Wo gibt’s an Weihnachten noch Winter?

Der Winter dieses Jahr ist wieder mal ein Witz. Also habe ich mich auf die Suche nach Städten gemacht, in denen es noch so etwas wie Winter gibt. Weil die Suche ohne entsprechende Software ausufern würde, habe ich sie auf Millionenstädte eingeschränkt. Davon gibt es mehr als man denkt, insgesamt 307.

Vorgehen

Natürlich habe ich nicht die Klimadaten all dieser Städte angesehen. Ich habe mal ein paar Vorannahmen aufgestellt und Städte nach den folgenden Kriterien ausgewählt:

  • Lage weit im Norden
  • Bei kontinentaler Lage auch südlichere Städte ausgewählt
  • Hoch gelegene Städte zusätzlich aufgenommen

Theoretisch könnten natürlich auch Städte im Süden der Südhalbkugel sehr kalt sein, aber im Dezember ist ja dort Sommer. Außerdem gibt es kaum Millionenstädte so weit im Süden. Die südlichste Millionenstadt ist nach meinen Recherchen Melbourne – und die liegt etwa so weit vom Äquator entfernt wie Athen. Nur Südamerika ragt noch weiter nach unten, allerdings ist es dort sehr maritim, spricht im Sommer eher kühl, im Winter eher warm. Punta Arenas, die vermutlich südlichste Großstadt der Welt, liegt ähnlich weit vom Äquator entfernt wie Hamburg und ist sogar etwas kühler als die Hansestadt, aber bei weitem nicht kalt genug für unsere Liste. Zumal wir uns ja auf Millionenstädte beschränken und den Dezember untersuchen wollen.

Definitionsprobleme

Weil eine große Zahl der nach diesen Kriterien vorausgewählten Städte in China liegt, verweise ich auch auf meinen Beitrag vom vergangenen Monat zu Millionenstädten in der Volksrepublik. Die von mir als Grundlage für die Einwohnerzahl verwendete Liste der Millionenstädte von Wikipedia orientiert sich nämlich teilweise an der Einwohnerzahl der administrativen Stadt (zu der auch ländliche Gebiete gehören und die oft die Größe deutscher Bundesländer besitzen) und teilweise an derjenigen der städtischen Siedlungsfläche (also der eigentlichen, dicht bebauten Stadt). Shenzhen beispielsweise wird mit rund acht Millionen Einwohnern aufgeführt, die eigentliche Stadt hat aber nur 1,2 Millionen Einwohner. Chongqing dagegen wird mit rund vier Millionen Einwohnern geführt, obwohl nach der Liste der Städte in China (ebenfalls Wikipedia) die administrative Stadt rund 30 Millionen Einwohner hat, hier wurde also die tatsächliche Stadt herangezogen.

Da mich aber nicht die Einwohnerzahl interessiert, sondern das Wetter, habe ich über das Problem hinweggesehen, zumal Listen bei Wikipedia aufgrund der vielen Mitarbeiter leider öfter mal nicht ganz „synchron“ sind.

Ein weiteres Problem ist die Temperaturschwankung. Die im Jahresdurchschnitt kälteste Stadt muss nicht die im Dezember kälteste sein. Die meisten Klimastatistiken geben außerdem für die vergangenen 30 bis 40 Jahre jeweils den kältesten und den wärmsten Monatsdurchschnitt an. Für die Grafik habe ich jeweils den Mittelwert der beiden Extreme verwendet, der natürlich vom tatsächlichen Mittelwert aller Monate abweichen kann. Das kann natürlich Städte benachteiligen, für die nur Daten aus den vergangenen, oft recht warmen Sommern vorliegen, der Effekt dürfte aber vernachlässigbar sein.

Ab nach Russland

Nun haben wir die Suche auf Millionenstädte eingeschränkt, damit fallen fast alle skandinavischen Städte raus. Auch Stockholm taucht nicht in der Wikipedia-Liste auf, weil die administrative Stadt weniger als eine Million Einwohner hat. Die statistische Stadt, die sich an der tatsächlichen Ausbreitung orientiert (Tätort), hat allerdings 1,4 Millionen Einwohner. Diese nur für die Statistik gemacht Abgrenzung kennt man übrigens auch in den USA, wo ja die geographische und politische Stadt ebenfalls oft nicht zusammenfallen. Deshalb habe ich Stockholm aufgenommen, zumal diese Zahl ja sogar offiziell ist. Nur leider ist auch Stockholm weit vom Siegertreppchen entfernt, im Winter liegt die Durchschnittstemperatur minimal bei -3,0 Grad, maximal aber bei +1,0.

