nachbarskind zweier Hilfsarbeiter einen Hauptschulabschluss anstrebt, dann ist die Sache klar. Schwierig wird es aber, wenn das Akademikerkind tatsächlich besser rechnen und lesen kann, weil es von frühester Kindheit anders gefördert wurde

Was könnte hier helfen? Eine Möglichkeit wäre es Adoptivkinder zu vergleichen. Denn deren Intelligenz und Fleiß kann nicht vererbt sein. Leider habe ich keine Studie gefunden, die das tut. Vermutlich würde man dort einen Einfluss des Elternhauses finden, der größer ist als die weniger als zehn Prozent nach Neubert, aber kleiner als es die oben stehende Grafik signalisiert. Die Ergebnisse wären sehr interessant, denn bessere Bildungschancen für Kinder aus sogenannten bildungsfernen Haushalten sind ein ziemlich wichtiges Thema. Vielleicht gibt es eine solche Untersuchung ja schon und ich habe sie nur nicht gefunden, dann würde ich mich über einen Link dorthin freuen.

Nachtrag vom 16. April 2018:

Neuere Studien zeigen, dass schon Stress in der Schwangerschaft die spätere Entwicklung eines Kindes negativ beeinflussen kann. Beispielsweise wenn die werdende Mutter arbeitslos ist. Noch gravierender sind die Auswirkungen natürlich bei Drogenproblemen. Diesen Elterneinfluss kann man natürlich auch mit einer Adoptionsstudie nicht ausschalten. Es bleibt die Erkenntnis, dass die Eltern nicht nur durch das Kontrollieren von Hausaufgaben Einfluss nehmen, sondern auch Intelligenz und Ausdauer teilweise nicht genetisch bedingt, sondern erworben sind. Leser Gerald Fix weißt sogar darauf hin, dass sich erworbene und vererbte Einflüsse womöglich überhaupt nicht trennen lassen, weil beides stark ineinander greift (siehe Kommentarspalte).

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One comment on “Wie wichtig sind die Eltern für den Bildungserfolg?
  1. Gerald Fix sagt:

    „Es ist also gar nicht so einfach zu bestimmen, was anerzogen und was angeboren ist.“
    Dazu kommt, dass auch die Vererbung Umwelteinflüssen unterliegt (Epigenetik). Und es werden Einflüsse vererbt, die nicht aus den Genen stammen. Das Kind einer blonden, armen, alleinerziehenden Mutter ist mit einer gewissen Wahrschlichkeit blond; es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit arm.
    Im letztjährigen „Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand?“ John Brockmans war eine der meistgenannten obsoleten Vorstellungen die, dass sich Vererbung und Umwelt trennen lassen.

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