Statistiker-Blog

Helden der Wissenschaft

Zunächst einmal wünsche ich allen Lesern frohe Weihnachten. Zum Ende des Jahre gibt es eine erbauliche Statistik, auch wenn sie in dieser Form in vielerlei Hinsicht fachlich angreifbar ist. Es geht, wie in der Weihnachtsgeschichte, um die Botschaft. Die berühmte Stelle um Jesu Geburt aus dem Lukas-Evangelium nimmt ja schließlich auch kaum jemand wörtlich.

Science Hereos

Das sollte man auch mit dem Ranking der Seite Scienceheroes.com nicht tun. Dort werden jene Wissenschaftler aufgeführt, die nach Meinung der Autoren die meisten Menschenleben gerettet haben. Natürlich ist es nicht ganz trivial zu bestimmen, wie viele Menschen ohne eine bestimmte Erfindung gestorben werden. Noch problematischer ist es, eine einzelne Erfindung oder Entdeckung einer oder zwei Personen zuzuschreiben. Schließlich beruht die Arbeit dieser Wissenschaftshelden immer auf der Arbeit anderer Menschen, ohne die sie ihre Entdeckungen nicht hätten machen können. Das wird oft mit dem berühmten Bild der Zwerge ausgedrückt, die nur deshalb so weit sehen können, weil sie auf der Schulter von Riesen stehen. Wobei man genauer sagen müsste, dass sie auf den Schultern anderer Zwerge stehen, die wiederum von anderen Zwergen getragen werden und so weiter.

Landwirtschaft

Die moderne Landwirtschaft hat einen schlechten Ruf. Vergessen wird dabei, dass ohne sie die weltweit bald acht Milliarden Menschen nicht ernährt werden könnten. Und erst recht nicht wenn wir alle noch Jäger und Sammler wären.

Auch dieses Ranking ist also mit großer Vorsicht zu genießen, ebenso wie jenes zu den Massenmördern. Aber es hat doch einen Sinn, es erinnert uns nämlich daran, welche Vorteile uns Wissenschaft und Fortschritt gebracht haben. Das gerät ja mit zunehmendem Wohlstand in Vergessenheit. Da beklagt man sich beispielsweise über die moderne Landwirtschaft und vergisst, dass bis vor gar nicht allzu langer Zeit auch in Europa Hungersnöte noch an der Tagesordnung waren, während sie heute tendenziell weltweit zurück gehen. Was nicht heißt, dass es nicht Raum für Verbesserungen gibt. Aber alle Diskussionen über Übergewicht sind Pillepalle gegen das Problem des Hungers.

Zwei Düngemittelerfinder ganz vorne

Deshalb ist es kein Wunder, dass das Ranking nicht von Robert Koch, Ignaz Semmelweis oder Alexander Fleming angeführt wird, sondern von Fritz Haber und Carl Bosch angeführt wird. Die beiden haben das nach ihnen benannte Haber-Bosch-Verfahren entwickelt. Dadurch lässt sich Ammoniak gewinnen, das zwar auch in der Sprengstoffproduktion verwendet werden kann, vor allem aber Basis für die Herstellung von Düngemitteln ist. Die Seite Science Heroes schätzt, dass dadurch rund 2,7 Milliarden Menschen das Leben gerettet wurden, die sonst verhungert wären.

Platz drei teilen sich der Österreicher Karl Landsteiner sowie der deutsch-US-amerikanische Chirurg Richard Lewisohn. Lewisohn machte die Bluttransformation möglich, basierend auf der Arbeit Landsteiners, der die Blutgruppen entdeckt hatte. Die beiden haben nach Meinung der Autoren rund einer Milliarde Menschen das Leben gerettet.

