Die politische Mitte ist aktuell der heilige Gral der politischen Diskussion. Und das auch nicht ganz zu Unrecht, denn Untersuchungen zeigen, dass an den Rändern Kompromisslosigkeit und Intoleranz meist größer sind. Auch die Bereitschaft, Fakten zu akzeptieren, die der eigenen Überzeugung widersprechen, sinkt an den Rändern überwiegend. Bundeskanzler Merz hat jetzt sich als Kanzler der Mitte definiert. Eine Strategie, mit der schon Angela Merkel sehr erfolgreich war.
Aber wer ist die Mitte?
Eine Renaissance der Mitte?
Die Überschrift ist eine Anspielung auf einen Artikel, den ich vor recht genau 15 Jahren für die Süddeutsche Zeitung geschrieben habe. Die Schlagzeile lautete damals „Keiner will mehr Mitte sein“. Damals ging es nicht um die politische Mitte, sondern um die gesellschaftliche Mitte. Der Vorspann begann damals mit den Worten „Zwischen Individualisierung und Überforderung“.
Wer ist die Mitte?
Normative Mitte, statistische Mitte und der Medianwähler
Politisch wollen dagegen alle Mitte sein. Wer tatsächlich zur Mitte gehört, ist natürlich von der Definition abhängig.
Oft wird die Mitte einfach normativ definiert. „Wo wir sind, da ist die Mitte“. So wird dann die Linkspartei schnell mal zur Mitte-Partei, obwohl sie im Parteienspektrum weit außen liegt. Das ist natürlich nicht besonders zielführend.
Wir wählen als Mitte natürlich die statistische Mitte. Allerdings gibt es auch hier zwei Optionen. Die eine ist, dass wir die Mitte als Mitte zwischen Antwortmöglichkeiten definieren. Wir haben beispielsweise eine These wie „Die Steuern müssen erhöht werden“ und fragen die Zustimmung mit einer Skala von 1 bis 5 ab. Dann wäre 3 die Mitte.
Leider ist diese Option sehr anfällig für Manipulation durch das Stellen der Fragen. Die einzig sinnvolle Option ist daher, die Mitte als das zu definieren, was der Wähler genau in der Mitte will. Der Mittewähler ist der, zu dem es genauso viele Menschen gibt, die links wie solche, die rechts von ihm liegen beziehungsweise wählen. Der Medianwähler also.
Wie breit ist die Mitte?
Jetzt müssen wir aber noch festlegen, wie breit unsere Mitte sein soll. Üblich ist, den Normbereich mit plus/minus einer Standardabweichung zu definieren. Damit würden bei einer Normalverteilung rund zwei Drittel der Wähler zur Mitte gehören.
Allerdings bräuchten wir für eine Normalverteilung metrisch skalierte Daten. Und überhaupt bräuchten wir erst mal genauere Daten. Eine Alternative zur Standardabweichung ist der Interquartilsabstand. Demnach wären die Mitte die mittleren 50 Prozent der Wähler.
Was ist links?
Jetzt könnte man noch fragen: Wie reihen wir die Parteien eigentlich auf? Was ist links, was rechts? Vernünftige Definitionen der Begriffe findet man kaum. Umweltschutz war früher ein rechtes Thema, heute gilt es als links. Die Nationalsozialisten werden in den USA oft als links bezeichnet, da sie wirtschaftspolitisch einen starken Staat wollten.
Ich halte mich hier an die üblichen Definitionen, nach denen ganz links die Linkspartei und ganz rechts die AfD steht, wenn wir zunächst nur die großen Parteien betrachten. Ich könnte jetzt länger erklären, warum ich diese Einteilung auch für sinnvoll halte, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
Das ist natürlich trotzdem nicht ganz ohne. Menschen können bei einer Frage eher links sein, bei einer anderen eher rechts. Aber wir sehen uns nur die Parteien an, da stört das nicht so sehr.
Die aktuellen Wahlprognosen
Aber was heißt das nun konkret? Schauen wir dazu mal auf die aktuellen Wahlprognosen. Zum Beispiel auf jene von Ipsos vom 16. Februar, die ich der Plattform dawum.de entnommen habe. Ich habe die Parteien mal von links nach rechts angeordnet.
Die linken 25 Prozent gelten als links, die rechten 25 Prozent als rechts und der Rest als Mitte.

Allerdings gibt es noch 4 Prozent Sonstige, die sich nicht sinnvoll aufteilen lassen. Ich habe daher noch mal eine zweite Grafik gemacht, in der ich diese Sonstigen ignoriere.

Viel hat sich jetzt nicht verändert, allerdings ist die Unterscheidung wichtig, um den Medianwähler zu finden. Jetzt kommen wir nämlich insgesamt auf 100 Prozent.
Rechts sind demnach die Wähler der AfD. Abgesehen von einem kleinen Teil, der noch zur Mitte gehört. Links wären die Wähler von Linke und Grünen, wieder abgesehen von einem kleinen Teil der Grünen, die noch zur Mitte gehören.
BSW, SPD, FDP und die Unionsparteien wären dagegen komplett in der Mitte. Und unser Medianwähler, also der Wähler genau in der Mitte, würde CDU oder CSU wählen.
Ist das aussagekräftig?
Eine andere Definition
Natürlich könnte man die Mitte auch breiter definieren und beispielsweise 70 Prozent zur Mitte zählen und je 15 Prozent als rechts und links postulieren. Dann wäre nur die Linkspartei links und die AfD rechts.
Linkssteile Verteilung
Ein anderer Kritikpunkt ist, dass wir davon ausgehen, dass vom Medianwähler der Abstand nach links und nach rechts genauso groß ist. Wir könnten auch eine linkssteile Verteilung haben.

Das würde bedeuten, dass links mehr Menschen zur Mitte gehören als rechts. Aber wenn man sich so ansieht, was teilweise von der Linkspartei kommt, kann ich das nicht wirklich bestätigen.
Ausschließen kann ich es natürlich auch nicht. Wir benötigen dazu also mehr Daten. Wer welche hat, gerne her damit.
