Eine Autorin der Süddeutschen Zeitung wollte wissen, warum sie ihr Leben mit jemandem teilen solle, der sie statistisch schlägt oder sogar tötet. Dass die Durchschnittsfrau – ebenso wie der Durchschnittsmann – gar nicht umgebracht wird, darauf hat schon Dieter Nuhr hingewiesen. Fairerweise muss man sagen, dass die Autorin von „schlägt oder sogar tötet“ sprach und der Kabarettist nur auf die Todesfälle einging (was nichts an der Kritikwürdigkeit der Aussage der Autorin ändert). Trotzdem eine gute Gelegenheit, mal über die Zahlen dahinter zu reden.

Oft Täter aus dem Familienumfeld

656 Fälle führt die aktuelle Opferstatistik des BKA für Mord und Totschlag auf. Davon sind 365 Männer, also mit 56 Prozent mehr als die Hälfte. 291 waren Frauen, denn die Kategorie „divers“ gibt es in der Statistik noch nicht.1

Grundsätzlich ist es schwierig festzustellen, welcher Anteil der Gewaltverbrechen in den eigenen vier Wänden passiert, denn vermutlich gibt es hier eine große Dunkelziffer. Die offizielle Statistik spricht von etwas weniger als einem Viertel, aber ich vermute mal, dass die wahre Zahl höher liegt.

Bei Mord und Totschlag ist die Transparenz höher. Auch dort kann es eine Dunkelziffer geben, vor allem wenn Mordopfer nicht als solche erkannt werden. Etwa, wenn eine Drogentote sich die Überdosis nicht selbst gespritzt hat oder der Ehemann nicht alleine vom Balkon im siebten Stock gefallen ist.

Der Feind im eigenen Haus

Damit sind wir jetzt auch schon beim Thema „Täter aus dem eigenen Haushalt“. Von den 656 Fällen trifft das auf 218 Fälle zu, also rund ein Drittel. Hier gibt es tatsächlich einen Geschlechtsunterschied, denn bei den Frauen starben 137 von 191 durch eine Person im eigenen Haushalt, also rund 72 Prozent.

In 30 Fällen war der Täter oder die Täterin eine Erziehungs- oder Betreuungsperson, also meist der Vater oder die Mutter (das Gewaltpotenzial von Müttern wird häufig unterschätzt). Wie viele der verbleibenden 107 Fälle auf den Partner (oder auch die Partnerin, es gibt ja auch lesbische Paare) zurückgehen, sagt die Statistik nicht, aber es dürfte ein relevanter Anteil sein.

Bei den Männern ist der Anteil der Täter aus dem eigenen Haushalt etwas niedriger. Einmal, weil insgesamt mehr Männer Opfer von Mord und Totschlag werden, und dann, weil die Zahl der durch Haushaltsangehörige getöteten Männer mit 81 niedriger liegt. Davon sind ebenfalls 30 durch Betreuungspersonen ermordet worden, also 51 durch andere Personen im Haushalt, darunter auch Ehefrauen.

Das ist also der wahre Kern des SZ-Artikels, es gibt vermutlich mehr Ehefrauen, die durch ihren Ehemann ermordet werden als umgekehrt.

Wer wird dich töten?

Zum Schluss möchte ich aber noch mal eine ganz andere Sichtweise bemühen. Dafür benötige ich eine andere Statistik, nämlich die Todesursachenstatistik. Die zeigt für 2024 genau 10.772 Fälle, bei denen Menschen durch äußere Ursachen starben, die kein Unfall waren. Also deren Leben gewaltsam beendet wurde.

Warum sind das so viel mehr? Weil zu den 400 Toten durch tätliche Angriffe (die Zahl weicht etwas von der des BKA ab) noch 10.372 Fälle von Suizid kommen. Mit anderen Worten: Wer gewaltsam zu Tode kommt, stirbt in rund 96 Prozent weder durch die Hand eines Fremden noch eines Angehörigen, sondern durch die eigene.

Das ist keine Spitzfindigkeit und soll auch nicht bedeuten, dass wir nicht versuchen sollten, die Zahl der Opfer von Mord und Totschlag wieder zu senken, zumal nach Jahren des Rückgangs die Zahl der Opfer von Mord und Totschlag seit 2019 tendenziell wieder gestiegen ist.

Aber wir sollten auch unbedingt mehr tun, um die absurd hohe Zahl von Selbstmorden zu reduzieren.

Footnotes

  1. Berücksichtigt habe ich dabei die vollendeten Morde, ohne Tötung auf Verlangen.

Von admin

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