Dem Beruf bleiben die Deutschen treu

Gelernt ist gelernt, mögen sich viele Deutsche denken. Jedenfalls verlassen jedes Jahr nur 3,4 Prozent der Beschäftigten freiwillig oder unfreiwillig ihr Berufsfeld, wechseln also von der Gruppe „Wissenschaftliche Lehrkräfte“ zu „Fachkräfte im Reinigungsbereich“ oder zu „Fachkräfte in der Landwirtschaft“.

Das hört sich zunächst einmal nach viel an, zumal der Wechsel in eine andere Berufsgruppe als Selbständiger nicht berücksichtigt wird. Bei rund 30 Jahren, die das normale deutsche Erwerbsleben dauert, würde das pro Beschäftigten fast einen Wechsel bedeuten.

Anteil der Berufswechsler pro Jahr an allen Beschäftigten in Deutschland (schwarz) und Großbritannien (blau). Quelle: IAB

Wenn man allerdings bedenkt, dass mancher Beschäftigte gleich mehrfach wechselt, bedeutet das auch, dass viele Arbeitnehmer ihr ganzes Leben lang den gleichen Beruf ausüben. Zumal Führungsfunktionen ab einer bestimmten Ebene als eigenes Berufsfeld gelten. Wenn ein Ingenieur ins höhere Management seines Unternehmens aufsteigt, wechselt er die Berufsgruppe.

Etwas mehr als die Hälfte wechseln freiwillig. Zumindest mehr oder weniger. Denn obwohl der Aufstieg ins Management als Berufsfeldwechsel gilt, verdient der durchschnittliche Wechsler eher unterdurchschnittlich. Zumindest in Deutschland. Das IAB hat die Daten mit Großbritannien vergleichen und festgestellt, dass man dort nicht nur öfter wechselt, sondern vor allem auch mehr Gutverdienende.

Höhe der Löhne von Berufswechslern in Prozent der Nichtwechsler für Deutschland (schwarz) und Großbritanien (blau). Quelle: IAB

Zudem liegt der Unterschied bei den freiwilligen Wechslern besonders groß. Weniger der strengere deutsche Kündigungsschutz scheint also die Ursache zu sein, als die fehlende Bereitschaft etwas zu wagen. Nur Beschäftigte mit sehr niedrigen Löhnen wechseln in Deutschland gerne. Von unfreiwilligem Wechsel aufgrund von Entlassungen oder Versetzungen sind sie ohnehin stärker betroffen.

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10 comments on “Dem Beruf bleiben die Deutschen treu
  1. Hallo Herr Pietschmann, tatsächlich waren in der ersten Grafik Deutschland und Großbritannien vertauscht. Die Beschriftung (sie meinen vermutlich die Angabe der Werte an den Balken) habe ich dagegen nicht vergessen, dafür gibt es ja die Skala an der Achse.

  2. Martin Pietschmann sagt:

    „Dem Beruf bleiben die Deutschen treu“
    Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass in Ihrer Grafik Großbrittannien und Deutschland miteinander vertauscht sind. Dies kann man im Vergleich mit dem Originalartikel des IAB (Tab. 1) sehen. Schön wäre, wenn Sie bei einer solchen Veröffentlichung die Skalenbeschriftung nicht vergessen!

  3. Jenny sagt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigsberger_Schulplan

    Das war das geplante Schulsystem für DE:

    Humboldt tritt für eine Schulbildung ein, die jedem Kind die Chance zur Entfaltung seiner Menschlichkeit bietet. Eine vorzeitige Prägung für die beruflichen und gesellschaftlichen Lebensaufgaben lehnt er ab:

    „Alle Schulen aber, deren sich nicht ein einzelner Stand, sondern die ganze Nation oder der Staat für diese annimmt, müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken. Was das Bedürfnis des Lebens oder eines einzelnen seiner Gewerbe erheischt, muß abgesondert und nach vollendetem allgemeinen Unterricht erworben werden. Wird beides vermischt, so wird die Bildung unrein, und man erhält weder vollständige Menschen noch vollständige Bürger einzelner Klassen.“ (Der litauische Schulplan) [1

    und jetzt ratet mal, wie das im Ausland ist.

    Daher kann es nur eine weiterführende Schulform geben, das Gymnasium, doch daneben keine Mittelschulen (heute Haupt- und Realschulen), die bereits mit Blick auf den künftigen Beruf von der Aufgabe ablenken, eine formale Übung der geistigen Kräfte vorzunehmen. Alle inhaltlichen Kenntnisse sollen auf die spätere Berufsausbildung in Spezialschulen verschoben werden:

    Rückständig, Rückständig, Rückständig. Da lässt man in DE ein Schulsystem aus der Ständegesellschaft.

    es geht nicht bekloppter hier!

    und von außen (auch via OECD) holt einen dann irgendwann die Moderne ein!

    die Akademikerquoten anderer Länder.

