Was verraten unsere Lieblingsfilme über unsere Persönlichkeit?

Oft hat man bei sozialwissenschaftlichen Experimenten den Eindruck: „Das hätte ich auch vorher schon gewusst.“ So ist es auch mit der internationalen Studie Personality structure predicts story preferences across 23 countries. Sie bestätigt, dass die Frage, welche Filme wir mögen, viel mit unserer Persönlichkeit zu tun hat.

Beim Schlagwort Persönlichkeit gibt es ein Konzept, das empirisch gut belegt und erforscht ist, nämlich die Big Five. Gemeint sind hier nicht die großen fünf Wildtiere in Afrika (Elefant, Nashorn, Kaffernbüffel, Löwe und Leopard), sondern das 5-Faktoren-Modell der Psychologie.

Und die dort definierten 5-Faktoren lassen sich oft einem bestimmten Filmgeschmack zuordnen.

Die Big Five der Persönlichkeit

Nach den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen wird oft auch vom OCEAN-Modell gesprochen.

  • Offenheit für Erfahrungen (Openness)
  • Gewissenhaftigkeit (Conscientiousness)
  • Extraversion
  • Verträglichkeit (Agreeableness)
  • Neurotizismus (Neuroticism)

Alle fünf Faktoren kann man jeweils auf einer Skala auftragen, bei Extraversion steht also einerseits die Introversion, andererseits die Extraversion. Meist werden die Merkmale mit einer Likert-Skala erhoben. Man stellt mehrere Fragen, denen die Befragten zustimmen oder die sie ablehnen müssen, mehrheitlich (aber nicht immer) auf einer Skala von 1 bis 5.

Aber mehr dazu will ich jetzt nicht erklären, wen es interessiert, der möge den Beitrag auf Wikipedia lesen (nur nicht den Beitrag zum Thema Verträglichkeit, denn der ist schlecht, weil Verträglichkeit nicht per se so positiv ist, wie dort dargestellt).

Offenheit: Entdecker lieben Entdeckungen

Menschen mit hoher Offenheit bevorzugen Geschichten, die Neugier, Erkundung und intellektuelle Herausforderungen fördern. Sie fühlen sich besonders von Filmen angesprochen, in denen neue Welten entdeckt, komplexe Ideen diskutiert oder ungewöhnliche Perspektiven eröffnet werden.

Das überrascht wenig. Wer im Alltag gerne Neues ausprobiert und offen für Erfahrungen ist, sucht offenbar auch im Kino nach geistiger Anregung und Horizonterweiterung.

Extraversion: Beziehungen und soziale Nähe

Extravertierte Menschen schätzen laut Studie besonders Geschichten über Freundschaft, Romantik und familiäre Beziehungen. Auch Themen wie Fürsorge und Kindererziehung finden bei ihnen überdurchschnittlich großen Anklang.

Filme dienen hier möglicherweise als Erweiterung jener sozialen Erfahrungen, die für Extravertierte ohnehin eine wichtige Rolle im Leben spielen.

Gewissenhaftigkeit: Werte und moralische Orientierung

Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit bevorzugen Geschichten, in denen moralische Prinzipien verteidigt oder Fehlverhalten verurteilt wird. Klare Werte, Verantwortung und ethische Entscheidungen stehen bei diesen Zuschauerinnen und Zuschauern stärker im Fokus.

Für diese Personengruppe scheint wichtig zu sein, dass Handlungen Konsequenzen haben und moralische Ordnung erkennbar bleibt.

Verträglichkeit: Liebe statt Rache

Wer besonders verträglich ist, mag vorwiegend warme, Figuren und positive zwischenmenschliche Beziehungen. Gleichzeitig zeigen diese Personen eine geringere Vorliebe für Geschichten, die von Wut, Vergeltung oder Rache bestimmt werden.

