Schlechte Laune macht politisch radikal. Das ist keine besonders originelle Feststellung, doch ein wenig überrascht war ich schon, wie stark die Korrelation zwischen Lebenszufriedenheit und der Wahl politisch radikaler Parteien ist.

Die Daten

Die Süddeutsche Klassenlotterie (SKL) gibt seit vielen Jahren ihren Glücksatlas heraus. Untersucht wird dabei aber nicht, wo die meisten Lottogewinner wohnen, sondern wie zufrieden die Deutschen sind und in welchen Städten und Bundesländern die Zufriedenheit am höchsten ist.

Überraschenderweise war das Bundesland mit den zufriedensten Menschen im Jahr 2024 Hamburg, trotz der gigantischen Mieten dort. Auch bei den Großstädten kommt Hamburg als einzige Millionenstadt unter die Top 10. Auf Rang 2 folgt Bayern vor Schleswig-Holstein. Schlusslichter sind vorrangig ostdeutsche Bundesländer, einschließlich Berlin.

Altstadt Quedlinburg
Altstadt von Quedlinburg. Bild: hiller27

Einziger Ausreißer ist Sachsen-Anhalt, das Land kommt auf Platz sieben und hat damit als einziges ostdeutsches Land (einschließlich Berlin) einen einstelligen Rang.

Zufriedenheit und Radikalität

Was die politische Radikalität angeht, liegt Ostdeutschland ebenfalls vorn. In Thüringen entfallen mehr als 50 Prozent der gültigen Stimmen auf AfD und Linkspartei, die AfD war in allen ostdeutschen Bundesländern stärkste Kraft.

Ich habe zuerst den Zusammenhang zwischen dem Stimmenanteil der AfD und dem Glück mithilfe einer Rangkorrelation überprüft. Dabei werden nicht die absoluten Daten verglichen, sondern die Ränge. Thüringen beispielsweise hat den höchsten AfD-Anteil, bekommt hier also die Eins. Beim Glück landet das Land nur auf Platz elf. Diese Rangkorrelation ist das übliche Vorgehen bei solchen Daten.

Allerdings hat sich schnell gezeigt, dass der Zusammenhang noch stärker ist, wenn auch die Parteien der radikalen Linken berücksichtigt werden. Unabhängig von der alten Frage, wie ähnlich oder verschieden beide Extreme sind, sind beide doch für viele Menschen ein Ventil für Unzufriedenheit. Und tatsächlich erhöht sich die Korrelation deutlich, wenn man die Linkspartei hinzunimmt.

Primär Bremen und Berlin verschlechtern sich dadurch, so werden die beiden Länder von Ausreißern zu Normalfällen. Denn beide sind schlecht gelaunt, und betrachtet man die Linkspartei mit, werden beide beim Extremismus von Ländern mit niedrigem zu solchen mit leicht überdurchschnittlichem Extremismus.

Rangfolge der Bundesländer beim Glück (X-Achse) und beim Stimmenanteil von AfD und Linkspartei (Y-Achse). Die Länder Hamburg, Bayern und Schleswig-Holstein liegen beim Glück auf den Rängen 1, 2 und 3. Beim Anteil der beiden radikalen Parteien erreichen Sie aber nur Platz 13, 15 und 16, der Anteil ist also niedrig. Am anderen Ende der Skale findet man Bremen, das Saarland, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist man schlecht gelaunt und beim Wahlanteil der radikalen Parteien auf Rang sieben, acht, sechs und vier.

Tatsächlich gibt es einen eindeutigen Trend. Je schlechter die Stimmung, umso höher der Anteil radikaler Parteien. Ausreißer ist hier erneut Sachsen-Anhalt. Die Zufriedenheit liegt hier in der oberen Hälfte, der Anteil von AfD und Linkspartei ist dagegen der dritthöchste im Bundesgebiet.

Für Statistiker: Die Rangkorrelation liegt bei –0,72. Das ist ein recht hoher Wert. Das Minus bedeutet, dass ein höherer Anteil von AfD und Linkspartei mit einer niedrigeren Zufriedenheit einhergeht. Die 0,72 geben die Stärke an, wobei der Betrag maximal bei 1,00 liegen kann. Alle Werte mit einem Betrag von 0,50 oder mehr gelten bereits als starke Korrelation. Nur für die AfD würde der Wert übrigens lediglich bei –0,34 liegen.

Nur ein Ost-West-Phänomen?

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass es sich einfach um ein Ost-West-Phänomen handelt. Im Osten sind die Menschen unzufriedener und wählen gleichzeitig radikaler. Doch nimmt man den Osten heraus (einschließlich Berlin), steigt die Korrelation sogar auf –0,78. Innerhalb des Ostens dagegen ist der Zusammenhang zwischen Radikalität und Zufriedenheit nur schwach.

Wohnen
Vermissen viele Ostdeutsche die DDR oder fürchten sie gerade deren Rückkehr. Jedenfalls tickt der Osten noch immer anders. Hier ein Bild aus Suhl Ende der 1980er Jahre.

Interessant ist auch, dass die subjektive Zufriedenheit die Wahlentscheidungen deutlich genauer erklärt als die objektiven Umstände. Die SKL hat für jedes Land auch einen „objektiven“ Wert ausgerechnet, der Wohlstand, Sicherheit und andere messbare Faktoren berücksichtigt. Hier landet dann Bayern auf Platz eins vor Baden-Württemberg und Hessen, Schlusslichter sind Berlin und Sachsen-Anhalt.

Doch die Rangkorrelation liegt hier nur bei –0,42, ist also deutlich niedriger. Denn natürlich fließen nicht alle Faktoren in das „objektive“ Ranking mit ein.

Macht schlecht Laune radikal oder umgekehrt?

Vielleicht liegt die Differenz aber auch daran, dass nicht nur schlechte Laune zu radikalen politischen Ansichten führt, sondern es auch den umgekehrten Zusammenhang gibt. Vielleicht macht das ständige Denken in Verschwörungen einfach auch nicht besonders fröhlich.

Tatsächlich wird häufig thematisiert, ob die sogenannte „Wokeness“ tatsächlich auf die Stimmung schlagen kann. Einige Studien sprechen dafür und die These ist auch plausibel. Denn das Gefühl der Selbstwirksamkeit ist wichtig für Zufriedenheit. Wer sich aber als Spielball in einem von mächtigen Gruppen gesteuerten System sieht, der hat keine Selbstwirksamkeit. 1

Und bei der AfD liegt ein ähnlicher Verdacht nahe, denn auch dort sieht man sich ständig als Opfer. Vielleicht wirkt der Zusammenhang also in beide Richtungen. Wer schlechte Laune hat, wird radikal und wer sich ständig mit radikalen Theorien befasst, wird schlecht gelaunt.

Und sonst

Natürlich ist die Datenbasis hier dünn. Doch die Einschätzung der SKL-Untersuchung zur Zufriedenheit deckt sich mit anderen Quellen. Ein anderer Einwand ist, dass die Ergebnisse zwar korrekt sind, aber so offensichtlich, dass sie eigentlich keine tiefere Betrachtung verdienen. Mag sein, aber es ist doch immer wieder gut, Annahmen auch noch mal mithilfe von Daten zu hinterfragen.

Footnotes

  1. Die These vertreten beispielsweise Pascal Bruckner in „Die Gesellschaft der Opfer“, Philipp Hübl in „Moralspektakel“ und Varnan Chandreswaren in „Gefangen in der Opferrolle“.