  4. Jenny sagt:

    Nicht persönlich nehmen, aber ich bin sauer auf dieses Land.

    Ich find das eine Frechheit seine eigenen Bürger so zu behandeln und ein Schulsystem zu belassen, was seit 1790 faktisch unverändert blieb.

  5. Jenny sagt:

    DE ist ein total rückständiges Land. Vielleicht geb ich nachher einfach die Staatsbürgerschaft ab. Das Land hat auf die Bildung von Bürgern wie ich es bin geschissen. Ich glaub ich mach es genauso und pack nach dem Studium meine Sachen. Das hat man nicht nötig, sich als Bürger hier so behandeln zu lassen.

    Fröhliches Austerben kinderloses DE. Verdient ist verdient. Gehen etwa die Hauptschüler aus?

  6. Jenny sagt:

    Die Bildungsstratifizierung ist in DE das Problem. In anderen Ländern existiert sowas nicht. Das ist hier die Kultur des mehrgliedrigen Schulsystems. DAS ist das Problem. Deshalb haben andere auch über 80% Abiturientenraten, nur DE nicht. Die andere sollten nie Bildung haben, sondern als „Arbeiterkinder“ hier nur arbeiten.

    http://www.chance-gymnasium.de/der-direkte-weg-zum-abitur/unser-bildungsauftrag/index.php

    3 Bildungsaufträge — andere Länder haben nur einen. Nur einen!

    vocational AND acamdemic goals (Neuseeländische Highschool)

  7. Jenny sagt:

    allein wenn ich nur für mich überlege, wieviel Lebenszeit ich in DE im 2. Bildungsweg verloren hab und wie umständlich das hier ist, sich weiterbilden zu wollen… also für mich ist das hier ein Bananenstaat in Bildungsbelangen.

    Alle Jugendlichen die nicht auf den Gymnasien waren, wurden hier Generationenlang diskriminiert. Ich hätte in anderen Ländern schon längst mit Weiterbildung fertig sein können. Stattdessen sitz ich dank des umständlichen Bildungswesens in DE bis Mitte 30 im Bildungssystem fest.

    in DK und Österreich und Frankreich hätte ich direkt mit Ausbildung eine Studienberechtigung bekommen. Ich hätte aus dem ätzenden Job sofort ohne Zeitverzug aussteigen können, denn ich fand den damals schon ätzend.

    Stattdessen konnte ich in der Provinz aber nicht eine Abendschule besuchen, die war zu weit weg. Ganz aufhören mit Arbeit konnt ich auch nicht, weil ich Geld brauchte. Also hab ich schon mal Jahre verloren, da ich die Schule erst nach Umzug in ne Großstadtt besuchen konnte.

    Dann musst ich noch mal 3 Jahre Abitur nachholen, das meiste konnt ich für mein Studium nicht gebrauchen.

    also wenn ich all das zusammenzähle: hätte ich – wie in anderne Ländern üblich – gleich studieren dürfen — wäre ich schon lange fertig, hätte mind. 5 bis 6 Jahre Zeit gespart.

    das ist ein Unding in DE. Und hinterher erfahr ich denn, dass ich in Wirklichkeit Hioghschoolabsolvent bin, nur leider nie echte Bildung mitbekommen sollte.

    eigentlich müsste man vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wg. Diskriminierung klagen. Die fängt in DE nämlich im Alter von 10 Jahren an, obwohl man sicherlich wusste, dass Diskriminierung vorliegt.

    Das ist eine einzige Frechheit wie dieses Land einen Teil seiner Bürger behandelt und mutwillig Bildung vorenthält. Für meine eventuellen Nachkommen wird deshalb keine deutsche Schule mehr in Frage kommen.

    Die gehen nachher ins dänische Bildungswesen.

    Das ist in DE alles mit Absicht so.

  8. Jenny sagt:

    und auch der Begriff „Student“ in der OECD Akademikermangelstatistik ist in anderen Ländern nunmal nicht rserviert für wenige, sondern gilt genau wie academic allumfassend für sehr viele.

    ist doch klar: wenn ich ein Highschoolsystem habe, wo 70 bis 80% der Jugendlichen bis zur 12. Klasse zur Schule gehen, dass ich danach viele in der Höheren Bildung als Student habe.

    und die Deutschen dachten anscheinend, dass werden alles nur Biologen und Historiker und Ingenieure

  9. Jenny sagt:

    Highschool wird in vielen Ländern nur schulisch gemacht.