In Kanada gibt es vier Millionenstädte, vor allem Calgary bietet auch tatsächlich im Dezember niedrige Temperaturen. Doch vor allem sind da russische Städte, denn nördlich des 50. Breitengrades (noch mal zur Erinnerung, die Höhe von Frankfurt), gibt es östlich des Ural fast kein anders Land mehr, selbst die Nordgrenze Chinas liegt von kleinen Ausnahmen abgesehen weiter im Süden. Der erste Tipp ist natürlich Novosibirsk, allein schon wegen des Namens. Tatschlich ist die Temperatur mit -16,4 bis -8,9 Grad dort angenehm kühl. Die Stadt schlägt damit auch St. Petersburg, die nördlichste Millionenstadt der Welt, die aufgrund der Nähe zur Ostsee im Winter deutlich wärmer ist.

Überraschung aus China und der Mongolei

Um es abzukürzen: Novosibirsk ist nicht die kälteste Millionenstadt der Welt, weder im Dezember noch im Jahresdurchschnitt. Überraschenderweise liegen an der Spitze gar keine russischen Städte, sondern eine aus China und eine aus der Mongolei.

Überraschend deshalb, weil beide südlich von uns liegen. Harbin in China liegt etwa auf der Höhe von Venedig, Ulan Bator in der Mongolei etwa auf der Innsbrucks.

Kälteste Millionenstadt der Welt

Mittelwert aus der kältesten und dem wärmsten in den Wetteraufzeichnungen enthaltenen durchschnittlichen Dezembertemperatur. Quelle: Wikipedia, Wetterkontor.de

Trotzdem ist Harbin, das zweitweise auch zu Russland gehörte und nach der Oktoberrevolution Fluchtpunkt von Intellektuellen, Adeligen und der alten Führungselite war, deutlich kälter als die russische Konkurrenz. Zwischen -20,3 und -9,8 Grad lagen die Dezembertemperaturen dort in den vergangenen Jahrzehnten durchschnittlich. Aktuell (Weihnachten 2014) liegen die Temperaturen laut wetterkontor.de bei -15 bis -20 Grad.

Noch kälter ist die mongolische Hauptstadt Ulan Bator, nicht zuletzt weil sie über 1.000 Meter hoch angesiedelt ist. Die durchschnittliche Dezembertemperatur lag dort zwischen -21,6 und -11,9 Grad.

And the winner is: Omsk

Allerdings sind beide Städte vergleichsweise trocken mit wenigen Millimetern Niederschlag, das bedeutet wenig Schnee. Hier schneidet die Nummer 3 im Ranking besser ab, das sibirische Omsk, übrigens von einem deutschstämmigen Offizier gegründet und noch heute mit einer kleinen deutschen Minderheit versehen, darunter im Umland auch Mennoniten, die teilweise noch immer Plautdietsch sprechen.

Dort ist es nicht nur kalt, an durchschnittlich sechs Tagen im Dezember gibt es dort durchschnittlich insgesamt 22 Millimeter Niederschlag, schneefreie Dezember sind also eher selten.

Dagewesen bin ich noch nicht, aber wenn sich jemand zu einer Reise dorthin inspiriert fühlt, freue ich mich über einen Reisebericht. Die Fahrt mit dem Zug dauert übrigens von Berlin aus mindestens 65 Stunden.

Auch ohne Schnee: Frohe Weihnachten!

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  1. […] Themen zu widmen. Doch im Moment stehen einfach viele "schwere" Themen im Fokus – und über den ausbleibenden Winter kann ich mich dieses Jahr ausnahmsweise mal nicht beschweren. Auch wenn Süddeutschland mit seinen […]

  2. […] ansteuern. Oder aber einige auch sehr große und sehr dünn besiedelte Gegenden wie Tibet oder Sibirien, die hier nicht auftauchen, weil sie keine eigenständigen Staaten […]

  3. […] über die Entsorgung von Klärschlamm ebenso geschrieben wie über Nebenerwerbslandwirte und das Wetter in Omsk. Das letztgenannte Thema ist diesen "Winter" sogar wieder ziemlich […]

  4. […] die Mehrzahl auch noch im europäischen Teil wohnt, so dass es jenseits des Urals nicht nur eine Schneegarantie im Winter, sondern auch viel Platz gibt. Wobei Russland natürlich ein Extrembeispiel ist, nur rund ein […]

  5. […] man vermuten könnte, schließlich ist das Einbrechen ins Eis ziemlich gefährlich. Aber wegen der warmen Winter frieren die Seen ja kaum noch […]

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