Ökonomisierung? Künstlerisierung?

Die These von der Ökonomisierung der Gesellschaft gehört an jeden guten Stammtisch. In der Diskussion um die Künstlersozialkasse verkündete die Rektorenkonferenz der Musikhochschulen beispielsweise, deren Abschaffung wäre ein Schlag ins Gesicht derer, die „nicht gerade zu den Gewinnern der Ökonomisierung unser Gesellschaft gehören“.

Aber stimmt die These von der Ökonomisierung überhaupt? Ein Blick in die Statistik jener Künstlersozialkasse zeigt, dass die Deutschen nicht mehr Banker oder Manager werden wollen, sondern Künstler. Zumindest ist die Zahl der in der Sozialversicherung der Künstler und Journalisten versicherten Menschen allein in den vergangenen zehn Jahren um 47 Prozent gestiegen.

Zuwachs der Mitgliederzahl in der Künstlersozialversicherung

Veränderung der Mitgliederzahl in der Künstlersozialkasse von 2001 bis 2011 in Prozent. Quelle: Künstlersozialkasse

Um 50 Prozent nahm die Zahl der Versicherten im Bereich Wort zu. Allerdings nicht nur freiwillig. Hier werden neben Schriftstellern auch Journalisten und Texter erfasst, die von Verlagen und Agenturen oft in die Selbständigkeit gedrängt werden. Rund ein Viertel der Versicherten fällt in den Bereich Wort (42.600 Versicherte).

Noch stärker ist die Zahl der versicherten Musiker gestiegen. Sie nahm um 52 Prozent zu und beträgt nun 47.600 Versicherte, rund 27 Prozent aller Versicherten. Am stärksten aber stieg die Zahl der KSK-Mitglieder seit 2001 im Bereich darstellende Kunst, nämlich um 68 Prozent auf 22.300. Trotzdem ist dieser Bereich weiterhin der kleinste (13 Prozent der Versicherten).

Durchschnittseinkommen der Versicherten in der Künstlersozialversicherung nach den Berufsgruppen Wort, Musik, bildende und darstellende Kunst

Jährliches Durchschnittsbruttoeinkommen der Versicherten in der Künstlersozialkasse nach Berufsgruppen. Quelle: Künstlersozialkasse

Die meisten Versicherten kommen traditionell aus dem Bereich bildende Kunst, nämlich rund 60.800. Das sind 35 Prozent der Mitglieder der Künstlersozialkasse. Hier war der Zuwachs mit 34 Prozent am geringsten.

In allen Bereichen ist der Zuwachs aber so hoch, dass man sagen kann: die Umwandlung von festen in freie Arbeitsverhältnisse ist nicht der Grund. Zumal die Höhe der Gesamthonorare seit 2007 eher gesunken ist. Recht haben wohl eher jene Soziologen, die schon seit den 1960er Jahren einen Trend weg von materialistischen (oft ökonomischen) Zielen wie hohem Einkommen hin zu Zielen wie Selbstverwirklichung und Erfüllung beschreiben. Kaum jemand, der noch keinen Roman geschrieben hat – ich ja auch (Number Man).

Einkommen von Künstlern nach Alter

Jährliches Durchschnittsbruttoeinkommen der Versicherten in der Künstlersozialkasse nach Alter. Quelle: Künstlersozialkasse

Der durchschnittliche Beitragszahler verdient laut Statistik der Künstlersozialkasse im Jahr rund 17.000 Euro. Das ist selbst dann nicht viel, wenn man davon ausgeht, dass Selbständige sich für die Steuer gerne etwas arm rechnen und nicht alle Vollzeit arbeiten. Ökonomische Gründe sind also nicht für das Interesse an den künstlerischen Berufen verantwortlich.

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  1. […] haben mehr Einflussmöglichkeiten, auch bestimmte Berufsgruppen wie Journalisten, Professoren oder Künstler haben größeren Einfluss als, sagen wir Sozialversicherungsfachangestellte und […]

  2. […] Trend abzuzeichnen scheint. Während die Wirtschaft nach Ingenieuren und Programmierern ruft, steigt die Zahl der Künstler. Auch in Sachen Liebe gibt es relativ unzweifelhaft eine Deökonomisierung. "Liebe vergeht, Hektar […]

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