Wer hat die meisten Menschenleben gerettet

Helden der Wissenschaft nach geretteten Menschenleben in Millionen. Quelle: Scienceheroes.com

Mit Edward Jenner folgt ein weiterer Mediziner, der eine Schutzimfpung gegen die Pocken entwickelte. Das ist eine besondere Erfolgsgeschichte, weil durch eine weltweite Impfkampagne die Pocken praktisch ausgerottet wurden. Den letzten Fall in Deutschland gab es 1972, den letzten weltweit 1977 in Somalia. Ausgerechnet dort gibt es aber heute eine starke islamistische Bewegung, deren Mitglieder nicht nur Schutzimpfungen, sondern die modernen Wissenschaften insgesamt ablehnen.

Mit Norman Borlaug folgt wieder ein Vertreter der Landwirtschafts-Fraktion. Er war ein wesentlicher Treiber der Grünen Revolution, die mit Hilfe neuer Sorten und Anbaumethoden die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern veränderte. Heute steht sie oft in der Kritik, weil sie moderne Sorten statt der traditionellen brachte, doch dabei wird oft übersehen wie viele Menschen ohne sie wohl verhungert wären. Als wohlgenährter Wohlstandsbürger träumt es sich leicht von alten Sorten und traditioneller Subsistenzwirtschaft, für die Betroffenen hält sich der Spaß allerdings in Grenzen.

Natürlich kann man das Ranking kritisieren

Wie umstritten so ein Ranking ist zeigen die beiden folgenden Plätze. Angeblich 177.000.000 Menschen haben Linn Enslow und Abel Wolmann gerettet, weil sie die Chlorung von Wasser einführen. Das erstaunt natürlich etwas, weil das in Deutschland als vorbeugendes Verfahren schon seit 1991 nicht mehr zulässig ist und vielen als us-amerikanische Unart gilt. Allerdings sind Chlorungen in Ausnahmefällen auch in Deutschland üblich und werden eingesetzt, wenn Grenzwerte überschritten werden. In anderen Ländern mit weniger guter Wasserversorgung dürfte das Verfahren sogar noch wichtiger sein.

Impfen Kritik

Das Pockenvirus wirde weitgehend ausgerottet. Bild: Pressebild des Robert Koch Instituts

Erstaunlich auch, dass Robert Koch in der Liste der 100 größten Lebensretter nicht auftaucht, obwohl er der Seite zufolge durch die Entdeckung des Bakteriums mehr als sieben Millionen Leben rettete, was fast noch niedrig erscheint. Und Alexander Flemming und die anderen Entdecker und Webbereiter des Penicillins tauchen erst auf den Plätzen 21 bis 24 auf. Es überrascht auch, dass für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Tetanus Christian Zöller mit 52 Millionen geretteten Menschenleben aufgeführt wird, Emil Behring, der auch noch einen Wirkstoff gegen Diphterie entwickelte, dagegen „nur“ mit 42 Millionen Menschen (gemeinsam mit Paul Ehrlich und Kitasato Shibasaburo).

Warum ich das Ranking trotzdem zitiere

Doch wie gesagt finde ich das Ranking trotzdem wichtig um noch einmal an die Bedeutung von Wissenschaft und Technik erinnert, weil beides in letzter Zeit häufig in Frage gestellt wird. Nicht immer ist die Kritik unberechtigt, aber oft greift sie zu kurz oder idalisiert einen alles andere als idealen Zustand in der Vergangenheit.

Ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten beim Bewerten des technologischen Fortschritts ist Paul Hermann Müller, der laut Ranking auf Ehrlich, Shibasaburo und Behring folgt und demnach 21,2 Millionen Menschen das Leben gerettet hat. Er entdeckte nämlich die Bedeutung des Gifts DDT für die Insektenbekämpfung. Das ist zu Recht umstritten, weil es sich in der Nahrungskette anreichert und womöglich Krebs auslöst. Zu seiner Zeit war es aber das kleinere Übel im Vergleich zu Insektenplagen, die entweder die Nahrung zerstörten oder Krankheiten übertrugen. Seit den 1970er Jahren ist es in den Industrieländern verboten, in der Bundesrepublik darf es seit 1977 nicht mehr hergestellt werden. Einige behaupten, das Verbot sei zu früh gekommen, da es damals in den armen Ländern noch nicht ausreichend Ersatz gab. Allerdings wäre es vermutlich schwer gewesen, den Einsatz in Deutschland zu verbieten und den Export in die armen Länder zu erlauben. Obwohl genau das zumindest sinnvoll gewesen wäre, bis andere günstige Methoden bereit stehen.