Das ist kein Wunder. Überwiegend speist sich Verträglichkeit aus zwei Quellen, einmal aus Mitgefühl, andererseits aus dem Wunsch nach Konfliktvermeidung. Ein Rachefeldzug ist nun nicht unbedingt ein gutes Beispiel für Konfliktvermeidung.

Mitgefühl kann dagegen schon eher mit Rache korrespondieren, man denke an den Vater, der aus Liebe zu seinem getöteten Sohn einen Rachfeldzug führt, in „Silent Night“ von John Woo.

Neurotizismus:

Neurotizismus ist vielleicht der unbekannteste Aspekt. Das Wort ist sprachlich mit der Neurose verwandt, das Persönlichkeitsmerkmal besteht aus sechs Aspekten, nämlich:

  • Ängstlichkeit,
  • Reizbarkeit,
  • Impulsivität,
  • Verletzlichkeit,
  • sozialer Befangenheit und
  • Depression.

Neurotizismus ist neben Verträglichkeit übrigens der einzige Teilbereich, bei dem ein Geschlechtsunterschied messbar ist, allerdings ist der Unterschied so gering, dass die Effektstärke nur als gering gilt. Deshalb würde ich das nicht überbewerten.

Aber zurück zum Thema, welche Filme mögen Menschen mit hohen Werten bei Neurotizismus? Sie mögen es, wenn die Hauptperson Monstern oder anderen Arten von Feinden gegenübersteht, weniger wenn sie sich um ein Kind kümmert oder eine romantische Beziehung erlebt. Von letzterem gibt es allerdings eine Ausnahme: Die Angst vor einem romantischen Rivalen kommt bei dieser Gruppe gut an („A character fears romantic rival“ heißt es im Originaltext).

Persönlichkeit erklärt nicht alles

Die Forscher betonen allerdings, dass die Zusammenhänge eher moderat ausfallen. Persönlichkeit ist also nur einer von vielen Faktoren, die unsere Filmvorlieben beeinflussen. Alter, Kultur, Bildung, persönliche Erfahrungen oder die aktuelle Stimmung dürften ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

Bemerkenswert ist jedoch die Stabilität der Ergebnisse: Die beobachteten Zusammenhänge konnten in 22 von 23 untersuchten Ländern repliziert werden. Dies deutet darauf hin, dass die Verbindung zwischen Persönlichkeit und Story-Präferenzen kulturelle Grenzen weitgehend überschreitet.

Warum Genres oft zu kurz greifen

Eine der interessantesten Schlussfolgerungen der Studie lautet, dass Filmvorlieben besser durch konkrete Erzählmotive als durch klassische Genres erklärt werden können. Zwei Actionfilme können völlig unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, wenn sie unterschiedliche Themen und Werte betonen. Umgekehrt können Menschen Filme aus verschiedenen Genres mögen, sofern diese ähnliche narrative Elemente enthalten.

Für die Filmforschung, aber auch für Streaming-Plattformen und Empfehlungssysteme, könnte dies eine wichtige Erkenntnis sein. Vielleicht sollten Filme weniger nach Genre und stärker nach den psychologischen Bedürfnissen ihrer Zuschauer kategorisiert werden.

Fazit

Die neue Forschung bestätigt eine intuitive Vermutung: Wir wählen Filme nicht zufällig aus. Unsere Persönlichkeit beeinflusst, welche Geschichten wir interessant, berührend oder inspirierend finden. Offenheit zieht uns zu Entdeckungen und Ideen, Extraversion zu sozialen Beziehungen, Gewissenhaftigkeit zu moralischen Konflikten und Verträglichkeit zu empathischen Figuren.

Zu den Big Five gäbe es noch viel zu erzählen. Einen Punkt habe ich bereits angesprochen, den Geschlechterunterschied, gerade weil er viel geringer ist, als die meisten denken. Oder die Tatsache, dass Agreeableness, anders als von Wikipedia behauptet, nicht nur positiv ist. Aber das sind andere Daten und sollen ein andermal erzählt werden.

Von admin

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