Ein paar Gedanken zum Konservativen Wertewandel

Konservative Werte sind wieder gefragt. Die Schlagzeilen der Zeitungen lauten „Fleiß statt Lebensfreude“, „Zukunftsforscher sieht Wertwandel“ und „Disziplin und Fleiß sind wieder gefragt“. Der Sender n-tv wird sogar fast satirisch und schreibt: „Fleiß und Disziplin statt Toleranz: Die Deutschen werden immer ‚deutscher'“.

Nicht alle Journalisten blicken durch

Den Vogel schießt aber Martin Korte ab. Er schreibt unter dem Titel „Fleißige Egoisten“: „Opaschowski sagt, moderne Werte wie Toleranz, Teamfähigkeit und Fairness seien bei den Jüngeren nicht mehr mehrheitsfähig.“ Dabei schreibt der zitierte Hamburger Professor: „Die 55plus-Generation legt traditionell auf Konventionen großen Wert. Sie favorisiert Anpassungs-, Pflicht- und Akzeptanzwerte mehr als individuelle Lebensziele von Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung. Weil die Jungen mittlerweile zur Minderheit geworden sind, sind moderne Werte wie Toleranz (48%), Teamfähigkeit (47%) und Fairness (43%) nicht mehr mehrheitsfähig“.

Befragt wurden nämlich keineswegs junge Menschen, sondern 1.000 Deutsche ab 14 Jahren, also nicht einmal besonders viel. Was leider in fast keinem Beitrag zitiert wird, ist die eigentliche Fragestellung. Sie lautet nämlich „Stellen Sie sich einmal vor: Sie müssten jetzt ein Kind erziehen. Welche der folgenden Erziehungsziele halten Sie dann für besonders wichtig?“

Wichtige Werte

Antworten in Prozent auf folgende Frage: „Stellen Sie sich einmal vor: Sie müssten jetzt ein Kind erziehen. Welche der folgenden Erziehungsziele halten Sie dann für besonders wichtig?“ Die 15 wichtigsten Antworten sowie ausgewählte Werte. 1.000 befragte Personen ab 14 Jahren. Quelle: Ipsos Observer/Prof. Opaschowski 2015

Die Fragestellung ist auch nicht ganz unsinnig gewählt, denn tatsächlich spiegelt sich in Erziehungszielen wider, welche Werte einer Gesellschaft wichtig sind. Allerdings dürfte in der Fragestellung mit ein Grund für die beobachtete Veränderung der Antworten liegen, vor allem weil in immer mehr Haushalten keine Kinder mehr leben. Denn wer eigene Kinder hat, hat bei der Antwort eher auch das Wohl der Kinder im Blick, vermutlich dürfte auch deshalb der Wert „Lebensfreude“ mit 89 Prozent ganz vorne gestanden haben. Heute taucht er noch nicht einmal in der Liste auf. Auch Selbstvertrauen sank von 91 Prozent auf 63 Prozent, Selbstständigkeit sogar von 89 auf 59 Prozent. Wer dagegen keine kleinen Kinder (mehr) hat, der beantwortet die Frage zumindest tendenziell eher unter dem Blickwinkel „Wie wünsche ich mir, dass Kinder sich mir gegenüber verhalten“. Auch wenn andere Untersuchungen nahelagen, dass auch Eltern wieder mehr zu klassischen Wert neigen, wie hier im Blog vor Jahren schon beschrieben.

Leider keine Analyse nach Altersgruppen

Spannend wäre deshalb eine Analyse nach Altersgruppen. Auch der Zukunftsforscher Horst Opaschowski sieht die Bedeutung des Wandels in der Altersstruktur. Auch wenn man die Frage anders formuliert hätte wäre das Ergebnis wohl, dass älteren Menschen, wie von Opaschowski im oben zitierten Satz beschrieben, Anpassungs-, Pflicht- und Akzeptanzwerte wichtiger sind. Spannend wäre deshalb eine Untersuchung nach Altersgruppen. Leider gibt es die nicht und dafür wären auch mehr Befragte nötig. Dann aber könnte man mehr Erkenntnisse darüber gewinnen, ob 20-Jährige heute traditionellere Werte bevorzugen als 1981 oder aber ob die damals 20-Jährigen heute als 54-Jährige schlicht konservativer denken als damals.

Vermutlich dürfte beides der Fall sein. Zumal rechte Parteien wieder mehr Zulauf haben und mit dem Islamismus eine rechtsextreme Ideologie aktuell die Welt beschäftigt. Allerdings ist es der neo-konservative Wertewandel aber auch nur die halbe Wahrheit. So ist Ehrlichkeit heute zwar der am häufigsten genannte Wert, während er 1981 noch auf Platz drei stand, allerdings wird er mit 73 Prozent seltener genannt als damals mit 89 Prozent. Offenbar gehen die Meinungen über Werte heute weiter auseinander als damals. Leider muss ich mich bei den Vergleichswerten auf einen dpa-Artikel stützen, in der Original-Tabelle, die mir dankenswerterweise von Professor Opaschowski zugesandt wurde, stehen die Daten nicht.

