Versinkt Deutschland in Gewalt?

Entgegen meiner Gewohnheit mich von aktuellen Themen fern zu halten befasse ich mich jetzt das zweite Mal in zwei Wochen mit der kürzlich in Franken und Frankreich erlebten Gewalt – und natürlich auch mit der in München und anderswo. Genauer gesagt mit der Berichterstattung.

Deshalb möchte ich die Frage stellen: Stimmt es, dass Deutschland bereits in Gewalt versinkt? „Immer mehr Gewalt“, titelten gleich mehrere Zeitungen. Das neue Magazin aus dem Haus F.A.Z., die Frankfurter Allgemeine Woche, zeigte gleich ein deutsche Fahne auf dem Titelbild, von der das Blut tropft.

Niemand weiß, was noch kommt, aber wir können nachprüfen, ob die Gegenwart so blutig ist wie von vielen Medien vermeldet. Fakt ist offenbar, dass die politisch motivierte Gewalt steigt. Nicht nur von Seiten der Islamisten, sondern auch von anderen Rechtsextremen sowie Linksextremisten. Diese Daten sind auch ausführlich durch die Presse und sollen nicht wiederholt werden.

Aber Gewalt ist mehr als nur politische Gewalt. Stimmt die Schlagzeile „Immer mehr Gewalt?“ Dazu haben wir zumindest Daten bis 2015, nämlich aus der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes. Die Daten reichen zurück bis in die 1970er Jahre, leicht zugänglich sind Statistiken bis 1987. Allerdings hat man nach 1990 leider die neuen Bundesländer in einer Art Salamitaktik aufgenommen. Daten bis 1990 beziehen sich auf die alten Bundesländer und West-Berlin, 1991 kam zunächst Gesamt-Berlin und ab 1993 dann die übrigen neuen Länder dazu. Leicht vergleichbar sind deshalb Daten ab 1993.

Interessant sind dabei vor allem die Straftaten gegen das Leben. Sie werden nämlich besonders gut erfasst und die Konsequenzen sind besonders schlimm. Die polizeiliche Kriminalstatistik hat nämlich einen großen Nachteil, sie bildet nicht nur die Entwicklung der Straftaten aber, sondern auch den Grad in dem diese auch registriert werden (Hellfeld). Je öfter sie angezeigt oder von der Polizei durch stärkere Kontrollen erfasst werden, desto häufiger tauchen Straftaten in der Statistik auf. Eine Wirtshausschlägerei bei der weder die Polizei gerufen wird noch ein Betroffener klagt, wird auch nicht statistisch erfasst, sie gehört zum Dunkelfeld.

Straftaten gegen das Leben sind verhältnismäßig gut dokumentiert. 2015 gab es genau 2.991 Fälle, das sind 3,7 je 1.000.000 Einwohner. Unter die Straftaten gegen das Leben fallen die 649 Morde, darunter 36 Raubmorde (offiziell Mord im Zusammenhang mit Raubdelikten) und 13 Sexualmorde (Morde im Zusammenhang mit Sexualdelikten). Bedeutender sind der Totschlag und die Tötung auf Verlangen (1.467 Fälle), daneben fallen in die Kategorie Straftaten gegen das Leben noch die fahrlässige Tötung ohne Verkehrsdelikte (756 Fälle) und der illegale Schwangerschaftsabbruch (119 Fälle). Die Zahlen sind also nicht exorbitant hoch, selbst dann nicht wenn man alle Straftaten gegen das Leben zählt. Aber haben sie wenigstens zugenommen? Ja, zum Teil.

BKA Kriminalstatistik

Straftaten gegen das Leben seit 1993. Quelle: Kriminalstatistik des BKA

2014 und 2015 lag die Zahl der Straftaten gegen das Leben tatsächlich um 0,37 beziehungsweise sogar um 0,98 Prozent höher als im jeweiligen Vorjahr. Ein exorbitanter Anstieg sind anders aus, zumal 2015 immer noch deutlich weniger Straftaten gegen das Leben gezählt wurden als 2012. Ganz zu schweigen vom Spitzenwert 1993 mit 5.140 Fällen. Seitdem ging die Zahl fast jedes Jahr zurück, insgesamt bis 2015 um über 40 Prozent. Das betrifft auch die Morde, die mit 649 zwar ebenfalls über ihrem Tiefstpunkt liegen (hier war das 2012 mit 630 Fällen), aber deutlich unter den 1.299 Fällen des Jahres 2013. Ja, sie haben sich sogar fast genau halbiert, hätte es 1993 einen Fall weniger gegeben, wäre die Zahl 2015 ganz genau halb so hoch (das freut den Statistiker).

