Gemeinnützige befristen gerne

Wie bereits im vergangenen Beitrag angesprochen sinkt die Zahl der befristeten Verträge aktuell wieder. Wobei die aktuellen Unsicherheiten diese Entwicklung natürlich sehr schnell umkehren können. Wer sich mit der Thematik näher befasst den dürfte es nicht überraschen, dass der Staat nicht gerade mit gutem Beispiel voran geht. 10,4 Prozent der Mitarbeiter waren im Jahr 2014 nur befristet angestellt. Dabei sind auch Beamte enthalten, würde man nur die Angestellten betrachten, läge der Befristungsanteil im Öffentlichen Dienst noch höher. Die Daten entstammen aber dem Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Darin wird nicht nach Beamten und Angestellten beziehungsweise Arbeitern unterschieden.

Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter nach Sektoren. Quelle: IAB Betriebspanel
Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter nach Sektoren. Quelle: IAB Betriebspanel

Der Privatsektor befristet im Vergleich mit dem Öffentlichen Dienst deutlich seltener, 2014 lag die Quote hier bei 7,4 Prozent. Noch extremer treibt es aber der sogenannte Dritte Sektor, also die nicht gewinnorientierten Arbeitgeber. Dazu gehören beispielsweise Gewerkschaften, Sozialverbände, Kirchen und gemeinnützige Stiftungen. Hier hatte rund jeder siebte Mitarbeiter nur einen Zeitvertrag, nämlich 15,1 Prozent.

Dass vor allem nicht profitorientiere Einrichtungen einen so hohen Anteil an Befristungen haben, hat auch Gründe. So macht der Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes Kündigungen schwer. Deshalb weichen Arbeitgeber auf befristete Beschäftigungsverhältnisse aus. Das führt, wie so oft beim Kündigungsschutz, zu einem zweigeteilten Arbeitsmarkt. Einmal gibt es jene mit einem festen Vertrag und einmal die mit einem befristeten. Streng genommen gibt es sogar eine Dreiteilung, die dritte Gruppe sind jene ganz ohne Arbeit.

Hinzu kommen ein paar Besonderheiten der Öffentlichen Finanzen. Oft werden Mittel nur für ein Jahr vergeben, dann können auch die Mitarbeiter nur so lange eingestellt werden. Gibt es beispielsweise für ein Jahr Mittel aus einem Sonderprogramm, dann können daraus auch nur befristet Beschäftigte finanziert werden.

Schließlich gibt es noch einen dritten Grund, der zeigt sich, wenn man wissenschaftliche Einrichtungen getrennt betrachtet. Dann sinkt der Anteil der Mitarbeiter mit Zeitverträgen im Öffentlichen Dienst auf 7,4 Prozent. Bei den Privatunternehmen ändert sich nichts, beim Dritten Sektor sinkt der Anteil der Befristeten ebenfalls, aber nur leicht von 15,1 auf 14,4 Prozent. Wissenschaftler sind eben vor allem beim Staat angestellt.

Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus gesehen. Foto: Pressefoto der Bundesagentur für Arbeit
Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus gesehen. Foto: Pressefoto der Bundesagentur für Arbeit

In der Wissenschaft ist der Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter auch seit 2010 gegen den Trend weiter gestiegen, nämlich auf 37,0 Prozent. Die Mitarbeiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung können das ganz gut in ihrem eigenen Institut beobachten. Einst war das eine Abteilung innerhalb der Hauptstelle der Bundesanstalt für Arbeit, bei dem viele Mitarbeiter mit festen Verträgen und teils sogar im Beamtenverhältnis arbeiteten. Dann sollte es sich stärker an den Universitäten ausrichten, was ihm nicht nur den Status einer Dienststelle und zwei eigene Gebäude (direkt neben dem Hauptgebäude) einbrachte, sondern auch mehr Zeitverträge. Wer unbefristet beschäftigte werden will, muss ein Tenure Track Verfahren durchlaufen.

Allerdings zeigt sich, dass der Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter auch ohne Wissenschaftler im Öffentlichen Dienst höher ist, zwei Gründe habe ich ja schon erwähnt. Der hohe Anteil von Befristungen in der Wissenschaft führt auch dazu, dass der Anteil der Zeitverträge bei den Bundesländern besonders hoch ist. Nach der Personalstandsstatistik sind es dort 13,4 Prozent ohne Beamte sogar 28,4 Prozent. Die Daten dazu habe ich ebenfalls dem Bericht „Befristete Beschäftigte im Öffentlichen Dienst“ des IAB entnommen. Allerdings kommt die Personalstandsstatistik insgesamt zu etwas anderen Werten als das IAB Betriebspanel. Der Befristetenanteil liegt hier im Öffentlichen Dienst bei 10,3 Prozent. Rechnet man die Wissenschaftler heraus, liegt der Befristungsanteil bei den Ländern sogar mit 4,2 Prozent besonders niedrig. Das liegt vor allem an dem hohen Beamtenanteil, denn hier arbeiten viele Lehrer, Polizisten und Richter, die meistens verbeamtet sind.

Was lernen wir daraus? Befristungen treffen keineswegs nur die unteren Angestellten. Im Öffentlichen Dienst trifft es mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern sogar eine Gruppe, die im Gehaltsgefüge relativ weit oben steht. Mit der meistens gezahlten Gehaltsgruppe 13 verdient ein wissenschaftlicher Mitarbeiter ähnlich viel wie ein Regierungsrat, der Leiter eines mittelgroßen Jobcenters oder ein Major, zumindest wenn er eine volle Stelle bekommen hat.

Anteil der Mensch mit Zeitverträgen - ohne Wissenschaftler. Quelle: Mikrozensus
Anteil der Mensch mit Zeitverträgen – ohne Wissenschaftler. Quelle: Mikrozensus

Auch wenn die Wissenschaftler herausgerechnet werden zeigt sich aber, dass der Anteil der befristet beschäftigten Mitarbeiter mit steigender Qualifikation zunächst abnimmt und dann wieder zunimmt. Das lässt sich auch für alle drei Sektoren beobachten. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Im Öffentlichen Dienst wird die Situation bei den Promovierten allerdings durch einen Sondereffekt etwas überzeichnet. Besonders hoch ist der Befristetenanteil nämlich im Gesundheitssektor. Das hat den Grund, dass fast alle Ärzte einen Doktortitel haben. An den Krankenhäusern arbeiten sie vor allem während der Ausbildung zum Facharzt – und dann oft befristet. Wenn sie später in einer Praxis als Angestellte unbefristet arbeiten, werden sie aber dem Privatsektor zugerechnet, eröffnen sie eine eigene Praxis sind sie Selbständige.

Der hohe Anteil von befristeten Mitarbeitern bei hohen Qualifikationen zeigt sich aber auch jenseits der Ärzte.

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