Wir machen Schluss mit der Armut

Noch einmal wollen wir uns dem Thema Ungleichheit widmen. Das ist jetzt zwar schon der dritte Beitrag in kurzer Zeit nach dem vom 23. Juni (hier) und dem vom 24. Mai (hier), aber immerhin ist es ja auch eines der großen Themen der Sozialforschung. Es geht heute um den Reichtum und die Frage, warum Deutschland ungleicher geworden ist.

Warum wird die Welt ungleicher?

Anteil reichste 1 Prozent Deutschland
Anteil des reichsten Prozents der Haushalte am Gesamteinkommen (ohne Veräußerungsgewinne). Quelle: Paris School of Economics

Dass es das ist, ist einigermaßen unbestritten. Der Gini-Koeffizient, der bekannteste Indikator für Ungleichheit, nimmt seit Mitte der 1970er Jahre zu, die Armut steigt seitdem tendenziell und auch auf der anderen Seite tut sich was. Der Anteil des reichsten Prozents der Haushalte am Einkommen steigt ebenfalls. Die Grafik endet Ende der 1990er Jahre, weil seitdem der Anteil nur noch einschließlich der Veräußerungsgewinne (capital gain) erhoben werden, die neueren Daten also mit den alten nur eingeschränkt vergleichbar sind. Allerdings zeigt auch die Kurve der Einkommen einschließlich der Veräußerungsgewinne nach oben.

Nach wie vor liegen die Werte aber unter denen der Vergangenheit. Trotzdem stellt sich die Frage, warum dieser Anstieg seit den 1970er Jahren? Neoliberale Wirtschaftspolitik, sagen die Linken. Wobei mir an dieser Stelle der Hinweis gestattet sei, dass der klassische Liberalismus Eingriffe des Staates bis auf wenige Ausnahmen ablehnte („Nachtwächterstaat“), während die vor allem während und nach dem Zweiten Weltkrieg formulierten neoliberalen Entwürfe dem Staat eine weitaus größere Rolle zubilligten. Der Ordoliberalismus, oft als deutsche Form des Neoliberalismus bezeichnet, wünscht sich ausdrücklich einen aktiven Staat um den Markt vor sich selbst zu schützen und wurde von Ludwig Erhard unter dem Begriff „soziale Marktwirtschaft“ auch Politik.

Aber weil „liberal“ ja auch die meisten Linken sein wollen und sich neo irgendwie verdächtig anhört, hat sich der Begriff neoliberal in den Foren und in der Politik für Wirtschaftsentwürfe eingebürgert, die oft eher an den klassischen Liberalismus erinnern.

Fördert Frieden die Ungleichheit

Egal, sagen die Anderen, die Politik, ob liberal oder neoliberal, hat ohnehin nichts mit der wachsenden Ungleichheit zu tun, sondern „Frieden und Emanzipation“ sind die Gründe, wie Götz Aly 2012 in der Frankfurter Rundschau schrieb. Dem ist Hans-Jürgen Andreß von der Universität Köln nachgegangen.

Tatsächlich hat die Politik nur begrenzt Anteil an der wachsenden Ungleichheit. Von Mitte der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre hat die Umverteilung sogar zugenommen, dann stagniert sie bis Mitte des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend, weiter reichen die Daten der OECD nicht. Die Ungleichheit ist also nicht die Folge von weniger Umverteilung, vielmehr wären sie den meisten Ländern ohne den staatlichen Eingriff sogar noch stärker gewachsen.

Frieden kann tatsächlich eine Erklärung sein, wie die obige Grafik zeigt, ist in Kriegs- und Krisenzeiten die Ungleichheit zunächst stark gestiegen, dann aber stark gefallen. Leider meist weniger, weil die Armen reicher geworden sind, sondern vor allem weil große Vermögen zerstört wurden.

Ist die Emanzipation schuld?

Für die Ungleichheit verstärkende Wirkung der Emanzipation findet Hans-Jürgen Andreß dagegen wenig Hinweise. Hinter dieser These steht die Beobachtung, dass aufgrund geänderter Rollenmuster heute Akademiker meist Akademiker heiraten (Homogamie). Außerdem gibt es eine zunehmende Zahl von Alleinstehenden, auch das erhöht die Ungleichheit. Heiratet beispielsweise ein Geringverdiener mit 700 Euro Monatseinkommen eine reiche Investmentbankerin mit 5.000 Euro Monatseinkommen, werden aus einem Gering- und einer Besserverdienenden zwei Angehörige der Mittelschicht mit rund 3.800 Euro je Person. Nein, ich habe mich nicht verrechnet, denn um Haushalte mit Alleinstehenden zu vergleichen wird das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen herangezogen, was das hießt kann man hier nachlesen, mehr Beiträge zu diesem Schlagwort gibt es hier).

Einen Beleg für diese Thesen hat Hans-Jürgen Andreß in den Daten des SOEP nicht gefunden. In einer Modellrechnung wird untersucht, wie sich die Ungleichheit entwickelt hätte, wären Bildungsbeteiligung und Homogamieneigung (Szenario 1) oder Bildungsbeteiligung und die Tendenz zum Alleinleben (Szenario 2) seit 1985 konstant geblieben. Für Szenario 1 gibt es keinen nennenswerten Unterschied zum tatsächlichen Stand, lediglich weniger Alleinlebende würden die Gleichweit etwas erhöhen.

Fazit

Die Analyse von Hans-Jürgen Andreß hat viele Schwächen, angefangen von kleinen Fehlern wie der Bezeichnung der Stiftung Wissenschaft und Politik als Stiftung Wirtschaft und Politik bis hin zu gewagten Interpretationen, wenn der Autor beispielsweise erst feststellt, dass die Umverteilung von 1985 bis 2005 zugenommen habe, dann aber in einem Zwischenfazit schreibt, nachlassende Umverteilung sei ein Grund für die zunehmende Ungleichheit. Auch die Wiedervereinigung vergisst der Forscher.

Doch es sieht so aus, als sei die These von „Frieden und Emanzipation“ als wichtige Gründe für die Zunahme der sozialen Ungleichheit trotzdem falsch. Der Einfluss der beiden auf die Zunahme der Ungleichheit scheint eher gering zu sein. Andere Gründe, wie beispielsweise die neue Macht von Mega-Unternehmen wie Google, sind offenbar wichtiger, weshalb ich an dieser Stelle auch noch mal Werbung für meine Seite FirefoxOSHandys.de machen will.

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