Wir lernen also, wie schwer die Abschätzung von Technikfolgen ist, dass es aber für die Abwertung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts, wie sie heute nicht nur bei den extremen Rechten, sondern teilweise auch auf der linken Seite üblich ist, wenig gute Argumente gibt.

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Getestet: Blinkist

Ich bin vermutlich der letzte Mensch, der noch relativ viel Geld für Informationen ausgibt, sei es ein Zeitungsabo (wenngleich digital), eine Zeitschriften-Flatrate oder Bücher. Jetzt habe ich mir auch noch ein Abo von Blinkist geleistet, einem Berliner Start-up, das den Inhalt von Fachbüchern zusammenfasst. Wie gut ist das, gerade im Hinblick auf Bücher zum Thema Statistik? Um vorneweg die Frage zu beantworten, die sich bei solchen Beiträgen immer stellt: Nein, Geld oder Vermittlungsprovision bekomme ich von dem Unternehmen nicht.

Die Idee

Blinkist will den Inhalt von Sach- und Fachbüchern auf das Wesentliche komprimieren. Länger als eine Viertelstunde soll man im Regelfall nicht für die Zusammenfassung brauchen. Und man kann sie sich anhören, beispielsweise beim Wäsche aufhängen, in der S-Bahn oder im Bett.

Das sorgt natürlich für Panik im deutschen Bildungsbürgertum. Ist das nicht Frevel, wird da nicht „gefährliches Halbwissen“ produziert? Einige Kommentatoren sehen den Dienst deshalb nur als Möglichkeit sich über ein Buch zu informieren und es dann zu kaufen – oder nicht. Hier schon mein erster Kritikpunkt: Tatsächlich kann ich Bücher am Ende der Zusammenfassung mit einem Klick gleich kaufen, aber nur bei Amazon. Hier wäre ein Link zu einem zweiten Anbieter gut, der die Bücher im EPUB Format anbietet, beispielsweise Bücher.de oder geniallokal.de.

Buchcover Vorsicht, Statistik

Leider nicht im Angebot von Blinkist: Vorsicht, Statistik.

 

Davon abgesehen teile ich die Einschätzung der Kritiker aber nicht. Zunächst einmal ist im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft all unser Wissen nur Halbwissen. Und vielen Studien zufolge sind jene von ihrer Meinung am überzeugtesten von ihrer Meinung, die am wenigsten Ahnung haben. Mit anderen Worten: Noch gefährlicher als das Viertelwissen, das Blinkist verbreitet, ist das oft vorhandene Unwissen. Und die Zusammenfassungen sind ausführlicher als jeder Zeitungsartikel zu einem Themengebiet. Es ist eben nicht möglich, zu jedem aktuellen Thema mal 600 Seiten Fachbuch zu lesen.

Die Auswahl

Dass sich die Texte in einer Viertelstunde lesen lassen ermöglicht es mir, Bücher aus unterschiedlichen politischen Richtungen zu lesen. Tatsächlich gelingt es den Machern erstaunlich gut, Werke mit verschiedenen  Stoßrichtungen zu präsentieren. „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin gibt es ebenso wie „Wer ist wir“ von Navid Keramani, Rainer Zitelmanns „Kapitalimus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ steht neben Ulrike Herrmanns „Der Sieg des Kapitals„. 