Nun sind Fälle keine Opferzahlen. Bei den Opferzahlen ist der Trend aber noch eindeutiger. Leider weißt das BKA keine Zahlen für die Opfer von Straftaten gegen das Leben als eigenständige Statistik aus, sondern nur für die fünf Unterkategorien. Zwar könnte man daraus einfach eine Summe bilden, aber das birgt immer die Gefahr von Doppelzählungen, wenn ein Mord beispielsweise im Zusammenhang mit einem Sexual- und einem Raubdelikt steht.

Allerdings ist das Ergebnis ohnehin eindeutig. Mit Ausnahme der fahrlässigen Tötung liegt die Zahl der Opfer in allen Kategorien niedriger als im Vorjahr und ausnahmslos liegt sie niedriger als im Jahr 2000. Die Zahl der Morde im Zusammenhang mit Sexualdelikten hat sich in den vergangenen 15 Jahren sogar halbiert, allerdings sind diese ohnehin selten. Zwar finden sie Eingang in fast alle Zeitungen, es gab dabei aber nur 14 Opfer. 43 Opfer gehen auf das Konto von Raubmorden, die übrigen 720 sind sonstige Morde. Insgesamt sank die Zahl der Opfer in der Kategorie Mord von 1.108 im Jahr 200 auf 777 im Jahr 2015. Die Zahl der Opfer bei Totschlag und Tötung auf Verlangen sank im gleichen Zeitraum von 1.979 auf 1.680.

Mordopfer Statistik

Mordopfer seit 2000. Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA

Nicht alle Opfer sind automatisch tot, von den 777 Opfern wurde die Tat bei 296 vollendet (sie sind also tot) und bei 481 „nur“ versucht. In der Kategorie Totschlag und Tötung auf Verlangen gibt es 2015 wie erwähnt 1.680 Opfer, davon entfallen 1.667 auf Totschlag (einschließlich sechs Fälle von minder schwerem Totschlag). Davon wurde die Tat aber nur in 284 Fällen auch vollendet.

Auch die Zahl von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung hat abgenommen, hier gab es 12.627 Opfer statt 15.192 wie im Jahr 2000. Diese Form der Gewalt ist übrigens die einzige, bei der mehr Frauen als Männer Opfer werden. Beim Raub sank die Zahl der Opfer seit 2000 um rund 25 Prozent auf jetzt noch 49.730.

Opfer von Gewaltkriminalität.

Opfer von Gewaltkriminalität.

Die wirklich schweren Spielarten von Gewalt sind also auf dem Rückzug. Das ist ein durchaus langfristiger Trend, der schon mit dem Auftauchen der ersten Staaten beginnt. Anders als Neo-Romantiker gerne behaupten sind Stammesgesellschaften keineswegs besonders friedlich, sondern sehr oft sehr gewalttätig, wie der Harvard-Professor Steven Pinker in „Gewalt, eine neue Geschichte der Menschheit“ schreibt. Eine kurze Unterbrechung waren die 1960er und 1970er Jahre, als die Gewalt deutlich anstieg. So deutlich, dass einige Filme sogar prognostizierten, Ende der 1980er Jahre werden New York unbewohnbar sein und in ein Freiluftgefängnis umgewandelt werden („Die Klapperschlange„).

Ohnehin sollte man sich weniger nachts in der U-Bahn fürchten als vielmehr daheim auf dem Sofa. Von den 296 Opfern eines erfolgreichen Mordes waren 115 mit dem Täter verwandt oder verheiratet, 61 unterhielten informelle Beziehungen zum Täter und fünf formelle (zur ersten Kategorie gehören beispielsweise Freunde, zur letzten Arbeitskollegen). Bei 76 Opfern ist die Verbindung ungeklärt, nur 39 standen wohl in keinem engeren Verhältnis zum Täter. Also Augen auf bei der Partnerwahl.

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