Ein Einwand, der aber nur ein halber ist

Ohnehin ist die Interpretation stark von persönlichen Vorstellungen geprägt, weshalb ich diesen Beitrag auch mit in die Rubrik „Kommentar“ einsortiert habe. Auch hier ist Martin Korte von der Westfalenposte wieder ein Extrembeispiel. Er schreibt an einer Stelle von den jungen „fleißigen Egoisten“ und ignoriert dabei nicht nur, dass nicht junge Menschen, sondern alle Altersgruppen ab 14 befragt wurden, sondern auch, dass hoch bewertete Normen wie „Freundlichkeit“ (64 Prozent) und „Respekt“ (63 Prozent) nicht gerade im klassischen Sinne in die Kategorie Egoismus fallen. Er kommt an anderer Stelle auch zu dem Urteil, dass das mit dem Fleiß gar nicht wahr sein könne, wenn man sich die „Jugend von heute“ ansehen und beendet den Absatz ernsthaft mit „Früher war halt alles besser“.

Mit dieser Meinung steht er sicher nicht alleine. Ein Einwand der Früher-war-alles-besser-Fraktion dürfte deshalb sein, dass Werte wie „Selbstbewusstsein“ nicht mehr genannt würden, weil es dafür heute ohnehin zu viel gäbe. Vielleicht nennen so wenige „Toleranz“ als Erziehungsziel, weil Deutschland toleranter geworden ist? Aber ob Deutschland heute toleranter ist als 1981 und die Menschen selbstbewusster, lässt sich nur schwer messen.

Nun könnte man zunächst fragen: „Wie verbreitet ist dieser Wert in unserer Gesellschaft ihrer Meinung nach“. Wird er selten genannt, könnte das nicht überprüfbar machen welcher Wert nur deshalb nicht genannt wird, weil er ausreichend vertreten ist? Leider nicht, denn hier beißt sich die Katze statistisch in den Schwanz, misst man dann doch ebenfalls zum großen Teil die persönlichen Wertepräferenzen. Wer Fleiß wichtig findet, der wird meistens auch angeben, dass die Deutschen aktuelle nicht sehr fleißig wären. Wirklich entwirren lässt sich also nicht, welche Werte genannt werden weil sie aktuell wichtig sind und welche, weil sie lange Zeit vernachlässigt wurden. Es spricht aber vieles dafür, dass der Zusammenhang eher in die Richtig geht, dass präferierte Werte angeblich aktuell zu kurz kommen als umgekehrt. So gesehen überzeugt der Einwand also nur teilweise.

Fazit: Wir bleiben Steinzeitmenschen

Und was ich persönlich davon halte? Tatsächlich scheint aktuell eine große Sehnsucht nach konservativen Werten da zu sein. Opaschowski zitiert den Sieg der National-Konservativen unter Andrzej Duda in Polen und den Erfolg von UKIP in Großbritannien. Das dürfte mit der Alterung der Gesellschaft zu tun haben, aber auch eine Gegenbewegung zu den vielen Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte sein. Denn mit dem Islamismus macht heute, anders als 1981, keine links-, sondern eine rechtsextreme Ideologie der Welt zu schaffen, doch die speist sich nicht in erster Linie aus alten Männern und ist in sehr jungen Gesellschaften stark.

Trotzdem möchte ich diese drei Thesen aufstellen:

  1. Der beobachtete Trend zu konservativen Werten ist weniger einer Folge geänderter Werte innerhalb der Altersgruppen als vielmehr eine Folge der Alterung und der im Vergleich zu 1982 höheren Zahl von Haushalten ohne (kleine) Kinder.
  2. Der Trend wird überzeichnet, weil bei Befragungen sozial gewünschte Antworten gegeben werden. Das führte 1981 dazu, dass auch erzkonservative Menschen „Selbstbewusstsein“ als Wert nannten und heute diese Antwort nicht gegeben wird, weil sie sozial nicht erwünsch ist. Überzeichnet heißt aber nicht, dass der Trend nicht existiert, sondern nur dass er stärker abgebildet wird als er ist.
  3. Konservative Werte werden aber auch von jüngeren Menschen heute positiver bewertet, allein schon deshalb, weil der Wunsch soziale Normen zu erfüllen nicht nur die Antworten in Befragungen prägt, sondern mitunter sogar das Verhalten selbst.
  4. In die Zukunft kann man diesen Trend aber trotz der Alterung nicht automatisch verlängern.
  5. Im Grund ändern sich die Menschen über die Jahrzehnte viel weniger, als sie es zugeben wollen. „Eine Aussage des Zukunftsforschers aus dem Jahr 1982 (die nicht im Zusammenhang mit der zitierten Untersuchung aus dem Jahr 1981 steht), könnte auch heute ein Stück weit passen: „Ein Wandel von der sozial-konformen zur individuell-autonomen Leistungsorientierung ist feststellbar. Das Bedürfnis, selbst etwas Produktives zu schaffen und etwas zu leisten, was Spaß macht und Sinn hat, ist unverändert groß.“

Insgesamt würde man sich wünschen, dass die Untersuchung noch einmal mit etwas mehr Befragten und einer Unterscheidung nach Altersgruppen wiederholt würde.

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