Das ist erstaunlich in Zeiten, in denen viele Medien vor allem ihre Wahrheiten verkünden und nicht Diskussionen fördern wollen. Eine genauere Analyse würde sicher auch bei Blinkist bestimmte politische Vorlieben aufzeigen. Beispielsweise gibt es in der Rubrik „Religion“ mit „Luther“ nur ein einziges Buch mit explizit christlichem Hintergrund, die anderen sind von Atheisten oder wenden sich an diese oder sie beschäftigten sich mit eher esoterischen Themen. Aber selbst der Statistiker-Blog ist bei seiner Themenwahl nicht immer objektiv (wobei ich auch kein Geld für meine Arbeit bekomme und mir deshalb mehr Freiheiten heraus nehmen darf). Und insgesamt schafft es Blinkist in meinen Augen erstaunlich gut, eine gewisse Breite an Themen und Meinungen abzubilden.

Äthiopien

Kapelle in Äthiopien. Foto: A. Davey (Lizenz CC BY 2.0).

Gut gefällt mir auch die Auswahl an Klassikern. „Der Leviathan“ von Thomas Hobbes steht schon lange in meinem Bücherregal, wurde aber bisher nicht gelesen, ebenso wenig Platons „Der Staat“ oder Niccolò Machiavellis „Der Fürst“. Durch Blinkist habe ich jetzt zumindest mal eine Zusammenfassung gelesen, „Das kommunistische Manifest“ seht als nächstes auf meiner Liste. Liebes Blinkist-Team, es dürfen gerne noch mehr Klassiker werden, ich vermisse beispielsweise Max Webers Werke ebenso wie die von Karl Popper.

Insgesamt liegt der Schwerpunkt zwar auf Lebenshilfe, also Büchern über Managementmethoden, Kindererziehung oder das Abnehmen. Aber bei mehr als 2.500 Titeln findet man dazwischen auch genug Interessantes.

Die Auswahl

Number Man Cover

Ist Belletristik und deshalb kein Kandidat für Blinkist, aber ich nutze die Gelegenheit um noch mal Werbung für das Buch zu machen.

Was nicht so gut funktioniert ist die praktische Umsetzung in den Apps. Beispielsweise kann ich bei einer Buchzusammenfassung nicht auf den Namen des Autors klicken und mir seine anderen Werke anzeigen lassen. Als Lesevorschläge erhalte ich vor allem Bücher, die schon auf meiner Merkliste stehen und die übrigen interessieren mich meistens nicht. Die Synchronisation zwischen Tablet und Smartphone klappt überhaupt nicht.

Hier könnte Blinkist noch viel tun. Schön ist der Gedanke von Titellisten zu bestimmten Themen, aber leider sind die meistens auf Englisch. Obendrein sind viele englische Werke gar nicht übersetzt, dabei geht das heute in Zeiten von Deepl recht einfach. Man muss den Text nur übersetzen lassen und dann noch einmal auf Fehler überprüfen.

Hier könnte Blinkist also noch viel tun: Bessere Vorschläge, mehr Titellisten zu bestimmten Themen und bessere Suchmöglichkeiten.

Bücher anhören

Die meisten Zusammenfassungen kann man sich auch anhören. Das ist praktisch, wenn man nebenher noch etwas anderes tut. Zumal die Texte von professionellen Sprechern gelesen werden, was sich gut anhört. Wer möchte, kann sich das Buch sogar mit höherer oder niedriger Geschwindigkeit anhören, wobei mir Standardgeschwindigkeit gut gefällt.

Bücher aus dem Bereich Statistik

Tatsächlich gibt es auch eine Reihe von Büchern zum Thema Mathematik und Statistik. Dazu gehören natürlich die üblichen Besteller von Gerd Gigerenz und Co wie „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet“ oder „Das Einmaleins der Skepsis“. Leider gibt es keine eigene Kategorie zu dem Themengebiet, man findet sie unter „Wissenschaft“, wobei der Begriff hier sehr weit gefasst wird.

Insgesamt ist die Auswahl an Titeln überschaubar, aber ein paar interessante Dinge sind doch dabei. Beispielsweise mehrere Bücher von Nassim Nicholas Taleb, beispielsweise „Narren des Zufalls“ und „Das Risiko und sein Preis“, erstaunlicherweise aber nicht „Der schwarze Schwan“. Sehr unterhaltsam sind auch „Wenn Gott würfelt“ von Leonard Mlodinow sowie „Mathe Magie“ von Arthur Benjamin.

