Das Problem mit der Lohnentwicklung

Dass das vergangene Jahrzehnt nicht gerade gigantische Lohnzuwächse mit sich gebracht hat weiß jeder Arbeitnehmer. Während die Angestellten im Verarbeitenden Gewerbe noch vergleichsweise gut davon gekommen sind, sind insbesondere für die Mitarbeiter im öffentlichen und halböffentlichen Bereich die Löhne sogar langsamer gestiegen als die Inflation.

Nun hat das DIW eine Studie veröffentlicht die sagt: Es ist alles sogar noch viel schlimmer. Auch im Durchschnitt sind die Arbeitseinkommen real (also nach Berücksichtigung der Inflation) gesunken. Ein ähnliches Ergebnis hatte bereits im vergangenen Jahr eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit für die Gehälter der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten gebracht.

Zunächst einmal in Kürze die Ergebnisse der DIW-Studie:
– die Erwerbseinkommen von Vollzeitbeschäftigten sind seit 2000 nach Abzug der Inflation zurück gegangen,
– bis 2006 gab es (vermutlich vor allem aufgrund der Mini-Jobs) eine Ausweitung des Niedriglohnsektors, seitdem stagniert dessen Anteil,
– mehr Teilzeitarbeit dämpft den Gehaltsanstieg zusätzlich,
– gleichzeitig sind die Qualifikationsanforderungen gestiegen.

Aber warum gibt es nach den Berechnungen der Bundesstatistiker im Durchschnitt aller Branchen einen zumindest moderaten Lohnzuwachs, nach den Daten des Sozioökonomischen Panels dagegen nicht? Man kann das relativ einfach an einem Beispiel erklären.

Egal nach welcher Berechnung: Deutlich reicher sind nur die Spitzenverdiener geworden. Foto: Christian H.

Nehmen wir mal an, wir haben in einer Arbeitsgruppe 20 Mitarbeiter, die alle 2.500,- Euro verdienen. Nun werden für alle die Gehälter um drei Prozent erhöht. Gleichzeitig gibt es zwei Prozent Preissteigerung. Bleibt rund ein Prozent reales Lohnplus. Nun gehen aber vier Mitarbeiter in Ruhestand. Zwei Stellen werden neu vergeben, die neuen Mitarbeiter werden aber nicht mehr in die Lohngruppe fünf, sondern nur noch in die Lohngruppe vier eingruppiert und erhalten damit nur 2.300,- Euro. Gleichzeitig werden zwei Stellen mit Zeitarbeitern besetzt die nur 2.100,- Euro verdienen und zusätzlich vier weitere Zeitarbeiter eingestellt.

Stellen niedriger zu bewerten ist eine beliebte Möglichkeit des Arbeitgebers, Lohnkosten zu sparen. Die Statistik des Bundesamtes berücksichtigt das ebenso wenig wie den Ersatz von zwei Stellen durch Zeitarbeiter oder gegebenenfalls Verlagerungen von Stellen zu Fremdfirmen (Outsourcing). Im obigen Beipiel hätten die Löhne auf meinen 20 Stellen (also einschließlich von zwei Zeitarbeitern) nicht zugenommen, obwohl die Tarifverdienste stiegen. Nach Abzug der Inflation bliebe sogar ein Minus.

Aber auch die Daten des DIW haben ihre Tücken. Dass ich nun vier Mitarbeiter mehr habe, drückt paradoxerweise die Gehälter, selbst wenn die vier zuvor arbeitslos waren und nichts verdienten. Denn Personen ohne Erwerbseinkommen werden aus der Analyse des DIW ausgeschlossen. Hätte mein Unternehmen also weder zwei Stellen herabgruppiert noch zwei durch Zeitarbeiter ersetzt, wäre mein Durchschnittsgehalt trotzdem gesunken, obwohl alle Beteiligten mehr Geld haben als zuvor. Ein anderer Effekt wirkt in die entgegen gesetzte Richtung: Wenn immer mehr Stellen für Hochqualifizierte angeboten werden, steigt der Durchschnittslohn, selbst wenn die Tarifverdienste gar nicht steigen.

Mehr Klarheit bringen könnte eine Betrachtung, die Transfereinkommen mit berücksichtigt oder die Zahl der Personen mit einem bestimmten Gehalt, also beispielsweise 20 bis unter 22 Euro. Ist deren Zahl zurück gegangen oder sind nur Angestellte mit niedrigeren Löhnen dazu gekommen? Fragen wir mal das DIW.

So oder so: unbestritten sind die Gehälter in den vergangenen Jahren zehn Jahren kaum gestiegen. Außer für die obersten Einkommensschichten.

Fotos unterliegen der Creative Commons Lizenz.

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