Schwarze Statistik

Im Netz habe ich neulich eine besondere Statistik entdeckt. Ein amerikanischer Bibliothekar hat dort die Zahl der Todesopfer verschiedener Kriege und Krisen zusammengetragen.

 Tote der größten Krisen

Anzahl der Toten verschiedener Krisen nach Necrometrics.

Beeindruckende Zahlen, allerdings stellt sich da selbst für mich als Statistik-Fan die Frage: Was sagt uns das jetzt? Zugegeben, in den meisten Fällen erschließt sich der Wert einer Statistik erst im Kontext mit anderen Informationen, in diesem Fall aber gilt das in meinen Augen besonders.

Zum einen sind Daten zu den Toten in Krisen und Diktaturen natürlich immer mit Fragezeichen versehen. Wer kann schon ganz genau sagen, wie viele Menschen während der Taiping Revolution in China im 19. Jahrhundert starben?

Hinzu kommt, dass vor allem der 2. Weltkrieg wie der Name schon sagt in mehreren Regionen der Welt gleichzeitig stattfand. Zu einem Krieg wurde er nur, weil Briten und Amerikaner (und noch einige andere) in Asien wie in Europa kämpften. Es gab andere kriegerische Zeiten, in denen mehrere Kriege gleichzeitig stattfinden, die aber formell als unterschiedliche Kriege gelten.

Zumal in früheren Zeiten auch weniger Menschen lebten. Die Taiping-Revolution war mit 20 Millionen Toten für die Menschen sicher nicht weniger verheerend als Maos Diktatur mit 40 Millionen, denn China hatte damals weit weniger Einwohner. Die Kongogräuel (Kongo-Freistaat) ließen die Bevölkerung der Region sogar in 20 Jahren von 25 auf 15 Millionen zurückgehen, ähnliche Folgen hatte sicher auch der 30-Jährige Krieg in Deutschland.

Immerhin räumt auch der Betreiber der Seite, Mattew White, ein, dass man beispielsweise die spannende Frage nach dem größten Massenmörder der vergangenen 300 Jahre nicht beantworten kann. Zumal die Betrachtung teilweise auch in die falsche Richtung führt. Anders als solche Überlegungen suggerieren, war Hitler, der mit Mao und Stalin auf jeden Fall zu den Top-Kandidaten gehört, ja nicht alleine Schuld am großen Morden in Deutschland. Scheinbar aufklärerische Bücher wie „Er ist wieder da“ erwecken zwar den Eindruck, da habe ein österreichischer Maler die Menschen verführt und damit alles verschuldet, doch in Wahrheit liegt ein großer Teil der Schuld auch bei der deutschen Gesellschaft. Die Geisteshaltung war vorher schon da, gefördert durch das damalige Erziehungswesen.

Der Autor selbst hat noch einen anderen Schuldigen ausgemacht, nämlich das Verbot Schusswaffen zu besitzen. Dem hat er einen eigenen Beitrag gewidmet, schließlich hätten sowohl das deutsche Reich als auch die Sowjetunion und die chinesische Volksrepublik vor dem großen Schlachten jeweils die Freiheit Waffen zu trage eingeschränkt. Sonst, so der Autor, hätten sich die Verfolgten ja wehren können. Die nach seinen Schätzungen fast 100.000 Millionen Toten der Diktaturen von Hitler, Stalin und Mao seien daher auch Opfer der Waffenkontrolle.

Auch sonst ist der Autor ganz Amerikaner. Auf seiner Liste der der großen Massenmörder landet auch Kaiser Wilhelm II. Sicher kein netter Mensch, doch die These von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands im Ersten Weltkrieg ist nicht besonders überzeugend, britische oder us-amerikanische Politiker findet man auf seinen Listen aber nicht.

Bin ich also durch die Statistiken trotzdem klüger geworden? Immerhin hatte ich vorher keine Ahnung von der Taiping-Revolution, immerhin der bis heute blutigste Bürgerkrieg der Welt.

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