Fazit

Insgesamt ist das Angebot an Statistik dünn, allerdings dürfte das auch mit dem Interesse der meisten Leser korrespondieren. Insgesamt gefällt mir der Dienst aber gut. Er erlaubt es mir, in Titel erst einmal hineinzuschnuppern, die ich dann später gegebenenfalls kaufe. Bei den meisten reicht mir aber die Zusammenfassung, die Themen interessieren mich nicht genug für 500 Seiten Fachbuch oder ich möchte einfach mal nur eine andere Meinung lesen.

Auch wenn die meisten Titel mich nicht ansprechen, bei 2.500 Zusammenfassungen gibt es doch erst einmal genug für mich. Nur die Umsetzung in der App ist schlecht. Denn die Leselisten enthalten meist nur englischsprachige Zusammenfassungen, die Vorschläge sind unbrauchbar und ich kann nicht mit einem Klick nach weiteren Werken eines Autors suchen.

Aktuell (Stand Dezember 2018) bietet Blinkist übrigens drei Abo-Modelle. Das Monatsabo kostet 9,99 Euro, das Drei-Monats-Abo 19,99, also monatlich 6,67 Euro und für das Jahresabo zahlt man aktuell 59,99 Euro, also rund 5,00 Euro pro Monat. Ich habe ein Jahres-Abo, allerdings nur weil es damals noch kein 3-Monats-Abo gab. Heute würde ich mit letzterem starten, denn ob die Titelauswahl wirklich für ein ganzes Jahr reicht bleibt abzuwarten.

 

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Steuereinnahmen

Die Steuereinnahmen sprudeln aktuell. 2017 nahmen Bund, Länder und Kommunen fast 735 Milliarden Euro an Steuern und Zöllen ein. Nicht enthalten sind dabei übrigens die Sozialabgaben, die gerade bei Geringverdienern den größten Ausgabenblock ausmachen. Auch sonstige staatliche Abgaben wie der Rundfunkbeitrag sind darin noch nicht enthalten.

Es gehört zu den Besonderheiten des deutschen Föderalismus, dass die meisten Einnahmen aus Gemeinschaftssteuern stammen. Fast hat man den Eindruck, die deutschen mögen ihren Föderalismus eigentlich gar nicht, denn der Bund mischt fast überall mit. Anders als in den USA, wo der Bund und die Einzelstaaten sich sogar verschiedene Finanzämter leisten und man die Bundessteuer in einigen Ländern von der Landessteuer absetzen kann.

Einnahmen Steuern

Quelle: Smava.de

Tatsächlich fordern einige Experten sogar mehr steuerlichen Gestaltungsspielraum für die Länder. Dann könnte Bayern beispielsweise seinen Anteil an den Lohn- und Einkommensteuern senken, während das Rot-Rot-Grüne Thüringen seine erhöhen könnte. Allerdings weckt das bei vielen Politikern die Angst vor einem Steuerwettbewerb.

Dass die Gemeinschaftssteuern einen so hohen Anteil am Steueraufkommen haben liegt auch daran, dass Umsatzsteuer sowie Lohn- und Einkommensteuer in diesen Bereich fallen. Die Mehrwertsteuer bringt mit 217 Milliarden Euro das meiste Geld in die Kasse, zumindest wenn man Lohnsteuer (185 Milliarden) und Einkommensteuer (54 Milliarden) getrennt betrachtet.

Wer sich also fragt, wo sein Geld bleibt, dem muss man sagen: Bei Bund, Ländern und Kommunen, denn die meisten Ausgaben lassen sich nicht so ohne weiteres trennen. Allerdings gibt es eine feste Aufteilung. Körperschafts- und Ertragssteuern werden zwischen Bund und Ländern 50:50 aufgeteilt. Bei der Lohn- und der Einkommensteuer bekommen Bund und Länder jeweils 42,5 Prozent, die Gemeinden 15,0 Prozent. Bei der Umsatzsteuer bekommt der Bund 53,9 Prozent, 44,1 Prozent gehen an die Länder und 2,0 Prozent an die Gemeinden.

