Die schon wieder

Das DIW und das IW Köln sind wie neulich schon berichtet immer gut für eine Auseinandersetzung. Auch die VDI-Nachrichten haben jüngst einen Streit der beiden Institute aufgegriffen, genauer gesagt zwischen der Konrad Adenauer Stiftung und dem DIW auf der einen und dem IW Köln auf der anderen Seite. Nur leider, dass der Beitrag nicht besonders erhellend ist, weil er nur an der Oberfläche kratzt.

Liest man de Beitrag von Wolfgang Schmitz, so sieht man alle Vorteile gegen die Sozialforschung im Allgemeinen und die Statistik im Besonderen bestätigt. Die Konrad Adenauer Stiftung, nicht gerade ein Hort des Linksextremismus, hat nämlich eine Studie vorgelegt, nach der Menschen, die von ganz unten nach ganz oben gekommen sind, ihre Herkunft meist verleugnen müssen. Dem widerspreche das Institut der Deutschen Wirtschaft, das festgestellt hat, dass nur 12 Prozent der armutsgefährdeten Deutschen sechs Jahre lang dauerhaft in diesem Status verbleiben. Dass die Kölner aber etwas ganz anderes erforscht haben als die Stiftung erkennt der Autor nicht.

Soziale Paten sind wichtig

40 Männer und Frauen, die aus bildungsfernen Familien stammen und heute zu den mächtigsten Menschen in Deutschland gehören, hat Aladin El-Mafaalani von der Fachhochschule Münster für die Adenauer-Stiftung befragt. Zur Methode sagen die VDI Nachrichten leider nichts, aber die Vermutung liegt nahe, dass es sich um eine qualitative Studie handelt. Das bestätigt ein Blick in den Bericht.

Nettoäquivalenzeinkommen

Quelle: Statisches Bundesamt, eigene Berechnung

Das Ergebnis ist verkürzt gesagt, dass Kinder aus bildungsfernen Haushalten eine Reihe von Hürden überwinden müssen um ganz nach oben zu kommen, selbst bei gleicher Intelligenz. Das beginnt damit, dass Bildung für sie nicht den gleichen Stellenwert hat wie in Akademikerhaushalten. Wegen der Erfahrung materieller Knappheit sind Lebensentscheidungen stärker vom kurzfristigen Nutzen geprägt. Aladin El-Mafaalani spricht von einem „Habitus der Notwendigkeit“. Dazu gehört beispielsweise, dass Kinder aus bildungsfernen Haushalten eher einen Beruf ergreifen, bei dem schnell Geld verdient werden kann, statt erst langfristig in ein Studium zu investieren. Zu diesem Ergebnis passt auch, dass diese Kinder später häufiger im Öffentlichen Dienst arbeiten, wo keine mit der Privatwirtschaft vergleichbaren Spitzengehälter zu erzielen sind, weil die Stellen dort sicherer sind.

Der Nachteil der Geburt in einem bildungsfernen Haushalt bleibt aber selbst dann bestehen, wenn man ein Studium erfolgreich gemeistert hat, so Aladin El-Mafaalani. Vereinfacht gesagt: den Aufsteigern fehlt der Stallgeruch, sie brauchen deshalb einen „sozialen Paten“ aus höheren Milieus.

DIW und IW Köln schon wieder

Das bestätige auch eine Studie des DIW, schließt Wolfgang Schmitz von den VDI Nachrichten in seinem Bericht, nach der die Chancengleichheit hierzulande ähnlich niedrig sei wie in den USA. Nur das IW Köln behaupte etwas anderes. Doch das hat auch etwas ganz anderes untersucht.

Dort heißt es, dass nur zwölf Prozent der armutsgefährdeten Deutschen (also Deutsche deren Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des Medianwertes beträgt) sechs Jahre lang ununterbrochen in dieser Schicht verharren. Doch das Verharren in Armut und der Aufstieg in den Kreis der Mächtigen ist mitnichten das Gleiche.
Aber selbst beim Verbleib in Armut hätte sich wohl ein anderes Bild ergeben, hätte man Kinder untersucht, die einen Großteil ihrer ersten 15 Lebensjahre bereits in Armut verbracht haben. Dann wäre der Anteil der dauerhaft armen Menschen sicher weitaus höher. Zu den armutsgefährdeten Deutschen kann nämlich auch der Facharbeiter gehören, der kurz arbeitslos wird und nach einem halben Jahr eine Stelle findet. Sogar viele Studenten sind kurzzeitig armutsgefährdet, somit gibt es sogar Menschen, die aus der Armut bis ganz nach oben aufsteigen. Nur aus armen Haushalten stammen sie selten.

Kein Widerspruch

Die Ergebnisse des IW Köln und der Adenauer Stiftung beziehungsweise des DIW stehen also in keinem Widerspruch. Sie zeigen vielmehr, dass das Thema Armut komplexer ist als es an Stammtischen und in Internetforen diskutiert wird.

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