    Daher der Akademikermangel. Berufe kommen woanders erst danach als „höhere Bildung“ nach Schulbildung.

    und das duale Ausbildungswesen legt nur wert auf „volle Beruflichkeit“ so nennen das alle. Ist aber gar nicht darauf ausgelegt, dass die sich weiterbilden sollen. Solche Wege sind in DE nur über Umwege generationenlang möglich gewesen, während andere Länder das schon seit teilweise Mitte der 1980er reformiert haben.

    auch die EU geht davon aus, dass die duale Ausbildung ins Bildungssystem integriert ist, das ist sie aber nicht. Das gilt hier nur als Bereich des Arbeitsrechts.

    Kein Wunder, dass sich viele dann nicht weiterbilden oder Richtungen wechseln.

    Das ist ja immer mit erheblichen Mehraufwand verbunden.

    in den meisten anderen Ländern wie Schweden, Dänemark, finnland, Norwegen, Polen,Kanada, USA, GB, Irland, Island, Frankreich, Österreich und vielen anderen zählt der Highschoolabschluss halt als das, was er sein sollte: Zugang zur höheren und weiteren Bildung.

    Das ist in DE eingeschränkt institutionell, weil hier Allgemeinbildung immer was Exklusives sein sollte und nie ein Bürgerrecht für alle. Das muss man streng genommen auch so sehen.

    und die Deutschen nur mit Ausbildung wundern sich teilweise, weil sie in anderen Ländern damit immer studieren können. Ich kenn nen Arzthelfer, der in Panama ohne Abi nun Medizin studiert. Hat ja einen „Highschoolabschluss“ – nur in DE nicht.

  10. Jenny sagt:

    Ja, das ist in DE sehr problematisch. Ich kenn auch mehrere Ursachen dafür. Zum einen trauen sich viele seit den Hartz IV Reformen sicherlich nicht mehr zu wechseln. Generell halte ich den deutschen Arbeitsmarkt für sehr unflexibel. Teilweise hat das kulturelle Gründe, die auch mit dem Ausbildungswesen in DE zusammenhängen. Nämlich der extremen Auslegung des Begriffs „Passgenauigkeit“. In DE muss alles viel zu passgenau sein, während man in Angelsächsischen Ländern z.B. auch Bewerber akzeptiert, die eben nicht passgenau sind. Das merkt man auch an den Stellenausschreibungen, die anderswo offen formuliert sind, in DE aber den passgenauen Bewerber suchen.

    Das scheint mir ein kulturelles Phänomen zu sein. Es kommt aber noch hinzu:

    ich hab die Bildungssysteme der Sekundarstufe II miteinander abgeglichen und hab festgestellt, dass man in den anderen Ländern mit der Ausbildung zusammen immer eine Studienberechtigung/weiteren Abschluss erhält.

    Dadurch können sich die Leute anderswo leichter weiterbilden und einfach in eine Hochschule setzen. Nur in DE gilt das nicht.

    hier eine Kritik dazu:

    http://forum-kritische-paedagogik.de/start/?p=130

    Man kann sich in DE ohne Abitur! nur ganz schlecht beruflich in neue Richtungen entwicklen, weil der höhere Schulabschluss fehlt. Man muss dann noch mal die Sekundarstufe II besuchen, um den zu erhalten.

    Die Berufsschule ist nur Sekundarstufe II, daher kam auch der „Akademikermangel“ in DE.

    siehe hier internationale Bildungsstatistik:

    upper secondary
    http://en.wikipedia.org/wiki/International_Standard_Classification_of_Education

    das ist nur ein Highschoolabschluss:

    http://www.conferenceboard.ca/hcp/details/education/high-school-graduation-rate.aspx

    man wird in DE in Berufen oft regelrecht festzementiert. Weiterbildung geht dann nur über Doppelbesuch der Sekundarstufe II (Zeitaufwendig, umständlich) oder über die ARGE, die oft Umschulungen verweigert.

    Deshalb ist es besonder blöd, wenn man z.B. über Bedarf ausgebildet wird oder im falschen Beruf landet.

    ich könnt da noch ne Menge mehr zu erzählen, es gab beim „Akademikermangel“ kulturelle Missverständnisse.

    http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/TOPICS/EXTEDUCATION/0,,contentMDK:20298183~menuPK:617592~pagePK:148956~piPK:216618~theSitePK:282386,00.html

    http://en.wikipedia.org/wiki/Higher_education

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