Oft sind die Gemeinschaftssteuern das Ergebnis von Finanzknappheiten bestimmter Ebenen. Beispielsweise stiegen in den 1960er Jahren die Ausgaben der Gemeinden, die traditionellen Gemeindesteuern steigen aber nicht entsprechend mit, während die von Bund und Ländern beanspruchten Lohn- und Einkommensteuern sprudelten. Also wurde 1970 den Gemeinden ein Anteil von zunächst 14,0 Prozent zugesprochen. Bei der Umsatzsteuer kamen die Gemeinden erst in diesem Jahrtausend mit ins Boot.

Der Solidaritätszuschlag ist dagegen eine reine Bundessteuer. Er ist, nach der Energie- und vor der Tabaksteuer, der wichtigste Posten unter den reinen Bundessteuern. Erstaunlich hoch sind die Einnahmen der Tabaksteuer, mit 14 Milliarden bringt sie fast so viel Geld ein wie der Solidaritätszuschlag. Danke liebe Raucher, dass ihr für unsere Steuereinnahmen eure Gesundheit ruiniert.

Auch die Gemeinden haben relativ viel „eigenes Geld“. Ihnen stehen  nämlich die Gewerbe- und die Grundsteuer zu. Dagegen haben die Länder nur wenig eigene Steuern, allen voran die Grunderwerbsteuer mit rund 12 Milliarden Euro Euro Einnahmen.

Zölle, früher eine der wichtigsten Einnahmequellen für Staaten, spielen heute kaum noch eine Rolle. Gerade einmal 5 Milliarden Euro wurden damit eingenommen.

In den vergangenen 50 Jahren hat die Steuerbelastung deutlich zugenommen, wie schon im Beitrag über die Entwicklung der Kaufkraft angedeutet wurde. Gleichzeitig nahmen auch die Ausgaben zu. Allerdings muss man feststellen, dass die Ausgaben weniger schnell steigen als noch in den 1980er Jahren, wo sie im Schnitt um 3,33 Prozent jährlich anstiegen, was in zehn Jahren ein Plus von 38,8 Prozent bedeutete. Seit der Jahrtausendwende beträgt der Ausgabenzuwachs pro Jahr nur noch 1,4 Prozent, das ist sogar etwas weniger als die allgemeine Inflationsrate. Denn die Preise stiegen im gleichen Zeitraum um rund 1,5 Prozent pro Jahr.

Die meisten Bundesmittel fließen in den Sozialetat. Die Sozialausgaben stiegen nicht nur insgesamt an, sondern auch ihr Anteil am Haushalt hat von 2013 bis 2017 deutlich zugenommen – und soll weiter steigen. Das muss man allerdings wieder etwas relativieren, denn ausgegeben wird das Geld in erster Linie für die Rentenkasse. Dabei handelt es sich allerdings nur um die Staatszuschüsse, die eigentlichen Rentenversicherungsbeiträge sind ja Sozialabgaben und hier nicht erfasst.

Das erklärt auch, warum dieser Geldsegen bei den Bürgern nicht den Eindruck hinterlässt, als sei in den vergangenen Jahren viel für den sozialen Frieden unternommen worden. Ein großer Teil der Rentenausgaben fließt an Menschen, die ohnehin nicht arm sind. Von eine „ausgleichenden Ausgabenpolitik“ kann keine Rede sein, vielmehr sind ältere Menschen sogar deutlich seltener arm als junge Menschen und Kinder – trotz statistischer Fragwürdigkeiten wie den geringen Kosten für Kinder in der Armutsstatistik.

Hinzu kommt, dass es schlicht mehr ältere Menschen gibt und diese länger leben – damit steigen die Ausgaben, ohne dass der einzelne Rentner oder die Rentnerin deshalb mehr bekommt.

 

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